„Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch“ (V. 18).
Von diesem Vers an finden wir nicht so sehr die Person des Heiligen Geistes vorgestellt, wie in den Versen 16 und 17, sondern mehr die Ergebnisse seines Kommens. Es ist etwas überraschend, dass der Herr jetzt sagt, dass Er kommen würde, nachdem Er doch wenig vorher gesagt hatte, dass Er weggehen würde.
Bis hierhin hätte man vielleicht den Gedanken haben können, dass der Herr als göttliche Person weggeht und an seiner Stelle der Heilige Geist als göttliche Person kommt, dass also für uns ein Tausch oder Ersatz von Personen der Gottheit stattfinden wird. Aber der Herr Jesus sagt jetzt, dass Er uns trotz seines Weggehens nicht verwaist zurücklassen wird, sondern zu uns kommen wird. Mit diesem Kommen zu uns meint Er nicht, dass Er als der Auferstandene in ihre Mitte kommen würde. Es ist auch nicht dasselbe wie am Anfang des Kapitels, wo Er von seinem Kommen zur Entrückung gesprochen hatte (Joh 14,3). Er spricht hier auch nicht von seinem Kommen in Macht und Herrlichkeit. Hier meint Er, dass Er in der Person des Heiligen Geistes zu den Seinen kommen wird, und das hat sich ereignet am Tag der Pfingsten in Apg 2. Es ist also nicht lediglich ein „Tausch“ von den Personen der Gottheit, sondern das Kommen des Heiligen Geistes bedeutet in der Tat einen zusätzlichen Segen für die Glaubenden. Es bedeutet ja nicht nur, dass der Heilige Geist von dem Herrn zeugen würde, sondern weit mehr: In dem Kommen des Heiligen Geistes ist auch Christus gekommen. Wir haben also hier auf der Erde einen doppelten Segen: den Heiligen Geist und einen verherrlichten Herrn, der zu uns gekommen ist.
Der Herr Jesus geht davon aus, dass sich die Jünger nach seinem Weggehen verwaist vorkommen würden, sie würden Ihn vermissen. Waisen vermissen eine Beziehung und sie vermissen Nähe. Aber so ist es nicht im Blick auf die Gläubigen nach dem Weggehen des Herrn Jesus. Wie weit weg würde der Herr Jesus für uns sein, wenn der Geist Gottes nicht dafür sorgen würde, dass Er uns innerlich immer wieder nah vorgestellt wird, dass Er uns nahegebracht wird durch den Heiligen Geist! So singen wir das auch in einem unserer Lieder: „Du bist bei uns mit deinem Geist – o sel’ge, heil’ge Nähe – der so lebendig sich erweist, als ob Dich selbst man sähe“[1]. Das ist eine Erfahrung, das ist etwas, das wir erleben dürfen. Möchte das bei uns mehr der Fall sein, dass der Herr Jesus uns durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes so nah und so groß wird!
Waisen vermissen auch Versorgung. Wir lernen hier auch, dass durch den Heiligen Geist alle unsere geistlichen Bedürfnisse gestillt werden. Was die natürlichen Bedürfnisse, die natürliche Versorgung angeht, würde durch das Weggehen des Herrn Jesus in den Himmel eine gewisse Veränderung für die Jünger eintreten (vgl. Lk 22,35 ff.). Aber was die inneren, die geistlichen Bedürfnisse angeht, da wäre alles erfüllt, da wäre für alles Sorge getragen. Das haben wir auch schon in Joh 4,14 gesehen: „Wer irgend aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit“. Der Heilige Geist in Verbindung mit dem ewigen Leben stillt alle Bedürfnisse.
Frage: Sagen die Worte des Herrn „Ich komme zu euch“, dass Er durch den Heiligen Geist als Person in jedem Gläubigen wohnt? Kann das verbunden werden mit dem Gedanken „Christus in euch“ in Kol 1,27?
Antwort: Es meint auf jeden Fall mehr als nur, dass der Heilige Geist uns die Person des Herrn Jesus groß macht. Es ist aber ein ganz anderer Gedanke, als dass der Herr Jesus verheißen hat, persönlich – nicht körperlich – in der Mitte der Seinen zu sein, wenn sie sich zu Ihm hin versammeln. Der Herr Jesus ist im Heiligen Geist oder durch den Besitz des Heiligen Geistes zu uns gekommen. Das meint nicht, dass zwei Personen der Gottheit nebeneinander zu uns gekommen wären oder in uns wohnen würden. Dank der Gegenwart des Heiligen Geistes haben wir diese Segnung, dass der Herr Jesus zu uns gekommen ist. Die folgenden Verse 19 und 20 geben wohl die beste Erklärung für unser Verständnis, was damit gemeint ist, dass der Herr (durch den Heiligen Geist) zu den Jüngern kommen würde. Durch den Heiligen Geist können die Glaubenden im Unterschied zu der Welt Ihn sehen. Sie besitzen das Auferstehungsleben des Herrn Jesus; auch darin ist der Herr Jesus zu ihnen gekommen. Auch werden sie in dieser Zeit der christlichen Haushaltung (an jenem Tag) die Beziehungen zwischen Ihm und dem Vater und ihre untrennbare Verbindung mit Ihm erkennen. Vielleicht kommt eine Stelle aus Epheser 3 diesem Gedanken am nächsten. Dort betet der Apostel Paulus zu dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, dass wir „mit Kraft gestärkt werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne“.
„Noch eine kleine Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben“ (V. 19).
Die Verse 18–20 zeigen uns vier Segnungen der Tatsache, dass der Heilige Geist auf die Erde gekommen ist:
- In dem Heiligen Geist ist Christus zu uns gekommen (Vers 18).
- Wir können durch den Heiligen Geist Christus sehen (Vers 19); wir sehen Ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt (Heb 2,9); mit aufgedecktem Angesicht schauen wir die Herrlichkeit des Herrn an und werden verwandelt nach demselben Bild (2. Kor 3,18).
- Wir leben durch Christus (Vers 19); „nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20); dieses Leben Jesu soll jetzt auch an unserem Leib offenbar werden (2. Kor 4,10).
- Wir haben ein geistliches Wissen auch über den Vater und den Sohn (Vers 20), wir leben in einer bewussten und genossenen Beziehung zu dem Vater und dem Sohn.
Die Welt kennt den Heiligen Geist nicht und sie kann Ihn nicht empfangen (Joh 14,17). Als Christus auf der Erde war, hat die Welt Ihn gesehen (Joh 14,19). Doch nun würde der Herr diese Erde verlassen und der Heilige Geist würde kommen. Der große Dienst des Heiligen Geistes heute ist es, den Herrn Jesus sichtbar zu machen. Aber die Welt sieht Ihn nicht, weil sie den Heiligen Geist nicht hat!
Es ist eine sehr ernste Aussage, dass die Welt den Herrn Jesus nicht mehr sehen wird. Er würde weggehen, würde seinen Weg über das Kreuz und das Grab gehen und dann zum Vater zurückkehren – und die Welt würde Ihn nicht mehr sehen. Der letzte Blick der Welt auf Ihn war der Blick auf den Heiland am Kreuz, danach blieb Er ihren Augen verborgen. Durch die Kreuzigung des Herrn Jesus ist tatsächlich die Welt gerichtet worden (Joh 12,31). In dem Kreuz sehen wir die volle Offenbarung Gottes, und wir sehen die Reaktion der Welt darauf – „weg mit diesem“ (Lk 23,18)!
Welche Welt wurde am Kreuz gerichtet? Die Überschrift, mit der man den Herrn verspotten wollte, war geschrieben „auf Hebräisch, Lateinisch und Griechisch“ (Joh 19,20). Das Hebräische steht für die religiöse Welt, das Lateinische für die politische Welt und das Griechische für die Welt der Kultur und der Bildung. Das heißt, dass die Welt in all ihren Aspekten am Kreuz gerichtet worden ist. Es ist wichtig für uns, nicht zu vergessen, dass die Welt nie Buße getan hat im Blick auf dieses schreckliche Vergehen. Die Welt hat immer noch das Blut des Herrn Jesus an den Händen. Das ist eine praktische Ermahnung für uns, ein praktischer Hinweis, wenn wir denken sollten, dass die Welt uns noch irgendetwas anzubieten hätte.
Wenn der Herr dann zu den Jüngern sagt, dass sie Ihn sehen würden, dann geht das weit darüber hinaus, dass sie Ihn als den Auferstandenen sehen würden. Es meint diese große Tatsache der christlichen Haushaltung, dass durch das Wirken des Heiligen Geistes in dieser Zeit den Herzen der Glaubenden die Person des Herrn groß und herrlich vor die Herzen gestellt wird. Das ist es, was uns Freude und auch innere Ausrichtung gibt, unseren Weg unter der Führung des Heiligen Geistes weiterzugehen.
Petrus schreibt, dass wir den Herrn Jesus lieben, obwohl wir Ihn nicht gesehen haben (1. Pet 1,8). Niemand von uns hat den Herrn Jesus direkt körperlich gesehen. Aber wir haben hier eine wunderbare Segnung, die wir durch den Heiligen Geist besitzen, dass wir Ihn mit unseren geistlichen Augen sehen können. Wenn wir die Schönheit seiner Person vor uns sehen, dann werden unsere Zuneigungen und unsere Liebe zu Ihm geweckt. Das ist einmalig. Wir haben Ihn noch nie gesehen und doch lieben wir Ihn. Und das geschieht durch diesen Segen der Gegenwart des Heiligen Geistes, der in jedem von uns wohnt.
„An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch“ (V. 20).
Den Ausdruck „an jenem Tag“ oder „jener Tag“ finden wir häufiger im Alten Testament, allerdings dort mit einer völlig anderen Bedeutung als hier. Im Alten Testament ist damit meistens der Tag des Gerichts (z.B. Jer 30,7) oder der Tag des Tausendjährigen Reiches (z.B. Jes 2,17) gemeint. Das ist hier überhaupt nicht der Fall. Es ist auch kein Tag von 24 Stunden gemeint, sondern eine Zeitperiode, die durch ganz bestimmte Merkmale geprägt sein wird. Hier ist es die Zeitperiode von dem Kommen des Heiligen Geistes auf diese Erde am Tag der Pfingsten in Apg 2 bis zur Entrückung der Versammlung. Es ist der ganze gegenwärtige Tag der Gnade, die christliche Haushaltung. Diese Zeitperiode ist von den beiden Merkmalen geprägt, dass Gott in der Person des Heiligen Geistes auf der Erde ist, und dass ein Mensch in der Person des Herrn Jesus im Himmel ist.
Jetzt betont der Herr Jesus nicht mehr den Glauben, sondern Er spricht vom Erkennen. Weil der Heilige Geist gekommen sein wird und in uns wohnen und die Herrlichkeit der Person des Herrn Jesus zeigen wird, ist es auf unserer Seite ein geistliches Erkennen. Die Glaubenden werden erkennen, „dass ich in meinem Vater bin“. Schon in Vers 11 hatte der Herr Jesus die Jünger aufgefordert, zu glauben, dass „ich in dem Vater bin“. Der Herr Jesus ist wirklich eine göttliche Person, unterschieden innerhalb der drei Personen der Gottheit, aber Gott wesensgleich.
Dieses Erkennen „an jenem Tag“ steht in einem gewissen Kontrast zu Vers 9, wo der Herr Jesus dem Philippus sagen musste, dass dieser Ihn in den ganzen Jahren, die Er mit seinen Jüngern verbracht hatte, nicht erkannt hatte. Was für ein Wort jetzt auch für Philippus, dass „jener Tag“ kommen würde, an dem er kraft des Heiligen Geistes erkennen würde, was er bisher nicht erkannt hatte.
Der Gedanke von Vers 10 und 11 wird hier jetzt etwas persönlicher ausgedrückt: „ich in meinem Vater“. Bei aller Beziehung, in die wir als Glaubende gebracht worden sind – die Beziehung zwischen dem Sohn und seinem Vater bleibt immer etwas ganz Besonderes. Der Herr Jesus in seinem Vater spricht von diesem wunderbaren Eins-Sein; nicht von Gleichheit, sondern einem Eins-Sein zwischen dem Vater und dem Sohn im Denken und im Handeln. Es ist übrigens eine zeitlose Aussage, dass der Herr Jesus in dem Vater ist; es war immer so und wird auch immer so sein! Als Er als Mensch auf der Erde war, war Er in dem Vater; und wenn Er jetzt als verherrlichter Mensch in dem Himmel ist, ist Er genauso in dem Vater. Was während seines Menschseins nicht erkannt worden ist, kann jetzt durch den Heiligen Geist von den Glaubenden erkannt und geglaubt werden. Der Heilige Geist gibt uns die Kapazität, diese Tatsachen zu erfassen.
Vielleicht wundern wir uns, dass der Herr Jesus nicht wie in Vers 10 damit fortfährt, dass auch der Vater in Ihm ist. Warum ist das so? Weil es in Vers 10 darum ging, wie der Herr Jesus auf der Erde als die vollkommene Offenbarung des Vaters war. Aber hier in Vers 20 geht es nicht mehr darum, dass der Herr Jesus als die Offenbarung des Vaters hier ist. Trotzdem findet auch heute („an jenem Tag“) eine Offenbarung des Vaters statt: Dadurch, dass wir in Ihm sind, genießen wir diese innige Gemeinschaft mit Ihm, und als Folge davon kann durch uns auf der Erde eine Offenbarung des Herrn Jesus und damit des Vaters gesehen werden.
Was der Herr Jesus hier also hinzufügt, muss uns tief beeindrucken und auch demütigen. Er sagt den Jüngern und damit auch den Glaubenden heute, dass wir in Ihm sind und Er in uns ist. Können wir das erfassen? Es ist eine gewaltige Aussage! Paulus würde sagen, dass wir in Christus sind und damit unsere Stellung beschreiben, wie Gott uns sieht. Aber Johannes sagt nicht, dass wir in Christus sind, sondern dass wir in Ihm sind. Das ist mehr Beziehung als Stellung, es beschreibt auch ein Eins-Sein mit dem Herrn Jesus. So sehr verbindet sich der Herr Jesus mit uns!
Und wenn Er dann sagt, dass Er auch in uns ist, dann spricht das wieder von Offenbarung. Er ist jetzt in der Person des Heiligen Geistes zu uns gekommen (Joh 14,18) und Er fährt damit fort, sich und den Vater zu offenbaren. „Jener Tag“ ist in der Tat eine wunderbare Zeitperiode mit ganz erhabenen Segnungen, für die wir zutiefst dankbar sein müssen!
„Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren“ (V. 21).
Der Genuss dieser wunderbaren Tatsachen von Vers 20 wird geknüpft an unser praktisches Leben. Der letzte Gedanke von Vers 20 war die Offenbarung des Herrn in und durch uns; und mit diesem Gedanken der Offenbarung schließt auch Vers 21. Aber die praktische Voraussetzung für den Genuss dieser Tatsache ist unser Gehorsam als Beweis unserer Liebe zu Ihm. An sich ist diese Tatsache ein Geschenk an alle Glaubenden, unabhängig von ihrem persönlichen Hintergrund; aber der einleitende Bedingungssatz macht den Genuss dieses grundsätzlichen Geschenkes von dem persönlichen Gehorsam jedes Einzelnen abhängig.
Man kann Gebote nur dann halten, wenn man sie hat. Bei den Geboten des Herrn dürfen wir natürlich nicht an das alttestamentliche Gesetz denken, das zwar auch zum Leben gegeben war (Röm 7,10; Gal 3,12), aber diese Gebote waren gegeben worden, um denen, die sie halten würden, Leben zu geben, Leben auf der Erde. Hier dagegen geht es um die Mitteilungen des Herrn, die mit Autorität behaftet sind (z. B. 1. Kor 14,37; 1. Joh 5,2.3) und die solchen gelten, die bereits Leben haben, neues Leben, göttliches Leben. Sie sind ihnen deshalb gegeben, damit sich dieses göttliche Leben in ihnen entfalten kann, sie sind wie Leitplanken für das neue Leben.
Wer ein Bewusstsein davon hat, dass die Worte des Herrn mit Autorität behaftet sind, die sich an das neue Leben in den Glaubenden richten, und wer diese Worte dann auch mit der Kraft des Heiligen Geistes hält, der beweist dadurch seine Liebe zu dem Herrn. Es wird uns auch dann leichter fallen, die Gebote zu halten, wenn sie uns „besser als Tausende von Gold und Silber“ sind (Ps 119,72). Wenn sie uns so viel bedeuten, werden wir sie uns nicht rauben lassen oder achtlos beiseite legen. Dann werden wir auch nicht zulassen, dass Gedanken oder falsche Lehren, die gegen die Gebote des Herrn sind, uns den Segen rauben können, der mit dem Gehorsam verbunden ist.
Unsere Liebe zu dem Herrn Jesus war auch der Ausgangspunkt dieses Abschnitts in Joh 14,15. Dort stand der Gesichtspunkt vor uns, dass unsere Liebe zu Ihm die Quelle unseres Gehorsams ist; hier ist es der Gesichtspunkt, dass unser Gehorsam der Beweis unserer Liebe zu Ihm ist. Liebe kann nicht verborgen bleiben, sie wird immer konkret sichtbar durch das Handeln.
Wer also diesen Worten des Herrn gehorsam ist, zeigt darin seine Liebe zu Ihm. Die Liebe ist ja grundsätzlich in unsere Herzen ausgegossen (Röm 5,5), weil Er uns zuerst geliebt hat (1. Joh 4,19), aber durch das Halten dieser mit Autorität an unser erneuertes Leben gerichteten Worte des Herrn strahlt sie praktisch zurück, wird sichtbar. Dieser Gehorsam ist kein Gehorsam aus Gesetzlichkeit oder weil man sich irgendwelche Regeln definiert, sondern dieses christliche Leben des Gehorsams kommt aus den Beziehungen, in die wir gebracht worden sind.
Dann erwähnt der Herr Jesus wieder den Vater. Wer durch seinen Gehorsam dem Wort des Herrn gegenüber seine Liebe zu dem Herrn zeigt, der ruft auf besondere Weise die Liebe des Vaters auf sich herab. Das Herz des Vaters öffnet sich, wenn Er sieht, dass hier auf der Erde durch glaubende Menschen die Gedanken seines Sohnes gelebt und praktiziert werden. Es gibt nichts, was dem Vater wichtiger wäre als der Sohn; und wer diesen Sohn durch Gehorsam ehrt, zieht die Liebe des Vaters auf sich.
Und auch der Herr Jesus selbst wird einen solchen lieben. Wir zeigen durch Gehorsam unsere Liebe zu Ihm, und Er wird uns seine Liebe zu uns zeigen. Das ist ein Genuss an Gemeinschaft in beiden Richtungen.
Das Verwirklichen seiner Gebote und der daraus hervorgehende Genuss der Beziehungen führt zu weiterer Erkenntnis der Person des Herrn Jesus. Diese wachsende Erkenntnis hat also Gehorsam zur Voraussetzung; wenn das bei uns gefunden wird, wird Er immer mehr von sich selbst zu erkennen geben[2]. Was für erstrebenswerte und wunderbare Ergebnisse hat unser Gehorsam: Von dem Vater geliebt sein, von dem Sohn geliebt sein, und in dem Verständnis über seine wunderbare Person stetig zunehmen – das ist es, was das wahre christliche Leben in dieser Zeit der Gnade ausmacht.
Wir sehen also einen Unterschied zwischen Vers 20 und Vers 21. In Vers 20 steht das Erkennen im Vordergrund und in Vers 21 das Genießen. Der Unterschied besteht darin, dass das Erkennen der göttlichen Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn und unserer Beziehungen zu den göttlichen Personen durch das ewige Leben, das wir besitzen, und durch die Gabe des Heiligen Geistes allen Gläubigen in dem gleichen Maß möglich ist. Aber der Genuss dieser Beziehungen ist nur möglich auf dem Weg des Gehorsams den Worten des Herrn gegenüber. Wir müssen also zuerst erkennen, in welche Beziehungen wir gekommen sind, und dann auch bereit sein, seine Gebote zu tun, damit wir auch die Freude dieser Beziehungen genießen können.
Noch einmal zusammengefasst die drei in diesem Vers genannten Ergebnisse unseres Gehorsams:
- die Liebe des Vaters: Die Liebe des Vaters gilt unterschiedslos allen seinen Kindern (1. Joh 3,1). Aber wie können wir diese Liebe des Vaters genießen? Nur indem wir seinem Sohn gehorchen. Gehorsam gegenüber dem Sohn ruft weitere Liebe des Vaters hervor. Der Herr Jesus selbst hat durch seinen Gehorsam dem Vater einen weiteren Anlass gegeben, Ihn zu lieben (Joh 10,17.18); das ist natürlich Gehorsam auf einer weit höheren Ebene, aber vielleicht der gleiche Grundsatz wie hier.
- die Liebe des Herrn Jesus: Der Herr Jesus liebt die Seinen bis zum Äußersten (Joh 13,1), das ist eine Tatsache, die für alle Gläubigen gilt. Aber auch hier geht es darum, wie wir diese Liebe des Herrn Jesus genießen können; und das geht nur auf dem Weg des Gehorsams. Dem Engel der Versammlung in Philadelphia sagt der Herr, dass er sein Wort bewahrt und seinen Namen nicht verleugnet habe; und Er fügt später hinzu, dass man erkennen würde, „dass ich dich geliebt habe“ (Off 3,8.9).
- die Offenbarung des Herrn Jesus: Gehorsam führt zu weiterer Erkenntnis über die wunderbare Person des Herrn Jesus. Wenn der Herr bei uns eine Antwort findet auf seine Liebe findet, dann empfangen wir vertraute Mitteilungen von Ihm und genießen einen vertrauten Umgang mit Ihm (Ps 25,14). Wenn der Herr sich heute Glaubenden offenbart, geschieht das erstens nicht öffentlich vor den Augen aller und zweitens ist es eine persönliche, individuelle Offenbarung
Bei diesen Gedanken empfinden wir, dass das nur ein schwacher Versuch einer Erklärung dieser tiefgründigen Worte des Herrn ist. Wir haben bei der Betrachtung des Johannesevangeliums schon an verschiedenen Stellen empfunden, dass wir seine Worte in ihrer ganzen Tiefe nicht wirklich erfassen und erklären können. Es ist wahr, dass die Liebe des Vaters zu uns bedingungslos und anlasslos ist; dasselbe gilt auch für die Liebe des Sohnes zu uns. Wenn wir jetzt von dieser erneuten oder erweiterten Liebe dieser göttlichen Personen zu uns lesen, dürfen wir nicht denken, dass diese Liebe vorher irgendwie unvollständig gewesen wäre. Es gibt eben auch eine Liebe, die aufgrund eines Anlasses hervorgerufen wird – wenn wir das so ausdrücken dürfen. Wir empfinden, dass es ein Versuch ist, mit der Hilfe des Heiligen Geistes mehr von diesen eigentlich unergründlichen Worten des Herrn Jesus zu erfassen – doch es wird wohl Stückwerk bleiben.
Fußnoten:
- Kleine Sammlung Geistlicher Lieder Nr. 112 Strophe 2
- Ergänzende Anmerkung: Haben wir das nicht alle schon ganz praktisch erleben können? Wenn wir Sonntag für Sonntag durch das Brotbrechen in Gehorsam als Beweis unserer Liebe seinem deutlich ausgedrückten Verlangen nachkommen: „Dies tut zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19), hat Er sich uns dann nicht jedes Mal neu auf eine besondere Weise offenbart? Es ist Sonntag für Sonntag der gleiche Anlass, aber Er zeigt uns dabei doch immer wieder neu seine unfassbare Liebe und stellt uns neue Herrlichkeiten seiner Person vor die Herzen – Er offenbart sich uns immer wieder neu!
