Das Thema Vergebung nimmt in der Bibel einen breiten Raum ein, insbesondere im Neuen Testament. Es ist sehr hilfreich, wenn man bei der Vergebung durch Gott drei Aspekte voneinander unterscheidet.

Die Vergebung für die Ewigkeit

Diese Vergebung empfängt der Sünder, wenn er in Buße mit seiner Lebensschuld zu Gott kommt und seine Sünden bekennt. Das Verhältnis mit Gott kommt auf ewig in Ordnung. Siehe Apostelgeschichte 10,43; 13,38.39.

Die Vergebung zur Wiederherstellung

Diese Vergebung empfängt das Kind Gottes, wenn es seine Sünde vor seinem himmlischen Vater bekennt. Die praktische Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn wird wiederhergestellt. Siehe 1. Johannes 1,9 (diese Stelle zeigt natürlich einen allgemeinen Grundsatz) und 1. Johannes 2,1.2Jakobus 5,15.[1]

Die Vergebung in der Regierung

Diese Art der Vergebung empfängt der Gläubige, wenn er seine Schuld einsieht und Gott sein Ziel in seiner Regierung erreicht hat. Im Neuen Testament sehen wir das an verschiedenen Stellen: Matthäus 6,12–14; 18,35; Markus 11,25.26. Es fällt dabei auf, dass es dabei immer um Vergebung geht. Wer nicht vergibt, dem wird nicht vergeben werden. Wir sollen im Herzen vergeben und mit unserem Mund (Mk 11; Mt 18). Wir sollen allen Schuldnern vergeben und besonders als Christen untereinander.

Strafe wird auf der Erde nicht ausgeführt

Um die Vergebung in der Regierung zu verstehen, müssen wir erkennen, dass „vergeben“ an manchen Stellen der Bibel bedeutet, dass eine Strafe für die Erde aufgehoben oder aufgeschoben wird. Das zeigt sehr deutlich 1. Mose 18. In diesem Kapitel kommt zum ersten Mal das Wort „Vergebung“ in der Bibel vor. Gott hätte die Strafe in Sodom nicht ausgeführt, wenn genug Gerechte in dieser Stadt gewesen wären, entsprechend der Fürbitte von Abraham. Diese Vergebung hat nichts damit zu tun, in welchem Verhältnis die Bewohner von Sodom und Umgebung zu Gott standen und wo sie die Ewigkeit zubringen werden.

Weil der böse König Ahab sich aufgrund der Worte Elias demütigte, wird das Gericht nicht mehr zu seinen Lebzeiten ausgeführt; siehe 1. Könige 21,27–29.

In Lukas 23 finden wir, wie Jesus um Vergebung für die bittet, die sich seiner Kreuzigung schuldig gemacht haben. Aufgrund dieses Gebets kam das Gericht nicht sofort, sondern das Evangelium der Gnade wurde zuerst in der schuldigen Stadt Jerusalem verkündigt. Das Angebot der Gnade wurde im Allgemeinen abgelehnt, und so kam dann doch noch Gericht über die Stadt. Gott wollte dann nicht mehr, wie schon bei der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier, vergeben (Klgl 3,42).

Die Unterscheidung zwischen den Aspekten im Leben Davids

Da im Alten Testament noch nicht die Vergebung in seinem Namen verkündet wurde, bleibt es oft unscharf, wann sich jemand zu Gott bekehrt hat. Aber David hat es getan. Und die Glückseligkeit der Vergebung, von der David spricht, wird von Paulus auf die Vergebung eines Sünders angewandt (Röm 4,6–9). Als David seine schreckliche Sünde mit Urija und Bathseba bekannte, sprach Nathan ihm sofort Vergebung zu (2. Sam 12,13). Die Sommerdürre in seiner Seele konnte sich jetzt in Saft verwandeln (Ps 32,4). Die Gemeinschaft mit Gott war wieder in Ordnung! Aber die Folgen in den Regierungswegen blieben doch bestehen (2. Sam 12,14). Nicht immer hebt Gott in seiner Regierung die Folgen der Sünden vollständig auf. Aber er gibt dann auch besondere Kraft zum Tragen.

Eine Illustration

Ein Junge ist Waise und wohnt im Waisenhaus. Er ist 14 Jahre alt und wird straffällig. Ein Ehepaar, das von ihm mehrfach bestohlen wurde, lernt ihn näher kennen, sieht seine Reue und adoptiert ihn. Das Verfahren gegen ihn wird eingestellt und seine Schulden werden von seinen neuen Eltern übernommen. Die Vergangenheit ist geordnet und darauf wird auch niemand mehr zurückkommen.

Doch der Junge muss erst in ein vernünftiges Leben hineinfinden. Er spielt leidenschaftlich gern Fußball und lernt nie. Dementsprechend sind seine Noten. Sein Vater ordnet deshalb an, dass er ein bestimmtes Lernpensum erfüllen muss, bevor er bolzen gehen darf. Doch der Junge hält sich nicht daran und zerschmettert beim Fußballspielen die Fensterscheibe des cholerischen Nachbarn. Der Vater wechselt mit seinem Sohn nach dem Vorfall kaum ein Wort und verhängt ein Fußballverbot. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Endlich macht sich der Junge auf und schleicht zu seinem Vater und bittet ihn um Verzeihung. Der Vater nickt und sagt: „Ist gut, mein Junge.“ Beide wechseln noch einige freundliche Worte und die Atmosphäre ist wieder in Ordnung.

Am nächsten Tag steht der Sohn um 17 Uhr auf der Matte und sagt zu seinem Vater: „Ich habe viel gelernt. Jetzt möchte ich noch etwas Fußball spielen.“ – „Nein“, antwortet der Vater. – „Aber du hast mir doch vergeben, wir reden doch wieder normal miteinander?“ – „Das stimmt. Aber in meiner Erziehung bleibe ich bei meinem Verbot. Du darfst nicht gehen. Das ist besser für dich.“ Der Junge schluckt zweimal und verschwindet wortlos in seinem Zimmer. In den nächsten Tagen büffelt der Knabe eifrig. Auch ist deutlich zu erkennen, dass er nicht mehr einfach „überhört“, was die Eltern ihm sagen. Dann wirft der Vater ihm den Fußball zu und sagt: „Junge, du kannst wieder Fußball spielen gehen. Und du hast dich verändert, das habe ich bemerkt. Die Strafe ist beendet.“

Das anzuwenden ist nicht schwer. Wir haben die ewige Vergebung und sind nun Gottes Kinder geworden. Wir begegnen Gott nicht mehr als Richter, es ist alles geordnet. Allerdings können wir unseren Vater im Himmel betrüben, wenn wir sündigen. Dann ist nötig, dass wir es bekennen. Wenn wir das tun, ist die Gemeinschaft wiederhergestellt. Allerdings kann es sein, dass der Vater in seinen Erziehungswegen die Zucht erst dann wegnimmt, wenn wir uns verändert haben. Das ist die Vergebung in seiner Regierung.

Drei Aspekte der Vergebung 

Diese Arten der Vergebung zu unterscheiden, ist unerlässlich für die Auslegung verschiedener Bibelstellen. Es ist aber auch wichtig für unser Leben als Christen.

Wir sollten dankbar sein für die ewige Vergebung. Das ist ein ungeheures Glück. Wir dürfen dankbar sein, dass wir Schuld als Kinder Gottes bekennen können, und sollten nicht zögern, diesen Schritt zu unserem eigenen Glück zu gehen. Und wir dürfen auch wissen, dass unser Vater jede unserer Bemühungen sieht, uns zu verändern, und dass er uns entsprechend erzieht und uns nichts auferlegt, was unnötig ist.

„Wer seine Übertretungen verbirgt, wird kein Gelingen haben; wer sie aber bekennt und lässt, wird Barmherzigkeit erlangen“ (Spr 28,13).


Fußnoten:

  1. Es ist schon auffällig, dass der Ausdruck „Vergebung“ im Sinn der Beseitigung von Sünden im Neuen Testament nicht im Blick auf Kinder Gottes verwendet wird, mit der Ausnahme von Jakobus 5. Dies geschieht offenbar deshalb, um die dutzendfach bezeugte ewige Vergebung nicht irgendwie abzuschwächen. Es scheint mir nicht falsch zu sein, wenn wir als Kinder Gottes um Vergebung bitten, solange wir das Richtige darunter verstehen. Bei öffentlichen Gebeten wird man aber da vorsichtig sein, weil es missverstanden werden könnte.