„Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst aus; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke“ (V. 10).
In den Schriften des Johannes kommen sehr oft solche Ausdrücke wie in diesem Vers 10 vor: „ich in Ihm“, „Er in mir“. Wenn es sich auf die Gläubigen bezieht, dann geht es bei den Worten „Er in uns“ um Offenbarung, und es geht um Gemeinschaft, wenn es heißt „wir in Ihm“. Aber hier geht es um den Vater und den Sohn. Wenn der Herr Jesus sagt, dass „ich in dem Vater bin“, dann haben wir hier den Gedanken, dass Er wirklich wesensmäßig genauso Gott ist wie der Vater, dass Er eine göttliche Person ist. Es wäre auch unmöglich gewesen, dass der Vater in einer Person offenbart wird, die nicht selbst Gott ist. Wir merken einfach, dass die Herrlichkeit der Person des Herrn Jesus der Schlüssel zu dem ist, was Philippus eigentlich gern wollte, nämlich den Vater sehen. Der Schlüssel ist, zu erkennen, wer der Herr wirklich ist. Er ist in dem Vater und das andere gehört dann direkt dazu. Und „der Vater in mir“ meint dann, dass die vollkommene Offenbarung des Vaters im Sohn zu sehen ist.
Gott ist ein Geist und Er bewohnt ein unzugängliches Licht (1. Tim 6,16), und Gott brauchte einen Mittler zwischen Ihm und den Menschen (1. Tim 2,5). Kol 1,19 sagt, dass es das Wohlgefallen der ganzen Fülle der Gottheit war, in dem Herrn Jesus zu wohnen. In Heb 1,2 lesen wir, dass Gott im Sohn geredet hat, der die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens ist. Und hier sagt der Herr Jesus, dass der Vater in Ihm ist. Das heißt, dass Gott der Vater offenbart ist in dem Herrn Jesus.
Der Herr hat deutlich empfunden, dass diese erhabenen Wahrheiten von den Jüngern nicht wirklich erfasst worden sind. Deshalb geht Er in dem nächsten Satz praktisch einen Schritt zurück; Er kommt dem Verständnis der Jünger etwas entgegen und spricht nicht mehr von den Wesensbeziehungen innerhalb der Personen der Gottheit, sondern von hörbaren Worten und sichtbaren Werken. Der Vater war auch in allen Worten und Werken des Herrn Jesus, tagein, tagaus, in jeder Bewegung, in jeder Handlung, in jeder Art und Weise, völlig zu erkennen. Würden sie auf die Worte des Herrn hören, würden sie vollkommene Harmonie mit dem Vater erkennen, ebenso bei seinen Werken.
Der Herr gibt in diesem Vers also ein dreifaches Zeugnis, aber die letzten beiden Punkte sind doch eine gewisse Abstufung zu dem, was Er am Anfang des Verses gesagt hatte. Was der Herr Jesus sagte, waren Worte des Vaters, Worte Gottes (Joh 12,49). Man staunt, dass der Herr Jesus in dieser Stelle sogar von einem „Gebot“ spricht. Sein Reden war sozusagen Gehorsam. Es war eine Stellung der Unterordnung, die Er eingenommen hatte, und aus dieser Position heraus redete Er. Aber Er redete das, was der Vater sagte, der Vater selbst war gewissermaßen die Quelle seiner Worte – ohne etwas davon wegzunehmen, dass der Sohn selbst auch das Wort ist.
Die Worte, die der Vater Ihm gegeben hat, hat Er den Jüngern gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass Er von dem Vater ausgegangen ist (Joh 17,8). Das sagt der Herr Jesus vorausblickend auf die Zeit, wenn der Heilige Geist nach dem vollbrachten Werk Wohnung in den Gläubigen genommen haben würde. Alles, was der Herr Jesus sagte, war göttliche Mitteilung, Mitteilungen des Vaters. Er hat nicht nur kein falsches Wort gesprochen, Er hat nicht nur rechte Worte gesprochen, Er hat nicht nur Worte gesprochen, die den Vater vor Augen stellten oder Ihn verherrlichten. Er hat überhaupt kein einziges Wort gesprochen, das nicht vom Vater ausging. Das ist unfassbar. Kein Mensch, der nur Mensch ist, kann so etwas sagen. Das kann nur jemand sagen, der Sohn ist, der bei dem Vater ist, der in dem Vater ist. Er war immer in dem, was seines Vaters ist (Lk 2,49); von Beginn seines Lebens hat Er nicht ein Wort gesprochen, das nicht von dem Vater selbst ausgegangen wäre. So eng ist dieses Einssein, so tief hat Er sich erniedrigt.
Sowohl im Blick auf die Worte als auch auf die Werke des Herrn Jesus wird gerade in diesem Evangelium etwas Einmaliges sichtbar. In Kapitel 7,46 müssen auch die Diener der Pharisäer und Hohenpriester anerkennen: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch“. Und im Blick auf die Werke des Herrn Jesus finden wir in Kapitel 9,32: „Von Ewigkeit her ist nicht gehört worden, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen aufgetan hat“. Wir merken also, dass der Herr Jesus einzigartig ist.
Wir können auch an seinen Worten über die Wesensgleichheit mit dem Vater erkennen, dass der Herr Jesus sich als der ewige Sohn Gottes zeigt. Aber dann folgen diese Worte und Werke, die zeigen, dass der Herr Jesus vor uns steht als der Mensch gewordene Sohn Gottes, der in einer Stellung der Unterordnung unter den Vater oder auch, wie wir es vielleicht so sagen können, in vollkommener Abhängigkeit vom Vater hier gelebt hat. Und das war auch notwendig, um den Vater zu offenbaren. Der ewige Sohn musste Mensch werden, damit wir in Ihm den Vater sehen können. Er hat diese Offenbarung des Vaters als Mensch gewordener Sohn Gottes völlig gelebt in allem, was Er gesagt hat, und in allem, was Er getan hat. Weil Er in einer vollständigen Abhängigkeit vom Vater als Mensch hier gelebt hat, ist alles, was Er gesagt hat und getan hat, ein Ausdruck oder eine Offenbarung von dem gewesen, was der Vater ist.
Wenn wir an zwei Personen, zwei Menschen denken, dann meinen wir, dass diese beiden Personen unabhängig voneinander handeln, unabhängig voneinander reden und Entscheidungen treffen. Aber das ist bei dem Vater und dem Sohn nicht der Fall. Sie sind eins. Wir empfinden, dass wir hier an Grenzen kommen, das wirklich ganz erfassen zu können. Doch wenn wir den Herrn Jesus einmal unter diesem Blickwinkel in den Evangelien betrachten, dann bekommen wir tatsächlich einen greifbaren Eindruck von dem Vater. Nehmen wir Johannes 3: Der Vater ist immer ansprechbar, man kann auch bei Nacht zu Ihm kommen. Oder Johannes 4: Der Vater sucht Anbeter, macht sich deswegen auf den Weg und setzt sich in der Person des Sohnes an den Brunnen, um dort dieser Frau zu begegnen. Der Vater sieht den seit 38 Jahren Kranken an dem Teich von Bethesda und möchte ihn gesund machen (Joh 5,17). Der Vater hatte ihnen das Brot aus dem Himmel gegeben (Joh 6,32). Der Vater sieht die Durstigen dastehen und ruft ihnen zu, zu Ihm zu kommen (Joh 7,37). Der Vater hat auch das gleiche Interesse an den Schafen wie der Herr Jesus selbst (Joh 10,27–30). Man muss nur den Herrn Jesus anschauen, dann weiß man, wie der Vater ist. So weit weg ist Er nicht. Wir wissen, wer Er ist und wie Er ist, weil wir den Herrn Jesus kennen. Deswegen können wir uns nur gegenseitig ermutigen: Studieren wir das Leben des Herrn Jesus, studieren wir sein Wesen, seine Worte, seine Werke. Dann kennen wir auch den Vater.
Am Schluss des Verses spricht der Herr Jesus von dem Vater, „der in mir bleibt“. Dazu steht in der Anmerkung der Ausdruck „der in mir wohnt“. Das ist ein etwas anderer Gedanke als der, dass der Vater die Quelle der Worte und der Werke des Herrn Jesus ist. Es zeigt die unzerbrechliche Beziehung, Gemeinschaft mit dem Vater, das permanente Wohlgefallen an seinem geliebten Sohn, der als Mensch auf der Erde war.
„Glaubt mir, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist; wenn aber nicht, so glaubt mir um der Werke selbst willen“ (V. 11).
In Joh 10,30 hatte der Herr Jesus diese erhabene Tatsache schon einmal ausgesprochen: „Ich und der Vater sind eins“, und in Joh 10,38 finden wir es in Verbindung mit seinen Werken sehr ähnlich. Aber diese Worte jetzt sind nicht einfach nur eine Wiederholung. Wenn der Herr etwas zweimal sagt, dann zeigt das auch, dass es eine ununterbrochene Wirklichkeit ist.
Es fällt auf, wie oft in diesen wenigen Versen vom Glauben die Rede ist. In Vers 10 sagt der Herr: „Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin?“, dann in Vers 11: „Glaubt mir, dass ich in dem Vater bin.“ Am Ende von Vers 11 lesen wir: „So glaubt mir um der Werke selbst willen“, und in Vers 12: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt …“. Hier wird also viermal der Glaube erwähnt. Das macht uns sehr deutlich, dass wir in diesen Versen nicht etwas haben, was wir mit unseren natürlichen Sinnen erfassen, weder mit unseren Ohren noch mit unseren Augen noch mit unserem Verstand, sondern dass es etwas ist, was wir mit dem Herzen aufnehmen müssen. Das galt für die Jünger damals und das gilt auch für uns heute.
Der Herr macht hier doch einen gewissen Unterschied zwischen seinen Worten und seinen Werken. Die Worte waren nötig, um Ihn als die Offenbarung des Vaters zu erkennen. Die Werke bestätigten seine Worte, aber die Worte stehen hier nicht umsonst an erster Stelle. Er wirkt als Sohn Gottes, um zu zeigen, dass er der Gesandte des Vaters ist, der gekommen ist, um den Vater zu offenbaren (vgl. Joh 6,32; 9,4; 11,41.42). In seinen Werken hat Er nicht nur göttliche Macht offenbart, sondern auch etwas gezeigt vom Vater und von seiner Beziehung zum Vater.
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe“ (V. 12).
Bis einschließlich Vers 11 haben wir uns mit Dingen beschäftigt, die in Verbindung stehen mit dem Leben des Herrn Jesus auf der Erde. Da hat die Offenbarung Gottes durch Ihn stattgefunden, durch Worte und durch Werke, die Er von dem Vater empfangen hatte. Ab Vers 12 spricht der Herr Jesus jetzt von Dingen, die verbunden sind mit seiner Abwesenheit, mit der Zeitepoche, in der Er beim Vater wäre und nicht mehr hier auf der Erde anwesend. Mit diesem Vers 12 fängt jetzt also ein anderer Abschnitt an, der eingeleitet wird mit einem doppelten „Wahrlich, wahrlich“. Wenn eine Person der Gottheit „wahrlich, wahrlich“ oder, wie es auch bedeutet, „Amen, Amen“ sagt, dann steht die ganze göttliche Autorität dahinter; das, was jetzt gesagt wird, wird genauso kommen, wie diese Person es sagt.
Der Blick wird jetzt auf diejenigen gelenkt, die in der Abwesenheit des Sohnes das fortführen, was zur Verherrlichung und zur Ehre des Vaters ist. Die Bedingung dafür ist, an Ihn zu glauben. Das ist etwas Höheres, als Ihm zu glauben. An jemanden zu glauben bedeutet, an eine Person mit all ihren Attributen zu glauben – und das kann man nur von einer Person der Gottheit sagen. Es geht also nicht nur darum, den Worten oder Werken einer Person Glauben zu schenken, sondern an diese Person selbst zu glauben.
Wer also an den Herrn Jesus glaubt, der wird auch einmal die Werke tun, die Er tut. Darin liegt der Gedanke der Gleichartigkeit der Werke, und wir finden in der Apostelgeschichte, dass die Apostel damals in der Kraft des Heiligen Geistes und im Namen des Herrn Jesus einen lahmen Menschen gehend gemacht haben, oder auch die gestorbene Tabitha wieder in das Leben zurückgerufen haben (Apg 3,1–10; 9,36–43). Das waren Werke, die auch der Herr Jesus selbst getan hatte.
Dann sagt der Herr Jesus aber auch noch, dass die, die an Ihn glauben, sogar größere Werke tun würden, als Er selbst sie als Mensch hier auf der Erde getan hatte. Auch dafür finden wir in der Apostelgeschichte Beispiele. Bei einer einzigen Predigt von Petrus sind einmal etwa dreitausend Menschen zum Glauben gekommen (Apg 2,41); von einer solchen Auswirkung der Predigten des Herrn Jesus lesen wir in den Evangelien nicht. Kranke wurden auf die Straßen getragen, damit der Schatten von Petrus auf sie fiele und sie dadurch geheilt würden (Apg 5,15); ähnlich wie bei Paulus in Ephesus, wo man Teile seiner Kleidung auf Kranke legte und diese dadurch geheilt wurden (Apg 19,11.12). Aber wozu diente das alles? Nun, der Herr Jesus hatte seine Werke getan, allein um den Vater zu verherrlichen. Und genau das sollte jetzt auch durch die größeren Werke der Jünger eine Fortsetzung finden. Wenn der Sohn jetzt zu dem Vater zurückkehren würde, sollte durch die, die an Ihn glauben würden, der Vater weiter bekannt gemacht und verherrlicht werden. Das Hingehen des Herrn Jesus in den Himmel würde die Schleusen des Segens in einer Weise öffnen, wie das noch nicht sein konnte, als Er hier auf der Erde war. Der ganze Segensstrom, der mit der Offenbarung Gottes verbunden sein würde, konnte erst in vollem Umfang ausfließen, nachdem Er das Werk vollbracht hatte und zum Vater zurückgekehrt war. Dann würde Er durch seine Werkzeuge, seine Stellvertreter hier auf der Erde, diese größeren Werke vollbringen.
Diese größeren Werke geben also einen Hinweis auf einen größeren Segensstrom. Solange das Werk am Kreuz noch nicht vollbracht war, war der Herr Jesus beengt (Lk 12,50), eingeschränkt in dem Ausgießen des Segens. Doch als das Werk vollbracht war, als Er zum Vater zurückgekehrt war, da waren sozusagen alle Voraussetzungen gegeben und der Segensstrom konnte in einer noch größeren Form ausfließen, als es der Fall gewesen war, als Er noch hier auf der Erde war. Denken wir an die Einmütigkeit, die unter den ersten Jüngern bewirkt wurde (Apg 4,32). Das gab es zur Zeit des Herrn Jesus nicht, nicht bei den Jüngern, die sich stritten, wer der Größte unter ihnen sei. Aber die Auswirkungen jetzt durch die Verkündigung und durch die Autorität, die durch den Geist Gottes in den Gläubigen wirksam war, waren gewaltig. Dass sich keiner den ersten Jüngern anschließen wollte, dass sie alle alles gemeinsam hatten, dass keiner irgendetwas sein Eigen nannte, das waren Werke, die in ihrem Umfang zur Verherrlichung Gottes gedient haben.
In dem Augenblick, in dem der Herr Jesus der Verherrlichte war und der Geist Gottes auf die Erde herabgekommen war, wurde das Evangelium innerhalb kurzer Zeit allen Nationen angeboten, eine Weite, die es vorher nicht gab. Aber ist es nicht an und für sich noch größer, dass der Herr Jesus noch nicht einmal an den Ort gehen musste, um Kranke zu heilen? Er sprach einfach und der Knecht von jemandem ganz woanders wurde geheilt (Joh 4,46–54). Genauso bei dem Hauptmann in Lk 7,1–10. Aber das sah keiner. Jetzt aber, wo in der Apostelgeschichte diese Zeichen und Wunder geschahen, geschah das vor den Augen der Menschen und sie verherrlichten Gott dafür.
Die Verherrlichung des Vaters hing nicht von den Menschen ab, die diese Resultate betrachten und wertschätzen konnten. Die Verherrlichung des Vaters geschah durch jedes einzelne Werk, das der Herr Jesus getan hatte. Aber diese Verherrlichung des Vaters wurde, nachdem der Herr Jesus verherrlicht war, durch solche, die an Ihn glauben, vor den Augen der Menschen hier auf der Erde fortgesetzt. Durch solche glaubenden Menschen werden hier auf der Erde Werke zur Verherrlichung des Vaters getan, die in den Augen der Menschen größer sind.
Vielleicht stellen wir uns die Frage, ob das in unserer heutigen Zeit vorbei ist, ob das Vergangenheit ist. Aber der Herr Jesus sagt hier nicht zu den Jüngern: „Ihr, die ihr an mich glaubt“, sondern „Wer an mich glaubt“. Natürlich gibt es diese Wunder durch die Schweißtücher und was wir eben angeführt haben heute nicht mehr. Aber können wir wirklich sagen, dass die Auswirkung der Werke, die nach der Verherrlichung des Herrn geschehen konnten, in ihrer Weite heute vorbei ist? Geschah es nicht auch im 19. Jahrhundert, dass Hunderte durch eine Predigt zum Glauben kamen? Insofern können wir sagen, dass der Herr Jesus durch diese sehr grundsätzliche Ausdrucksweise „wer an mich glaubt“ nicht nur an die damalige Zeit seiner Jünger denkt und es nicht beschränkt ist auf ihre damalige Zeit, weil es der Verherrlichung des Vaters dient und damit natürlich auch Christus dadurch verherrlicht wird.
In Joh 5,20 sagt der Herr Jesus von dem Vater, dass Er den Sohn lieb hat und „zeigt ihm alles, was er selbst tut; und er wird ihm größere Werke als diese zeigen, damit ihr euch verwundert“. Damit sind die Werke gemeint, die dann in den folgenden Versen erwähnt werden: dass Tote auferweckt und lebendig gemacht werden, und dass der Sohn das Gericht ausüben wird. Das geht weit darüber hinaus, einen Lazarus aufzuerwecken. Daher sind also die Werke von denen, die heute leben, in sich selbst nicht größer. Es ist ja so, dass derjenige, der andere befähigen kann, ein Wunder oder ein Werk zu tun, größer ist als derjenige, der dieses Werk ausführt. Der Größere ist also der Herr Jesus.
Auffallend ist, dass der Herr jetzt nicht mehr von den Worten spricht, sondern nur noch von den Werken. Er sagt nicht, dass die Jünger etwa auch größere Worte reden würden, als Er es getan hat. Die Worte des Herrn Jesus werden nicht wiederholt, sie sind einzigartig und unübertrefflich. Es sind auch Worte, die nur Er gesprochen hat. Er hat den Vater offenbart durch die Mitteilungen, die Er gegeben hat, durch die Worte, die Er von dem Vater empfangen hat.
„Und um was irgend ihr bitten werdet in meinem Namen, das werde ich tun, damit der Vater verherrlicht werde in dem Sohn“ (V. 13).
In diesem Vers kommt nun ein weiterer Punkt vor uns, der die Herzen der Jünger angesichts der Tatsache, dass der Herr Jesus zu dem Vater gehen würde, stärken soll. Wir hatten bereits gesehen, dass die Jünger selbst nun in diese Beziehung zu dem Vater eingeführt wurden. Auch hatten wir gesehen, dass sie nach dem Weggehen des Herrn größere Werke tun würden. Nicht weil sie größer waren, sondern weil Er, in dessen Kraft sie diese Werke tun würden, jetzt einen weit höheren Platz eingenommen hatte. Und das ergänzt Er jetzt um diesen Punkt, dass sie nun in seinem Namen direkt zu dem Vater gehen könnten. Bisher hatten sie immer mit ihren Problemen und Fragen direkt zu Ihm gehen können, und jetzt würde Er nicht mehr da sein. Deshalb kommt dieser Trost: Sie könnten jetzt direkt den Vater bitten, und zwar in seinem Namen, sozusagen mit der ganzen Würde und Autorität seines Namens – und Er wird es tun.
Auch hier sehen wir wieder: Durch die Tatsache, dass Er nicht mehr physisch bei ihnen sein würde, hätten sie nichts verloren, sondern gewonnen. Er würde jetzt an einer höheren Stelle sein als verherrlichter Mensch und von dort aus dafür sorgen, dass der Vater auf der Erde verherrlicht wird.
Was irgend sie in seinem Namen bitten würden, würde Er tun, das ist doch sehr beeindruckend! Es ist, als stelle der Herr hier eine Garantie aus, die allerdings daran gebunden ist, dass diese Bitten in seinem Namen geschehen. Der Herr Jesus wusste allezeit, was der Vater wollte, und wenn Er zu dem Vater sprach, tat Er das in der absoluten Gewissheit, dass der Vater es tun würde. So gibt es Gebete für die Gläubigen heute, die gewissermaßen stellvertretend für den Herrn Jesus gesprochen werden, und dafür wird Erfüllung absolut zugesagt.
„In meinem Namen“ bitten bedeutet also, in der ganzen Würde und Autorität des Sohnes vor den Vater zu treten und Bitten vorzubringen, die die Belange des Sohnes betreffen[1]
. Ein Gebet wird nicht dadurch ein Gebet im Namen des Herrn Jesus, dass man das Gebet mit der Redewendung „Wir bitten dich in Jesu Namen“ beschließt, sondern es geht darum, dass sich hier jemand identifiziert mit Christus im Himmel gemäß seinen Interessen, aber auch im Bewusstsein der Würde der Person des Sohnes, der beim Vater ist. In einem solchen Gebet wird an das gedacht, was nötig ist an Unterstützung und Hilfe, damit größere Werke geschehen können oder Hindernisse, die sich in der Arbeit oder dem Dienst für diese größeren Werke in den Weg stellen, weggetan werden. „In meinem Namen bitten“ zeigt uns dabei auch unseren angemessenen Platz: Wir können das nur aus einer gelebten Gemeinschaft mit Ihm heraus tun, und wir drücken dadurch unsere Abhängigkeit aus.
Kennen wir das eigentlich in der Praxis unseres Gebetslebens? Wenn es sich um das gemeinsame Gebet der Versammlung handelt, sind diese Gebete immer geprägt von dem geistlichen Zustand dieser örtlichen Versammlung. Und auch im persönlichen Gebet muss diese Gemeinschaft mit dem Herrn völlige Realität sein. Das geht nur bei jemandem, der in der Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Herrn Jesus lebt. Wie soll ich sonst in seinem Namen beten können? Und wenn das Ziel eines solchen Gebets und dessen Erhörung die Verherrlichung des Vaters ist, verstehen wir auch, dass es sich dabei dann nicht um irgendwelche beliebigen Gebetsgegenstände handeln kann.
Wir haben diesen Ausdruck hier das erste Mal in den Abschiedsreden des Herrn Jesus, insgesamt finden wir ihn siebenmal: Joh 14,13.14.26; Joh 15,16 und Joh 16,23.24.26. „In seinem Namen bitten“ meint also, in Übereinstimmung mit seinen Gedanken, aber auch stellvertretend für Ihn bitten. Er würde diese Bitten genauso aussprechen, sie entsprechen völlig seinen Wünschen und seinen Absichten. Und in der Tat macht das diesen erhabenen Charakter des Gebets deutlich, den der Herr Jesus hier erwähnt. Die Bibel zeigt uns ja unterschiedlichste Arten von Gebeten, von Anlässen zum Beten, und das hier ist eine sehr hohe Art zu beten. Wir können das gleichsetzen mit dem Beten im Heiligen Geist (Judas 20), weil das unbedingt Übereinstimmung des Betenden mit dem Herzen Christi und mit seinem Willen ist. Es ist kein selbstsüchtiges Gebet für eigene Dinge, aber auch nicht für eigene Nöte im Sinne der persönlichen Betroffenheit des eigenen Lebens, sondern es geht um die Dinge im Werk des Herrn, damit der Vater verherrlicht wird. Einerseits dürfen wir mit all unseren Anliegen zu Gott kommen und sie Ihm vorlegen, unsere Sorge auf Ihn werfen. Das ist ein großes Vorrecht. Aber hier haben wir einen weit erhabeneren Charakter; das Bitten in seinem Namen betrifft eben primär seine Interessen, die Er hier auf der Erde hat.
1. Joh 5,14.15 sagt, dass wir die Zuversicht zu Ihm haben, „dass, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten, er uns hört. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, um was irgend wir bitten, so wissen wir, dass wir die Bitten haben, die wir von ihm erbeten haben“. Das Ziel ist die Verherrlichung des Vaters. Unter dieser Maxime, aber auch nur bei diesem Ergebnis und Ziel, ist die Erfüllung zugesichert, dass der Herr Jesus es selbst tun wird. Er wird sich nie zu etwas zwingen lassen, das gegen die Ehre des Vaters oder nicht in Übereinstimmung mit ihr ist. Vielleicht ist das auch ein kleines Korrektiv für die Untersuchung der persönlichen Motive beim Beten.
Hier in Vers 13 geht es also darum, dass der Herr alles zur Unterstützung beitragen wird, was für den Dienst der Gläubigen, auch den Dienst der Apostel hier auf der Erde nach dem Weggang des Herrn, nötig sein wird. In Johannes 17,1 ist es der Wunsch des Herrn Jesus, der den Vater während seines ganzen Lebens auf der Erde verherrlicht hat, dass Er auch, nachdem der Vater Ihn verherrlicht hat, weiter wirken möchte zur Verherrlichung des Vaters auf der Erde. Der Herr Jesus hat den Vater auf der Erde verherrlicht. Wenn Er nicht mehr auf der Erde ist, bedeutet das jedoch nicht, dass die Verherrlichung Gottes des Vaters auf der Erde aufhört, sondern der Herr Jesus wird dadurch, dass Er in den Seinen wirkt, jedes Werk unterstützen, das zur Verherrlichung des Vaters ist.
„Wenn ihr um etwas bitten werdet in meinem Namen, werde ich es tun“ (V. 14).
Vers 13 hatte in den Vordergrund gestellt, dass der Herr nach seinem Hingehen zu dem Vater nicht in seinem Tätigwerden nachlassen, sondern weiter zugunsten der Jünger wirken würde. Vers 14 stellt jetzt mehr seine Person in den Vordergrund; Er selbst wird es tun, Er wird es niemand anderem überlassen. Gute alte Handschriften haben an dieser Stelle „wenn ihr mich um etwas bitten werdet“. Wir dürfen deshalb nicht ausschließen, dass es auch um Gebete zu dem Herrn Jesus selbst geht; und Er wird auch handeln, wenn wir in seinem Namen beten.
Zunächst einmal ist es ein ganz großes Vorrecht, dass glaubende Menschen auf der Erde die Vertreter des Herrn sein dürfen, um größere Werke als Er zu tun, und dass sie im Namen des Herrn Jesus zum Vater beten dürfen! Und der Vater hört auf sie, wie Er auf den Sohn gehört hat, als Er als Mensch hier auf der Erde zum Vater gebetet hat.
Jetzt kommt in Vers 14 diese Formulierung zum zweiten Mal vor uns. Es ist keine bloße Wiederholung, sondern wir finden darin, dass jedes Vorrecht auch mit einer Verantwortung verbunden ist. Das hat zur Folge, dass es dann im Sinn des Sohnes sein muss, wenn Glaubende im Namen des Herrn beten, wenn sie dieses Vorrecht gleichsam benutzen. Sie bitten in seinem Namen, sie überlegen in ihren Gebeten, wie der Herr beten würde. Was wären seine Bitten, was ist in seinem Sinn? So richten sie ihre Bitten an den Vater.
Ein ganz praktisches Beispiel für ein Gebet in dem Namen des Herrn Jesus finden wir in Apg 4,29–31. Die Apostel waren gerade freigelassen worden, und sie wenden sich gemeinsam zu Gott. Sie erinnern sich an den Widerstand der Welt, der sich darin gezeigt hatte, dass der Herr Jesus verworfen worden war. Sie bitten nicht darum, vor dem Widerstand der Menschen bewahrt zu werden, sondern dass sie das Wort mit aller Freimütigkeit reden könnten. Sie werden sich dessen bewusst, dass sie angesichts dieses Widerstandes diese Freimütigkeit von oben brauchen. Und sie beten dies durch den Namen seines heiligen Knechtes Jesus. Gott gibt sofort eine Antwort darauf. Wir haben gesehen, dass Beten im Namen des Herrn Jesus bedeutet, dass das Werk des Herrn vorangetrieben wird, und hier finden wir, dass eine solche Bitte sofort beantwortet wird und ihre Erfüllung findet.
Fußnoten:
- Ergänzender Hinweis: Der Herr Jesus gebraucht die Formulierung „in meinem Namen“ mit unterschiedlichen Bedeutungsschwerpunkten, das wird durch die im griechischen Text benutzten Präpositionen deutlich:
- Mt 18,5: aufgrund seines Namens; sein Name ist der Beweggrund unseres Handelns (Präposition epi = auf, aufgrund)
- Mt 18,20: zu seinem Namen hin; sein Name ist der Anziehungspunkt und alleinige Mittelpunkt (Präposition eis = zu, im Hinblick auf)
- Joh 14,13; 16,26 u.a.: wegen seines Namens; um der ganzen Würde und Autorität seiner Person willen (Präposition um … willen, wegen)
