„Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen da, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus und stand in der Mitte und spricht zu ihnen: Friede euch! Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Friede euch! Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende auch ich euch. Und als er dies gesagt hatte, hauchte er in sie und spricht zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Welchen irgend ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben, welchen irgend ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,19–23). 

Kurze Übersicht über Johannes 20 und 21

Der Herr Jesus erschien nach seiner Auferstehung den Seinen elfmal, wenn wir die Erscheinung an den Apostel Paulus mitzählen. Vier dieser Erscheinungen werden in Johannes 20 und 21 mitgeteilt. Bei der ersten erschien der Herr in Johannes 20,1–18 der Maria. Darauf komme ich noch kurz zurück. Drei weitere Erscheinungen tragen zur damaligen Zeit einen prophetischen Charakter. In diesen beiden Kapiteln des Johannesevangeliums werden – wie vielleicht sonst nicht noch einmal – in komprimierter Form die Ergebnisse des Werkes des Herrn auf Golgatha beschrieben. Dabei denken wir immer zuerst an die Ergebnisse für uns, wie beispielsweise die Vergebung der Sünden und dass wir zu der einen Versammlung gehören. Dafür danken wir sicher nicht genug.

Aber der Heilige Geist möchte unseren Horizont etwas erweitern. Das Werk des Herrn Jesus ist nicht nur die Grundlage unseres Heils. Es hat viel größere Auswirkungen. Denken wir dabei zunächst einmal an den Segen für den damaligen Überrest Israels, wie er stellvertretend in Maria in den ersten 18 Versen dargestellt wird (Joh 20,1–18). Dieser gläubige Überrest damaliger Tage hatte den Heiland erkannt und angenommen als den vorausgesagten Messias, der zur Rettung dieses Volkes gekommen war. Doch jetzt war Er gekreuzigt worden. Wie groß war ihre Bestürzung. Sie hatten erwartet, dass Er auf der Erde sein Reich aufrichten würde. Aber jetzt war Er doch gekreuzigt worden. Sie fragten sich: Wo bleibt unsere Hoffnung? Als Er dann auferstanden war, klammerten sie sich wie Maria an die alttestamentlichen Verheißungen. Sie wünschten, dass der Herr Jesus bei ihnen auf der Erde bleiben möge. Bruder Kelly übersetzt Vers 17 deshalb: „Halte mich nicht länger fest.“ Das wollte Maria. Sie wollte den Herrn auf der Erde behalten, damit sie in seinem Reich seine Gegenwart in Frieden genießen konnte. Der Herr Jesus musste ihr das abschlagen. Er konnte nicht bei ihr bzw. ihnen auf der Erde bleiben. Aber sie brauchten deswegen nicht enttäuscht zu sein. Er würde sie mit sich auf eine andere Ebene bringen, sie in himmlische Segnungen einführen, die weitaus höher sind als die, die sie erwarteten. Dann nennt Er sie seine Brüder. Er sagt: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Das kannte man im AT nicht. Die Jünger hatten nicht erwartet, in eine solche Segensfülle der Beziehung zu dem Vater und zu Gott als Kinder und Söhne eingeführt zu werden. So bildete der damalige Überrest Israels gleichsam den Grundstock der Versammlung, von der dann in den gelesenen Versen die Rede ist.

In Johannes 20,19–23 spricht der Herr Jesus prophetisch von der Zeit, die erst ab Apostelgeschichte 2 beginnen wird: Es ist die Zeit der Versammlung Gottes auf der Erde. Deshalb haben wir in diesen Versen – wie wir noch sehen werden – herrliche Grundsätze über das Zusammenkommen als Versammlung in der jetzigen Zeit.

Ab Johannes 20,24 beschäftigt der Herr Jesus sich mit Thomas, der den zukünftigen Überrest Israels dargestellt, der aber erst nach der Entrückung der Gläubigen der Gnadenzeit gebildet wird. Diese zukünftigen gläubigen Juden erwarten dann den Messias zur Aufrichtung des 1000-jährigen Reiches. Auch dieser Segensbereich gründet sich auf keine andere Grundlage als auf das Opfer des Herrn Jesus.

In Johannes 21 wird dann die Sammlung der Nationen in dem großen Fischzug von 153 Fischen vorgebildet.

Wenn wir in Johannes 20,19 lesen: „Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche“, dann war also der Sabbat vergangen. Der Herr Jesus lag also am Sabbat im Grab und stand am ersten Wochentag auf. Schon ganz früh, als es noch dunkel war und als der Stein schon weggewälzt war, kam Maria nach Johannes 20,1 zur Gruft. Sie konnte hineinschauen. Doch der Herr Jesus war nicht mehr darin. Er war auferstanden. Am Abend dieses Tages waren die Jünger zusammen.

Vers 19

Anhand von vier Fragen möchte ich diesen Vers beleuchten.

  1. Wann waren die Jünger zusammen?
  2. Wie waren sie zusammen?
  3. Wer war zusammen?
  4. Warum waren sie zusammen?

Diese vier Fragen werfen schon sehr viel Licht auf das Zusammenkommen der Versammlung.

1. Wann waren die Jünger zusammen?

„Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche …, kam Jesus und stand in der Mitte“ (Joh 20,19). Dieser erste Tag wird manchmal in der Schrift auch der achte Tag genannt.

Hier finden wir einen prophetischen Hinweis auf das Zusammenkommen als Versammlung. In der Apostelgeschichte wird dann ihre Entwicklung geschichtlich dargestellt.

Der erste Tag der Woche

Es fällt auf, dass sowohl hier als prophetischer Hinweis als auch später in der Apostelgeschichte dieses Zusammenkommen immer am ersten Tag der Woche stattfindet. In Apostelgeschichte 2,1, als die Versammlung gebildet wurde, geschah das am ersten Tag der Woche oder am fünfzigsten Tag oder am anderen Tag nach dem siebten Sabbat (3. Mo 23,16). Als Paulus in Apostelgeschichte 20 nach Troas kam, waren sie am ersten Tag der Woche versammelt, um Brot zu brechen. Als Johannes in Offenbarung 1 im Geist war, war das am Tag des Herrn, also dem ersten Tag der Woche.

Es findet immer an dem dem Herrn gehörenden Tag statt. Im Grundtext ist das das gleiche Wort wie in 1. Korinther 10 und 11, wo es um den Tisch des Herrn und um das Mahl des Herrn geht. Es findet immer an dem IHM gehörenden Tag statt. Dieser Tag steht stellvertretend für die christliche Haushaltung. Der Sabbat steht für die Zeit des Gesetzes. Der erste Tag der Woche steht für die christliche Zeit. Es ist gleichsam der Anfang der Neuschöpfung Gottes. Kolosser 1,18 macht das sehr deutlich, wenn es dort heißt, dass der Herr Jesus das Haupt des Leibes der Versammlung, der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten ist, damit ER in allem den Vorrang hat. Der Auferstandene und zum Himmel Gefahrene ist der Anfang der Neuschöpfung Gottes. Damit schließt dieser erste Teil.

Der Tag gehört dem Herrn. Das heißt, dass wir ihn nicht nach unserem Gutdünken gestalten. Es ist für uns oft gar kein geruhsamer Tag. Früher kamen die Geschwister an einigen Orten an diesem Tag dreimal zusammen (morgens, nachmittags und abends). Das war mühsam. Oft empfingen sie noch Besuche oder sie machten selbst Besuche. Das war gar nicht so gemütlich. Das ist dieser Tag auch nicht. Wenn wir mit dem Sabbat einen Vergleich anstellen, wie wir ihn aus der Schöpfungsgeschichte kennen, dann ruhte Gott am siebten Tag, dem Sabbat, nachdem Er alles geschaffen hatte. Zuerst wirkte Er und dann ruhte Er. Beim ersten Tag der Woche ist die Reihenfolge umgekehrt. Von der Ruhe des Kreuzes ausgehend kann Gott ruhen. Auf der Grundlage des Kreuzes kann Er dann auch wirken zum Heil verlorener Menschen. Der Sabbat wurde dann in das Gesetz aufgenommen mit bestimmten Vorschriften. Wir sollten aber nicht die Bedingungen und Vorschriften des Sabbaths auf den ersten Tag der Woche übertragen, wie zum Beispiel dass an diesem Tag nicht gearbeitet werden soll. Die Juden übertrieben das sehr über. Sie durften noch nicht einmal das Licht ausmachen oder in der heutigen Zeit nicht auf den Schalter eines Aufzugs drücken. Für uns ist das kein Tag, an dem wir nicht arbeiten dürfen. Das ist ein Tag, der dem Herrn gehört und an dem wir – Gott sei Dank und unserer heutigen Regierung – nicht arbeiten müssen. Viele haben an diesem Tag keine Arbeitsverpflichtungen im Berufsleben. Aber wir stellen ihn dem Herrn zur Verfügung.  Es kann sein, dass wir arbeiten müssen, aber wir widmen ihn dem Herrn und gehen nicht unseren Vergnügungen und Freizeitbeschäftigungen an diesem Tag nach. Das ist die Belehrung. Wir widmen ihn dem Herrn und da gibt es viel zu tun. Es ist der Auferstehungstag des Herrn. Das ist auch der geeignetste Tag für das Zusammenkommen. Wir sind auf schriftgemäßem Boden, wenn wir heute immer noch an diesem Tag das Brot brechen. Die ersten Christen taten das nämlich auch. Aus Apostelgeschichte 20,7 lernen wir, dass sie es damals auch am ersten Tag der Woche taten.

2. Wie waren sie zusammen?

Hier lesen wir: Hinter verschlossenen Türen. Wovon sprechen nun die verschlossenen Türen? Sie sprechen von der Absonderung. Hoffentlich wird von niemand diesem Ausdruck ein negativer Beigeschmack gegeben. Leider ist das hier und da der Fall. Liebst du diesen Ausdruck? Ich liebe ihn aufrichtig. Warum? Weil ich nicht bei diesem Ausdruck an das denke, was vielfach leider geschieht. Viele verbinden Absonderung mit dem Gedanken an das, was man alles nicht dürfe. Ich verbinde mit diesem Ausdruck: Hinwendung zu Christus. Das macht den Ausdruck so schön.Es gibt viele Beispiele in der Schrift. Petrus fragt: Herr, zu wem sollen wir gehen? Damit ist also eine Person gemeint. Paulus fordert uns im Hebräerbrief auf: „Lasst uns zu ihm hinausgehen“ (Heb 13,13). Abraham wurde in Ur in Chaldäa aufgerufen: „Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft“ (1. Mo 12,1). Aber was war vorher geschehen? Das lesen wir in Apostelgeschichte 7. Der Gott der Herrlichkeit war ihm erschienen, als er in Mesopotamien war. Diese Anziehungskraft, die dieser große Gott auf ihn ausübte, gab ihm die Kraft, alles andere zu verlassen.

Was gibt dir und mir die Kraft, die Dinge der Welt oder auch der Erde aufzugeben, sich davon wegzuwenden? Doch nur das, was kostbarer, größer und schöner ist als die Dinge dieser Welt. Was ist das? Nur Christus allein. Du kannst nehmen, was du willst. Welches Idol auf sportlichem oder musikalischem Gebiet oder was es sonst noch sein mag, kann dem Vergleich mit Christus standhalten? Sie müssen alle vergehen wie die Motte am Licht. Was sagt Absonderung? „Du bist schöner als die Menschensöhne“ (Ps 45,3).

Wenn ein Zusammenkommen zu dem Namen des Herrn Jesus verwirklicht werden soll, dann geht das nur auf dem Grundsatz der Absonderung. Kennt ihr den Satz „Wir versammeln uns auf dem Boden der Absonderung“? Ist er richtig oder falsch? Er ist falsch. Wir versammeln uns auf dem Boden der Wahrheit des einen Leibes. Aber das können wir nur tun auf einem Weg der Absonderung. Wir versammeln uns mit weitem Herzen auf einem schmalen Weg. Wenn wir das verstanden haben, dann wird uns der negative Aspekt der Absonderung nicht mehr stören, weil wir angezogen sind von der Herrlichkeit des Herrn Jesus.

Die Türen waren also verschlossen. Der Gedanke der Absonderung zieht sich durch die Heilige Schrift wie ein roter Faden. Schon in 1. Mose 1 scheidet Gott das Licht von der Finsternis oder anders gesagt von Gut und Böse. Im letzten Buch der Bibel ist die Rede von denen, die drinnen und draußen sind – eine ewige Trennung. Sie waren hinter verschlossenen Türen versammelt aus Furcht vor den Juden. Wie muss das verstanden werden? Zunächst hatten sie Angst vor den Juden, die schon den Heiland getötet hatten. Jetzt befürchten sie, selbst auch gekreuzigt und umgebracht zu werden. Heute müssen wir ja keine Sorge haben, dass jetzt Juden hier hereinkommen und uns nach dem Leben trachten. Unser Problem, aus Furcht vor den Juden abgesondert sein zu müssen, ist aber doch hochaktuell auch für unsere Tage. Die Christenheit ist voll jüdischer Elemente. Angefangen von den Altären, der Kleidung der Priester, über der Ausstattung christlicher Kirchen bis hin zu musikalischer Begleitung. Das sind alles jüdische Elemente. Davon müssen wir abgesondert bleiben. Aber diese Aussage bewahrt uns auch vor der Haltung der Führer dieses Volkes: der Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie bewahrt uns vor einer nicht schriftgemäßen Enge und Gesetzlichkeit. Auch dieses Problem ist aktuell bis in unsere Tage. Wir müssen Trennungen bedauern, die durch dieses Element in unsere Mitte hineingekommen sind, weil wir das nicht beachtet haben. Wenn wir über die Bedingungen der Schrift hinausgehende Bedingungen stellen, dann haben wir ein Pharisäertum eingerichtet, die ein Joch auf den Hals der Juden gelegt hatten, das weder sie noch die Väter zu tragen vermochten. Ich möchte die Wahrheit ausgewogen vorstellen. Auch das ist ein Problem unserer Tage. Deshalb ist die „Absonderung aus Furcht vor den Juden“ bis in unsere Tage hochaktuell.

3. Wer war versammelt?

Einzelheiten werden wir später betrachten. Vielleicht denkt der eine oder andere an die elf Jünger. Judas war ja nicht mehr dabei. Aber das stimmt nicht. Es waren viel mehr zusammen. Die Schrift sagt in Lukas 24,33, dass die Emmaus-Jünger nach Jerusalem zurückkehrten: „Und sie fanden die Elf und die, die mit ihnen waren, versammelt.“ Vielleicht waren es auch die Hundertzwanzig, die später auch in dem Obersaal waren. Es waren also nicht nur die Elf. Wenn in diesem Abschnitt das Zusammenkommen als Versammlung prophetisch vorgebildet wird, dann lernen wir daraus, was Gottes Gedanken für das Zusammenkommen als Versammlung ist. Er wollte schon hier, dass alle zusammen waren.

Diesen Gedanken haben wir auch in Apostelgeschichte 2,1, wenn es dort nämlich heißt: „Und als der Tag der Pfingsten erfüllt wurde, waren sie alle an einem Ort beisammen.“ Also nicht verteilt auf verschiedene Orte oder zu verschiedenen Zeiten. Nein, die Versammlung kommt zusammen alle an einem Ort. Jedes Glied am Leib Christi hat nach den Gedanken Gottes dort seinen Platz. Anders darüber zu denken, birgt sektiererische Gedanken. Dass nicht alle diesen Platz einnehmen, liegt nicht daran, dass Gott das nicht will. Nein, Menschen haben sich im Laufe der Jahrhunderte der Kirchengeschichte andere Örtlichkeiten oder andere Grundsätze gemacht, indem sie neben dieser Wahrheit über das Zusammenkommen anderes errichtet haben. Gott wollte das nicht. Es gibt auch andere Schriftstellen, nach denen bestimmte Gläubige diesen Platz nicht einnehmen können, weil sie persönlich oder wegen ihrer Verbindungen nicht der Reinheit und Heiligkeit dieses Platzes entsprechen. Es gibt also kein Zusammenkommen einer bestimmten Elitegruppe im Gegensatz zu den Laien. Nein, es sollte jeder seinen Platz haben. Das schriftgemäße Verständnis über diesen Ort hat unsere Vorväter aus den großen Kirchen austreten lassen.

4. Warum waren sie zusammen?

Sie hatten am Abend dieses ersten Wochentages schon ein vierfaches Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus:

  1. das Zeugnis von Maria selbst, der ihr ja zuallererst ganz allein erschienen war
  2. das Zeugnis von Petrus bzw. Kephas nach 1. Korinther 15
  3. das Zeugnis der übrigen Frauen
  4. das Zeugnis der beiden Emmaus-Jünger

Sie versammelten sich also schon jetzt um einen lebenden Herrn. Genau das macht den Wert des Christentums gegenüber den Religionen der Erde aus. Diese verehren tote Menschen. Wir kommen zusammen, um uns um einen lebendigen Herrn zu versammeln.

Der Herr Jesus kam also, als sie so versammelt waren. Das bedeutet, dass der Herr Jesus kommt, wenn die Bedingungen des schriftgemäßen Zusammenkommens erfüllt sind. Wir sagen oft: Wir gehen zu dem Herrn, weil Er uns eingeladen hat. Das ist auch wahr. Die Bibel – auch in Matthäus 18,20 – sagt es ein wenig anders: Wenn wir versammelt sind, dann kommt Er: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Erst wenn die Bedingungen erfüllt sind, kommt ER und macht seine Gegenwart wahr. Dann erfüllt ER die gegebene Verheißung. Wo steht Er dann, wenn Er kommt? Dann steht Er in der Mitte. Übrigens kam Er durch die verschlossenen Türen. Es war also hier nicht so wie später in Apostelgeschichte 5 und 12. Da mussten die Türen des Gefängnisses zuerst geöffnet werden, damit Petrus bzw. Paulus hinausgehen konnten. Hier geht der Heiland einfach durch die verschlossene Tür, ohne dass sie sich öffnen muss, weil Er einen geistigen Leib hatte. Dann steht Er in der Mitte. Das geht nicht anders.

Wenn wir die Gegenwart des Herrn erleben wollen, dann nur dann, wenn wir Ihm den Platz in der Mitte einräumen, weil Er ihn auch beansprucht. Er ist auch mit keinem anderen zufrieden. Aber das bedeutet unendlich viel. Der Herr Jesus ist und bleibt der Mann in der Mitte. Er war das auf Golgatha, wo sie den einen zur Rechten und den anderen zu Linken, Jesus aber in der Mitte kreuzigten. In Offenbarung 5,6 lesen wir: „Ich sah inmitten des Thrones … ein Lamm stehen wie geschlachtet.“ In 1. Mose 1 stand der Baum inmitten des Gartens, was ein Bild von dem Herrn Jesus ist. Das bedeutet also: Der Herr Jesus steht zentral. Manche haben übersetzt: Er stand mitten unter ihnen. Das ist zu schwach. Der Herr Jesus war nicht irgendwo.

Johannes 8 ist eine schöne Stelle. Dort hatten die Pharisäer eine Frau im Ehebruch ergriffen. Dann bringen sie sie zu dem Herrn „und stellen sie in die Mitte“ (Joh 8,3). Das ist der gleiche Grundtext.  Das heißt, die Frau steht jetzt zentral. Sie bildet den Mittelpunkt des Geschehens. Dann überführt der Herr die Pharisäer. Sie gehen einer nach dem anderen hinaus. In Vers 9 am Ende heißt es dann: „Und Jesus wurde allein gelassen mit der Frau in der Mitte“ (Joh 8,9). Sie steht zentral. Das ist auch mit dem Herrn Jesus so. Von Ihm geht alles aus, wenn die Versammlung zusammen ist. Zu Ihm laufen alle Fäden hin. Da hat ER alle Rechte. Er bestimmt den Ablauf. Ich spreche jetzt von dem Idealfall, wie es nach Gottes Gedanken sein soll, nicht wie wir es manchmal gestalten. Wenn wir in die alleinigen Rechte des Herrn Jesus eingreifen, dann müssen wir uns beugen und schämen. Wo man Ihm diesen Platz in der Mitte nicht einräumt, da kommt Er auch nicht. Wenn wir die Bedingungen erfüllen, dann macht der Herr Jesus seine Gegenwart wahr.

Jetzt beginnt Er zu sprechen und wünscht ihnen zuerst: „Friede euch!“ (Joh 20,21). Das sagt Er zweimal. Beim ersten „Friede euch!“ müssen wir an Johannes 14,27a denken. Da sagt der Herr Jesus: „Frieden lasse ich euch.“ Was dieser Friede bedeutet, erklärt die Schrift – dem Herrn sei Dank – selbst. Wir brauchen also nicht zu spekulieren. „Als er dies (Friede euch!) gesagt hatte, zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite“ (Joh 20,20). Das bedeutet: Seht mal, ich komme gerade von Golgatha. Ich habe euch durch mein Opfer, durch mein Werk diesen Frieden erworben. Das ist der Friede mit Gott. „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott“ (Röm 5,1). Diesen Frieden hat jeder, der einmal im Leben als verlorener Sünder zu Gott gekommen ist. Den besitzt er nicht aufgrund seiner Empfindungen und Gefühle oder wegen seines guten Sündenbekenntnisses. Nein, er besitzt ihn auf der Grundlage des Kreuzes von Golgatha. Er kann sagen: „Alle, alle meine Sünden hat sein Blut hinweggetan.“ Dieser Friede ist in der ersten Aussage gemeint. Er ist Voraussetzung, um anbeten zu können. Jemand, der keinen Frieden mit Gott hat, kann kein Anbeter sein. Frieden mit Gott zu haben, bedeutet, mehr als Vergebung seiner Sünden zu haben. Man muss das Bewusstsein haben, Gott ist nicht mehr gegen mich, ich habe freien Zugang zu Gott. Ich nahe anbetend einem heiligen Gott, eingehüllt in die Gnade von Golgatha. Jemand, der meint, dass Gott noch gegen ihn sei, der sich also noch in Römer 7 befindet, hat keinen Frieden mit Gott. Er hat Vergebung seiner Sünden, aber er zweifelt daran, dass Gott für ihn ist. Aber der Herr wünscht, dass wir völlig ruhen in der Vollkommenheit seines Opfers.

„Als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite“ (Joh 20,20). Das spricht von dem vollbrachten Erlösungswerk. Wir erinnern uns an Johannes 19. Als der Kriegsknecht seine Seite durchbohrte, kam Blut und Wasser heraus: Sühnung und Reinigung sind die beiden Seiten. Sühnung im Blick auf Gott, Reinigung im Blick auf uns. Auf der Grundlage dieses Werkes haben wir Frieden mit Gott. Der eine so sicher wie der andere.

Über den Auferstehungsleib des Herrn Jesus heißt es in Lukas 24,3: „Als sie hineingingen, fanden sie den Leib des Herrn Jesus nicht.“  Er war also nicht mehr in der Gruft. Er war auferstanden.

„Da freuten sich die Jünger als sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20). Von diesem Leib sagt der Herr Jesus selbst in Lukas 24,39: „Seht meine Hände und meine Füße, dass ich es selbst bin; betastet mich und seht, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Gebein, wie ihr seht, dass ich habe.“ Er aß und trank sogar vor ihnen. Er hatte also einen Leib und konnte essen und trinken, es war ein Leib aus Fleisch und Knochen. Doch war es auch ein geistiger Leib, also ein Leib, der nicht mehr an die physikalischen Gesetze der Natur gebunden war, denn Er wurde nach Lukas 20,38 vor ihnen unsichtbar. Er ging durch die geschlossene Tür. In Apostelgeschichte 1 lesen wir, dass Er in diesem Leib emporgehoben wurde. Aber an diesem Leib waren die Wundenmale des Kreuzes sichtbar und sie bleiben es in Ewigkeit. Sie waren nicht nur am ersten Tag seiner Auferstehung sichtbar. In Sacharja 13,6 lesen wir: „Was sind das für Wunden in deinen Händen?“ Nach Offenbarung 1,5 ist Er „der Erstgeborene der Toten“. Wie wird das bei uns sein, wenn wir durch den Tod gehen und auferstehen beim Kommen des Herrn?  Wie wird es mit uns sein, wenn wir verwandelt werden als lebende Gläubige, wenn der Herr kommt? Der Blinde wird sehen, der Beinamputierte wird nicht körperbehindert bleiben. Unsere Wunden werden im Himmel nicht mehr sichtbar bleiben. „Es wird gesät in Schwachheit, es wird auferweckt in Kraft“ (1. Kor 15,43). Aber der Heiland wird seine Wundenmale ewig, ewig behalten. Bei uns sind es Folgen der Sünde; zwar nicht unbedingt der eigenen Sünden. Bei unserem Heiland sind es keine Folgen eigener Sünde. Nein, es sind die Folgen davon, dass Er für uns zur Sünde gemacht wurde. Sie werden ewig Auszeichnungen seiner Liebe zu uns sein. Wir werden sie ewig betrachten können. Das wird unsere Anbetung und Liebe hervorrufen für den, der dieses Werk vollbracht hat.

Kommt der Heiland auch heute noch in unsere Mitte und zeigt uns seine Hände und seine Seite? O ja. Freuen wir uns schon auf den nächsten Sonntag? Dann kommt der Heiland und zeigt uns seine durchbohrten Hände und seine durchbohrte Seite. Als Er ihnen das zeigte, „da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20) Friede ist das Ergebnis seines Werkes für uns und Freude ist das Ergebnis der Beschäftigung mit Ihm. Freust du dich auch schon auf das nächste Zusammenkommen, wo der Herr Jesus wieder gegenwärtig ist. Oder gehen wir nur gezwungenermaßen? Haben wir das heute auch noch, dass der Herr Jesus in unsere Mitte kommt und uns seine Hände und seine Seite zeigt? Ich freue mich schon auf den kommenden Sonntag, wenn wir das erleben dürfen. Dann kommt der Heiland wieder. Da zeigt Er uns wieder seine Hände und seine Seite. Als das passierte, da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Friede ist das Ergebnis seines Werkes für uns.

Eine junge Schwester bekam eine Reha an einem Ort, an dem es auch eine nahegelegene örtliche Versammlung gab, die gut zu erreichen war. Doch zum Besuch der Zusammenkünfte hatte sie keine Lust. Du auch nicht? Willst du nicht einmal ewig bei dem Heiland im Himmel sein, wenn du keine Sekunde von dem Herrn getrennt sein wirst? Das möchtest du sicher, aber hier ist dir eine Stunde bei Ihm schon zu viel. Wie ist das in den Gebetsstunden, in der Wortverkündigung? Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Können wir da gleichgültig wegbleiben?

Übrigens ist das eine Erfüllung von Johannes 16,22: „Auch ihr nun habt jetzt zwar Traurigkeit; aber ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch.“

In Johannes 20,21 wiederholt der Herr Jesus noch einmal sein „Friede euch!“ und gibt gleich wieder die Erklärung. Er wiederholt sich nicht einfach, sondern fügt hinzu: „Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende auch ich euch.“ In Johannes 14,27b hatte Er ihnen zugesagt: „Meinen Frieden gebe ich euch.“ Das klingt so ähnlich wie in Matthäus 11,29: „Ihr werdet Ruhe finden“,  und wie in Matthäus 11,28: „Ich werde euch Ruhe geben.“ Sie sollten Ruhe finden für das Gewissen, und Er wollte ihnen Ruhe geben für den Weg in seiner Nachfolge. „Nehmt auf euch mein Joch …; denn …. meine Last ist leicht“ (Mt 11,29). Hier ist es ähnlich. Frieden auf dem Weg des Dienstes hinter Ihm her. Der Herr Jesus hat als der vom Vater Gesandte diesen Frieden ohne Unterbrechung genossen. Das war ein schwerer Weg. Wie viel Widerstand, wie viel Hohn, wie viel Spott erduldete Er! Er wurde angespien, geschlagen und doch ruhte Er in diesem Frieden. Das wünscht der Herr dir und mir auf unserem Weg in seiner Nachfolge.

Wenn der Herr Jesus in Johannes 20,21 seinen Jüngern jetzt einen Auftrag erteilt, dann erinnert Er sie an seinen Auftrag mit den Worten „ie der Vater mich ausgesandt hat“. Dabei dürfen wir jetzt an einige Stellen in Johannes 14 denken. Der Herr Jesus war der vom Vater Gesandte, um Ihn hier auf dieser Erde zu offenbaren. So konnte Er sagen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Er hat Gott kundgemacht. Dazu hatte der Vater Ihn gesandt. Doch es gab sehr viel Widerstand und Anfeindung. Auch wir sind heute auf der Erde gelassen, um Christus zu offenbaren. Wenn heute Menschen etwas von der Liebe Gottes sehen wollen, dann sollten sie es an uns sehen. Unsere Sendung in die Welt entspricht der Sendung des Sohnes in die Welt. Er hat den Vater offenbart, wir sollen Ihn kundtun – „darstellend das Wort des Lebens“ (Phil 2,16). Da gibt es Widerstand, ja Feindschaft. Dazu wünscht Er uns diesen seinen Frieden. Hast du diesen Frieden immer, jeden Tag gleich? Ich habe das nicht. Das geht mal so auf und ab. Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man in diesem Frieden ruht, ein anderes Mal ist das nicht so der Fall. Aber der Herr wünscht es uns, egal, wie es in der Versammlung oder wie es unter den Geschwistern auch mal kommt. In diesem Frieden kann man ununterbrochen ruhen wie der Heiland selbst. Welch ein guter Herr!

In Johannes 20,22 haucht der Herr Jesus in seine Jünger und spricht zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Den Vers haben wir nicht mitgelesen, weil er nicht im Grundtext steht. Das ist gut so. Sonst würde es Schwierigkeiten mit diesem Vers geben. Es ist manchmal gut, zu sagen, was der Vers nicht bedeutet. Zu diesem Zeitpunkt kam Gott der Heilige Geist als eine göttliche Person nicht auf die Erde und wohnte von diesem Zeitpunkt an noch nicht in diesen Gläubigen. Das konnte nicht sein. Denn in Johannes 7 steht: „Noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“ Wir sind hier noch nicht in Apostelgeschichte 2. Erst hier kam Gott der Heilige Geist als eine göttliche Person auf diese Erde als von dem Herrn Jesus und dem Vater gesandt. Er bildete die Versammlung, die bis dahin noch nicht bestand und wohnte erst von da an in jedem Gläubigen leibhaftig. Was bedeutet es denn?

Durch zwei Bibelstellen – eine aus dem AT und eine aus dem NT – können wir verstehen, was der Vers meint. In 1. Mose 2,7 heißt es: „Und Gott der HERR bildete den Menschen, Staub vom Erdboden, und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens; und der Mensch wurde eine lebendige Seele.“ Da hauchte Gott in den natürlichen Menschen seinen Lebensodem und der Mensch empfing natürliches Leben, das auch in Ewigkeit existiert – entweder im Himmel oder in der Hölle. Dieses natürliche Leben, das Gott in den Menschen einhauchte, gab ihm auch die Fähigkeit, Gott verstehen zu können. Das Tier kann das nicht. Es hat wohl auch Leben, aber nicht dieses Leben, das Gott in den Menschen einhauchte. Es ist eine ewige Existenz mit einer Fähigkeit, verstehen zu können, sich auch äußern zu können.

Die zweite Stelle in 1. Korinther 15 verbindet 1. Mose 2 mit Johannes 20. 1. Korinther 15,45 lautet: „So steht auch geschrieben: ,Der erste Mensch, Adam, wurde eine lebendige Seele‘ – das ist 1. Mose 2 –; der letzte Adam ein lebendig machender Geist“ – das ist Johannes 20,22. Der Herr Jesus haucht jetzt in die Jünger sein Auferstehungsleben, nicht sein natürliches Leben. In Johannes 10,10 nennt Er es: „das Leben in Überfluss“. Der Apostel Paulus schreibt in Römer 8,2: „Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ Wir haben es hier also zu tun mit dem Auferstehungsleben des Herrn Jesus, das Er erst in die Jünger einhaucht. Warum steht hier nicht Auferstehungsleben, sondern Heiliger Geist? Weil der Heilige Geist der Motor, die Antriebskraft für das ewige Leben ist. Das ewige Leben in uns ist nicht autark. Es braucht eine Kraft, um sich entfalten zu können. Diese Kraft ist Gott der Heilige Geist. Außerdem gibt dieses Auferstehungsleben uns geistliches Verständnis über die Gedanken Gottes. Diese Seite wird oft wenig beachtet, wird aber sehr deutlich, wenn wir die Rede von Petrus in 1. Petrus 1 (nicht 1. Pet 2) vor uns haben. In Apostelgeschichte 1 hält Petrus eine gewaltige Rede, die geistliches Verständnis der Gedanken Gottes voraussetzt, obwohl er noch nicht den Heiligen Geist wohnend in sich hat. Auferstehungsleben ist also nötig, um uns richtiges Verständnis über die Gedanken Gottes zu geben. Was der Heiland hier tut, ist ein Bild oder eine Vorschattung auf das, was später in Apostelgeschichte 2 geschieht.

Wir haben hier also prophetische Linien in diesen drei Abschnitten, so dass wir auch diese Seite der Vorschattung auf Apostelgeschichte 2,10 sehen müssen. Wenn wir darüber nachdenken, tut sich ein riesiges Fenster auf. Denn gerade durch die Herniederkunft des Heiligen Geistes sind wir in die Lage versetzt, nach 1. Korinther 2 auch die Tiefen Gottes zu verstehen und in Geist und Wahrheit anzubeten. Empfinden wir die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den Zusammenkünften und auch in dem Leben des einzelnen Gläubigen? Also ein Ausmaß an Segen, das wir kaum überschauen können. Ich glaube, dass das auch in diesem Wort vorgeschattet ist.

Zu Johannes 20,23: Wenn ich den jüngsten Besucher fragen würde: Wer kann Sünden vergeben – Gott oder Menschen? Wahrscheinlich würde auch ein Sechsjähriger mit „Gott“ antworten. Das ist auch richtig. Aber hier steht, dass das Menschen tun. Das macht das so problematisch und doch steht das hier eindeutig. „welchen ihr die Sünden vergebt“. Nun zunächst zu der Sündenvergebung von Seiten Gottes. Wenn es um Sündenvergebung geht im Blick auf den Himmel – Himmel oder Hölle –, dann kann nur Gott Sünden vergeben. In Markus 2,5 sagte der Herr Jesus zu dem Gelähmten: „Deine Sünden sind vergeben.“ Da sagten die Juden: „Wer kann Sünden vergeben als nur einer, Gott?“ (Mk 2,7). Damit hatten sie völlig recht. Aber was sie nicht wussten: dass der vor ihnen Stehende Gott war. Doch an dieser Stelle geht es nicht um Sündenvergebung im Blick auf Himmel oder Hölle. Hier geht es um die verwaltende Macht auf der Erde, Sünden zu vergeben. Diese verwaltende Macht oder Autorität hat heute die örtliche Versammlung. Davon ist hier die Rede. Wir haben hier genau die gleiche Wahrheit wie in Matthäus 18,18: „Was irgend ihr (d.i. die örtliche Versammlung) auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein. Und was ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein.“ Binden bedeutet, die Sünden an jemand binden und ihn hinaustun. Lösen bedeutet: Jemand von der Sünde freisprechen und ihm die Teilnahme am Brotbrechen erstmalig oder erneut zu ermöglichen. Binden bedeutet hier im übertragenen Sinn: Sünden behalten. Lösen heißt: Sünden vergeben. Davon sprechen auch folgende Bibelstellen:

Nach 1. Korinther 5,13 bindet die Versammlung die Sünde an jemand. Anders gesagt: Derjenige behält seine Sünden, es wird ihm nicht vergeben. Er wird hinausgetan. Sündenvergebung haben wir in 2. Korinther 2. Hier werden die Korinther aufgefordert, demjenigen, den sie vorher hinausgetan hatten, zu vergeben, weil er offensichtlich tiefe Trauer über seine Sünde getan hat. Deshalb wurde er wieder aufgenommen. Ihm wurde vergeben von Seiten der Versammlung. Das hat nichts mit Himmel und Hölle zu tun. Das ist verwaltende Macht auf der Erde, um jemanden hinaustun zu müssen oder wieder aufnehmen zu dürfen zur Gemeinschaft beim Brechen des Brotes und dann auch untereinander. Das ist die eine Seite der Wahrheit dieses Verses.

Dieser Vers hat dann aber auch eine zweite Seite. Sie ist ebenso wahr. Die Wahrheit über die Vergebung der Sünden muss verwaltet werden. Der Herr sagt das hier den Jüngern. In dem Abschnitt haben wir ein Bild von der Versammlung. Deshalb ist die Übertragung auf Matthäus 18,20 gerechtfertigt. Aber sie hat auch eine persönliche Note. Die Jünger waren nämlich die Boten, die jetzt im Dienst für den Herrn hinausgingen und das Evangelium verbreiteten. Auf dem Weg dieses Dienstes sollten sie Frieden haben. Nach Epheser 6,15: „an den Füßen beschuht mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens“. Indem sie das taten, verwalteten sie die Wahrheit über die Vergebung der Sünden. Nach dem Römerbrief kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort (Röm 10,17). Wo diese Boten des Evangeliums auf dem Weg ihres Dienstes hinkamen, brachten sie den Zuhörern die Gelegenheit bzw. Möglichkeit, Vergebung der Sünden zu bekommen. Wo sie nicht hinkamen, behielten die Menschen ihre Sünden.

Eine zweite Erklärung bieten zwei Schriftstellen aus der Apostelgeschichte. Da untermauern die beiden größten Apostel Petrus und Paulus das Gesagte. In Apostelgeschichte 10,43 sagt Petrus: „Diesem geben alle Propheten Zeugnis, dass jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch seinen Namen.“ Diese Wahrheit über die Vergebung der Sünden verwaltet er in der Predigt, die er hält. Das Gleiche tut Paulus in Apostelgeschichte 13,38: „So sei es euch nun kund, Brüder, dass durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird.“ Diese Wahrheit gilt bis heute. Brüder gehen hinaus und verwalten in der Verkündigung diese Wahrheit. Ebenso gilt bis heute, dass die örtliche Versammlung Sünden vergibt und Sünden behält.

Ich wünsche zu dem Herrn, dass wir viel Weisheit hätten in jeder einzelnen anstehenden Frage, um sie so oder so beurteilen zu können. Ich bin davon überzeugt, dass wir in zurückliegenden Jahren – sicher nicht bewusst – auch in dieser Frage manche Fehler gemacht haben.

Bruder Kelly sagt, dass wir uns zwischen diesen beiden Polen bewegen: Aufnehmen oder Abweisen. Wir benötigen oft viel Licht, Gebet, manchmal auch viel Geduld und Langmut, um zu erkennen, was in dem einzelnen Fall der Wille des Herrn ist.

Da müssen wir im Gebet die Weisheit vom Herrn erbitten, um das zu tun, was sein Wille ist: nur die einzulassen, die Er einlassen will, und die abzuweisen, die Er abweisen würde. Der Herr möge uns Gnade schenken, in diesen schwierigen Fragen recht zu handeln.

[Nach einem Vortrag]