Es hat einmal jemand gesagt: „Der Glaube besitzt eine Welt für sich.“ Und wirklich, wir können sagen: Diese Aussage ist richtig; der Glaube besitzt in der Tat „eine Welt für sich“. Oh, hätten unsere Seelen nur mehr Kraft, sich in dieser Welt des Glaubens zu bewegen! Und diese Kraft liegt in dem Ernst und der Inbrunst des Glaubens, die letztlich nichts anderes als Einfalt und Wirklichkeit des Glaubens sind.
David und Abigail lebten in dieser Glaubenswelt, als sie in der Wüste Paran zusammentrafen. Allem Anschein oder aller menschlicher Überlegung nach war David zu jener Zeit nur ein Spielball in der Hand böser Menschen und musste sich in den Höhlen und Schlupfwinkeln der Erde verbergen. Aber der Glaube entdeckte einen anderen in David, und in den Augen Abigails war alles neu. In dieser schönen, wenn auch im allgemeinen unbeachteten Stunde, wo die Heiligen Gottes sich in der Wüste begegneten, betraten sie im Geist das Reich. Der hilfsbedürftige, hin und her gehetzte Flüchtling war in seinen eigenen wie in Abigails Augen der Herr des kommenden Reiches und der „Gesalbte des Gottes Jakobs“ (2. Sam 23,1). Abigail beugte sich vor ihm zur Erde als vor ihrem König, und David sah mit königlichem Wohlwollen ihre Person an. Die Speisevorräte, die sie mitbrachte, ihr Brot, ihr Wein, ihre Rosinen- und Feigenkuchen, waren nicht ein Beweis ihrer Mildtätigkeit dem bedürftigen David gegenüber, sondern der Tribut eines willigen Untertanen für den königlichen David. Ja, sie schätzte sich schon glücklich und geehrt, wenn sie nur seinen Knechten dienen durfte. Sie betrat somit bei dieser schönen Gelegenheit durch den Glauben eine andere Welt und bezeugt dadurch, dass der Glaube tatsächlich eine Welt für sich hat. Und diese Welt war dem Herzen Abigails viel wichtiger und teurer als alle Vorrechte im Haus ihres reichen Mannes. Die Wüste galt ihr mehr als die Felder und Herden des Berges Karmel; denn hier genoss sie im Geist bereits die Freuden, die ihr Glaube in den reinen, wenn auch noch fernen Bereichen der Herrlichkeit entdeckt hatte. Wie gesegnet wäre es, Geliebte, wenn wir die gleiche Kraft zum Eintreten und Verweilen in unserer Welt des Glaubens hätten!
Besaß nicht Noah eine solche Welt, als er ein Schiff scheinbar für das Land und nicht für das Wasser baute? Hatte nicht Abraham diese Welt im Auge, als er sein Vaterland, seine Verwandtschaft und seines Vaters Haus verließ? Befand sich nicht auch Paulus in dieser Welt, als er sagen konnte: „Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit“ (Phil 3,20.21)?
Und besitzen nicht auch wir alle heute diese Welt, wenn unsere Seelen durch den Glauben Zugang nehmen zu der Gnade, in welcher wir stehen? Diese Gnade ist die friedliche und beglückende Wohnstätte des gereinigten und mit Blut besprengten Gewissens und die herrliche Wohnstätte der Hoffnung, von wo aus sie nach der „Herrlichkeit Gottes“ ausschaut (Röm 5,1.2). Leider wird sie so wenig von uns gekannt; aber sie gehört uns. Und inmitten dieser uns sehr bewussten Schwachheit sollte unser Glaube nur den Sohn Gottes verherrlichen; denn Ihn tiefer und inniger zu genießen, bedeutet göttlichen Fortschritt.
[Aus: Der Sohn Gottes. Erhältlich bei csv-verlag.de]
