Heute vor zweihundert Jahren, am 14. Februar 1826, starb in Weimar Johannes Daniel Falk, der 1768 in Danzig geboren wurde. Wenn man ihn heute noch kennt, dann vor allem durch das 1816 gedichtete bekannte Weihnachtslied „O du fröhliche“, das ursprünglich ein „Dreifeiertagslied“ war, in dem die drei Hauptfeste des sog. Kirchenjahres Weihnachten, Ostern und Pfingsten besungen werden. Doch wer war Johannes Daniel Falk eigentlich und was hat er uns hinterlassen?
Hintergrund
Johannes Daniel Falk hatte keine besondere Ausbildung, dennoch hat er ein geistliches Erbe hinterlassen, von dem gläubige Eltern bis heute lernen können. Von Haus aus war Falk ein belesener Humanist, Satiriker und Schriftsteller. Doch Gott führte ihn einen anderen Weg, als sein Werdegang es zunächst vermuten ließ. Er gab ihm eine Aufgabe, die sein eigenes Leben und das vieler junger Menschen tief veränderte. Bis heute profitieren wir von seinem Beispiel.
Zur Zeit Falks herrschte in Elternhäusern, Schulen und Waisenhäusern ein sehr autoritärer Erziehungsstil. Disziplin, Zucht und Ordnung galten als oberste Tugenden. Drakonische Strafen, Prügel und oft auch Isolation waren übliche Mittel, um Kinder zu erziehen. Das galt umso mehr für arme und elternlose Kinder, die in Falks Leben eine besondere Rolle spielten.
Falk lebte in der Zeit der napoleonischen Kriege, die großes Leid über viele Teile Mitteleuropas brachten. Davon betroffen waren vor allem Kinder, die ihre Eltern verloren hatten und oft unter schwierigsten Umständen in Waisenhäusern aufwuchsen. Es waren oft Straßenkinder, Kriegswaisen, verlassene und verwahrloste Kinder. Das Leid dieser Kinder ließ Falk nicht unberührt. Sein Mitleid lähmte ihn jedoch nicht, sondern ließ ihn vielmehr handeln.
Sein eigenes Erleben prägte Falk. Vier seiner eigenen sieben Kinder starben an Typhus. Er gab seine schriftstellerischen Projekte auf und setzte sich für die Integration der durch die Kriege heimatlos gewordenen Waisenkinder ein. Die ersten dreißig Kinder wurden in seine Familie integriert und konnten nur mit Mühe und Not ernährt werden. In seiner Wohnung wurden die Kinder unterrichtet und erhielten eine Art Ausbildung. Wenig später musste für die wachsende Zahl von Kindern eine neue Unterkunft gefunden werden. Falk erwarb einen verfallenen Hof und richtete dort das „Rettungshaus für arme Kinder“ ein, das später als „Lutherhaus“ bekannt wurde.
Falks Wunsch war es, dass diese Kinder nicht auf der Straße lebten oder in den kalten Institutionen der damaligen Waisenhäuser aufwuchsen. Er wollte ihnen ein „Zuhause“ geben, das von einer christlichen Atmosphäre des Glaubens und der Liebe geprägt war.
Pädagogischer Ansatz
Der pädagogische Ansatz Falks unterschied sich deutlich von dem, was damals an der Tagesordnung war. Während die meisten Elternhäuser und Einrichtungen für Kinder ihre Erziehung vor allem auf Strenge, auf Zucht und zum Teil drakonische körperliche Strafen gründeten, ging Falk einen anderen Weg. Er basierte seine Erziehung auf Vertrauen, auf Herzenswärme und Glauben. Damit wurde er zu einem Wegbereiter einer beziehungsorientierten Pädagogik. Sein Menschenbild war anders als das vieler seiner Zeitgenossen. Er sah in jedem Kind – ob arm, vernachlässigt oder verkommen – ein Geschöpf Gottes. Er schrieb: „Auch der zerlumpte Betteljunge ist ein Ebenbild Gottes, und wer ihn verachtet, verachtet den Schöpfer selbst.“
In einer Zeit, in der viele Kinder vernachlässigt oder mit großer Strenge erzogen wurden, galt diese Sicht als revolutionär. Falk glaubte, dass Kinder vor allem durch Liebe und Wertschätzung positiv verändert werden konnten. Eine seiner Aussagen lautete: „Man kann die Menschen nicht verändern, wenn man sie nicht liebt.“
Liebe statt Strafe
Damit legte Falk ein Fundament, das uns heute selbstverständlich klingt, damals aber alles andere als das war: Pädagogik beginnt nicht mit Härte und strengen Erziehungsmethoden, sondern mit dem Herzen. Während viele Kinder mit äußerster Strenge erzogen wurden, führte Falk „seine Kinder“ in einem anderen Geist. Er wollte „nicht die Rute, sondern das Herz bewegen“. Körperliche Züchtigung war nicht ausgeschlossen, stand aber nicht im Zentrum seiner Pädagogik. Wenn Korrektur nötig war, sollten die Kinder nicht gedemütigt, sondern aufgerichtet werden. Für Falk war dabei das gute Vorbild der Erziehenden entscheidend. Er sagte: „Kinder lernen nicht, was man ihnen befiehlt, sondern was man ihnen vorlebt.“
In diesem Geist begegnete er „seinen Kindern“ mit einer Haltung der Liebe und Wertschätzung. Er sprach mit ihnen und ließ sie spüren, dass sie trotz aller Fehler und notwendiger Korrekturen von ihm geschätzt und angenommen wurden. Falk lebte gemeinsam mit den Kindern, er aß mit ihnen und vor allen Dingen: Er betete mit ihnen und brachte ihnen Gottes Wort nahe. Sie sollten ihn nicht nur als „Vorgesetzten“ und „Erzieher“ sehen, sondern als Vater und Freund. Von ihm stammt der Satz: „Erziehen heißt: leben helfen. Wer Leben lehren will, muss mit-leben.“ Dieser beziehungsorientierte Ansatz war damals in der Tat neu. Kinder sollten erleben, dass Gott sich ihnen zuwendet – und dass der Erzieher ein Werkzeug in der Hand Gottes ist, um dessen Zuwendung zu erfahren.
Bei aller Liebe Falks zu „seinen Kindern“ war ihm klar, dass Liebe nicht alles ist. Jedes Kind sollte lernen, Verantwortung zu übernehmen. Dazu wollte er die Basis legen. Seine Pädagogik war liebevoll, aber gleichwohl zielorientiert. Seine Kinder arbeiteten in Haus und Hof, lernten Lesen, Schreiben, Rechnen und wurden als Handwerker ausgebildet. Wichtig war es für Falk, dass sie für andere nützlich sein sollten. Er sagte: „Wer arbeiten darf, ist kein Bettler mehr, sondern ein Mensch, der anderen dient.“ Hinzu kam, dass er die säkulare Bildung mit geistlicher Bildung verband. „Brot und Bibel“ bildeten sozusagen eine Einheit. Er wollte den Kindern zeigen, dass Gott für Geist, Seele und Leib sorgt – und dass man das eine nicht vom anderen trennen kann.
Was wir von Falk lernen können
Falk war ein Pädagoge der Herzen. Sein Erziehungsstil war seiner Zeit weit voraus und doch war er nicht wirklich neu. Er basierte in wesentlichen Elementen auf dem, was die Bibel uns lehrt. Wir können sie deshalb „liebevoll geprägte Pädagogik“ nennen – in dem Bewusstsein, dass Liebe nicht alles in der Erziehung ist, aber ohne Liebe in der Erziehung alles nichts ist.
Gläubige Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, können von Falk lernen. Es ist die Aufgabe von Eltern, ihre Kinder zu erziehen – und zwar für den Herrn. Die Bibel macht klar, dass Erziehung ohne Liebe nicht funktioniert. Sie zeigt zugleich, dass Erziehung in der „Zucht und Ermahnung“ des Herrn erfolgen soll – ohne dabei die Kinder zum Zorn zu reizen (Eph 6,4). Jedes Kind ist ein Geschöpf und Geschenk Gottes, für das wir dankbar sein sollten. So und nicht anders sollten wir Kinder sehen und mit ihnen umgehen. Jedes Kind hat als Geschöpf Gottes eine eigene Würde. Jedes Kind ist ein Ebenbild Gottes. Falk sagte: „Erziehung ist ein Werk der Gnade, nicht der Macht.“ Eltern sollen ein Umfeld der Liebe, der Wertschätzung und des Vertrauens schaffen, in dem es ihnen leichtfällt, Gehorsam zu lernen und zu praktizieren.
Christliche Erziehung ist zielorientiert. Das Prinzip von „Brot und Bibel“ hilft uns dabei. Wir versorgen unsere Kinder körperlich und lehren sie zugleich die Wahrheit der Bibel. Zum einen geht es darum, Kinder auf das Leben vorzubereiten. Dabei vermeiden wir zwei gegensätzliche Gefahren, nämlich die Kinder zu „dressieren“ oder sie zu „verwöhnen“. Kinder sollten im Elternhaus zu eigenständigen Personen heranwachsen, die über die notwendige Sozialkompetenz verfügen und sich in ihrem Umfeld angemessen zu verhalten wissen. Eltern leiten sie an, mit den eigenen Händen zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen. Zum anderen geht es darum, dass sie Jesus Christus früh als ihren Heiland und Herrn annehmen, dem sie einmal dienen. Unser Herr möchte die Kinder für sich haben (Mk 10,14).
Dabei spielt das Beispiel der Eltern eine entscheidende Rolle. Das Vorbild der Eltern ist wichtig. Wenn Eltern „mit ihren Kindern mit-leben“, sind sie authentisch und glaubwürdig. Kinder werden vor allem durch das geprägt, was Eltern ihnen vorleben – weniger durch das, was sie ihnen sagen. Ein Erzieher wirkt mehr durch das, was er ist, als durch das, was er sagt. Erziehung besteht nicht primär aus Anweisungen von außen, sondern ist eine Beziehung, die durch Vorbild und Liebe geprägt wird.
Falks Ansatz war ganzheitlich. Er wollte das Herz, die Hand und den Glauben der Kinder prägen. Darum geht es. Kinder sollen nicht einfach „funktionieren“. Sie sollen zuerst verstanden und geliebt werden. Auf dieser Basis lernen sie Gehorsam, Ordnung und reifen zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heran, die einmal für ihren Herrn nützlich sind.
Fazit
Johannes Falk hat kein ausformuliertes theologisches oder theoretisches pädagogisches System hinterlassen, sondern ein lebendiges Beispiel. Seine Pädagogik setzt auf Beziehung und Vorbild und ist glaubensbasiert, respektvoll und liebevoll konsequent.
Sein „Rettungshaus“ bestand fort. Andere Menschen, denen Kinder am Herzen lagen, orientierten sich an ihm (z.B. Wichern, Bodelschwingh). Zahlreiche Sozialeinrichtungen tragen bis heute den Namen von Johannes Falk. Sogar Straßen sind nach ihm benannt worden. Die Evangelische Kirche in Deutschland erinnert mit einem Gedenktag im Evangelischen Namenkalender am 14. Februar an Johannes Falk.
Aber es ist mehr als das: Johannes Falk bleibt ein Beispiel für Eltern, die Erziehung von Kindern als Auftrag Gottes verstehen und sie in seinem Sinn früh und dauerhaft prägen möchten. Kinder benötigen keine perfekten Eltern, sondern Menschen, die sie lieben und ihnen den Weg zum Vaterherz Gottes öffnen. Kinder werden nicht mit Härte und Druck, aber auch nicht mit Gleichgültigkeit und falsch verstandener Toleranz erzogen. Echte Erziehung geht von Herz zu Herz. „Nicht Zwang verändert den Menschen, sondern Liebe.“
