„Judas, nicht der Iskariot, spricht zu ihm: Herr, und was ist geschehen, dass du dich selbst uns offenbaren willst und nicht der Welt?“ (V. 22).

Jetzt kommt der dritte Einwand in dieser Unterredung seitens eines der Jünger vor uns. In Vers 5 war es Thomas gewesen, in Vers 8 Philippus und jetzt ist es Judas. Thomas hatte eine natürliche Vorstellung von dem Weg zu dem Vater, und der Herr musste ihm zeigen, dass es ein geistlicher Weg ist. Philippus hatte eine menschliche Vorstellung von dem Vater neben dem Sohn, und er musste lernen, dass der Vater in dem Sohn zu sehen ist. Judas hatte eine jüdische Vorstellung: Er erwartete, nachdem er von dem Herrn gehört hatte, dass Er sich offenbar machen würde, dass der Herr vor der Welt in Macht und Herrlichkeit erscheinen und sich so offenbaren würde. Diese jüdische Erwartung von Judas war im Alten Testament mit der sichtbaren Aufrichtung des Reiches des Herrn angekündigt[1]; er musste lernen, dass es nicht um eine Erwartung von sichtbaren Dingen geht, sondern dass mit der christlichen Haushaltung eine völlige Veränderung der Gegebenheiten eintreten würde. Diese jüdische Vorstellung hatten auch die Brüder des Herrn gehabt, als sie Ihn in Joh 7,4 aufforderten: „Zeige dich der Welt“; der Heilige Geist ergänzt direkt, dass seine Brüder nicht an Ihn glaubten; sie lebten in der jüdischen Erwartung, dass sich der Messias jetzt der Welt zeigen würde.

Der Heilige Geist legt hier großen Wert darauf, zu betonen, dass dieser Judas nicht der Iskariot ist. Man soll gar nicht erst auf den Gedanken kommen, den gläubigen Judas mit dem ungläubigen Judas zu verwechseln. Dieser Judas war von einer ganz anderen Art als Judas Iskariot. Mit diesen Worten macht der Herr auch die klare Trennlinie zwischen der Familie des Glaubens und der Welt deutlich – und eigentlich auch zwischen Ihm und Judas Iskariot. Dieser Judas hier gehörte zu denen, denen der Herr sich offenbaren würde, der andere gehörte zu der Welt, die den Herrn Jesus nicht erkannt hat. Judas Iskariot ist wie der Inbegriff dessen, was uns hier als Welt vorgestellt wird.

Mit seiner Frage bezieht sich Judas gewissermaßen in die Gruppe derer ein, die die Gebote des Herrn haben und halten. Ganz offensichtlich wollte er einer von denen sein, die gern seine Gebote halten wollen. Man liest sonst kaum etwas von ihm in den Evangelien; durch einen Vergleich der verschiedenen Aufzählungen der zwölf Jünger (Mt 10,1–4; Mk 3,13–19; Lk 6,12–16 und Apg 1,13) kann man annehmen, dass es der gleiche Jünger ist, der auch Thaddäus oder Lebbäus genannt wird. Aber hier wird deutlich, dass sein Herz für den Herrn schlägt, dass er seine Gebote halten will und dass er sich zu denen zählt, denen der Herr sich offenbaren will.

Offensichtlich hat bei Judas ein Denkprozess eingesetzt, denn er hat ein Empfinden dafür, dass etwas Grundlegendes geschehen muss, das zu einer gravierenden Veränderung führen würde. Wir wissen, was geschehen ist: Die Welt hat den Herrn Jesus abgelehnt und verworfen. Der Herr Jesus sagte später zu Pilatus, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei (Joh 18,36); damit waren die jüdischen Erwartungen erst einmal zurückgestellt; sie werden sich noch erfüllen, aber nicht in der jetzigen Zeit der Gnade. Jetzt offenbart sich der Herr Jesus nicht der Welt, sondern nur den Glaubenden. Es gibt ohne Frage in dieser Zeit auch ein Zeugnis an die Welt; aber die Welt als solche wird den Herrn Jesus nicht erkennen als den, der Er ist – es sei denn, dass einzelne Menschen aus der Welt diesem Zeugnis an die Welt Glauben schenken.

Judas fragt nach dem, was geschehen ist, als ob es schon geschehen wäre. Aber auch wenn der Herr sich in diesen Kapiteln schon hinter dem vollbrachten Werk sieht, verstehen wir, dass der Tod des Herrn und seine Auferstehung erst noch geschehen mussten. Dann würde der Heilige Geist auf die Erde herabkommen und auch der Herr den Glaubenden offenbar werden; aber die Welt würde Ihn erst wieder als Richter sehen. Wie wunderbar, dass es eine Familie gibt, die Ihn sehen wird – und wie furchtbar, dass es eine Welt gibt, die Ihn nur noch als Richter sehen wird!

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (V. 23).

Es heißt hier, dass „Jesus antwortete“, aber sind diese Worte tatsächlich eine Antwort auf die Frage von Judas? Es wirkt doch so, als wäre es gar keine direkte Erwiderung auf die gestellte Frage. Und doch ist es eine Antwort, und sie liegt in den Worten „wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“. Dieser Ausdruck ist der Schlüssel zu der Antwort. Wo man wohnt, da offenbart man sich. Wenn man eine Person richtig kennenlernen möchte, muss man dahin gehen, wo sie wohnt, denn da offenbart sie sich. Wenn daher der Herr Jesus hier von sich und dem Vater sagt, dass sie Wohnung bei dem machen werden, der den Herrn liebt und sein Wort hält, dann heißt das, dass Er und der Vater sich diesem offenbaren werden. Weil das nicht nur eine punktuelle, sondern eine dauerhafte Offenbarung sein wird, spricht der Herr hier von „Wohnung bei ihm machen“. Die Antwort liegt also darin: „Judas, du wartest auf eine sichtbare Offenbarung hier auf der Erde, aber ich sage dir: Es gibt etwas Besseres. Es gibt ein Leben von allerhöchster Qualität in dem Genuss der Beziehung mit göttlichen Personen.“

Gehorsam aus Liebe (Vers 21) hatte als Antwort des Herrn neue Offenbarungen seiner Person; Gehorsam aus Hingabe (Vers 23) hat als Antwort einen Vorgeschmack auf die ewigen, himmlischen Segnungen im Haus des Vaters jetzt schon in unserem Leben auf der Erde. Wenn wir sehen, dass das Halten seines Wortes auf einer höheren Ebene liegt als das Halten seiner Gebote, dann ist es so auch mit der Antwort des Herrn darauf.

In diesem Vers verbindet der Herr die Liebe zu Ihm mit dem Halten seines Wortes, in Vers 21 war es das Halten seiner Gebote. Darin liegt ein feiner Unterschied. Bei den Geboten handelt es sich um den klaren Ausdruck des Willens des Herrn Jesus, bei dem Wort geht es mehr um die Interessen und Wünsche des Herzens des Herrn, ohne dass Er sie konkret formuliert hätte. Sein Wort richtet sich an unser geistliches Verständnis, wodurch wir mehr und mehr erkennen, was sein Wille ist, auch wenn er nicht in Form eines Gebotes vorgelegt wird. Wenn wir uns nahe bei dem Herrn Jesus aufhalten, werden wir die Wünsche seines Herzens besser kennen. Wir fragen dann nicht: „Was soll ich tun, Herr?“, sondern: „Wer bist du, Herr?“.

Schauen wir auf zwei alttestamentliche Beispiele für diesen Unterschied zwischen Gebot und Wort des Herrn:

  • Wenn wir an Joseph denken, so hatte er von seinem Vater Jakob den Auftrag bekommen, nach Sichem zu gehen und nach dem Wohlergehen seiner Brüder zu sehen. Joseph gehorchte diesem Auftrag seines Vaters und ging hin nach Sichem, aber er fand seine Brüder dort nicht. Bis dahin hatte er das Gebot seines Vaters erfüllt, aber er wusste auch um das Herzensverlangen des Vaters, Antwort hinsichtlich seiner Söhne zu bekommen, und deshalb ging Joseph weiter, bis er seine Brüder in Dothan fand (1. Mo 37,12–17).
  • David hatte in der Höhle Adullam sein Verlangen nach dem Wasser aus der Zisterne von Bethlehem vor seinen Helden ausgesprochen (2. Sam 23,13–17). Er hatte dieses Verlangen nicht in Form eines Gebotes oder Auftrags, sondern als Frage formuliert, wer ihm Wasser zu trinken geben würde aus dieser Zisterne; er äußerte einen Wunsch seines Herzens. Und da waren drei Helden Davids, die diesen Wunsch verstanden und ihre Liebe zu ihm unter Beweis stellten, indem sie ihm unter Lebensgefahr dieses Wasser brachten – ihre Liebe fand einen Weg durch alle entgegenstehenden Hindernisse hindurch.

Dieser Vers ist von seinem Inhalt her auch ein besonderer Höhepunkt in der Unterredung des Herrn mit den Jüngern in dem Obersaal. Er verbindet uns auf wunderbare Weise mit allen drei Personen der Gottheit. Der Vater wird uns lieben, die Gottheit in ihrer ganzen Fülle wird zu uns kommen – Vater und Sohn werden kommen, und der Heilige Geist wohnt auch in dem Gläubigen – und sie wird Wohnung bei uns machen. Etwas Höheres als diese drei Ergebnisse gibt es auf dieser Erde nicht, es ist die Fülle himmlischen Segens.

Es ist eine der wenigen Stellen, wo der Herr Jesus von sich und dem Vater als „wir“ spricht. In Joh 3,11 hatte Er zu Nikodemus gesagt: „Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben“; und in Joh 17,22 spricht Er in seinem Gebet an den Vater von dem zukünftigen sichtbaren Eins-Sein der Gläubigen vor der Welt „wie wir eins sind“. Es ist eine der größten Herrlichkeiten der Person des Herrn Jesus, dass er in Bezug auf die Gottheit „wir“ sagen kann – als der Sohn des Vaters ist Er eins mit dem Vater!

Das Kapitel hatte angefangen mit den Wohnungen im Haus des Vaters; dort werden wir einmal sein. Müssen wir bis dahin warten? Ja und Nein! Das vollkommene, ewige und ungetrübte Glück im Haus des Vaters im vollkommenen Licht dessen, was der Vater und der Sohn sind, ist noch zukünftig, darauf müssen wir noch warten. Aber wir können hier auf der Erde heute schon einen Vorgeschmack der Segnungen dieses Hauses des Vaters erleben, wenn Vater und Sohn kommen und Wohnung bei uns machen. Das ist der allerhöchste Genuss, den Glaubende überhaupt auf dieser Erde haben können. Genuss der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, hier auf der Erde – das wird nur noch übertroffen von der himmlischen Sphäre im Haus des Vaters. Diese große Gnade und Herablassung des Vaters und des Sohnes müssen unsere Herzen tief bewegen und zur Dankbarkeit und Anbetung führen. Vater und Sohn kommen und machen Wohnung bei uns und geben uns einen Vorgeschmack auf die ewigen Beziehungen, die wir im Haus seines Vaters ewig genießen werden – jetzt schon! Wir haben hier eine gewaltige christliche Segnung vor uns, die unseren Verstand übersteigt und die wir nur voller Dank im Glauben erfassen können.

Mehr als das, was wir in diesem Vers lesen, gibt es auf dieser Erde nicht. Ein Leben in dem Wunsch, das Wort des Herrn zu halten, ist ein Leben, das geprägt ist von der Erkenntnis der Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes. Es gibt wohl keine höhere Auszeichnung für einen Glaubenden, als dass der Herr diese Worte seiner Billigung zu ihm sagt: „Du hast mein Wort bewahrt“ (Off 3,8; vgl. Joh 17,6).

„Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht; und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat“ (V. 24).

Wie ist das möglich, dass jemand den Herrn Jesus nicht liebt? Den nicht zu lieben, der wohltuend und heilend zu den Menschen gekommen ist, der ihnen die Liebe des Vaters vorgestellt hat, der nur Herrliches getan hat – wie kann man den nicht lieben? Was für ein Kontrast zu den Höhen, die wir in den vorhergehenden Versen vor uns hatten! Es hat sowohl damals als auch heute in der Zeit, in der der Heilige Geist auf der Erde ist, zwei Gruppen von Menschen gegeben und gibt sie immer noch: solche, die Ihn lieben, und solche, die Ihn nicht lieben.

Wir haben diesen scharfen Kontrast auch schon in Joh 12,1–8 durch Maria und Judas Iskariot vor uns gehabt. Maria hatte den Herrn vor sich gesehen, sie hatte kein Gebot gebraucht, sie kannte den Wunsch des Herrn und gab Ihm ihre Antwort darauf. Und direkt daneben stand einer, der den Herrn Jesus nicht liebte, der die Worte des Herrn Jesus drei Jahre lang gehört und sie nicht gehalten hatte. So kalt ist die Welt, dass sie sich zu einem System entwickelt hat, das den Herrn und alle, die Ihm angehören, hasst (Joh 15,18).

Der Herr Jesus macht hier einen Unterschied zwischen seinen Worten und seinem Wort. Im Blick auf solche, die Ihn nicht lieben, die keine Beziehung zu Ihm haben, spricht Er von seinen Worten; und im Blick auf die Jünger spricht Er von dem Wort, das sie hören. Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was Er zu Ungläubigen sagt, und dem, was Er zu Gläubigen sagt? Der Unterschied liegt darin, wie diese Dinge von der einen oder der anderen Gruppe aufgenommen werden. Für den Gläubigen ist das Wort etwas, was er als Einheit, als Gesamtheit annimmt, es ist ein Wort. Für den Ungläubigen sind es nur Worte; und die Worte nicht zu halten, weil man sie verachtet, ist natürlich ein Hinderungsgrund für den Ungläubigen, die Bedeutung des Wortes insgesamt zu erfassen.

Wer den Herrn Jesus nicht liebt, sieht nicht, dass alle seine Worte ein einheitliches Ganzes sind; er sieht die einzelnen Worte und will selbst entscheiden, ob er eines davon tun will oder nicht. Aber letzten Endes bedeutet es hier auch, dass solche Menschen auch nicht eines dieser Worte des Herrn gehalten haben. Sie sind nicht bereit, auch nur eine einzige der Mitteilungen des Herrn anzunehmen und ihr zu folgen. Sie sind durch Ungehorsam in jeder Hinsicht gekennzeichnet.

Das Wort des Sohnes ist das Wort des Vaters, es drückt nicht nur den Willen des Vaters aus. Er redete, was Er bei seinem Vater gesehen hatte (Joh 8,38). Damit sagt der Herr auch, dass derjenige, der die Worte des Herrn Jesus ablehnt, damit den Vater ablehnt, der den Sohn gesandt hat. Und wer den Sohn und den Vater ablehnt, hat auch den Heiligen Geist nicht – damit hat ein solcher Mensch gar nichts. Was für ein Vorrecht, das Wort des Herrn aufzunehmen und zu wissen, dass es das Wort des Vaters ist. Aber auch was für ein böser Herzenszustand, die Worte des Herrn Jesus abzulehnen, weil man Ihn nicht liebt!

„Dies habe ich zu euch geredet, während ich bei euch bin“ (V. 25).

Siebenmal finden wir diese Worte des Herrn Jesus in seinen Abschiedsreden vor den Jüngern (Joh 14,25; 15,11; 16,1.4.6.25.33). Es umfasst alles das, was Er mit ihnen besprechen will, um sie auf die Zeit nach seinem Weggehen vorzubereiten. Es ist wie ein Vermächtnis an seine Jünger.

In Joh 16,12 sagt der Herr, dass Er den Jüngern noch vieles zu sagen hätte, aber sie könnten es jetzt noch nicht tragen. Damit wird auch wieder darauf hingewiesen, dass mit dem Kommen des Heiligen Geistes ein großer Nutzen für die Glaubenden verbunden ist, denn von dem Heiligen Geist spricht der Herr im nächsten Vers, dass dieser sie alles lehren würde. Sein Weggehen würde also kein Verlust für die Jünger sein, sondern ein Gewinn.

„Der Sachwalter aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (V. 26).

Hier wird die Seite vorgestellt, dass der Vater den Heiligen Geist senden würde im Namen des Herrn Jesus. In Vers 16 hatte der Herr es so formuliert, dass der Vater den Heiligen Geist geben würde. Dort liegt der Nachdruck mehr darauf, dass die Gabe des Heiligen Geistes ein Geschenk des Vaters an die Seinen ist. Hier bei der Sendung sehen wir, dass damit ein Auftrag verbunden ist. Diesen Auftrag hat der Heilige Geist in göttlicher Vollkommenheit ausgeführt.

Wir finden in diesem Vers alle drei Personen der Gottheit in vollkommener Einheit. Gott ist einer (1. Tim 2,5; 1. Kor 8,6; Eph 4,6); es ist ein Gott, und die Personen handeln in vollkommener Harmonie und Einmütigkeit. Der Vater handelt in der Sendung des Heiligen Geistes stellvertretend für den Sohn; der Vater ist der Handelnde im Interesse des Sohnes. In Vers 16 hatten wir gesehen, dass der Herr Jesus den Vater darum bitten würde, und hier finden wir, dass der Vater um des Sohnes willen den Heiligen Geist senden wird. Wieder sehen wir, dass der Vater und der Sohn eins sind in dem, was sie reden und was sie tun. Es ist jetzt das erste Mal, dass der Herr Jesus diesen anderen Sachwalter als den Heiligen Geist bezeichnet; im griechischen Text wird es sogar so betont: „der Geist, der heilige“.

Der Herr Jesus möchte mit diesen Worten das Vertrauen der Jünger in den Heiligen Geist stärken und ihre Vorfreude auf diese gewaltige Segnung erhöhen. Er würde sie an alles erinnern, was der Herr Jesus selbst zu ihnen gesagt hatte. Damit stellt der Herr Jesus einen engen Bezug zwischen dem Heiligen Geist und Ihm selbst her; die Zuneigungen der Herzen der Jünger für den Herrn Jesus würden durch die Aktivitäten des Heiligen Geistes neu geweckt und erhalten werden. Das ist übrigens das Ziel, das der Heilige Geist heute immer noch verfolgt: unsere Zuneigungen für die Person des Herrn Jesus zu wecken und frisch zu erhalten. Darüber hinaus gibt Er in dieser christlichen Zeit Belehrungen in einem Umfang, die das übertreffen, was der Herr Jesus selbst unter ihnen gelehrt hatte.

Der Herr Jesus spricht in diesen Kapiteln an verschiedenen Stellen mit jeweils leicht unterschiedlichen Formulierungen von den Tätigkeiten des Heiligen Geistes, die aber in ihrer Gesamtheit das ganze Neue Testament umfassen:

  • Er würde sie an alles erinnern, was der Herr Jesus ihnen gesagt hatte (Joh 14,26): Das umfasst die vier Evangelien; wobei das Erinnern nicht nur ein Auffrischen der Worte des Herrn bedeutet, sondern vielmehr ein vertieftes Verständnis der darin offenbarten Gedanken des Heilsplans Gottes. Die Evangelien sind das Ergebnis der wortwörtlichen Inspiration durch den Heiligen Geist.
  • Er würde von dem Herrn Jesus zeugen und die Jünger zum Zeugnis kräftigen (Joh 15,26.27): Das umfasst die Apostelgeschichte.
  • Er würde sie alles lehren (s.o.) und sie in die ganze Wahrheit leiten (Joh 16,13): Das umfasst die Briefe des Neuen Testaments.
  • Er würde ihnen das Kommende verkündigen (Joh 16,13): Das umfasst vor allen Dingen die Offenbarung.

Was für einen Schatz besitzen wir in dem Neuen Testament, Wort für Wort inspiriert durch den Heiligen Geist!

Wir können an ein konkretes Beispiel denken, wo der Heilige Geist erinnert und gelehrt hat, was die Jünger vorher nicht verstanden hatten. In Joh 12,12 ff. zog der Herr Jesus auf einem jungen Esel sitzend in Jerusalem ein. Und dann lesen wir in Vers 16: „Dies verstanden seine Jünger zuerst nicht; jedoch als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich daran, dass dies von ihm geschrieben war und sie ihm dies getan hatten“. Als der Herr Jesus verherrlicht war, war der Zeitpunkt gekommen, dass der Heilige Geist auf diese Erde kommen konnte (Joh 7,39). Dadurch sind ihnen dann diese Dinge klar geworden. Der Heilige Geist hatte ihnen das Verständnis über das gegeben, was sie vorher beobachtet und gehört, aber nicht verstanden hatten.

Wir hatten in Vers 25 darauf hingewiesen, dass der Herr einen Unterschied betont zwischen „dies habe ich zu euch geredet“ und „der Heilige Geist … wird euch alles lehren“. Noch waren die Jünger begrenzt in ihrer Auffassung, aber wenn der Heilige Geist gekommen sein würde, gäbe es diese Begrenzung nicht mehr und der Heilige Geist könnte sie alles lehren (Joh 16,13). Das geht weit über das hinaus, was der Herr Jesus hier auf der Erde gesagt hatte. Wir müssen uns vielleicht wieder neu bewusst machen, was für ein Reichtum in den Briefen des Neuen Testamentes enthalten ist! Dort lehrt der Heilige Geist alles, und zwar ganz besonders in Verbindung mit dem verherrlichten Christus. Diese Briefe sind einfach unverzichtbar, wenn wir das christliche Glaubensgut wirklich kennen wollen. Die Evangelien sind unendlich reich in der Beschreibung des Menschen Jesus hier auf der Erde, und wir wollen auch immer wieder dazu ermuntern, sie unter diesem Gesichtspunkt zu lesen. Aber auch die gläubigen Hebräer wurden dazu aufgefordert, nicht dabei stehenzubleiben. Das sind die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes, und die gläubigen Hebräer wurden ermuntert, das Wort von dem Anfang des Christus zu verlassen, um zu dem vollen Wuchs fortzufahren (Heb 5,12; 6,1). Das christliche Teil ist eine verherrlichte Person im Himmel und unsere Beziehung und Stellung in Ihm, darin wollen und sollen wir wachsen. Aber dieses himmlische Teil können wir nicht verstehen ohne den Christus auf der Erde, wie Er in den Evangelien vorgestellt wird. Wir brauchen unbedingt beides, beides hat seinen Wert und bereichert unser Leben, eben weil es uns mit Christus beschäftigt.


Fußnoten:

  1. vgl. diese Erwartungshaltung der Jünger in Apg 1,6