Eine bemerkenswerte Ähnlichkeit liegt zwischen Jonathan im Alten Testament und Barnabas im Neuen Testament. Beide waren liebenswert und freundlich, beide wurden zu ihrer Zeit auf außergewöhnliche Weise von Gott benutzt, doch beide bekundeten beklagenswerte Schwachheit in einem Moment der Entscheidung. Barnabas brach mit Paulus, dem auserwählten Gefäß des Geistes zu seiner Zeit, und Jonathan trennte sich von David, dem Auserwählten des HERRN für den Thron Israels. In beiden Fällen war natürliche Zuneigung der Fallstrick: Barnabas konnte Johannes Markus nicht aufgeben und Jonathan konnte Saul nicht aufgeben. Das Versagen dieser wahrlich ausgezeichneten Heiligen ist zu unserer Belehrung aufgeschrieben.
Es gibt vielleicht nichts, was völlige Treue zu Christus mehr behindert als natürliche Zuneigungen. Wir tun uns so schwer, Ihm den Platz absoluter Vorrangstellung in unseren Herzen und Leben zu geben. Levi wird in 5. Mose 33,8–11 besonders gelobt, weil er am Tag des goldenen Kalbes „von seinem Vater und von seiner Mutter sprach: Ich sehe ihn nicht; und der seine Brüder nicht kannte und von seinen Söhnen nichts wusste.“ In Lukas 14,26 weist der Herr Jesus alle, die seine Jünger sein wollen, auf einen ähnlichen Pfad hin. Das Natürliche muss dem Geistlichen untergeordnet werden, wenn wir Ihm folgen möchten. Der Verworfene – unser Gott in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde – hat es mit Bestimmtheit festgelegt: „Wer Vater oder Mutter mehr lieb hat als mich, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10, 37). Welch eine Prüfung unserer Herzen!
Jonathan – „Der HERR hat gegeben“ (als ein wahres Geschenk Gottes an Israel wie Paulus für die Kirche) – tritt zu einer sehr bösen Zeit in Israel hervor. Der König nach dem Herzen des Volkes hatte bereits versagt. Gerade jener Feind, von dem Israel zu erretten er eigens eingesetzt war (1. Sam 9,16), bedrückte die Nation schmerzlich. Das Volk war allerorts entwaffnet worden (der König und sein Sohn waren alleine berechtigt, ihr Schwert zu tragen), und sogar die Schmieden waren auf Anordnung der Philister geschlossen worden, damit sie keine Waffen herstellen konnten. Die Zeit Gottes, David auf den Schauplatz zu rufen, war noch nicht gekommen, und die ganze Situation schien völlig hoffnungslos. Die Schrecklichkeit dessen kann nur erkannt werden, wenn wir uns erinnern, dass Israel Gottes auserwähltes Volk zum Segen und zur Leitung aller Nationen der Erde war. Sie waren vollständig erniedrigt und ohnmächtig wegen ihrer Treulosigkeit Gott gegenüber. Haben wir hier ein Bild des gegenwärtigen verzweifelten und kraftlosen Zustandes der Kirche Gottes?
Aber Gott ist nie ohne Hilfsquellen. In jeder Notlage hat Er seinen Mann. So erscheint Jonathan, jene „aufrechte Blume, die Gott in diesem traurigen Moment in der Wüste Israels aufblühen ließ“ (J.N.D.). Seine Geschichte kann in folgende drei Abschnitte eingeteilt werden:
- seine Beziehung zum HERRN
- seine Beziehung zu David
- seine Beziehung zu Saul
Der zweite Abschnitt nimmt in der inspirierten Aufzeichnung den größten Raum ein. In 1. Samuel 14 erfüllte er seinen Auftrag, und zwar so, dass das Volk verkündete: „Er hat mit Gott gehandelt an diesem Tag“ (1. Sam 14,45). Es ist etwas Großes, mit Gott zu wirken, und das darf nicht verwechselt werden mit dem Wirken für Gott. Mit Gott zu wirken, bedeutet, für den Augenblick seinen Willen zu haben, sodass der Arbeitende sich so verhält, wie Gott es tut, und nach den Anweisungen, die Er vorgibt.
Dies wird uns in den Handlungen der Apostel veranschaulicht und es ist das Geheimnis geistlichen Erfolges. Solche Einsicht ist die Frucht der Übung des Herzens vor Gott. Sie kann nicht anders erworben werden. Jonathan war durch den Zustand der Dinge in Israel bedrückt. Wir zweifeln nicht, dass sein Gebet dahinterstand, als er eines Tages zu seinem Waffenträger sagte: „Komm und lass uns hinübergehen zu der Aufstellung der Philister, die dort drüben ist“ (1. Sam 14,1). Es war ein Schritt des Glaubens. Zwei Mann mit nur einem Schwert rückten aus, um einen mächtigen Feind anzugreifen, der praktisch unerreichbar auf felsigen Höhen lagerte!
„Seinem Vater aber teilte er es nicht mit.“ Es war keine wirkliche Absicht, etwas zu verheimlichen, aber Menschen, die keinen Glauben besitzen, neigen dazu, solche, die Glauben haben, zu entmutigen und zu behindern. David wäre sicher nie ins Terebinthental gegangen, wenn er auf Saul achtgegeben hätte (1. Sam 17,33). Es war besser, die Mitwirkung einer einfachen Seele wie dem unbenannten Waffenträger zu haben, wenn dieser vom gleichen Glauben ergriffen war, als die Bestätigung und Unterstützung eines Monarchen, der überhaupt keinen Glauben besaß. Saul hatte eine religiöse Form um sich. Der Priester des HERRN war dort, der das Ephod trug, und die Bundeslade war nicht weit. Aber was ist der Wert von Formen, wenn die Kraft fehlt? Die vergangene und gegenwärtige Geschichte der Christenheit genügt als Antwort.
Es sei angemerkt, dass Jonathan und sein Waffenträger junge Männer waren. Wir neigen dazu, hervorragenden Glauben mit Alter und Erfahrung zu verbinden. Aber die Schrift ist voll mit außergewöhnlichem Glauben bei jungen Menschen. David schrieb die Mehrzahl seiner Psalmen, bevor er ein Alter von dreißig Jahren erreicht hatte. Daniel und seine frommen Begleiter waren noch in ihrer Jugend, als sie für Gott einstanden. Elihu äußerte tiefere Weisheit als Hiobs ehrwürdige Freunde. Und von Timotheus konnte Paulus sagen: „Ich habe keinen Gleichgesinnten, der von Herzen für das Eure besorgt sein wird … Ihr kennt aber seine Bewährung“ (Phil 2,20.22). Wir wollen daher jüngere Geschwister ermuntern, sich geistlich zu üben wegen des Zustandes der Dinge um sie herum und auch hinsichtlich des so großen Mangels. Sie mögen dann vorbereitet sein, mit Jesaja zu sagen: „Hier bin ich, sende mich“ (Jes 6,8). Die einzige Person im Neuen Testament, die ausdrücklich als ein „Mensch Gottes“ bezeichnet wird, war der relativ junge Timotheus (1. Tim 6,11). Er war dessen ungeachtet ein zurückhaltender, einfühlsamer Charakter, ähnlich wie Jeremia in früherer Zeit. Aber die Gnade weiß den zu kräftigen und zu ermutigen, dessen Herz recht zu Gott steht und der sich danach sehnt, von Ihm gebraucht zu werden.
Jonathan und sein Waffenträger rückten an jenem Tage aus, mit sehr wenig logischem Denken in ihren Seelen: „Komm und lass uns hinübergehen zu der Aufstellung dieser Unbeschnittenen; vielleicht wird der HERR für uns wirken, denn für den HERRN gibt es kein Hindernis, durch viele zu retten oder durch wenige“ (1. Sam 14,6). Für Jonathan waren die Philister trotz ihrer Anzahl und Tapferkeit einfach „diese Unbeschnittenen“, das heißt, sie waren Menschen, die nicht in Verbindung mit Gott standen. Israel stand demgegenüber in Verbindung mit Gott; daher der zweimal wiederholte Bundesname „der HERR (Jehova)“. Der Glaube Jonathans erblickte demzufolge keine Schwierigkeit: Wenn Gott nicht mit den Philistern war, hatten sie keine wirkliche Kraft. Und wenn Gott tatsächlich mit Israel war, dann war allmächtige Kraft verfügbar, wenn nur der Glaube da war, sie zu nutzen. Wie entzückend einfach ist das alles! Haben wir die Lektion gelernt? Bedauern wir heutzutage das erkennbare Fehlen der Kraft in der Kirche? Ist die Kirche nicht immer noch der Tempel Gottes und weilt nicht der Geist Gottes noch immer in ihr (1. Kor 3,16)? Was benötigen wir mehr als nur den einfachen Glauben, in Abhängigkeit von Ihm voranzugehen? Jonathan fühlte – und zu Recht –, dass Scharen unbedeutend sind, wenn Gott tätig wird.
„Es gibt für den HERRN kein Hindernis, durch viele zu retten oder durch wenige.“ Gideon erreichte die Befreiung Israels mit nur dreihundert Mann, gerüstet, aber nicht mit Waffen, sondern mit Krügen, Fackeln und Posaunen (Ri 7). Paulus erinnert uns, dass „weder der pflanzt etwas ist, noch der begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt“ (1. Kor 3,7). Zwei oder drei ergebene Männer ohne sichtbare Hilfsquellen, die umhergingen und das Evangelium von Christum predigten, wurden einst bezeichnet als die, „die den Erdkreis aufgewiegelt haben“ (Apg 17,6).
Außerdem hatte Jonathan in seiner Seele das Bewusstsein seiner Verbindung mit dem Volk Gottes, mit Israel. Daher seine Worte: „Der HERR hat sie in die Hand Israels gegeben“ (1. Sam 14,12). Wir bemerken das gleiche Kennzeichen bei David, als er auszog, dem Riesen entgegenzutreten: „Die ganze Erde soll erkennen, dass Israel einen Gott hat. … er wird euch in unsere Hand geben!“ (1. Sam 17,46.47). In beiden Fällen gab es kein unabhängiges Handeln. Der Glaube gehörte in der Tat ihnen, aber sie handelten für und mit dem Volke, das Gottes Eigentum war. Bei Saul fehlte dieses Empfinden völlig, daher seine Worte in 1. Samuel 14,24: „Meine Feinde“. In allen unseren Übungen und Konflikten lasst uns nie vergessen, dass wir Teil einer großen göttlichen Einheit sind, des Leibes Christi. Die Masse unserer Geschwister mag sich vielleicht in einem niedrigen geistlichen Zustand befinden, aber sie sind nichtsdestoweniger unsere Geschwister. Und die Kirche – wie ihr Zustand auf der Erde auch sein mag – gehört immer noch Gott. Wir dienen deshalb zu ihrer Darstellung und zu ihrer Erbauung und Segnung.
Jonathan begehrte ein Zeichen von Gott, der in Gnade geneigt war, es zu geben. Die zwei Männer schlugen vor, sich dem Feind zu zeigen, und wenn der Feind sagte: „Steht still, bis wir zu euch gelangen!“, so wollten sie auf ihrer Stelle stehen bleiben und sehen, was Gott tun würde. Wenn der Feind aber sprach: „Kommt zu uns herauf!“, so wollten sie den Ruf als Zusicherung eines völligen Sieges von Gott annehmen. Lasst uns die Belehrung dieses Zeichens nicht überhören. „Kommt zu uns herauf!“ war die Sprache selbstzufriedener Sicherheit. Ein einziger Felsbrocken hätte leicht zwei Männer zerschmettert, die mühsam raue Felsen hinaufkletterten, doch kein Felsbrocken wurde auf sie hinabgerollt, so sicher fühlten sich die Philister und so tief war ihre Geringschätzung für die beiden Kletterer. Nichts ist tödlicher als menschliches Bewusstsein von Kraft und Sicherheit. Doch nichts ist gesegneter als ein geistliches Bewusstsein von Schwachheit und Abhängigkeit von Gott. Letzteres möge bei uns mehr und mehr hervortreten. Sobald Jonathan und sein Waffenträger die Höhe erreichten, begannen sie zu erschlagen, und gleichzeitig löste der Herr ein Erdbeben aus. Panik entstand. Die Philister flohen hin und her und töteten offenbar einer den anderen beim Laufen. So bewirkte Gott die Verwirrung des überheblichen Feindes.
Sauls Wächter berichteten von dem den Tumult, aber der König war nicht eingeweiht. Auch der Priester nicht, der auf des Königs Geheiß die Bundeslade herbrachte und begann, Gott zu befragen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Gott war an diesen religiösen Formenmenschen nicht interessiert, sondern Er handelte völlig getrennt von ihnen, wie Er es oft getan hat bis in unsere heutige Zeit.
Erfolg zieht generell Scharen an. Jene von Gottes Volk, die zu den Philistern übergelaufen waren (der inspirierte Schreiber nennt sie verachtend „Hebräer“, nicht „Israeliten“), und andere, die sich versteckt hatten, erscheinen nun, um den Erfolg zu teilen. Verräter wie Feiglinge waren nun bereit, sich mit der Seite Gottes einszumachen, denn jetzt war diese Seite siegreich. Es ist immer so gewesen. Aber unermesslich mehr Gefallen hat Gott an der göttlichen Minderheit, die Ihm anhängt und bereit ist, sowohl Vorhaltung als auch Bedrohung um seines Namens willen zu akzeptieren. Die Gottesfürchtigen in Maleachi 3,16 und die „Übrigen in Thyatira“ (Off 2,24) sind Beispiele dafür.
Die Warnung von 1. Samuel 14 liegt mehr in der Geschichte Sauls als in der Jonathans. Der arme, umnachtete König wendete den Sieg beinahe in eine Katastrophe. Die Aufdringlichkeit des Fleisches bei göttlichen Bewegungen ist immer zu fürchten. Sauls unsinniges Verbot, etwas zu essen, bis das Werk zu Ende geführt war, führte zu schrecklicher Zügellosigkeit auf der Seite des Volkes, wozu alle unnötigen Verbote neigen. Jonathan hatte geöffnete Augen, indem er seinem Vater ungehorsam war (er aß etwas Honig).
David sagt im Gegensatz dazu: „Das Gebot des HERRN ist lauter und erleuchtet die Augen“ (Ps 19,8). Das besagt, dass wahre Erleuchtung auf dem Weg des Gehorsams zu Gott gefunden wird.
Die religiösen Formen wurden noch immer vom König anerkannt. Er baute einen Altar (den ersten, den er je für den HERRN gebaut hatte) und wies den Priester an, Gott wegen der weiteren Verfolgung der Philister zu befragen. Während er selbst von Gott verworfen war, erwartete er göttliches Missfallen anderswo. Aber er war so ganz weit entfernt von Gott, dass ihm nie der Gedanke in den Sinn kam, dass er selbst der Übeltäter war. Wie trügerisch ist das Fleisch! Als das Los gezogen war, fällte er entschlossen das Todesurteil über Jonathan! Unwissenheit und Torheit konnten kaum weiter gehen. Aber der gesunde Menschenverstand des Volkes erhob sich gegen des Königs Torheit. Sollte Jonathan sterben, der diese große Rettung in Israel geschafft hatte? Das sei ferne! So endete die Angelegenheit. Saul ging nach Hause und die Philister entkamen ohne weitere Verfolgung.
Das ganze Kapitel ist tief demütigend in seiner Enthüllung der Hilflosigkeit und Torheit des religiösen Fleisches, und daneben finden wir gesegnete Erheiterung in der kostbaren Zusicherung dessen, was Gott sogar mit den schwächsten Werkzeugen tun kann, die in der rechten Herzensstellung zu Ihm stehen und in der Lage sind, Ihm ganz zu vertrauen.
Von diesem Punkt an ist die Geschichte Jonathans mit der Davids verwoben. Aus irgendwelchen Gründen spielte er keine Rolle im Terebinthental, obwohl er zu der Zeit im Lager Israels gewesen zu sein scheint. War er in diesem Moment kein Gefäß, „nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet“ (2. Tim 2,21)? Wenn ein Mensch einmal für Gott bereit ist, kann daraus absolut nicht gefolgert werden, dass er es auch ein anderes Mal ist. Der Glaube in den auserlesensten Heiligen schwankt ernstlich. Wir sehen das sehr deutlich bei Elia. Die geeignetere Erklärung von Jonathans Untätigkeit angesichts Goliaths ist jedoch die Souveränität Gottes. Eine der wichtigsten Unterweisungen in der Apostelgeschichte ist, dass Gott handelt, wie und wann es Ihm gefällt, und dazu benutzt, wen Er will. Seine Zeit war gekommen, David dem Volk vorzustellen. Demgemäß wurde der Knabe in seiner schönen Einfalt des Glaubens vorgeführt, gänzlich verschieden von der schwerfälligen Förmlichkeit und der geistlichen Gefühllosigkeit des Mannes nach Wahl des Volkes.
Als David mit dem Kopf des Philisters in der Hand aus dem Kampf zurückkehrte, entstanden Jonathans Zuneigungen für ihn. David konnte nach dessen tragischem Tod von ihm sagen: „Mir ist wehe um dich, mein Bruder Jonathan! Holdselig warst du mir sehr; wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe!“ (2. Sam 1, 26). Es gibt keinen Ersatz für Liebe. Nichts, was der Sinn des Menschen ausdenken mag, vermag jemals ihre Stelle einzunehmen. „Große Wasser vermögen nicht die Liebe auszulöschen, und Ströme überfluten sie nicht. Wenn ein Mann allen Reichtum seines Hauses für die Liebe geben wollte, man würde ihn nur verachten“ (Hld 8,7). Der Herr klagte in Bezug auf Israel: „Ich gedenke dir die Zuneigung deiner Jugend, die Liebe deines Brautstandes, dein Wandeln hinter mir her in der Wüste, im unbesäten Land. Israel war heilig dem HERRN, der Erstling seines Ertrags … So spricht der HERR: Was haben eure Väter Unrechtes an mir gefunden, dass sie sich von mir entfernt haben …? … Aber du sprichst: Es ist umsonst, nein! Denn ich liebe die Fremden, und ihnen gehe ich nach“ (Jer 2,2–5.25). In Offenbarung 2 hören wir den Tadel des Herrn an Ephesus: „Ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“ Werke waren vorhanden, Gottesfurcht und kirchliche Ordnung ebenfalls, aber der Verfall der Liebe sprengte seinen trüben Gifthauch über sie alle. David ist bei seiner Rückkehr vom Erschlagen des Philisters ein Bild des auferstandenen Christus. Nur so kennt Ihn der Christ (2. Kor 5,16). In seinem Tod hat Er Sühnung getan für unsere Sünden. Er hat den alten Menschen der Sünde und Verdorbenheit vor Gott zu Ende gebracht. Und Er hat all unserer Feinde Macht zerstört. Er ist nun der verherrlichte Mensch im Himmel. Er, der einst hinabgestiegen war in die unteren Teile der Erde, ist hinaufgestiegen „über alle Himmel, damit er alles erfüllte“ (Eph 4,10). Sicherlich werden unsere Seelen erfreut, wenn wir so an Ihn denken! Sicherlich folgen Ihm unsere Zuneigungen an jenen Ort, wo Er hingegangen ist! Welchen Raum kann die Welt in den Gedanken und Herzen von solchen einnehmen, die den erkannt haben, den der Mensch hier auf der Erde verworfen hat und der dort geehrt ist?
Jonathan liebte David wie seine eigene Seele und gab sogleich den Beweis seiner Liebe, indem er für ihn seine Waffen und Gewänder ablegte. Das Maß seiner Entäußerung ist bemerkenswert: „Jonathan zog das Oberkleid aus, das er anhatte, und gab es David, und seinen Waffenrock und dazu sein Schwert und seinen Bogen und seinen Gürtel“ (1. Sam 18,4). Es war etwas Großes, David sein Kleid und seine Gewänder zu geben; aber auch seine Waffen abzutreten, das war außergewöhnlich für einen Soldaten und dazu für einen königlichen Prinzen. Wie groß war doch die Zuneigung Jonathans für David! Paulus sehen wir in Philipper 3 im Umkleideraum: Wenn irgendein anderer jener Zeit dachte, er habe etwas, worauf er im Fleisch vertrauen konnte, Paulus hatte mehr. Er hatte jeden Vorzug in Bezug auf seine Natur, Religion, Moral und Abstammung. Aber der erste Anblick des verherrlichten Christus zerstörte bei ihm den Wert alles dessen für immer: „Was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet“ (Phil 3,7). Es war bei Paulus keine impulsive Handlung augenblicklicher Begeisterung, sondern die kühle Berechnung eines Mannes, der mit Gott den wahren Wert der Dinge lernte, sei es im Himmel oder auf der Erde. Paulus ging nie mehr von seiner ersten Hingabe für Christus ab noch Jonathan von seiner ersten Hingabe für David. Beide liebten ihren Gegenstand bis an ihr Lebensende. Nach Jahren beispielloser Leiden und Schmähung für Christus (die Geschichte kann in verkürzter Form in 2. Korinther 11 nachgelesen werden) konnte Paulus sagen: „Ja wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde“ (Phil 3,8.9).
„Alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben“ (Röm 15,4). Geschwister, was haben wir von Jonathan und von Paulus gelernt? Letzterer schreibt flehentlich an uns alle: „Seid meine Nachahmer“ (1. Kor 11,1), und er fügt hinzu: „wie auch ich Christi“, und in Philipper 3,17: „Seht hin auf die, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt.“ Lasst uns zurückblicken auf unseren Christenpfad. Was haben wir wirklich aufgegeben für den Einen, den wir bekennen zu lieben? Welche verehrten Götzen haben wir fallengelassen? Bis zu welchem Maß haben wir seine Verwerfung geteilt? Wir haben deutlich gesehen, dass Paulus und seine Leidensgenossen einen Pfad des Verlusts gingen. Sie waren „der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als Menschen“ (1. Kor 4,9). Wird das bei uns auch so gesehen? Möge Gott durch seinen Heiligen Geist unsere Herzen und Gewissen üben!
Der Gegensatz zwischen der Einstellung Sauls und Jonathans gegenüber David war sehr groß. Der arme neidische König, nun häufig von einem bösen Geist geplagt (kennzeichnend für den letzten König, der in Jerusalem regieren wird vor der großen Erscheinung), hasste ihn und wollte ihn vernichten. Er sagte sogar Jonathan sowie allen seinen Dienern, „dass er David töten wolle“ (1. Sam 19,1). Jonathan seinerseits hatte großes Wohlgefallen an David. Er war der Fels, an dem Vater und Sohn auseinanderbrachen, und der Bruch war endgültig. In gleicher Weise wird jetzt jedermanns ewiges Schicksal von der Einstellung seiner Seele dem Sohn Gottes gegenüber bestimmt: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“ (Joh 3,18). „Was denkt ihr von dem Christus?“ (Mt 22,42) – das ist die große Frage, von der das Wohl oder Wehe eines jeden abhängt, dem sie gestellt wird. Der reiche Jüngling in Markus 10 konnte alles Wünschenswerte vorweisen, moralisch und anderweitig. Der springende Punkt war Christus. Er sah in Ihm nicht genug, um seinetwegen alles fahrenzulassen. Wahrlich, überaus bedeutsam ist die Kluft zwischen denen, für die Christus alles ist, und denen, für die Er wenig oder gar nichts ist. Das bezeugen seine eigenen Worte in Lukas 12,51–53: „Meint ihr, dass ich gekommen sei, Frieden auf der Erde zu geben? Nein, sage ich euch, sondern vielmehr Entzweiung. Denn es werden von nun an fünf in einem Haus entzweit sein; drei werden mit zweien und zwei mit dreien entzweit sein: der Vater mit dem Sohn und der Sohn mit dem Vater, die Mutter mit der Tochter und die Tochter mit der Mutter, die Schwiegermutter mit ihrer Schwiegertochter und die Schwiegertochter mit der Schwiegermutter.“ Welche Streitsachen auch immer zwischen Menschen gewesen sein mochten, bevor Er auf diese Erde kam – sie wurden alle durch sein Kommen und seine Verwerfung in den Schatten gestellt. Halbherzige Christen ließen Paulus in der Stunde größter Not fallen, weil sie nicht bereit waren, sich mit der Schmach und den Entbehrungen einszumachen, die um Christi willen über ihn kamen (2. Tim 1,15; 4,16.17).
Jonathan war bereit, für David einzutreten. Sein Protest, wie er in 1. Samuel 19,4.5 mitgeteilt wird, ist tief berührend: „Der König versündige sich nicht an seinem Knecht, an David; denn er hat nicht gegen dich gesündigt, und seine Taten sind dir sehr nützlich. Und er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt und den Philister erschlagen, und der HERR hat ganz Israel eine große Rettung verschafft. Du hast es gesehen und dich gefreut; und warum willst du dich an unschuldigem Blut versündigen, indem du David ohne Ursache tötest?“ In diesen Worten können wir beinahe hören, wie der Christ für seinen Retter und Herrn eintritt. Die Worte und Werke des Gehassten waren sehr gut, und für Israel wurde durch seine Hand eine große Errettung erstritten. Wer wagt es, die Worte oder Werke des Gottessohnes anzuzweifeln, und wer kann abstreiten, dass Er seinem Volk „eine so große Errettung“ erstritten hat (Heb 2,3)? David setzte sein Leben aufs Spiel; unser gepriesener Herr ging unendlich weiter, denn Er gab sein Leben für die Schafe. „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen“ (Joh 10,18). Jonathan erinnerte seinen Vater daran, dass bei dem Sieg Davids über Goliath er es gesehen und sich gefreut hatte. Aber es war nur ein vorübergehendes Gefühl. Keine Spur göttlichen Empfindens hatte in seinem Herzen Wohnung genommen. Steinige-Boden-Hörer sind sehr gefühlvoll und scheinen mit göttlicher Freude erfüllt zu sein, wenn die Wunder göttlicher Gnade vorgestellt werden, aber diese Freude vergeht so schnell wie der Tau in der Sonne (Mt 13,20.21).
Es war gut, dass Jonathan für David eintrat, und es ist auch gut, wenn wir immer bereit sind, für den Herrn Jesus einzutreten. Aber die Schwachheit Jonathans lag darin, dass er nicht bereit war, David in seiner Verwerfung zu folgen. Er erinnert uns etwas an Nikodemus im Neuen Testament: Das mitternächtliche Gespräch mit dem Sohn Gottes, wie es in Johannes 3 mitgeteilt wird, hinterließ offensichtlich einen Eindruck in seiner Seele, denn wir finden ihn später vor dem Hohen Rat in Johannes 7,50 den Herrn verteidigen und die Verachtung seiner Kollegen auf sein Haupt bringen. Aber er war noch nicht bereit, sein Los mit dem Nazarener zu teilen und die Schmach und Schande, die Tag für Tag auf Ihn kam. Gott sei Dank leuchtete Nikodemus am Ende glänzend auf. Als alle anderen flohen und ein prahlerischer Petrus noch Schlimmeres tat, bot Nikodemus dem Joseph von Arimathia für die Beisetzung seines Herrn Unterstützung an. Seine gerechte Seele war tief im Inneren getroffen von der Ungerechtigkeit, deren Zeuge er geworden war. Zögern war nicht mehr möglich, alle Ängstlichkeit war verflogen, er ließ es alle sehen, dass er den verworfenen Sohn Gottes liebte und ehrte. Wahrlich, es „werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein“ (Mt 20,16).
Nie ist Gott in seinen Hilfsquellen eingeschränkt. Demgemäß hatte Er neben Jonathan weitere Werkzeuge, um seinem verachteten Diener zu helfen. Mit einem Trick ermöglichte Michal David die Flucht, als Saul ihn in seinem Bett ermorden wollte, und Samuel brachte ihn in Najoth unter, als er in seinem eigenen Haus nicht mehr bleiben konnte. Als Saul ihn anschließend festzunehmen versuchte, kam auf bemerkenswerte Weise der Geist Gottes über ihn und ließ den halsstarrigen König die Nutzlosigkeit, mit Gott Krieg zu führen, selbst erfahren (1. Sam 19,11–24).
Bald jedoch trafen sich die Freunde erneut und David stellte Jonathan zur Rede: „Was habe ich getan? Was ist meine Ungerechtigkeit und was meine Sünde vor deinem Vater, dass er nach meinem Leben trachtet?“ (1. Sam 20,1). Dann wurde vereinbart, dass David bei einer bevorstehenden besonderen Gelegenheit der königlichen Tafel fernbleiben sollte mit dem Vorwand, nach Bethlehem gegangen zu sein wegen des Jahresopfers mit seiner Familie, und dass Jonathan ihm mitteilen sollte, was der König dazu sagen würde. Leser der Heiligen Schrift sind manchmal erschreckt darüber, wenn sie von den Handlungen der Falschheit lesen, die von solchen begangen werden, die im Allgemeinen durch den Geist Gottes geleitet wurden, und sie wundern sich, wie so etwas sein kann. Rahabs Unwahrheit in Betreff des Verbleibs der Kundschafter und Davids Verhalten in dieser Begebenheit sind Beispiele dafür. Aber warum sollen wir uns wundern? Ist das Fleisch in den Heiligen irgendwie besser als das in den Sündern? Können etwa viele Jahre der Gemeinschaft mit Gott es verbessern oder den Heiligen weniger seiner Versuchung unterworfen sein lassen? Dann kann auch „ein Kuschit seine Haut wandeln, ein Leopard seine Flecken“ (Jer 13,23)! Die Sprache des Heiligen Geistes in Römer 8,7 ist diesbezüglich klar und unmissverständlich: „Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht.“ Damit wird seine hoffnungslose Verdorbenheit und tief verwurzelte Feindschaft erklärt gegen alles, was von Gott ist. Aber nichts liegt der Absicht des Geistes Gottes ferner, als die Auswüchse des Bösen in denen, die Gott nahe sind, zu billigen oder zu entschuldigen. In der Schrift ist gerade das gegenteilige Prinzip zu finden. In Bezug auf Israel sagte der Herr einst: „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Ungerechtigkeiten an euch heimsuchen“ (Amos 3,2). Und heute werden die Gläubigen gewarnt: Wenn sie Den als Vater anrufen, „der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk“, so müssen sie die Zeit ihrer Fremdlingschaft hier in Furcht wandeln (1. Pet 1,17). Der gleiche Brief sagt uns: „Die Zeit ist gekommen, dass das Gericht anfange bei dem Haus Gottes“ (1. Pet 4,17). Die Fehler der Heiligen sowohl im Alten wie im Neuen Testament werden uns mitgeteilt. Und weil der Geist Gottes ein getreuer Berichterstatter ist, wollte Er uns das Schlechteste genauso wie das Beste von solchen mitteilen, an denen Er interessiert ist. Ihre traurigen Verfehlungen werden gewöhnlich ohne Kommentar berichtet, damit wir beim Lesen unsere Gedanken und Herzen üben mögen. Dabei sollen wir ein Urteil herausbilden nach dem, was wir im Allgemeinen aus der Schrift kennen, was Gott gefällt und was nicht. So lange, bis beim Kommen des Herrn Jesus die große Umgestaltung stattfindet, ist jedes erdenkliche Böse möglich, sogar bei den Ergebensten. Aber unsere Fehler sind unermesslich ernster als jene von Rahab, David und Jonathan, weil wir Gottes Urteil über das Fleisch im Tod seines Sohnes gesehen haben (Röm 8,3) und bekennen, dieses Urteil angenommen zu haben. Mit den Worten des Apostels: „Die aber des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und den Begierden“ (Gal 5,24).
Zurück zu Jonathan. Indem er Davids Geschichte dem König vortrug, riskierte er sein Leben, da der Speer nach ihm geschleudert wurde, wie er bereits zweimal nach David geworfen worden war (1. Sam 18,11). Die darauf folgende Begebenheit mit den Pfeilen braucht hier nicht genau geschildert zu werden; der Bruch zwischen Saul und David war jetzt hoffnungslos und endgültig. Tief bewegend war der Abschied zwischen Jonathan und David. „Sie küssten einander und weinten miteinander, bis David über die Maßen weinte“ (1. Sam 20,41). Die Liebe war wahrlich wunderbar, aber die Schwachstelle außerordentlich ernst. Jonathan mochte für David seine Waffen und Gewänder ablegen, er mochte für ihn eintreten, er mochte ihn küssen, aber er war nicht bereit, seine Verwerfung zu teilen. Demgemäß ging der eine, wohin er konnte, zum Gebirge und der Höhle, und der andere kehrte zu den Bequemlichkeiten der Stadt zurück. Aber Jonathan endete an der Mauer von Beth-Schean, während David den Thron bestieg!
Die wichtigste Frage für unsere Seelen heute ist diese: Wie weit sind wir bereit, in unserer Einsmachung mit Christus zu gehen? Der rechte Pfad ist für uns deutlich aufgezeigt durch den Herrn selbst in Johannes 12,24–26. Er als das wahre Weizenkorn stand im Begriff, „in die Erde zu fallen und zu sterben“, weil nur so der Kornspeicher Gottes gefüllt werden konnte. Ohne den Tod hätte Er für immer allein bleiben müssen. Aber wir, die aus Ihm hervorkommen, sind auch Weizenkörner, und von uns wird erwartet, dass wir ebenso den Tod akzeptieren. Nur dann können wir fruchtbar sein für Gott. „Wer sein Leben lieb hat, wird es verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren. Wenn mir jemand dient, so folge er mir nach; und wo ich bin, da wird auch mein Diener sein. Wenn jemand mir dient, so wird der Vater ihn ehren“ (Joh 12,25.26).
Wir haben den Tod in unserer Taufe im Prinzip anerkannt, aber nehmen wir ihn auch tatsächlich in der Praxis an? Wenn ja, wie kommt es, dass die Moden und Verrücktheiten der Welt auf der Stelle unter uns angenommen werden, sobald sie aufkommen? Wie kann man erklären, dass einige in Vertretungen, Gemeinderäten und auf andere Weise weltliche Ehren suchen? Warum der Ansturm vieler, gemeinsam mit Gottlosen in Konsumvereine einzutreten? Und warum die Welle des Militarismus, die über die Versammlungen Gottes in den letzten Jahren hergeflutet ist, die erzeugt wurde von einem Einfluss, aber nicht aus der Heiligen Schrift, sondern von der aufhetzenden Presse der Welt? Die Aufforderung zu einer unbedingten Absonderung erklingt deutlich genug in den Worten: „Darum hat auch Jesus, damit er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,12.13). Beachte die Worte! Er litt nicht, um die Seinen vor der Hölle zu bewahren (obwohl das wahr ist), sondern damit Er sie heiligen möge. Er wollte ein Volk, das absolut Ihm gehören sollte und das abseits steht von der gesamten Ordnung der Dinge, von der Er ausgeschlossen ist. Das schließt Verwerfung ein. Sollten wir sie ablehnen? Ist Er nicht der innigen Hingabe unserer armen Herzen wert? Es sei dem Gewissen des Lesers überlassen, die Aufzählung für unsere heutige Zeit fortzusetzen.
Das letzte Treffen von David und Jonathan ist in 1. Samuel 23,16–18 aufgezeichnet. Es fand bei günstiger Gelegenheit statt. Saul, der Mann, der ohne Thron hätte sein können, wenn David dem Goliath nicht entgegengetreten wäre, verfolgte David mit unbarmherziger Energie. Und die Menschen von Kehila, die David soeben von den Philistern errettet hatte, verrieten ihn treulos. Wem war zu trauen? Zu wem konnte David gehen? Der Boden schien unter seinen Füßen zu erbeben. Gerade da stand „Jonathan, der Sohn Sauls, auf und ging zu David in den Wald und stärkte seine Hand in Gott“ (1. Sam 23,16). Geistliche Gemeinschaft und geschwisterliches Mitgefühl sind so erfrischend wie der Tau des Himmels. Lasst uns nicht danach Ausschau halten, geliebte Geschwister, sondern lasst uns es zum Ausdruck bringen, denn viele benötigen es. Der Zeitpunkt des Kommens des Titus zu Paulus in Mazedonien war ebenso göttlich eingeteilt wie das Kommen des Jonathan zu David in den Wald (2. Kor 7,5.6).
Die Trennung der Wege war nun gekommen. Jonathan war sich völlig der Verheißungen des HERRN in Betreff Davids bewusst. Desgleichen Saul (1. Sam 24,20). Desgleichen Abigail (1. Sam 25,30) und noch viele andere (2. Sam 3,18). Jonathan, der wusste, welchen Ausgang es nehmen würde, hatte David bereits gebeten, seinen Nachkommen Güte zu erweisen (1. Sam 20,15). Indem die Lage so stand, hätte David wohl sagen können wie später der Herr: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich“ (Mt 12,30). Mit David zu streiten, bedeutete, mit Gott zu streiten. Eines jeden Wahl muss jetzt getroffen werden. Wehe um Jonathan! So sehr er David geliebt hatte und so aufrichtig er an den göttlichen Vorsatz betreffend Davids glaubte – er fühlte sich unfähig, ihm zu folgen. Obadja mochte den Propheten des HERRN freundlich gesinnt sein, aber er war nicht bereit, den Palast Ahabs aufzugeben, um die Höhle mit ihnen zu teilen (1. Kön 18,4). Mose hingegen lehnte es ab, ein Sohn der Tochter Pharaos genannt zu werden, und machte sich ein für alle Mal eins mit dem Volk Gottes in seiner Armut und Verachtung (Heb 11,24–26). Der Heilige Geist gibt dieser Handlung eine Bedeutung und einen weit größeren Wert, als Mose sich jemals vorstellte. Er nennt es die Schmach des Christus.
Wir mögen liebevoll von einem Menschen wie Jonathan reden. Kaum ein anziehenderes Beispiel kann auf den heiligen Blättern gefunden werden, und seine Hingabe an David ist Belehrung für die Heiligen, solange diese Zeit währt. Aber das Versagen darf nicht übersehen werden. Am Tag Christi wird alles in uns, was von göttlicher Herrlichkeit ist, beurteilt und belohnt werden. Und alles andere wird gnadenreich in ewige Vergessenheit gestürzt werden. Doch inzwischen schildert der Geist die Schwachheiten und Fehler derer, die den Pfad des Glaubens vor uns pilgerten, zu unserer gegenwärtigen Belehrung und Segnung. Uns steht immer die ernste Unterweisung vor Augen, dass nur Einer in allen seinen Wegen vollkommen war. Jonathans letzte Worte an David: „Fürchte dich nicht; denn die Hand meines Vaters Saul wird dich nicht finden. Und du wirst König werden über Israel, und ich werde der Zweite nach dir sein; und auch mein Vater Saul weiß es so“ (1. Sam 23,17). Die Schwachpunkte der Worte Jonathans sind traurig deutlich. Zunächst betrachtete er David noch immer als mit der Haushaltung Sauls verbunden, das heißt, er würde Sauls Nachfolger sein. Indem er das sagte, lag Jonathan prinzipiell falsch. Nicht nur würde David kein Nachfolger Sauls mehr sein, sondern der Anfang einer absolut neuen Ordnung. In Psalm 78 – der das Gleichnis der verlorenen Nation genannt worden ist – wird die Saul-Episode durch den inspirierten Schreiber vollständig ignoriert. Das Böse und der Niedergang werden bis in die Tage Elis geschildert (Ps 78,64). Dann werden David und Zion eingeführt als die Hilfsquellen des HERRN in Gnade.
Einer der ernstesten Fehler unserer Zeit ist die Bemühung, Christus mit der menschlichen Ordnung der Dinge zu verbinden. Die Welt wird von vielen immer noch als verbesserbar betrachtet, und sie würden gerne Christus in diese Arbeit einbringen. Was nicht wahrgenommen wird, ist, dass der alte Mensch, die Welt und der Fürst der Welt, Satan, alle gerichtet sind. Der auferstandene Christus ist der zweite Mensch und der letzte Adam, der Anfang und das Haupt einer neuen Ordnung der Dinge, die nie mehr vergehen wird.
Jonathan irrte ebenfalls, als er zu David sagte: „Ich werde der Zweite nach dir sein“ (1. Sam 23,17). Die, welche leiden, sind es, die regieren werden (2. Tim 2,12). Einfachere Menschen als des Königs Sohn wurden dazu bestimmt, in der Nähe Davids zu sein in seiner Erhöhung. Jonathan war dazu bestimmt, bis zum Äußersten erniedrigt zu werden. Auch geziemte ihm oder irgendjemand anderem nicht, im Vorgriff zu sagen, wer der Zweite nach dem neuen König sein würde. Sicherlich ist das eine Angelegenheit, die der König selbst zu entscheiden hat! Die Söhne des Zebedäus versagten ähnlich, als sie um den rechten und linken Platz im Königreich des Herrn Jesus baten (Mk 10,37). Es kann sein, dass dieses „der Zweite“ viel zu tun hat mit dem Widerstreben Jonathans, einen Pfad der Verwerfung und des Verlusts zu betreten. Er schien nicht bereit zu sein, seine ganze Würde für den einen aufzugeben, den er liebte. Die Schar Davids war gewiss ein buntgewürfelter Haufen (1. Sam 22,2). Jonathan war nicht so ganz bereit, sich damit einszumachen.
Sollten wir nicht beten, dass wir vor einem achtbaren Christentum bewahrt bleiben? Den fleischlich gesinnten Korinthern, die hier Bequemlichkeit und Ehre liebten, schrieb der Apostel, nicht ohne einen Ton Ironie dabei: „Wir sind Toren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr herrlich, wir aber verachtet. Bis zur jetzige Stunde leiden wir sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab, mit unseren eigenen Händen arbeitend. Geschmäht, segnen wir; verfolgt, dulden wir; gelästert, bitten wir; wie der Kehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt“ (1. Kor 4,10–13). Es sind Menschen von der Art eines Paulus, die der Herr in seinem Reich ehren wird.
Es bleibt anzumerken, dass David im Wald blieb und Jonathan nach seinem Haus ging – nicht in das königliche Lager, nicht zu der Klasse der Verfolger des Auserwählten des HERRN, sondern nach seinem Haus. Psalm 63 passt hier hinein. David ist in der Wüste. So viele Dinge mochten dort fehlen, aber er hatte Gott.
