Das erste Buch Samuel müsste eigentlich das Buch David heißen, denn das Wichtigste in diesem Buch ist, dass Gott durch den Dienst Samuels den Mann nach seinem Herzen auf den Thron bringt. Es sind nicht Tage geistlicher Kraft, sondern Tage des Verfalls. Noch hatte Israel keinen König. Gott sorgte durch Richter für die äußere Ordnung, und der Hohepriester war die höchste Instanz, der Einzige, von dem bisher gesagt werden konnte, dass er gesalbt war. Selbst der (politische) Führer sollte vor dem Hohepriester stehen (vgl. 4. Mo 27,18–23). Doch der Priester Eli, der als „alt und schwer“ beschrieben wird (1. Sam 4,18), ist moralisch so schwach, dass der Heilige Geist vermeidet, ihn Hohepriester zu nennen. Seine Söhne sind „Söhne Belials“. Ihr ruchloses Verhalten macht die für Gott so wertvollen Opfer in den Augen des Volkes verächtlich (1. Sam 2,17).

Auch der Zustand des Volkes ist desolat. Man lehnt die unmittelbare Herrschaft Gottes ab und stattdessen tut jeder, was in seinen eigenen Augen recht ist (Richter 21,25). Doch Gott bereitet im Hintergrund das Königtum Davids vor. Denn die verwitwete Schwiegertochter Elimelechs, eines Mannes aus dem Königsstamm Juda (1. Mo 49,10), wird von einem Blutsverwandten aus der Familie Elimelechs gelöst (geheiratet), und aus dieser Ehe geht ein Sohn, Obed, hervor. Das Buch endet mit den Worten: „Obed zeugte Isai, und Isai zeugte David“ (Rt 4,22). David!

Eigentlich ist die Forderung nach einem König der Gipfelpunkt des Versagens des Volkes. Denn sie entspringt nicht der Kenntnis des göttlichen Plans, die Herrschaft über sein Volk in die Hand eines Menschen zu legen. Sie wollen schlicht so sein wie die übrigen Nationen (1. Sam 8,20). Gott fällt sein Urteil über diese Forderung: „Mich haben sie verworfen“ (1. Sam 8,7). Vor dem dunklen Hintergrund des Versagens des Volkes strahlt die souveräne Gnade Gottes hervor, der den Mann nach seinem Herzen gerade zu diesem Zeitpunkt auf den Thron bringen will. Das Werkzeug dafür soll Samuel werden.

Doch das Buch beginnt nicht mit David und nicht mit Samuel, sondern mit Hanna – einer bemerkenswerten Frau. Äußerlich muss sie sozusagen an dem unfruchtbaren Zustand des Volkes teilnehmen: Sie bekommt keine Kinder, und das offenbar über einen langen Zeitraum, denn ihre Widersacherin, Peninna, hatte bereits mehrere Kinder, vielleicht sogar schon zehn Söhne (1. Sam 1,2.8). Aber innerlich ist sie eine Frau voll Glaubens und geistlicher Einsicht. Der Kummer ihrer Kinderlosigkeit, verstärkt durch die Kränkungen Peninnas, muss unbeschreiblich gewesen sein und kann nur von solchen wirklich nachvollzogen werden, die es selbst erlebt haben. Bei dieser besonderen Frau des Glaubens vermischt sich der eigene Kummer jedoch mit einer noch größeren Not – der Not, dass niemand da ist, der diesen Zustand des Versagens im Volk beenden kann. Ihre Tränen sind insofern vergleichbar mit denen des Sehers Johannes in Offenbarung 5,4. Wie muss sie unter dem Anblick des Treibens der Söhne Elis gelitten haben, wenn sie Jahr für Jahr mit Elkana nach Silo zog. Sie hängt an ihrem Gott und an dem Ort des Heiligtums, aber was muss sie dort mit ansehen? Niemand findet sich, der dem ein Ende bereitet, und sie selbst ist unfruchtbar.

Ihre tiefen inneren Übungen erkennen wir, wenn wir ihr Gelübde hören (1. Sam 1,11). Sie sehnt sich nach einem Sohn, aber nicht nur für sich. Sie wünscht sich nicht nur ein kleines Kind, das sie in den Armen wiegen kann, sondern einen männlichen (starken) Nachkommen, „damit er vor dem Herrn erscheine und dort für immer bleibe“ (1. Sam 1,22). Er soll ganz dem Herrn gehören und das Herz des Volkes zurückführen und sie unter die Autorität des Königs nach seinem Herzen bringen.

Ihre tiefe geistliche Einsicht erkennen wir darin, dass sie die Erste ist, die durch den Geist Gottes geleitet wird, ihren Gott mit dem Titel „HERR der Heerscharen“ anzusprechen – einem Titel, der im weiteren Verlauf des Alten Testaments immer wieder im Zusammenhang mit der königlichen Würde Gottes verwendet wird. Sie ist auch die Erste, die das Wort „Messias“ (Gesalbter, 1. Sam 2,10) in den Mund nimmt. Dabei spricht sie über eine Herrschaft über die Grenzen Israels hinaus bis an die „Enden der Erde“. Was für einen Weitblick gewährt der Herr dieser Frau. Ihre gedemütigte und selbstlose Haltung macht sie zu einem brauchbaren Werkzeug in der Hand Gottes, sowohl als Prophetin als auch als Mutter dessen, der die Reihe der Propheten anführt (Apg 3,24; 13,20). Mit der Geburt ihres Sohnes beginnt Gott das Werk der Wiederherstellung im Volk, dass in der herrlichen Herrschaft Davids und Salomos mündet.

Wo menschlich gesprochen alles am Ende ist, beginnt Gott sein Werk in der Schwachheit der menschlichen Natur, in einer unfruchtbaren Frau, damit nicht der Mensch, sondern die Gnade und Macht Gottes verherrlicht werden.

Möge Gott auch heute, in einer Zeit, in der jeder tut, was in seinen eigenen Augen recht ist, solche selbstlosen und gedemütigten Mütter (und Väter) im Volk Gottes erwecken, in denen Er das Werk der Wiederherstellung beginnen kann, sodass durch prophetischen Dienst die Herzen des Volkes wieder unter die Autorität des wahren David, Christus, gebracht werden.