Römer 13,8–10 ist die Anwendung der Lehre aus Römer 8,4 auf unsere Glaubenspraxis. In Römer 8,4 heißt es, dass die Rechtsforderung des Gesetzes in uns (nicht durch uns), die wir durch den Geist wandeln, erfüllt wird. Das bedeutet, dass der Heilige Geist in uns wirkt, indem Er dem neuen Leben in uns die Kraft gibt, nach Gottes gerechten Maßstäben zu leben, die Gott unter anderem durch das Gesetz deutlich gemacht hat. Damit erfüllt ein vom Geist geleiteter Gläubiger „automatisch“ die Rechtsforderungen des Gesetzes, ohne dass das Gesetz noch seine Lebensregel ist, geschweige denn der Weg zum Leben.
In Römer 13 wird uns dann gezeigt, was das für unseren Glaubensalltag bedeutet. Dort macht Paulus deutlich, dass das Gesetz durch Nächstenliebe erfüllt wird.[1]
Er zählt beispielhaft vier Gebote aus der zweiten Gesetzestafel auf und sagt dann, dass diese und alle weiteren Gebote unter der Überschrift stehen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Nun ist es offensichtlich, dass die Liebe, zu der wir durch das neue Leben in der Kraft des Geistes Gottes befähigt sind, weit mehr tun wird, als sich an die Verbote zu halten. Denn es ist ja die agape – die Liebe nach dem Vorbild der Liebe Gottes –, die es liebt, zu geben.
- Die Liebe des gläubigen Mannes zu seiner Frau wird sich nicht darauf beschränken, nicht die Ehe zu brechen. Sie wird ihn dahin bringen, sie zu lieben, indem er sich seiner Ehefrau ganz hingibt (Eph 5,25.28). Die Forderung des Gesetzes „Du sollst nicht ehebrechen“ ist damit automatisch erfüllt.
- Ebenso verhält es sich mit dem Gebot, nicht zu töten. Die Liebe wird sich nicht damit begnügen, dem Bruder nicht das Leben zu nehmen. Sie ist bereit, für die Brüder das Leben hinzugeben (1. Joh 3,16).
- Auch wird die Liebe mehr tun, als nicht zu stehlen. Sie wird den Wunsch haben, den Bedürftigen etwas zu geben (Eph 4,28).
- Die Liebe wird sich auch nicht damit zufriedengeben, nicht zu begehren. Sie liebt es, selbstlos zu sein und das Wohl des Nächsten zu suchen (Röm 15,1.2).
Die Überschrift – man könnte auch sagen der tiefere Sinn – all dieser Verbote ist also ausgeübte Liebe. Und Römer 13,8 nennt es eine Schuldigkeit, einander zu lieben. Wenn sich die Liebe unter anderem in den genannten vier Punkten zeigt, dann erstreckt sich die Schuldigkeit auch auf diese Punkte. Und tatsächlich wird gerade in Bezug auf diese vier Punkte ebenfalls von einer Schuldigkeit gesprochen (siehe Eph 5,28; 1. Joh 3,16; Röm 15,1.2.27).
Der Geist gibt uns Kraft, die Fähigkeiten des neuen Lebens in uns auszuleben, zu lieben, wie Christus uns geliebt hat. Darin „automatisch“ enthalten ist die Erfüllung unserer Verpflichtung, den Nächsten wie uns selbst zu lieben, ebenso wie die Erfüllung des Gesetzes. Es ist bewegend, zu sehen, dass Gott, als Israel ein Gesetz forderte (2. Mo 19,8), ihnen vor allem Verbote nannte und gleichzeitig in seinem Inneren nach Menschen Ausschau hielt, die Liebe zu Ihm und untereinander haben. Für uns bleibt die Frage, ob der Geist so in uns wirken kann, dass diese Liebe in uns zur Entfaltung kommt.
Fußnoten:
