„Christliche Gemeinden sollten wissen, dass Gott gewöhnliche Menschen für außergewöhnliche Aufgaben gebraucht.“ Dieses Zitat könnte man gut über das Leben von Lillian Trasher schreiben: eine junge Frau aus den amerikanischen Südstaaten, die mit weniger als 100 Dollar in der Tasche nach Ägypten reiste und dort fünfzig Jahre lang Tausenden von verlassenen Kindern eine Mutter wurde.

Wenn man heute von den großen Missionaren des 20. Jahrhunderts spricht, wird ihr Name oft übersehen. Und doch erreichte ihre selbstlose Liebe zu den Ärmsten der Armen Zehntausende von Kindern. Sie wurde zur „Mutter des Nils“ – einem leuchtenden Zeugnis dafür, was Gott durch ein hingegebenes Leben bewirken kann.

Ein Versprechen im Kindesalter

Am 27. September 1887 wird Lillian Hunt Trasher in Jacksonville, im amerikanischen Bundesstaat Florida als Jüngste von vier Kindern geboren. Ihre Mutter stammt aus einer Quäkerfamilie, die nach dem Bürgerkrieg in den Süden gezogen war, konvertierte jedoch zum katholischen Glauben. So wächst Lillian in Brunswick, Georgia, als Katholikin auf. Eine durchschnittliche Kindheit in bescheidenen Verhältnissen – nichts deutet darauf hin, dass aus diesem Mädchen eine gesegnete Missionarin werden wird.

Doch schon früh geschieht etwas Wichtiges in Lillians Herzen. Mit gerade einmal neun Jahren betet sie in kindlicher Aufrichtigkeit: „Herr, wenn ich je etwas für Dich tun kann, dann lass es mich wissen – und ich werde es tun!“ Ein kindliches Gebet – und doch eine Hingabe, die ihr ganzes Leben prägen wird. Später schreibt sie darüber: „Als kleines Mädchen habe ich Gott versprochen, dass ich alles für Ihn tun würde, was Er von mir verlangt. Ich wusste damals nicht, wohin mich das führen würde.“

Als Teenager kommt Lillian durch Nachbarn in Kontakt mit Menschen, die ihr von einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus erzählen. Tief bewegt geht sie in den Wald und betet noch einmal: „Herr, ich möchte Dein Mädchen sein!“ Von nun an nimmt ihr Glaubensleben eine neue Richtung. Sie verlässt die katholische Kirche und schließt sich einer evangelikalen Gemeinde an.

Die Schule des Glaubens

Mit siebzehn Jahren fährt Lillian nach Atlanta, um sich für eine Stelle als Zeitungsreporterin zu bewerben, ihrem Traumberuf. Die Stelle wird ihr zunächst zugesagt, doch durch ein Missverständnis erfährt sie am nächsten Tag, dass sie bereits an jemand anderen vergeben worden sei. Bitter enttäuscht kehrt sie zurück. War die Ablehnung Zufall – oder Gottes Führung?

Auf dieser Reise trifft sie Miss Mattie Perry, eine lebhafte Missionarin, die in Marion, im Bundesstaat North Carolina, ein christliches Waisenheim leitet. Miss Perry erzählt ihr von der Arbeit mit Waisenkindern und wie sie täglich im Glauben leben, dass Gott für alle Bedürfnisse sorgt. Bevor das Gespräch endet, lädt sie Lillian ein, zu ihr nach North Carolina zu kommen und im Waisenhaus zu arbeiten.

Als die Reporterstelle sich als Sackgasse erweist, nimmt Lillian das Angebot an. Von 1908 bis 1910 dient sie unter Miss Perry. Sie lernt zu nähen, zu kochen, Säuglinge zu versorgen und mit knappen Mitteln zu haushalten. Mehr noch: Sie lernt, im Glauben zu leben. Jeden Morgen versammelt Miss Perry alle zum Gebet, bevor sie wissen, ob es an diesem Tag etwas zu essen geben wird. Und immer wieder sehen sie, wie Gott zur rechten Zeit versorgt. Diese Jahre sind Gottes Vorbereitungsschule für Lillians zukünftigen Dienst.

Lillian ist eine schöne, große junge Frau mit einem freundlichen Wesen. Es überrascht daher nicht, dass ihre Liebe erwidert wird: Tom Jordan ist ein attraktiver und respektierter junger Prediger. Die beiden verloben sich und Lillian freut sich darauf, an seiner Seite zu dienen.

Die schwierigste Entscheidung

Dann kommt der Tag, der alles verändert. Lillian nimmt an einer Veranstaltung teil, in dem eine Missionarin aus Indien berichtet. Während diese von den unzähligen Kindern in Not berichtet, brennt plötzlich etwas in Lilian. Sie spürt deutlich: Gott ruft sie in die Mission. Als sie Tom fragt, ob er mit ihr gehen würde, lehnt er höflich ab. Die Mission liegt ihm nicht am Herzen. Er bietet an, die Hochzeit zu verschieben, bis Lillian über diese „Phase“ hinweg ist.

Doch Lillian weiß: Dies ist keine Phase; es ist Gottes Ruf. Zehn Tage vor der geplanten Hochzeit – das Hochzeitskleid ist bereits genäht und die Gäste sind eingeladen – trifft sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Mit gebrochenem Herzen, aber klarer Überzeugung löst sie die Verlobung auf. Sie liebt Tom von ganzem Herzen, aber sie liebt Gott mehr. Jahre später schreibt sie: „Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Aber ich musste Gott gehorchen, nicht meinem Herzen.“

Nun beginnt Lillian, ihre Ausreise konkret zu planen. Doch wohin? Im Jahr 1910 besucht sie eine Missionskonferenz, bei der sie Pastor George Brelsford (manchmal auch Perlsford geschrieben) kennenlernt. Er dient in Assiut in Ägypten. Zunächst zögert er, eine junge, unverheiratete Frau zu ermutigen, doch schließlich lädt er sie ein, zur Mission zu kommen, sofern sie wirklich überzeugt ist, dass Gott sie ruft.

Lillian ist überzeugt. Ihre Familie ist entsetzt. Ohne ihre Zustimmung und mit sehr wenig Geld macht sie sich auf den Weg. Bevor sie abreist, bitten Freunde sie, die Bibel aufzuschlagen und die erste Stelle zu lesen, die ihr begegnet.[1] Sie öffnet die Bibel bei Apostelgeschichte 7,34: „Gesehen habe ich die Misshandlung meines Volkes, das in Ägypten ist, und ihr Seufzen habe ich gehört, und ich bin herabgekommen, um sie herauszureißen. Und nun komm, ich will dich nach Ägypten senden.“ Für Lillian ist das die klare Bestätigung Gottes.

Ankunft am Nil

Am 8. Oktober 1910 besteigt Lillian mit ihrer älteren Schwester Jennie, die sie begleiten will, das Schiff SS Berlin in New York. In ihren Taschen haben sie weniger als 100 Dollar – alles, was sie besitzen. Die Reise führt sie über den Atlantik zum Hafen von Alexandria. Von dort geht es mit dem Zug nach Kairo und dann mit dem Boot den Nil hinunter nach Assiut[2], etwa 370 Kilometer südlich der Hauptstadt.

Assiut ist eine alte Stadt in Oberägypten. Die Hitze ist drückend und die Armut allgegenwärtig. Lillian und Jennie ziehen bei den Brelsford-Missionaren ein und beginnen, Arabisch zu lernen. Lillian fragt sich, wie Gott sie hier genau gebrauchen will. Die Antwort kommt schneller als erwartet.

Nur wenige Monate nach ihrer Ankunft, an einem kalten Februarabend im Jahr 1911, klopft ein Mann an die Tür der Mission. Seine Frau liege im Sterben. Er fragt, ob jemand kommen und für sie beten könne. Lillian und eine ältere Missionarin namens Sela eilen mit dem Mann zu einer kleinen, ärmlichen Hütte. Die junge Mutter liegt auf dem Boden, erschöpft von der Geburt und krank. Neben ihr liegt ein winziges Baby, kaum drei Monate alt, ausgehungert und schmutzig. Seine Kleidung ist ihm auf den Leib genäht. Daneben liegt eine alte Blechflasche mit grüner, verdorbener Milch.

Kurz nachdem sie angekommen sind, stirbt die junge Mutter. Die Großmutter nimmt das Baby. Der Übersetzer flüstert Lillian zu: „Die alte Frau wird das Kind in den Nil werfen. Es ist ein Mädchen, und niemand will es haben.“

Lillian erstarrte. In den Nil werfen? Dieses kleine Leben einfach wegwerfen wie Müll? In diesem Moment weiß sie: „Ich kann dieses Kind nicht zurücklassen.“ Sie fragt die Großmutter, ob sie das Baby behalten darf. Die Großmutter gibt es ihr, ohne zu zögern.

Als Lillian mit dem schreienden, streng riechenden Säugling zur Mission zurückkehrt, sind die Missionare entsetzt. „Das kannst du nicht tun!“, sagen sie. „Bring das Kind zurück ins Dorf!“ Doch Lillian weigert sich. In ihrem Herzen weiß sie: Gott hat sie nicht 10.000 Kilometer über den Ozean geführt, um jetzt wegzuschauen.

Die anderen Missionare können wegen des ständigen Schreiens des Babys nicht schlafen. Der Druck wächst. Schließlich trifft Lillian eine Entscheidung: „Wenn mir niemand helfen will, dann werde ich alleine für dieses Kind sorgen.“ Mit ihren letzten Ersparnissen mietet sie ein kleines Haus für 12,50 Dollar im Monat, kauft einige Möbelstücke und gründet so am 10. Februar 1911 das Assiut-Waisenhaus. Ein Baby. Eine junge Frau. Ein großer Gott.

Das Baby nennt sie Fareida – „die einzigartige und kostbare Perle“[3].

Die ersten Jahre des Glaubens

Nun beginnt für Lillian ein Leben, das sie bis an ihr Ende führen wird: ein Leben der völligen Abhängigkeit von Gottes Versorgung. Oft hat sie morgens nicht genug Essen für den Tag. Die erste Spende, die sie erhält, sind 35 Cent – gerade genug für das Essen eines Tages.

Es dauert nicht lange, da werden ihr weitere Kinder gebracht. Bis zum Ende des Jahres 1911 hat sie bereits fünf Waisen aufgenommen. Lillian bettelt buchstäblich um Nahrung. Sie geht von Tür zu Tür, bittet Geschäftsleute und Bauern um Hilfe. Viele spotten über die junge Amerikanerin. Manchmal wird sie sogar angespuckt oder beschimpft. Aber Lillian gibt nicht auf.

Im Jahr 1914 hat sie bereits acht Kinder und richtet eine kleine Schule und Bibelstunden ein. Bis 1918 sind es fünfzig Kinder und acht Witwen. Ein örtliches presbyterianisches Krankenhaus erklärt sich bereit, jeweils bis zu sechs kranke Waisenkinder kostenlos zu behandeln – eine enorme Hilfe.

Immer wieder erlebt Lillian, wie Gott zur rechten Zeit eingreift. Eines Morgens wacht die ganze Waisenhausfamilie auf und findet – nichts. Kein Brot, keine saure Milch, gar nichts zu essen. Unerschüttert versammelt Lillian alle Kinder um den leeren Tisch und betet: „Herr, wir danken Dir für das wunderbare Essen, das Du uns heute schicken wirst!“ Kaum ist das Amen gesprochen, als ein Lastwagen vor dem Haus hält und Säcke mit Mehl, Reis, Bohnen und Erbsen sowie Kisten mit Milch, Brot und Eiern ablädt – ein Geschenk eines anonymen Spenders.

Ein anderes Mal benötigt Lillian dringend 300 Dollar. Ihr ägyptischer Mitarbeiter namens Fize fragt: „Warum nicht 500?“ Etwas zögernd betet Lillian: „Nun gut, Herr, Du tust, was Du für richtig hältst.“ Auf dem Weg in die Stadt trifft sie den Briefträger. Im Brief ist ein Scheck über 1.000 Dollar.

Schwester Jennie kehrt heim

Ende 1918 kehrt Schwester Jennie in die USA zurück. Kurz darauf muss auch Lillian das Land verlassen. Nach dem Ersten Weltkrieg kommt es zu schweren antibritischen Aufständen in Ägypten. Auch wenn die Amerikaner neutral sind, werden alle Ausländer zur Zielscheibe. Das Waisenhaus wird angegriffen. Lillian versammelt alle Kinder zum Gebet und versteckt sie dann drei Tage lang. Die ganze Zeit über fallen Kugeln um das Waisenhaus. Ein muslimischer Nachbar stellt sich den Plünderern entgegen und schützt das leere Gebäude. „Schämt euch!“, ruft er den Randalierern zu. „Diese Frau hilft unseren Ärmsten!“

In den USA berichtet Lillian über ihre Arbeit. Die finanzielle und gebetsmäßige Unterstützung, die sie dort erfährt, ermutigt sie sehr. Im Frühjahr 1920 kehrt sie nach Ägypten zurück – dieses Mal für immer. 1921 betreut sie hundertfünfzig Waisen, 1924 bereits dreihundert Kinder.

Die Dame auf dem Esel

In den frühen Jahren reitet Lillian auf einem Esel durch die umliegenden Dörfer, um bei Bauern und Geschäftsleuten um Spenden zu bitten. Manchmal ist sie tagelang unterwegs. Die Einheimischen nennen sie bald nur noch „die Dame auf dem Esel“. Es ist ein beschwerlicher Dienst.

Das Waisenhaus wächst kontinuierlich. Lillian nimmt nicht nur gesunde Kinder auf, sondern auch solche mit Behinderungen, Krankheiten und Lepra. Sie nimmt uneheliche Kinder auf, die in der ägyptischen Gesellschaft normalerweise getötet würden. Sie öffnet ihre Tür für Witwen und Blinde. „Wenn es in Gottes Haus keinen Platz gibt“, sagt sie oft, „wo sollte dann Platz sein?“

Selbst der Gouverneur des Sudan erfährt von ihr und schickt aus der fernen Stadt Khartum eine junge Mutter mit ihrem unehelichen Kind, um ihnen das Leben zu retten. Beide wären, wie es damals üblich war, von religiösen Verwandten vergiftet oder ihnen wäre die Kehle durchgeschnitten worden. Anschließend wären ihre Leichen heimlich verbrannt worden und die Polizei hätte, dem öffentlichen Druck gehorchend, keine Fragen gestellt. Viele solcher Mütter suchen Zuflucht bei Miss Lillian. Sie nimmt auch Kinder von Leprakranken auf, die ihnen weggenommen werden, bevor sie sich mit der Krankheit infizieren.

Gemeinsam mit den älteren Kindern stellt sie selbst die Lehmziegel her, um neue Gebäude zu bauen. Sie legt Gemüsegärten an, gründet eine kleine Milchfarm mit Jersey-Kühen und züchtet Hühner und Ziegen, um die Kinder mit frischen Lebensmitteln zu versorgen.

Durch Kriege und Epidemien

Während der 1930er Jahre bleiben die meisten Missionare aufgrund politischer Unruhen nicht in Ägypten. Lillian bleibt. Während der Weltwirtschaftskrise gehen die Spenden aus Amerika auf fast null zurück. Lillian nimmt trotzdem weiter Kinder auf. Sie vertraut darauf, dass Gott auch dies regeln wird.

Dann kommt der Zweite Weltkrieg. 1942 dringt General Rommel mit seinen Truppen tief in Ägyptens Nordwüste vor. Das ganze Land ist in Aufruhr. Plünderer ziehen durch die Gegend. Lillian, nun in mittleren Jahren, steht inmitten von hunderten hungrigen Kindern. Sie betet für ein weiteres Wunder.

Die Antwort kommt auf dramatische Weise. Der amerikanische Botschafter, Alexander Kirk, lässt Lillian nach Kairo rufen. Als sie dort ankommt, kann er seine Aufregung kaum verbergen: Die Briten haben ein Rote-Kreuz-Schiff abgefangen. Eigentlich war es mit Hilfsgütern für Griechenland unterwegs, doch Griechenland war gerade erobert worden. Ein junger schottischer Soldat an Bord kennt das Waisenhaus von Lillian Trasher und hat den Kapitän überzeugt, die Ladung in Alexandria zu entladen. In einem Lagerhaus warten auf Lillian: 2.600 Kleider, 1.900 handgestrickte Pullover, 1.900 Jungenhosen, 3.800 Decken, 1.100 Handtücher, 700 Fässer Milchpulver, 1.200 Säcke Reis und vieles mehr – genug, um den Rest des Krieges zu überstehen. Lillians Gebet ist erhört. Erneut hat Gott seine Treue bewiesen.

Die Cholera-Epidemie

Im Jahr 1947 bricht in Ägypten eine verheerende Cholera-Epidemie aus. Zehntausende sterben. Die hochansteckende Krankheit verbreitet Angst und Schrecken. Eines Tages kommt ein Mitarbeiter zu Lillian: Ein Vater mit seinen beiden Söhnen, vier und sechs Jahre alt, ist nach viertägigem Fußmarsch am Tor angekommen. Die Mutter ist an Cholera gestorben. Lillian sagt zunächst: „Wir können sie nicht aufnehmen – die Ansteckungsgefahr ist zu groß!“

Doch dann steht sie da und denkt nach. Wenn ein christliches Waisenhaus sie nicht aufnimmt – wer dann? Wenn es in Gottes Haus keinen Platz gibt, wo sollte dann Platz sein? Lillian läuft zum Tor zurück: „Kommt herein, kommt herein!“

Wenige Tage später erkrankt der Sechsjährige an Cholera. Lillian betet die ganze Nacht: „Herr, habe ich das Richtige getan?“ Der Junge stirbt. Sein kleiner Bruder jedoch überlebt – und entgegen allen Gesetzen der Natur wird kein einziges weiteres Kind oder Mitarbeiter im Waisenhaus krank. Obwohl rundherum täglich Menschen sterben, bleibt das Waisenhaus verschont. „Keine Plage wird deiner Wohnung nahen“, heißt es in Psalm 91,10. Lillian erlebt die Erfüllung dieser Verheißung buchstäblich.

Ein Leben ohne Heimaturlaub

Fünfzig Jahre lang dient Lillian in Ägypten, ohne sich einen einzigen Heimaturlaub zu gönnen. Wenn sie in die USA reist, dann nur, um Spenden für das Waisenhaus zu sammeln. Bei einer solchen Reise erlebt sie folgende Begebenheit: Eine Gemeinde bucht für sie ein komfortables Hotelzimmer für 20 Dollar pro Nacht. Als Lillian davon erfährt, ist sie entsetzt. „Wisst ihr, wie viel Essen und Medikamente man dafür für die Kinder in Ägypten kaufen kann?” Sie weigert sich, in dem Zimmer zu bleiben, und sucht eine einfachere Unterkunft.

Ihre Bescheidenheit ist sprichwörtlich. Obwohl sie internationale Anerkennung erhält, bleibt sie demütig. Ein muslimischer Dorfvorsteher sagte einmal über sie: „Ich glaube, dass Gott sie, obwohl sie eine Frau und eine Christin ist, direkt ins Paradies nehmen wird, wenn sie stirbt.“

In den 1950er Jahren umfasst das Waisenhaus sechzehn Gebäude auf einem etwa vier Hektar großen Gelände: Schlafsäle, einen Krankenflügel, eine Kapelle, Schulen, Kindergärten, eine Bäckerei, Gärten, Nähzimmer, Tischlerwerkstätten und vieles mehr. Die Kinder lernen dort nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch verschiedene Handwerke, um später ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Im Jahr 1935 schrieb Lillian in einem Brief: „Er hat mich all diese Jahre nie im Stich gelassen, und wir werden ernährt wie die Spatzen, die keine Scheunen oder Vorratskammern haben. Siebenhundert kleine Kinder. Wir schauen noch immer jede Stunde zum Herrn für unsere Bedürfnisse. Oh, Er ist ein so wunderbarer Retter!“

Sie sagt auch: „Ich würde diese Arbeit lieber tun als alles andere auf der Welt: mich um Babys in Ägypten kümmern.“

Die letzten Jahre

Mit den Jahren wird Lillian spürbar älter, aber sie macht weiter. Zwei Monate vor ihrem Tod sagt sie zu einem Besucher: „Es ging nicht nur darum, auf Eseln zu reiten oder schlaflose Nächte wegen der Hitze zu verbringen. Es ging darum, zerbrochene Leben zu heilen, sterbenden Babys Liebe zu geben und zu sehen, wie Gott Wunder tut.“

Viele der Kinder, die im Waisenhaus aufwuchsen, werden später Prediger und Leiter in ägyptischen Gemeinden. Das geistliche Erbe von Lillian Trasher wirkt weit über ihre eigene Lebenszeit hinaus.

Lillian Trasher starb am 17. Dezember 1961 im Alter von 74 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt lebten 1.200 Kinder im Waisenhaus. Insgesamt soll sie in den fünfzig Jahren rund 25.000 Kinder unter ihre Fittiche genommen haben. Im Laufe der Jahre gingen fast 2 Millionen Dollar an Spenden für das Werk ein – alles durch Gebet und Glauben, nie durch Schuldenmachen.

Nach ägyptischem Gesetz wurde sie noch am selben Tag auf dem Gelände des Waisenhauses begraben, das ihre Heimat gewesen war. Tausende kamen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen und der Frau zu danken, die sie geliebt hatten. „Mama Lillian“ – so hatten die Kinder sie genannt. Die Mutter, die sie nie gehabt hatten.

Ihr Grab[4] trägt eine schlichte Inschrift. Doch ihr wahres Denkmal sind nicht Steine, sondern Menschenleben: Tausende von Kindern, die sie aus dem Tod gerettet und ins Leben geführt hat.

Das von ihr gegründete Waisenhaus existiert bis heute. Es beherbergt etwa vierhundert Waisen und vierzig Witwen. Ein Zeugnis dafür, wie Gottes Werk Wurzeln schlägt und weiterlebt.

Das Vermächtnis der Nil-Mutter

Was können wir von Lillian Trasher lernen? Ihr Leben zeigt uns mindestens drei große Wahrheiten:

  1. Gott gebraucht gewöhnliche Menschen für außergewöhnliche Aufgaben. Lillian war keine theologisch ausgebildete Missionarin. Sie hatte kein Vermögen, keine einflussreichen Verbindungen, keine Organisation im Rücken. Aber sie hatte ein gehorsames Herz. Als Gott sprach, folgte sie – auch wenn es bedeutete, ihre größten Träume aufzugeben.

  2. Leben im Glauben bedeutet tägliche Abhängigkeit von Gott. Lillian hatte nie einen großen Spendenkreis, keine garantierten Einkünfte, keine Sicherheiten. Jeden Tag vertraute sie neu darauf, dass Gott versorgen würde. Und Er tat es – fünfzig Jahre lang, ohne einen einzigen Tag des Hungers. 

  3. Die kleinsten und schwächsten Menschen liegen Gott am meisten am Herzen. In Matthäus 25,40 sagt der Herr Jesus: „Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan.“ Lillian nahm diese Worte wörtlich. Jedes verlassene Baby, jedes kranke Kind, jede hilflose Witwe war für sie Jesus selbst.

Als Lillian am Anfang ihrer Reise stand, junges Mädchen mit einem großen Traum, betete sie: „Herr, wenn ich je etwas für Dich tun kann, dann lass es mich wissen – und ich werde es tun!“ Gott nahm sie beim Wort. Und Lillian hielt ihr Versprechen.

Zum Abschluss wiederholen wir den ersten Gedanken: „Christliche Gemeinden sollten wissen, dass Gott gewöhnliche Menschen für außergewöhnliche Aufgaben gebraucht.“ Das ist wahr. Die Geschichte von Lillian Trasher bezeugt es eindrücklich. Sie war eine gewöhnliche Frau mit einem ungewöhnlichen Glauben. Und Gott schrieb durch ihr Leben eine Geschichte, die bis heute weitergeht.

Quellen über Lillian Trasher

Bücher:

Online-Ressourcen:


Fußnoten:

  1. Die sogenannte Bibel-Lotterie-Methode ist nicht empfehlenswert bei alltäglichen Dingen, aber in höchster Not kann Gott auch in dieser Weise zu uns sprechen.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Asyut.
  3. Matthäus 13,45.46.
  4. https://de.findagrave.com/memorial/64747605/lillian_hunt-trasher.