Flavius Josephus – ein wichtiger Zeitzeuge aus dem ersten Jahrhundert

Flavius Josephus gilt als bedeutender Historiker des ersten Jahrhunderts nach Christus. Als gebürtiger Jude beschäftigte er sich vor allem mit der jüdischen Geschichte. Daneben prägt die Tatsache, dass er zugleich römischer Bürger war, seine Werke. Josephus’ Schriften finden allgemein unter Historikern große Anerkennung und gelten durchweg als authentisch. Seine Schriften prägen bis heute das Verständnis der jüdischen Geschichte in der Zeit des Römischen Reiches und werfen Licht auf vieles, das im Alten und Neuen Testament berichtet wird.

Kurzbiografie – wer war Flavius Josephus?

Flavius Josephus wurde 37/38 n.Chr. als Yosef Ben Matityahu in Jerusalem geboren. Er entstammte einer aristokratischen, priesterlichen Familie (allerdings nicht in der Linie der Zadokiden, sondern als Nachkomme der Makkabäer bzw. Hasmonäner).

Josephus erhielt eine ausgezeichnete Bildung in jüdischer Gesetzeslehre und Geschichte. Schon sehr früh beschäftigte er sich mit den jüdischen „Sekten“ (Pharisäer, Sadduzäer, Essener). Nach eigener Aussage entschied er sich selbst für die Pharisäer.

Im Alter von 26 Jahren reiste Josephus nach Rom, um die Freilassung einiger jüdischer Priester zu erwirken, die dort inhaftiert waren. Er bekam Unterstützung durch die einflussreiche Frau des Kaisers Nero, Poppaea Sabina. Diese Erfahrung machte ihn mit dem Machtapparat Roms bekannt.

Während des Jüdischen Krieges (66–70 n.Chr.) war Josephus als Kommandant in der galiläischen Stadt Jotapata. Nach erfolgloser Verteidigung geriet er 67 n.Chr. in römische Gefangenschaft. Weil er aber dem römischen Feldherrn Vespasian voraussagte, dass er einmal Kaiser werden würde, wurde er nach dessen Machtergreifung (69 n.Chr.) römischer Bürger. In diesem Zug nahm er den Namen „Flavius“ an und erhielt die römische Staatsbürgerschaft. Viele Juden nahmen ihm das sehr übel und empfanden es als Verrat.

Josephus begleitete Titus bei der Eroberung Jerusalems und verbrachte danach den Rest seines Lebens in Rom, wo er unter kaiserlichem Schutz stand (Vespasian, Titus, Domitian). Dort erhielt er eine kaiserliche Pension und widmete sich dem Schreiben. Er wurde etwas mehr als 60 Jahre alt und starb ca.100 n.Chr. (das genaue Todesjahr ist nicht bekannt).

Überblick über die wichtigsten Werke – worüber schrieb Josephus?

Flavius Josephus versucht in seinen Werken einen Spagat. Einerseits möchte er den Römern die jüdische Geschichte näherbringen und erklären; andererseits versucht er, die römischen Kaiser für ihn Tun zu rechtfertigen.

Alle Werke von Josephus sind in griechischer Sprache verfasst. Vier Werke von Flavius Josephus gelten als besonders bedeutend

1. Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae)

Die Jüdischen Altertümer gelten als sein Hauptwerk. Sie umfassen insgesamt zwanzig Bücher und wurden ca. 93/94 n.Chr. geschrieben. Darin schildert Josephus die Geschichte des jüdischen Volkes bis zum Ausbruch des jüdischen Krieges[1]. Josephus benutzt dabei sowohl die Bibel als auch die apokryphen Geschichtsbücher (z.B. die Bücher der Makkabäer) und andere Quellen (z.B. die Weltgeschichte des Nikolaos von Damaskus). Das Werk enthält Berichte über bekannte Persönlichkeiten aus der Bibel, zum Beispiel Herodes den Großen, Pontius Pilatus und auch Johannes den Täufer. Auch Jesus Christus wird erwähnt (das sogenannte „Testimonium Flavianum“). Die Jüdischen Altertümer richten sich nicht in erster Linie an Juden, sondern an Nichtjuden (Römer und Griechen) und dienen als apologetische Darstellung des Judentums.

2. Der Jüdische Krieg (Bellum Judaicum)

Dieses Werk beschäftigt sich vor allem mit den Ereignissen des Aufstandes der Juden gegen Rom von 66 bis 70 n. Chr. und mit dem Krieg. Es umfasst sieben Bücher über den Aufstand der Juden in den Jahren 66–70 n.Chr. Das Werk entstand ca. 75–79 n.Chr. und gibt detaillierte Einzelheiten der Zeit vor der Zerstörung von Stadt und Tempel, während des Untergangs und danach. Josephus zeigt die bestehenden politischen Spannungen, die Ursachen und den Verlauf des Krieges. Er beschreibt militärische Abläufe und seine eigene Sicht als Beteiligter. Ziel dieser Bücher ist es, die Katastrophe des Aufstandes zu erklären und zugleich die Römer in einem günstigen Licht zu zeigen.

3. Vita des Josephus

In dieser wenige Jahre vor seinem Tod (ca. 95 n.Chr.) selbst verfassten Biografie verteidigt sich Josephus gegen Vorwürfe, während des jüdischen Aufstandes ein Verräter gewesen zu sein. Er stellt seine eigene Loyalität und sein Verhalten während des Krieges dar. Dabei gibt er Einblicke in sein Leben, beschreibt seine Herkunft sowie seine Motive und Tätigkeiten als Militärkommandeur und Schriftsteller.  Eigentlich sind nur der Anfang und das Ende dem Leben des Autors gewidmet. Der größte Teil des Buches behandelt erneut den Jüdischen Krieg.

4. Gegen Apion

Dieses zweibändige Werk entstand ca. 93 n.Chr. und gilt vor allem als Verteidigungsschrift gegen antijüdische Vorurteile und zugleich als eine Verteidigung des Judentums. Josephus widerlegt die Argumente und Vorwürfe des Apion von Alexandria, einem hellenisierten Ägypter, der als Grammatiker, Literat und Homerphilologe in Alexandria wirkte und sich sehr polemisch und spöttisch dem Judentum und seinen Bräuchen gegenüber geäußert hatte. Josephus erklärt die jüdische Gesetzgebung und Geschichte, um sie seinen römisch-hellenistischen Lesern näherzubringen. Er stellt die Überlegenheit und das Alter des jüdischen Gesetzes in den Vordergrund und verteidigt den Glauben an den einen Gott.

Bedeutung der Werke von Flavius Josephus – was hat er hinterlassen?

Die Werke von Josephus geben wichtige Einblicke in die Geschichte des Judentums – vor allem während der Zeit der Hellenisierung und der römischen Herrschaft unmittelbar nach der Zeitenwende. Sie sind eine wichtige außerbiblische Quelle für die ersten Jahrzehnte nach der Zeitenwende in Israel. Sie helfen, die Zeitverhältnisse besser zu verstehen, in denen die Juden zur Zeit von Jesus Christus lebten und die ersten Christen Zeugnis von Ihm gaben. Ohne Josephus wüssten wir wenig über den Tempel und seine Dienste zur Zeit des Neuen Testamentes, über die jüdischen Sekten (Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten, Essener), über Herodes und seine Familie, über Pontius Pilatus und andere römische Statthalter.

Seine Bücher gelten als authentisch und weitgehend glaubhaft, auch wenn Josephus teilweise widersprüchliche Aussagen macht. Seine Werke wurden von Kirchenvätern und Historikern gleichermaßen geachtet.  Allerdings muss man beim Lesen unbedingt den erwähnten „Spagat“ beachten: Obwohl Josephus gebürtiger Jude war, galt er vielen Juden als Verräter, weil er die römische Staatsbürgerschaft angenommen und sich unter den Schutz der Kaiser gestellt hatte. Dennoch bleibt er ein wichtiger und besonderer Zeitzeuge.

Jesus Christus – was sagt Josephus über Ihn?

Josephus erwähnt unseren Herrn zweimal in seinen Werken. Die bekannteste und ausführlichste Passage findet sich in seinem Werk Jüdische Altertümer und ist unter dem Namen „Testimonium Flavianum“ bekannt (Antiquitates Judaicae, Buch 18, Kapitel 3, Absatz 3). Die Passage ist deswegen wichtig, weil sie die älteste bekannte außerbiblische Erwähnung unseres Herrn in einem Geschichtswerk ist.

Der Text lautet etwa wie folgt: „Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Mann nennen darf. Denn er vollbrachte erstaunliche Taten und war ein Lehrer der Menschen, die gerne die Wahrheit annehmen. Er zog viele Juden und auch viele Griechen an sich. Er war der Christus. Und als ihn Pilatus auf Betreiben der führenden Männer bei uns zum Kreuz verurteilte, hörten die, die ihn zuerst geliebt hatten, nicht auf. Denn er erschien ihnen am dritten Tag wieder lebend, wie die göttlichen Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorhergesagt hatten. Und bis heute besteht das Geschlecht der Christen fort, die sich nach ihm nennen.“

Fairerweise muss man sagen, dass diese Passage als umstritten gilt. Die Forschung streitet seit Jahrhunderten darüber, ob dieser Abschnitt wirklich von Josephus stammt oder später eingefügt bzw. erweitert oder verändert worden ist. Man bezweifelt, dass ein Jude – der kein Christ war – schreibt, dass Jesus der Christus war und am dritten Tag lebend erschien. Die Aussage klingt eher nach einem christlichen Glaubensbekenntnis. Es ist allerdings so, dass alle bekannten Handschriften der Jüdischen Altertümer den Text enthalten und dass frühe Kirchenväter (z.B. Eusebius um 300 n.Chr.) ihn erwähnen.

Es gibt noch einen zweiten Hinweis auf Christus im gleichen Werk. Hier beschreibt Josephus die Ermordung von Jakobus und bestätigt, dass Jesus, der auch „Christus“ genannt wurde, eine historische Person ist und einen Bruder mit Namen Jakobus hatte: „Er berief ein Synedrium, führte den Bruder Jesu, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, und einige andere vor, und ließ sie steinigen.“ Diese Stelle gilt als allgemein anerkannt.

Textüberlieferung – wie gut sind die Schriften von Josephus abgesichert?

Für den Bibelleser stellt sich die Frage, wie die Werke von Josephus durch Textfunde „abgesichert“ sind – vor allem im Vergleich zum Neuen Testament. Ohne hier auf Details einzugehen, kann man sagen, dass die Werke insgesamt in relativ vielen Handschriften überliefert sind, die aber bei weitem nicht das Alter der biblischen Textfunde haben. Die meisten griechischen Handschriften stammen aus dem 11. Jahrhundert und danach. Es gibt keine Papyri aus der Antike, sondern nur mittelalterliche Handschriften. Mithin gibt es eine zeitliche Lücke von fast tausend Jahren zwischen Entstehung und den frühesten bekannten Handschriften. Das ist beim Neuen Testament völlig anders.

Dennoch geht man davon aus, dass die Handschriften relativ sicher sind, denn die Unterschiede betreffen häufig im Wesentlichen nur den Stil, kleinere Auslassungen oder Doppelungen, aber nicht die generellen Aussagen. Insgesamt ist die Textbasis deutlich schwächer als bei der Bibel, aber immer noch gut akzeptabel. Wir können uns mehr oder weniger darauf verlassen, dass wir Josephus mehr oder heute noch so lesen können, wie er ursprünglich geschrieben hat. Deshalb gelten die Werke von Josephus zu Recht als eine der zuverlässigsten außerbiblischen Quellen für das erste Jahrhundert in Israel.


Fußnoten:

  1. Als jüdischer Krieg gilt der Aufstand der Juden gegen die römischen Besatzer (66–70 n.Chr.) in Judäa. Er wurde durch die politische und religiöse Unterdrückung der Juden durch die Römer ausgelöst und endete mit der Eroberung und Zerstörung Jerusalems einschließlich des Tempels. Josephus gibt die Zahl der Toten mit über 1 Million an (was jedoch allgemein als unwahrscheinlich gilt).