Zweifacher Frieden für die Glaubenden
„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch“ (V. 27a).
Wenn auf der Erde jemand stirbt, hinterlässt er meistens seinen Angehörigen etwas Materielles. Der Herr Jesus steht im Begriff, diese Erde zu verlassen, und Er hinterlässt auch etwas. Aber was Er hinterlässt, sind keine materiellen Güter, sondern es ist wunderbarer geistlicher Segen! Hier spricht Er von Frieden in einer zweifachen Bedeutung: Er lässt den Glaubenden Frieden, und Er gibt ihnen seinen Frieden. Am Anfang von Johannes 14 hatten wir gesehen, dass wir in diesem Kapitel eine ganze Reihe von Tröstungen finden, und hier in diesem zweifachen Frieden haben wir wieder eine ganz erhabene Tröstung und Ermutigung des Herrn für die bestürzten Herzen seiner Jünger und damit auch für uns.
Frieden ist eine wunderbare Gabe des Herrn Jesus, die Er uns hinterlassen hat. Die Grundlage für jeden Frieden ist das Kreuz von Golgatha. Durch das Blut seines Kreuzes hat der Herr Jesus Frieden gemacht (Kol 1,20) – unabhängig davon, ob Menschen dieses Angebot annehmen und unabhängig davon, ob Gläubige in diesem Frieden Gottes praktisch leben. Der Herr Jesus hat Frieden gemacht, das ist und bleibt eine unumstößliche Tatsache. Als Er an dem Auferstehungstag, dem ersten Tag der Woche, in die Mitte seiner Jünger tritt, spricht Er „Friede euch“ und zeigt ihnen seine Hände und seine Seite (Joh 20,19.20). Das ist dieser Friede, den Er auf Golgatha erstritten hat.
Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg, mehr als ein Waffenstillstand, mehr als dass man sich nicht streitet. Frieden ist mit dem Gedanken verbunden, dass Dinge oder Parteiungen miteinander verbunden oder zusammengefügt werden. Es gibt zwei Gegenpole zum Frieden: Das eine ist Entfremdung, das andere ist innere Unruhe. Vielleicht sind das auch die beiden Punkte, die der Herr im Blick hat, als Er den Jüngern Frieden zusichert. Von dem ersten Frieden sagt Er ja nicht, dass Er ihn gehabt hätte, nur den zweiten Frieden nennt Er ausdrücklich „meinen Frieden“. Daraus kann man schließen, dass es bei dem ersten Frieden um den grundsätzlichen Frieden mit Gott geht, den Menschen haben müssen, während es bei dem zweiten Frieden um den Frieden geht, den der Herr Jesus in seinen schwierigen Lebensumständen auf der Erde genossen hat. Wir könnten auch sagen, dass der erste Friede mehr mit der Überwindung der Feindschaft von uns gegenüber Gott zu tun hat, während der zweite Friede mehr den Frieden im Herzen in unseren Umständen meint.
Im Propheten Jesaja lesen wir zweimal die ernsten Worte: „Kein Friede den Gottlosen!“ (Jes 48,22; 57,21). Menschen ohne Gott haben keinen Frieden, sie brauchen die Rechtfertigung aus Glauben, durch die man Frieden mit Gott bekommt (Röm 5,1). Frieden mit Gott ist eine wunderbare Segnung; und es ist andererseits erschütternd, wie viele Menschen diesen Frieden nicht kennen. Er ist in keiner Religion der Welt, in keiner Ideologie, keiner Esoterik und auch nicht im Atheismus zu finden. In Mt 11,28 bezeichnet der Herr Jesus diesen Frieden mit Gott als die Ruhe, die Er den Mühseligen und Beladenen dieser Welt geben will.
Den zweiten Frieden hier in Vers 27 hatte der Herr Jesus selbst, deshalb nennt Er ihn „meinen Frieden“. Sein Herz war immer in allen Umständen seines Lebens auf der Erde in völligem Frieden. Er hat diesen Frieden auf seinem Weg, den Er immer in völliger Übereinstimmung mit dem Willen seines Vaters gegangen ist, immer genossen. Denken wir an die Szene, als Er mit seinen Jüngern in dem Schiff war und sich ein heftiger Sturm erhob und das Schiff in ernste Gefahr geriet; „und er war im hinteren Teil und schlief auf dem Kopfkissen“ (Mk 4,37.38; vgl. Ps 4,9). Petrus, der dort auf dem Schiff im Sturm dabei war und den Herrn aufweckte, weil sie befürchteten, umzukommen, hatte von seinem Herrn gelernt. Er konnte später als ein Gefangener des Königs Herodes in der Nacht, bevor er durch Herodes getötet werden sollte, mit Ketten gefesselt zwischen zwei Soldaten im Gefängnis schlafen, und zwar so tief und fest, dass er von dem Engel des Herrn an die Seite geschlagen und aufgeweckt werden musste (Apg 12,1–7).
In vielen anderen Szenen des Lebens des Herrn Jesus auf der Erde spüren wir bei Ihm diesen tiefen Frieden in seinem Herzen. Wenn Er gleich am Ende dieses Kapitels mit seinen Jüngern den Obersaal verlässt und hinausgeht nach Gethsemane und Golgatha, dann wissen wir aus einem anderen Evangelium, dass sie dabei ein Loblied gesungen haben (Mk 14,26).
Bei diesem zweiten Frieden können wir an die zweite Art der Ruhe denken, von der der Herr Jesus dann in Mt 11,29 spricht. Dort sagt Er nämlich zu denen, denen Er die Ruhe für das Gewissen geschenkt hat, dass sie von Ihm lernen sollen und darin Ruhe für die Seele finden werden. Und auch an dem Auferstehungstag in Joh 20, an den wir eben gedacht haben, spricht der Herr auch ein zweites Mal „Friede euch“ (Vers 21). Er erklärt das dann mit den folgenden Worten selbst: Er sagt ihnen diesen Frieden zu, den Er als der Gesandte des Vaters auf dieser Erde ständig genossen hatte und der ihnen nun als seinen Gesandten genauso zur Verfügung stehen würde. Es würde nicht einfach sein auf diesem Weg des Dienstes, sie würden in Schwierigkeiten kommen und Ungerechtigkeiten, Widerstand und sogar Hass erfahren – deshalb gibt Er ihnen seinen Frieden.
Die Welt kann gar keinen Frieden geben, weil sie nicht in Frieden ist und keinen Frieden hat. Aber der Herr sagt nicht, was die Welt gibt, sondern wie die Welt gibt. Wie gibt die Welt? Sie gibt immer sparsam, egoistisch; und was sie gibt, gibt sie von sich weg und hat es dann nicht mehr. Der Herr Jesus gibt immer reichlich, Er gibt immer zu unserem Nutzen, und Er gibt nie von seiner Fülle, als wenn Er dann weniger hätte, sondern Er gibt immer aus seiner Fülle. Wenn wir etwas weggeben, haben wir es nicht mehr; der Herr Jesus gibt anders: Er gibt diesen Frieden aus seiner Fülle. Sein Friede wird nie weniger, wenn Er ihn gibt.
Zusammenfassend zeigen uns diese Stellen von dem zweifachen Frieden oder der zweifachen Ruhe (Joh 14,27; 20,19–21; Mt 11,28–30), dass die Voraussetzung für den zweiten Frieden oder die zweite Ruhe ist, dass wir den ersten Frieden oder die erste Ruhe kennen. Der Herr Jesus kann uns nicht seinen Frieden geben, wenn wir nicht Frieden mit Gott haben. Es ist eine Voraussetzung, dass unser Verhältnis zu Gott auf der Grundlage von Golgatha geordnet ist und wir uns dessen auch bewusst sind. Erst dann können wir auch den Frieden kennen und genießen, den der Herr Jesus als Mensch hier auf der Erde ununterbrochen genossen hat und jetzt uns geben will. Wir müssen erst verstanden haben, dass die Frage unserer Schuld vor Gott geklärt ist, bevor wir auf einem Weg über diese Erde mit all seinen Schwierigkeiten und Turbulenzen diesen persönlichen Frieden genießen können, den der Herr Jesus auch gehabt hat auf seinem Weg, den Er in Übereinstimmung mit dem Willen seines Gottes und Vaters gegangen ist. Das ist der Friede in den Umständen, aber nicht nur generell in den Umständen, sondern ganz speziell im Dienst für den Herrn. Wir könnten auch sagen, dass wir in Joh 14,27 die Ankündigung dieses zweifachen Friedens finden, und in Joh 20,19–21 wird er durch den Herrn gegeben. Daneben gibt es auch noch den Frieden Gottes (Phil 4,7), das ist Friede über den Umständen. Gott thront im Himmel über allen Umständen, und Er ist darin in völligem Frieden.
„Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam“ (V. 27b)
Der Herr wiederholt dann die Worte von Vers 1 dieses Kapitels: „Euer Herz werde nicht bestürzt“ und fügt noch hinzu: „sei auch nicht furchtsam“. Er würde seine Jünger zurücklassen, und in Vers 30 sagt Er ihnen, dass der Fürst dieser Welt kommt. Das könnte ein Anlass zur Furcht bei den Jüngern werden. Da ist es schön, zu sehen, wie der Herr schon im Vorfeld etwaiger Ereignisse sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen vertraut macht. Wie viel Mühe gibt Er sich, um sie auf das vorzubereiten, was kommen würde!
Nur wenige Tage, nachdem Er diese Worte zu ihnen gesprochen hatte, würden sie die größte Krise ihres Lebens erleben. Der, der 5000 Männer mit fünf Broten und zwei Fischen gespeist hatte, der auf dem Wasser gegangen war, der Tote auferweckt hatte, der hing auf einmal an einem römischen Kreuz. Sie wussten aus dem Gesetz, dass jeder, der an einem Holz hängt, verflucht ist (5. Mo 21,23; vgl. Gal 3,13). Wie konnte der, der all diese wunderbaren Dinge getan hatte, von dem römischen Reich besiegt werden? Es sah ja tatsächlich so aus, als wäre das der Fall gewesen. Doch in Wirklichkeit war gerade das der Beginn des größten Sieges, der je auf dieser Erde errungen wurde. Aber der Herr hatte ein Empfinden für diese Herzensängste seiner Jünger, durch die sie deshalb gehen würden, und deshalb sorgte Er so liebe- und verständnisvoll vor und sagt hier zum zweiten Mal: „Euer Herz werde nicht bestürzt“.
Berührt es uns nicht, wenn wir in Joh 12,27.28 betrachtet haben, dass der Herr zu seinem Vater sagt: „Jetzt ist meine Seele bestürzt, und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde! Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“? Und in Joh 13,21 haben wir betrachtet, dass Er im Geist erschüttert wurde angesichts des Verrats durch Judas Iskariot. Der Herr Jesus war bestürzt, aber Er war trotzdem auch in diesen Momenten im völligen Genuss des Friedens; seine Bestürzung war nicht die Bestürzung, vor der Er seine Jünger bewahren wollte, denn die konnten sie überhaupt nicht nachempfinden und auch nicht in seine Empfindungen eingehen. Aber Er geht in ihre Empfindungen ein, bevor sie dahin kommen, und möchte sie schon im Vorfeld vorbereiten.
„Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin, und ich komme zu euch. Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich“ (V. 28).
Der Übergang von Vers 27 zu Vers 28 ist bemerkenswert. Zuerst verweist der Herr auf das, was Er den Jüngern in diesem Kapitel bereits gesagt hatte, nämlich dass Er hingehen und zu ihnen kommen würde. Das finden wir z.B. in Vers 3 und auch in Vers 18. In Vers 3 hatte Er von seinem Kommen zur Entrückung gesprochen – was auch in diesem Vers der Gedanke ist –, und in Vers 18 von seinem Kommen in der Person des Heiligen Geistes. Aber mit den folgenden Worten scheint der Herr einen ganz anderen Gedanken zu verfolgen. Es ist, als wollte Er ihnen sagen: „Ich habe mich sehr sorgfältig um euch bemüht, ich habe alles bedacht, was ihr wissen müsst und was ihr braucht. Und jetzt möchte ich euch einmal fragen: Habt ihr auch einmal darüber nachgedacht, was mit mir ist?“ Es geht sehr tief, wenn wir darüber nachdenken, was das Herz des Herrn bewegt!
Der Herr stellt mit seinen Worten nicht grundsätzlich infrage, dass die Jünger Ihn wirklich liebten, aber Er bringt doch zum Ausdruck, dass sie in ihrer Liebe zu Ihm nicht so weit waren, dass sie sich für Ihn und mit Ihm freuen konnten. Es ist wie ein Appell an ihre Herzen, ihre Liebe zu Ihm neu anfachen zu lassen und sich damit zu beschäftigen, was es für Ihn bedeutet, zu dem Vater zu gehen. Das war die vor Ihm liegende Freude, für die Er das Kreuz erduldet hat (Heb 12,2). Er sagt gleichsam: „Wenn ihr mich wirklich in meinem Herzen verstehen könntet, wenn ihr meine Empfindungen verstehen könntet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe“.
Unsere Liebe zu dem Herrn Jesus kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Wir haben bei dem Halten seiner Gebote (Vers 21) und auch bei dem Halten seines Wortes (Vers 23) gesehen, dass wir dadurch unsere Liebe zu Ihm beweisen können. Hier geht es um eine andere Art von Liebe, hier ist es eine selbstlose Liebe, die sich über die Freude eines anderen mitfreuen kann. Wir können Gefahr laufen, geistlich egoistisch zu werden oder zu sein. Aber sich über die Freude eines anderen zu freuen, ist eine besonders schöne Art der Freude; dann geht es mir nicht nur um mich selbst, sondern um den anderen, den ich liebe!
Der Herr Jesus war im Begriff, nach Golgatha zu gehen und dann nach dem vollbrachten Werk das Schlachtfeld dieser Erde zu verlassen und zum Vater zurückzukehren. In Kürze würde Er diesen Ort verlassen, der Ihm so fremd geblieben war, voller Sünde und Tod. Er war hier auf der Erde sozusagen im Exil gewesen, Er war hier immer der himmlische Fremdling gewesen, Er passte mit seinem heiligen Wesen an sich hier nicht hin. Und jetzt sagt Er als der einzige Mensch, der wirklich wusste, wie es im Haus des Vaters ist, dass Er dorthin gehen würde (vgl. Joh 13,1; 17,13). Er kannte die Sphäre von Licht und Herrlichkeit und Liebe im Haus des Vaters. Wir können nicht wirklich nachempfinden, mit welch tiefen Empfindungen Er sich nach diesem Ort sehnte! Als Mensch zurückzukehren in diese Atmosphäre der Liebe und endlich wieder bei seinem Vater zu sein, in absoluter Harmonie mit Ihm – Er war der Einzige, der das von Ewigkeit her kannte.
„Denn der Vater ist größer als ich“ – warum fügt der Herr Jesus diese Begründung an? Er steht hier als Mensch vor uns, und da ist der Vater größer als Er. Und gleichzeitig betont das auch diese wunderbare Tatsache, dass Er jetzt als Mensch zu dem Vater zurückkehren würde. Wenn wir Ihn liebten, würden wir uns freuen, dass Er, der freiwillig diesen Platz der Unterordnung als Mensch eingenommen hat, jetzt als Mensch diesen Platz bei dem Vater einnehmen wird; dass Er das Recht bekommt, selbst an diesen Ort zu gehen.
Das müssen wir mit unserem Herzen erfassen: Der Herr Jesus hat seinen Gott und Vater als Mensch auf dieser Erde so verherrlicht, dass Er jetzt als Mensch zum Vater gehen kann. Das ist außerordentlich, erstmalig und einzigartig! Wenn wir als erlöste Menschen einmal in dem Haus seines Vaters sein werden, dann nur aufgrund seines Werkes, aufgrund der Herrlichkeit der Gnade Gottes – und aufgrund der Tatsache, dass Er als Mensch jetzt schon dort ist und uns dadurch die Stätte bereitet hat (Vers 2.3).
„Und jetzt habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit, wenn es geschieht, ihr glaubt“ (V. 29).
In diesem Vers sehen wir, dass der vollkommene Mensch eben auch der ewige Sohn Gottes ist. Nur Er als Gott, der Sohn, konnte diese unfassbare Wahrheit, dass ein Mensch in den Himmel geht, voraussagen. Dreimal in diesen Kapiteln sagt der Herr Jesus Dinge, bevor sie geschehen, um die Jünger darauf vorzubereiten und ihr Vertrauen in Ihn zu stärken (vgl. Joh 13,19; 14,29; 16,4).
Hier bereitet Er sie auf das vor, was in den nächsten Stunden und Tagen auf sie zukommen würde, damit sie in ihrem Glaubensvertrauen nicht erschüttert würden. In wenigen Stunden würden sie die schwersten Stunden ihres Lebens erleben. Deshalb gibt der Herr Jesus ihnen eine andere Perspektive auf das, was geschehen würde.
Diese letzten Verse des Kapitels zeigen uns noch einmal einige besondere Herrlichkeiten des Herrn. Hier in diesem Vers sehen wir die Herrlichkeit seiner Fürsorge für die Jünger. Er wollte nicht, dass sie in irgendeiner Form verunsichert würden, deshalb hatte Er ihnen alles im Voraus gesagt. Im nächsten Vers sehen wir dann die Herrlichkeit seiner vollkommenen Sündlosigkeit. Vers 31 zeigt uns schließlich die Herrlichkeit seiner Liebe zu dem Vater und die Herrlichkeit seines vollkommenen Gehorsams.
„Ich werde nicht mehr vieles mit euch reden, denn der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir …“ (V. 30).
Der Weg des Herrn Jesus als Mensch zu dem Vater ging nur über Golgatha, wo sich seine ganze Vollkommenheit erwies und der Fürst dieser Welt nichts in dem Herrn Jesus fand. Erstens nichts moralisch Böses, wodurch der Fürst dieser Welt Ihn hätte unter die Macht des Todes bringen können; und zweitens würde der Teufel Ihn auf dem Weg dorthin in nichts, auch nicht in einer Kleinigkeit, davon abbringen können, alles in voller Übereinstimmung mit dem heiligen Ratschluss Gottes auszuführen.
Dreimal im Johannesevangelium wird Satan der Fürst der Welt genannt (Joh 12,31; 14,30; 16,11). Jedes Mal steht es in Verbindung mit dem Kreuz des Herrn und es bezieht sich immer auf diesen Zeitpunkt, wo die Welt sich in ihrem vollen Charakter offenbart. Satan war nicht immer der Fürst dieser Welt (oder der Gott dieser Welt; 2. Kor 4,4); aber ihm wurden alle Reiche des Erdkreises als sein Herrschaftsbereich übergeben (Lk 4,6). Und dann wurde an dem Kreuz sichtbar, dass diese Welt in dem Bösen liegt, dass sie sich vollkommen diesem Fürsten unterstellt (1. Joh 5,19). Diese Welt hat ihr volles Maß an Bosheit dadurch erreicht, dass sie als ihr Haupt nicht Christus, sondern Satan gewählt hat. Damit war für diese Welt auch jede Hoffnung auf Heilung vorbei. Wenn Satan der Fürst dieser Welt ist, dann ist in dieser Welt kein Platz für Christus.
In Lk 22,53 sagt der Herr Jesus bei seiner Gefangennahme, dass dies „eure Stunde und die Gewalt der Finsternis“ ist. In Off 12,9 finden wir den großen Drachen, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der das männliche Kind verschlingen will. Er ist bekleidet mit den Emblemen des Römischen Reiches; und wir erinnern daran, dass dieser erste Versuch schon stattfand, als Herodes versuchte, den Herrn Jesus als gerade geborenes Kind umzubringen (Mt 2,13–18). Herodes war bloß eine Marionette des Römischen Reiches, aber der eigentliche Anstifter dazu war Satan selbst.
Satan war auch schon einmal zu Beginn des öffentlichen Dienstes des Herrn Jesus gekommen und hatte Ihn während vierzig Tagen und Nächten versucht (Mt 4,1–11; Lk 4,1–13). Nichts hatte er in Ihm gefunden; zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit war er an einen Menschen herangetreten, der ihn mit dem und durch das Wort Gottes besiegte. Bei diesen Versuchungen hatte Satan besonders seine List benutzt, um den Herrn zu Fall zu bringen, aber er hatte keinen Anknüpfungspunkt bei Ihm gefunden. Damals war er nur für eine Zeit (Fußnote: bis zu einer gelegenen Zeit) von Ihm gewichen. Diese gelegene Zeit war jetzt gekommen. Jetzt kommt dieser Satan am Ende des Weges des Herrn wieder an den Herrn Jesus heran, und dieses Mal mit seiner ganzen Macht der Finsternis – und er findet wieder nichts anderes bei Ihm als völlige Sündlosigkeit.
Satan hat natürlich während der ganzen Zeit des Dienstes des Herrn Jesus im Hintergrund gewirkt und die willigen Menschen, ob Juden oder Heiden, für seine Zwecke benutzt. Sogar bei Petrus hatte er etwas gefunden, und das sogar ganz kurz, nachdem dieser so eine gewaltige Offenbarung über den Herrn Jesus empfangen hatte. Der Herr hatte sofort erkannt, wer da durch Petrus zu Ihm gesprochen hatte, und musste zu Petrus sagen: „Geh hinter mich, Satan!“ (Mt 16,23). Ein weiteres ganz besonderes Werkzeug Satans ist Judas Iskariot gewesen, in den Satan ganz zum Schluss sogar gefahren war (Joh 13,27). Drei Jahre lang hatte dieser Mann den Herrn Jesus Tag für Tag begleitet; wenn es irgendetwas in dem Herrn Jesus gegeben hätte, was Anlass für einen Anknüpfungspunkt des Teufels hätte sein können, dann wäre das offenbart und benutzt worden. Aber selbst Judas Iskariot musste bekennen, dass er schuldloses Blut überliefert hatte (Mt 27,4).
Ps 17,3 spricht prophetisch zwar von einer ganz anderen Art des Suchens bei dem Herrn Jesus, aber das Ergebnis ist dort dasselbe wie hier – „nichts fandest du; mein Gedanke geht nicht weiter als mein Mund“. In Ihm ist nur Vollkommenheit, nichts ist im Widerspruch zu den Gedanken Gottes, alles ist zu seiner Ehre und Verherrlichung!
Noch einmal also vereinen sich die Mächte der Finsternis gegen den Herrn Jesus. Psalm 22 zeigt uns das prophetisch. In Vers 13 und 14 lesen wir, wie die ganze jüdische Oberschicht, die Einflussreichen des jüdischen Volkes (Stiere von Basan), unter der Anstiftung Satans (der reißende und brüllende Löwe) unfassbare Lästerungen gegen Ihn ausgestoßen haben. Und in Vers 17 ist Er umgeben von den Soldaten der unreinen römischen Nation (Hunde), die seine Hände und Füße durchgraben haben, die Ihn an das Kreuz geschlagen haben. In Vers 21 ist dann noch einmal von der Gewalt des Hundes die Rede, von der Macht der Römer, Ihn an das Kreuz zu bringen. Vers 22 beschreibt dann mit dem Rachen des Löwen die Einschüchterungen und Drohungen, mit denen Satan den Herrn von dem Weg abzubringen versuchte. Als der Herr Jesus vor Pilatus stand, musste dieser dreimal bekennen, dass er keine Schuld an dem Herrn Jesus fand (Joh 18,38; 19,4.6). Aber er ordnete dessen Kreuzigung trotzdem an, weil er befürchtete, andernfalls seine Machtposition zu verlieren.
In dem Herrn Jesus konnte niemand etwas finden – aber Satan versuchte, auch in seinen Jüngern etwas zu finden. Und deshalb hatte der Herr Jesus sie gewarnt; Er wusste, dass Satan sie sichten wollte (Lk 22,31). Dieses Wort hatte der Herr besonders an Petrus als den Führer und Sprecher der Jünger gerichtet. Petrus hatte den Herrn aufrichtig lieb und er hatte viel Eifer für Ihn, aber seine Schwachstelle war sein Selbstvertrauen, das Satan ausnutzen konnte. Er rühmte sich seiner eigenen Liebe zu dem Herrn und meinte, diese sei größer als die Liebe der übrigen Jünger zu dem Herrn. Er musste lernen, was für uns alle gilt: dass wir wachen und beten müssen, weil der Geist zwar willig, das Fleisch aber schwach ist (Mk 14,38).
Die Jünger würden in den kommenden Geschehnissen Satan selbst nicht sehen, sie würden Menschen handeln sehen. Aber der Herr zeigt ihnen, wer hinter diesen Menschen steht und sie antreibt, wer wirklich der Ausgangspunkt all dieses Hasses war.
„… aber damit die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und so tue, wie mir der Vater geboten hat. – Steht auf, lasst uns von hier weggehen!“ (V. 31).
Hier steht der Herr Jesus als das Brandopfer vor uns. Die Welt sollte einen sichtbaren Beweis bekommen, dass Er den Vater liebt. Seine Liebe zu dem Vater ist die höchste Motivation im Herzen des Herrn gewesen, diesen Weg zu gehen. Der Vater ging Ihm über alles, selbst wenn es die bittersten Leiden für Ihn bedeutete. Wenn Er auf diesem Weg schrecklichster Leiden seine Liebe zu dem Vater beweisen konnte, dann war es Ihm das wert! Anbetungswürdiger Herr in seiner Liebe und seinem Gehorsam gegenüber dem Vater! Der Fürst dieser Welt hatte deshalb nichts in dem Herrn Jesus, weil alles in Ihm für den Vater war!
Frage: Was ist hier in diesem Vers unter dem Begriff Welt zu verstehen? Wenn es das gefallene System Satans ist, wie kann dieses völlig entfremdete System etwas von dieser „intimen“ Liebe des Sohnes zu dem Vater erkennen? Die Welt hat den Vater nicht erkannt (Joh 17,25), wie kann sie dann die Liebe des Sohnes zu dem Vater erkennen?
Antwort: „Welt“ hat im Wort Gottes ja verschiedene Bedeutungen. Wir haben in Vers 30 gesehen, dass es das von Gott abgefallene System, dessen Fürst Satan ist, bedeuten kann; dieses System steht in völligem Gegensatz zu dem Vater (1. Joh 2,15). Wenn es in Joh 3,16 heißt, dass Gott die Welt geliebt hat, dann ist damit nicht dieses gottfeindliche System Satans gemeint, sondern die Menschen dieser Welt. Dann kann mit diesem Ausdruck auch die Gesamtheit der Schöpfung gemeint sein (Röm 1,20).
Der Herr Jesus spricht hier nicht von Glauben, sondern von Erkennen, und Er spricht auch nicht von einem speziellen Zeitpunkt dieses Erkennens. Auch in Joh 17,21 und 23 macht Er einen deutlichen Unterschied zwischen dem Glauben der Welt (in der jetzigen Zeit) und dem Erkennen der Welt (wenn die Versammlung verherrlicht sein wird). Die Menschen dieser Welt können in dieser vollkommenen Widmung des Herrn Jesus an seinen Vater am Kreuz von Golgatha etwas wahrnehmen von seiner Liebe zu dem Vater.
Die Welt sollte erkennen, dass der Herr den Vater liebt; der Herr sagt nicht, dass die Jünger das erkennen sollten. Konnte die Welt nicht den Eindruck gewinnen, dass Gott sich am Kreuz von dem Herrn Jesus abgewandt hatte, dass Er Ihn allein gelassen hatte? Dennoch war es eine Botschaft, die von dem Kreuz ausging: Es ist der Ausdruck der größten und der tiefsten Liebe des Sohnes zu dem Vater. Und wer von der Welt durch diese Botschaft erreicht wird und sie im Glauben annimmt, der kann noch heute aus der Welt herausgeführt werden. Es war keine Verkettung von unglücklich für den Herrn verlaufenen Ereignissen, es war im Gegenteil eine öffentliche Demonstration davon, dass Er seinem Vater in allem gehorsam war und dass Er seinen Vater vollkommen liebte.
Wir haben hier die einzige Stelle im Johannesevangelium, wo von der Liebe des Herrn Jesus zu dem Vater gesprochen wird, sonst wird immer von der Liebe des Vaters zu dem Sohn gesprochen. Diese Liebe des Herrn Jesus zu dem Vater wird sichtbar durch Gehorsam in jeder Hinsicht. Was der Herr Jesus den Jüngern vorher vorgestellt hatte, nämlich seine Gebote zu halten (Vers 21), das hat Er selbst in Vollkommenheit vorgelebt. Der Herr fordert nichts von den Seinen, was Er nicht selbst vollkommen vorgelebt hat. Und gerade in seinem Gehorsam den Geboten des Vaters gegenüber blieb Er in dem Genuss seiner Liebe (Joh 15,10).
Der Herr ist jetzt auch wieder der Aktive, der Handelnde. Auch wenn Er der abhängige und gehorsame Mensch ist, sagt Er zu den Jüngern: „Steht auf, lasst uns von hier weggehen!“ „Von hier weg“; was war das für eine Atmosphäre der Ruhe in dem Obersaal, nachdem Judas Iskariot diesen verlassen hatte, was hatte der Herr Jesus den Jüngern für wunderbare Dinge sagen können! Aber es war notwendig, dass sie diesen Ort verließen, damit all die herrlichen Dinge, von denen Er gesprochen hatte, wahr werden konnten und wir sie bis in alle Ewigkeit genießen können.
In Joh 13,36 hatte Er noch zu Petrus gesagt: „Wohin ich gehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen“. Das war der Weg, der über das Kreuz zu dem Vater führte; dorthin konnten die Jünger Ihm nicht folgen. Aber ein kleines Stück auf diesem Weg sollten sie Ihn jetzt noch begleiten. Leider taten sie es nicht so, wie der Herr es hätte erwarten können. Aber Er ging diesen Weg, auch wenn es immer einsamer um Ihn wurde; und Er ging diesen Weg auch auf dem letzten Stück, wo Ihm dann niemand mehr folgen konnte.
Was haben wir für einen anbetungswürdigen Herrn! Mit einem festen Sinn ging Er hin, um diese höchste Liebe zu dem Vater unter Beweis zu stellen als ein bleibendes Monument für alle Ewigkeiten!
