„Im Stillsein und im Vertrauen würde eure Stärke sein“, sagt der Prophet Jesaja (Jes 30,15). Stillsein und Vertrauen gehören also zusammen, sind aber nicht dasselbe. Vielleicht geht es beim Stillsein besonders darum, Gott die Gelegenheit zu geben, zu uns zu reden. Leider ist oft das dafür erforderliche Stillsein bei uns nicht vorhanden. Dazu ein paar Gedanken.
Stillsein vom eigenen Reden
„Schweige und höre, Israel!“, lautete die Anweisung Gottes an sein Volk (5. Mo 27,9). Wer zuhören will, darf nicht selbst reden. Das lernen wir deutlich bei Hiob. 29 lange Kapitel hören wir Hiob immer wieder reden, bis es in Hiob 31,40 endlich heißt: „Die Worte Hiobs sind zu Ende.“ Und dann beginnt Gott mit ihm zu reden, zuerst durch Elihu und dann unmittelbar. Danach war auf einmal wieder alles klar.
Selbst still zu sein und auf die Antwort Gottes zu warten, fällt uns schwer. Besonders wenn es eng wird. Die Israeliten, kaum aus Ägypten befreit, fingen an zu murren, weil sie nicht wussten, wie sie in der Wüste ihren Durst und Hunger stillen sollten. Sie „warteten nicht auf seinen Rat [o. Plan]“ (Ps 106,13). Sie gaben Gott nicht einmal die Gelegenheit zu zeigen, wie Er die Versorgung des Volkes geplant hatte. Dabei war es doch kaum vorstellbar, dass Er sie aus Ägypten in die Wüste führte, ohne einen Plan zu haben, wie Er sie da versorgen wollte.
Unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott sollte daher nicht nur aus Reden (Gebet), sondern auch aus bewusstem Zuhören (beim Lesen seines Wortes und Nachsinnen darüber) bestehen. „Rede, Herr, denn dein Knecht hört“ (1. Sam 3,10).
Stillsein vom eigenen Wollen
„Gottes Führung fordert Stille. | Wo der Fuß noch selber rauscht, | wird des ew’gen Vaters Wille | mit der eignen Wahl vertauscht“, heißt es in einem Kirchenlied. Gott um Rat fragen, aber nicht still sein von eigenen Wünschen – das führt niemals auf den richtigen Weg. König Ahab befragte bei einer Gelegenheit (auf das Drängen Josaphats hin) Gott durch den Propheten Micha. Da dieser aber nicht das weissagte, was Ahab hören wollte, setzte Ahab schließlich doch seinen Kopf durch, zog gegen die Syrer in die Schlacht – und fiel (1. Kön 22).
Besser war die Haltung der Geschwister aus Cäsarea zusammen mit den Reisebegleitern von Paulus. Sie wünschten, Paulus würde nicht nach Jerusalem gehen. Sie versuchten zunächst, ihn umzustimmen. Doch dann heißt es: „Als er sich aber nicht überreden ließ, wurden wir still und sprachen: Der Wille des Herrn geschehe!“ (Apg 21,14).
Juristen unterscheiden zwischen Einwilligung (vorherige Zustimmung) und Genehmigung (nachträgliche Zustimmung). Wie oft haben wir Pläne nach unseren eigenen Wünschen gemacht und dann die „Genehmigung“ Gottes einholen wollen, wo wir besser vor unserem Entschluss auf die „Einwilligung“ Gottes gewartet hätten. Bitten wir Ihn, dass Er das eigene Wollen in uns zur Ruhe bringt und uns das Vertrauen schenkt, dass sein Wille nicht nur im absoluten Sinn „gut und wohlgefällig und vollkommen“ ist (Röm 12,2), sondern auch persönlich für uns zum Guten.
„Nimm, Herr, meinen Willen, du, dass er still in deinem ruh’!“
Außerdem steht unser eigenes Wollen und Wünschen – unser vieles Kreisen um die eigenen Belange und Befindlichkeiten in unserem Inneren – nicht nur immer wieder dem Reden Gottes im Weg, sondern stört auch den stillen Genuss der Nähe Gottes. Solange der Säugling noch gestillt wird, kann er kaum still sein auf dem Schoß der Mutter, weil die Nahrung, wonach er begierig ist, zu nah ist. Ist er aber entwöhnt, kann er in völliger Ruhe die Nähe seiner Mutter genießen, ohne immer etwas zu erwarten. So ist auch unser Genuss der Gemeinschaft mit Gott größer, wenn wir „entwöhnt“ sind von unseren eigenen Wünschen: „Habe ich meine Seele nicht beschwichtigt und still gemacht? Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie das entwöhnte Kind ist meine Seele in mir“ (Ps 131,2).
Stillsein vom eigenen Tun
Als Saul auf der Suche nach den Eseln seines Vaters war, traf er mit Samuel zusammen. Der hatte eine wichtige Botschaft für Saul. Deshalb sagte er: „Du aber steh jetzt still, dass ich dich das Wort Gottes hören lasse“ (1. Sam 9,27). Saul war so auf die Esel fixiert, dass er erst zum Stillstehen aufgefordert werden musste, bevor Samuel ihm die weit größere Aufgabe, König über Israel zu werden, vorstellen konnte. Hat Saul dieses Stillstehen und Warten später verinnerlicht? Wir haben nicht den Eindruck. Er handelte vorschnell und ohne auf Gottes Rat zu warten (siehe z.B: 1. Sam 13,89).
Der Herr Jesus wollte seine zwölf Jünger zum Dienst aussenden. Doch vorher verordnete Er ihnen eine Zeit, in der sie „bei ihm seien“ (Mk 3,14). Als sie später von ihrem Dienst wieder zu Ihm kamen, nahm Er sie mit an einen öden Ort, um auszuruhen (Mk 6,30.31). Da lernen wir, dass es gerade im Dienst für den Herrn immer wieder Zeiten der Stille und des Auftankens geben muss.
Martha war „sehr beschäftigt mit vielem Dienen“ und fand nicht die Zeit, wie Maria, still zu den Füßen des Herrn Jesus zu sitzen und seinen Worten zuzuhören (Lk 10,38–42). Nicht das Dienen war das Problem, sondern dass sie davon so sehr vereinnahmt war. Maria dagegen kannte das stille Zuhören. Dadurch war ihr Handeln später von einer Einsicht geprägt, die selbst die der Jünger weit übertraf.
Auch in Notsituationen neigen wir dazu, zuerst selbst Hand anzulegen, bevor wir uns in die Stille vor Gott begeben. Wenn Stürme aufziehen, sehen wir – wie einst die Jünger – oft nur eine einzige Lösung: weiterrudern. Und so rudern wir und rudern, bis wir uns im Nachhinein fragen, warum wir nicht viel früher still geworden sind und dem Herrn überlassen haben, uns aus der Not zu retten.
Stillsein von Ablenkung
„Die Gottlosen sind wie das aufgewühlte Meer, denn es kann nicht ruhig sein, und seine Wasser wühlen Schlamm und Kot auf“ (Jes 57,20). So ist der ungläubige Mensch im Allgemeinen. Er meidet die Stille. Er will nicht über sich selbst zur Besinnung kommen und packt jede freie Minute voll mit Ablenkung und Zerstreuung.
Der Gläubige muss die Stille bewusst suchen, indem er sich freimacht von allem, was ihn ablenken könnte. Im Zeitalter von Tablet und Smartphone, von Bannern, Mitteilungen und Pop-ups sowie unzähligen Freizeitangeboten bekommt die Aufforderung „Geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater“ (Mt 6,6) eine ganz neue Bedeutung. Damals kamen Ablenkungen fast ausschließlich durch andere Menschen – heute dringen sie zusätzlich unaufhörlich durch digitale Kanäle zu uns.
Unser Gehirn richtet die Aufmerksamkeit auf das deutlichste und lauteste Signal. Wie stark muss also das Signal Gottes sein, damit es all die Stimmen übertönt, die ich nicht bereit bin stummzuschalten? Doch gerade zu einem stillen Herzen redet Gottes Wort. Seine Stimme begegnet uns vielleicht öfter in dem „leisen Säuseln“ als im Sturm, Erdbeben oder Feuer (vgl. 1. Kön 19,11–13). Deshalb braucht es – innerlich und äußerlich – die richtige Haltung und Umgebung, um Gottes Stimme überhaupt wahrzunehmen.
Stillsein von Sorgen, Ängsten und Unruhe
Mit Gottes Gedanken beschäftigt zu sein, ist eine wohltuende Sache. Paulus umschreibt es mit den Worten: „Alles, was wahr, alles, was würdig, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was lieblich ist, alles, was wohllautet, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, dies erwägt“ (Phil 4,8). Doch wer diese Dinge, die vollkommen nur bei Gott zu finden sind, „erwägen“ (o. bedenken) will, der braucht ein Herz, das frei ist von Sorgen. Deshalb stellt Paulus die Aufforderung voran: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6). Er verwandelt den Sturm unserer Sorgen in Stille (vgl. Ps 107,29).
Wem es gelingt, seine Sorgen auf Gott zu werfen, der erlebt den Frieden Gottes, der unsere Herzen und unseren Sinn „in Christus“ (d.h. mit Christus beschäftigt) bewahrt. Der „Lärm“ von Sorgen und Unruhe muss in unseren Herzen erst entfernt werden, bevor der stille Genuss an Christus einziehen kann.
Es ist Demut, anzuerkennen, dass wir zu dem großen Werk unserer ewigen Errettung nichts beitragen konnten. Genau diese Demut sollte uns auch dahin bringen, anzuerkennen, dass wir durch unsere Sorgen zu dem Werk unserer täglichen Errettung in schwierigen Umständen ebenfalls nichts beitragen können. Ist der, der uns die große Last unserer Sünden abgenommen hat, nicht stark genug, uns auch die Last unserer Sorgen abzunehmen? „So demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes …, indem ihr all eure Sorge auf ihn werft; denn er ist besorgt für euch“ (1. Pet 5,6.7).
„Was beugst du dich nieder, meine Seele, und was bist du unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen, der die Rettung meines Angesichts und mein Gott“ (Ps 43,5).
Stillsein von einem anklagenden Gewissen
Auch das Gewissen ist eine Stimme in uns, die uns davon abhalten kann, stille Zeit mit unserem Gott zu verbringen. Hier kommt dem „Sela“ in Psalm 32,5 eine große Bedeutung zu. Denn vor dem Sela finden wir den Kampf Davids gegen das Gewissen, das durch eine Sünde schwer belastet war. „Als ich schwieg“, sagt er (das heißt, bevor er bereit war, seine Sünde vor Gott zu bekennen), da „verzehrten sich meine Gebeine durch mein Gestöhn den ganzen Tag“ (Ps 32,3). Äußerlich biss David die Lippen zusammen und wollte die Sache vor Gott nicht bereinigen. Aber innerlich stöhnte und schrie das anklagende Gewissen.
In einem solchen Zustand ein vertrauensvolles Gebet zu sprechen, ist fast unmöglich. Die Hände müssen heilig sein, wenn sie zu Gott aufgehoben werden (1. Tim 2,8). Auch ist das Herz nicht empfänglich für Gottes Reden, denn Gott muss sich zuerst an das Gewissen wenden, solange die Sache nicht geklärt ist.
„Ich tat dir meine Sünde kund … und du hast die Ungerechtigkeit meiner Sünde vergeben. – Sela“ (Ps 32,5). Herrliches „Sela“! Die Stille im Inneren ist zurückgekehrt. Die Atmosphäre für ein vertrauensvolles Gebet ist wieder da: „Deshalb wird jeder Fromme zu dir beten, zur Zeit, da du zu finden bist“ (Ps 32,6). Das Bewusstsein der Vergebung bringt die Seele wieder zurück zu Gott und gibt ihr eine ganz neue Gewissheit der Hilfe Gottes: „Du bist ein Bergungsort für mich; vor Bedrängnis behütest du mich; du umgibst mich mit Rettungsjubel“ (Ps 32,7).
Und dann ist das Herz auch wieder empfänglich für die Belehrung und Leitung Gottes: „Ich will dich unterweisen und dich den Weg lehren, den du wandeln sollst; mein Auge auf dich richtend, will ich dir raten“ (Ps 32,8).
Wollen wir Gottes Licht für unseren Pfad haben? Dann müssen wir zuerst Gottes Licht in unserem Herzen akzeptieren. Deshalb wollen wir uns bemühen „allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen“ (Apg 24,16).
Stillsein – das Geheimnis geistlicher Kraft
So ist die Stille der Gemeinschaft mit Gott vielleicht das, was wir in unserer lauten, reizüberfluteten Welt am dringendsten benötigen – und häufig am meisten entbehren. Aber wer dieses Stillsein vor Gott kennengelernt hat, der möchte diesen Genuss nicht mehr missen. Denken wir an Jesaja 30,15: Neben dem Vertrauen ist das Stillsein eine wesentliche Voraussetzung für geistliche Kraft, denn es öffnet unser Inneres für Gottes Reden und Wirken.
[aus: Im Glauben leben]
