In einer Gesprächsrunde von Gläubigen wird intensiv über eine schwierige Frage gesprochen. Man ringt um die richtige Antwort. Einige der Anwesenden betonen mit Nachdruck die „Wahrheit“. Man müsse klar bleiben, konsequent und eindeutig. Mögliche Folgen müsse man dem Herrn überlassen. Andere mahnen zu mehr „Gnade“ und „Barmherzigkeit“. Sie sehen den Frieden in Gefahr. Man dürfe nicht zu schnell urteilen, müsse Verständnis zeigen, Menschen da abholen, wo sie sind.
Beide Seiten haben Bibelstellen, die ihre Haltung untermauern. Beide Seiten haben gute Motive und bringen sie vor. Und doch entsteht eine Spannung und eine Lösung scheint schwierig.
Für Gott – kein Spannungsfeld
Was für uns oft wie ein Gegensatz erscheint, ist für Gott kein Problem. Jeder Gläubige freut sich an der Tatsache, dass „Gnade und Wahrheit“ in Christus Jesus vereint sind (Joh 1,14.17). Wir freuen uns darüber, dass sich „Gerechtigkeit und Friede“ am Kreuz geküsst haben (Ps 85,11). Gott ist Licht und Gott ist Liebe. Das ist kein Widerspruch. Beides ist völlig wahr. Für Gott stellt sich nie die Frage, ob Er sich für „Licht“ oder für „Liebe“ entscheiden muss. Das mag ein menschlicher Gedanke sein, aber er ist völlig falsch. Das Kreuz des Herrn Jesus zeigt, dass Gott vollkommen Licht und zugleich vollkommen Liebe ist.
Am Kreuz sehen wir, dass Gottes Wahrheit und Gnade in keiner Weise relativiert werden. Das Kreuz entspricht voll und ganz Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit. Allen seinen gerechten und heiligen Ansprüchen ist völlig entsprochen worden. Aber zugleich sehen wir, wie ein gerechter und heiliger Gott Menschen in Gnade und Liebe begegnet. Gnade wird nicht billig, und Friede wird nicht durch einen Kompromiss erkauft. Für Gott existiert das Spannungsfeld zwischen Gnade und Wahrheit nicht. Deshalb heißt es in Johannes 1,17 auch nicht, dass Gnade und Wahrheit geworden sind (was grammatikalisch richtig wäre), sondern dass Gnade und Wahrheit geworden ist. Sie bilden eine untrennbare Einheit.
Für uns – ein Spannungsfeld
Für uns entsteht in der Praxis zwischen „Gnade und Wahrheit“ und „Gerechtigkeit und Friede“ oft das oben beschriebene Spannungsfeld. Die einen betonen die Wahrheit, die anderen betonen die Gnade. Meinungen gehen auseinander und eine Lösung scheint schwierig.
Wir sind – anders als unser Herr und Gott – nicht vollkommen. Wir sind als Menschen charakterlich verschieden, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Dadurch sind wir auch in geistlicher Hinsicht unterschiedlich geprägt und gereift. So ist es nur allzu verständlich, dass manche eher zur Klarheit neigen und andere zur Milde. Das ist an und für sich auch kein Problem, sondern sogar nützlich. Probleme beginnen dann, wenn wir erstens einseitig werden und es uns zweitens an der Demut fehlt, einander in unserer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren.
Zwei gegensätzliche Gefahren
Wir müssen uns bewusst sein, dass es zwei Gefahren gibt. Die eine lautet „Wahrheit ohne Gnade“ und die andere „Gnade ohne Wahrheit“. Beides entspricht nicht den Gedanken Gottes
- Wahrheit ohne Gnade: Diese Tendenz zeigt sich in Prinzipientreue ohne Wärme, in Absonderung ohne Demut sowie in Klarheit ohne Barmherzigkeit. Das Ergebnis einer solchen Haltung ist oft Härte und Distanz. Es entsteht leicht eine Atmosphäre der Furcht und Angst.
- Gnade ohne Wahrheit: Diese Tendenz ist nicht weniger gefährlich. Gnade ohne Wahrheit zeigt sich darin, dass wir Harmonie um jeden Preis anstreben und Frieden notfalls ohne Gerechtigkeit stiften wollen. Das Ergebnis einer solchen Haltung ist oft Unklarheit, Verwässerung und Verunsicherung.
Beide Haltungen klingen geistlich und lassen sich scheinbar biblisch begründen. Aber beide Haltungen können – wenn sie für Entscheidungen allein prägend werden – große Probleme auslösen und letztlich zerstörerisch wirken. Sie übersehen, dass es nicht nur eine Seite gibt, die zu beachten ist.
Wer für „Wahrheit“ plädiert, sollte bedenken, dass Wahrheit allein nicht reicht. Sie muss in einem Geist der Gnade vermittelt und angewandt werden. Wer für „Gnade“ plädiert, sollte bedenken, dass Gnade allein nicht reicht. Sie muss sich auf die Wahrheit abstützen.
Es geht nicht um Kompromisse
Die Frage lautet, wie wir ein solches Spannungsfeld unter Gläubigen überwinden können. In der Welt würde man versuchen, einen Kompromiss zu suchen und zu finden. Im Idealfall ergeben 50 Prozent Gnade plus 50 Prozent Wahrheit in Summe 100 Prozent, und damit hat man eine Lösung, der alle zustimmen können.
Ein solcher Kompromiss trägt geistlich nicht. Gott ist eben nicht 50 Prozent Liebe und 50 Prozent Licht. Er ist beides zu 100 Prozent. Es geht nicht um eine Mischung von Gnade und Wahrheit oder um eine Mischung von Gerechtigkeit und Friede. Es ist auch zu kurz gegriffen, zu behaupten, dass Friede immer ein Ergebnis von Gerechtigkeit ist. Manche Verse zeigen diese Reihenfolge (z.B. Ps 85,11; Jes 32,17; Jak 3,18). Andere Stellen zeigen die umgekehrte Reihenfolge (z.B. Jes 48,18; 60,17).
Zwei Verse zum Überdenken
- Hebräer 12,14 fordert uns auf, dem Frieden nachzujagen und der Heiligkeit. Auch hier gehen zwei Dinge Hand in Hand und stehen nicht gegeneinander: Friede mit allen und Heiligkeit vor Gott (nicht Friede oder Heiligkeit, sondern Friede und Heiligkeit). Das Wort „Jagt nach“ zeigt, dass beides zugleich zu bewahren Mühe kostet. Wer nur Frieden und Harmonie sucht, verliert schnell die Heiligkeit aus dem Auge. Wer nur die Heiligkeit betont, riskiert den Frieden. Gottes Wort verbindet beides untrennbar.
- Jakobus 3,18 zeigt uns, dass Friede nicht Weichheit ist: „Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird in Frieden denen gesät, die Frieden stiften.“ Hier ist die bemerkenswerte Reihenfolge, dass Gerechtigkeit (praktische Übereinstimmung mit Gott) nicht Frieden hervorbringt, sondern dass Frieden der Boden ist, auf dem die Frucht der Gerechtigkeit wächst. Das Streben nach Frieden verzichtet nicht auf die Wahrheit, aber Frieden ist das rechte Klima, in dem Wahrheit Frucht bringt.
Gnade und Wahrheit
Glaubensgeschwister, die auf der Wahrheit bestehen, tun das aus Sorge vor einem Abweichen von der Wahrheit. Es ist gut, dass sie das tun. Geschwister, die auf der Gnade bestehen, tun das aus Sorge, Glaubensgeschwister zu verlieren. Es ist gut, dass sie das tun. Beide Seiten reagieren damit oft auf reale Erfahrungen. Beide meinen es gut. Beide haben recht und beide verteidigen ein göttliches Prinzip. Die Gefahr liegt dabei oft darin, dass wir nicht mehr Christus und seine Ehre im Blick haben, sondern ausschließlich unsere eigene Position, die wir verteidigen.
Wenn das passiert, wird „Wahrheit“ (oder eine spezielle Bibelstelle) plötzlich zu einem „Banner“ oder einem „Schibboleth“ (Ri 12,6) und Gnade zu einem „Totschlagargument“. Und plötzlich stehen nicht mehr Licht und Liebe im Mittelpunkt – sondern Temperamente, Positionen und Meinungen.
Prinzipien sind wichtig, doch wir werden sie nur richtig anwenden, wenn wir sie in Verbindung mit Christus bringen. Man kann geistliche Balance nicht erreichen, indem man Gnade und Wahrheit mathematisch ausgleicht. Der Weg führt in eine Sackgasse. Der richtige Weg ist die Nähe zum Herrn und seine Gesinnung. Je mehr Christus unser Herz prägt und wir von Ihm lernen, umso weniger müssen wir etwas ausbalancieren, was wir nicht ausbalancieren können.
Wir müssen gemeinsam lernen, dass Wahrheit für Klarheit sorgt und Gerechtigkeit für Ordnung. Genauso müssen wir gemeinsam lernen, dass Gnade bewahrt und wiederherstellt und Frieden ein Nährboden für Wachstum und Erbauung ist. Wo allein auf die Wahrheit gepocht wird, kommt oft die Gnade zu kurz. Wo hingegen alles mit dem Argument des Friedens und der Harmonie zugedeckt wird, bleibt die Wahrheit oft auf der Strecke. Der Blick auf unseren Herrn bewahrt uns, eine Seite zu stark zu betonen. „Bruder oder Schwester Wahrheit“ sind gut beraten, auf solche zu hören, denen die Gnade sehr am Herzen liegt. Umgekehrt sind „Bruder und Schwester Gnade“ gut beraten, auf solche zu hören, denen die Wahrheit sehr am Herzen liegt. Gott hat uns unterschiedlich zusammengestellt, damit wir uns gegenseitig helfen, nicht in das eine oder das andere Extrem zu fallen.
Demut als Schlüssel
Es ist gut und richtig, uns über Lehrfragen zu unterhalten und auszutauschen. Dabei lehrt die Erfahrung, dass Spannungen in solchen Gesprächen oft nicht aus der eigentlichen Lehrfrage entstehen, sondern häufig aus verletztem Stolz. Jeder sollte sich fragen, ob er wirklich die Ehre Gottes verteidigen will oder doch eher die eigene Position. Rede ich, um wirklich eine gemeinsame und biblisch tragfähige Lösung zu finden, oder rede ich, um am Ende zu gewinnen? Dient mein Standpunkt dem Frieden oder meiner eigenen Überzeugung? Wir wollen bedenken, dass Demut das verbindet, was unser Temperament trennt.
Die Hinweise, die Paulus den Glaubenden in Philippi gibt, sind uns ein gutes Beispiel. Die Philipper waren in einem guten geistlichen Zustand, aber Paulus sah erste Ansätze, dass sie nicht ganz einmütig waren. Was tut er? Er zeigt ihnen die Selbsterniedrigung des Herrn und fordert sie auf, diese Gesinnung der Demut unter sich zu offenbaren (Phil 2,1–5). Das scheint der Hauptschlüssel zu sein, um Konflikte – auch in Gesprächen – zu überwinden.
Es wird unter Gläubigen immer unterschiedliche Prägungen geben. Das ist so lange kein Problem, wie Christus für alle das Zentrum bleibt und wir uns in seiner Gesinnung begegnen. Der „Wahrheitstreue“ braucht die Warmherzigkeit des „Gnädigen“. Der „Gnädige“ braucht die Klarheit des „Wahrheitstreuen“. Der eher rational denkende Bruder braucht den, der stärkere Emotionen zeigt und umgekehrt. Beide müssen lernen, einander nicht als „Gegner“ (Konkurrenten) zu sehen, sondern als Ergänzung zu verstehen. Keiner sollte von oben auf den anderen herabsehen, sondern den anderen höher achten als sich selbst.
Praktische Hinweise
- Kontroverse Gespräche sollte man betend vorbereiten – persönlich und gemeinsam. Bevor man miteinander redet, sollte man gemeinsam die Knie beugen und den Herrn ehrlich um seine Gesinnung und seine Hilfe bitten.
- Im Gespräch sollte man Konflikte nicht öffentlich eskalieren lassen, sondern im Zweifel das Gespräch abbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt neu beginnen.
- Bevor man urteilt – oder sogar den anderen verurteilt –, sollte man die eigenen Beweggründe selbstkritisch prüfen. Andererseits steht es uns nicht zu, die Beweggründe des anderen zu vermuten oder zu beurteilen (oft kennen wir selbst unsere eigenen Motive nur mangelhaft). Nur Gott kennt die Herzen. In jedem Fall ist es besser, nachzufragen, als etwas zu unterstellen.
- Die Wahrheit sollte begründet vorgestellt und erklärt werden – es geht nicht um eigene Meinungen, sondern um das Wort Gottes. Wir sollten bereit sein, vorgefasste oder übernommene Ansichten anhand des Wortes Gottes zu prüfen.
Und vor allen Dingen: Es ist wichtig, zu bedenken, dass nicht wir es sind, die Gottes Wort beurteilen, sondern dass Gottes Wort uns beurteilt (Heb 4,12). Es gibt Themen, bei denen wir vielleicht vorgefertigte Antworten und Ansichten haben, die sozusagen für uns „gesetzt“ sind. Wir suchen dann entsprechende Bibelstellen, die scheinbar unsere vorgefasste Meinung belegen, oder biegen sie vielleicht sogar entsprechend zurecht, dass sie „passen“. Das kann gefährlich sein. Richtig ist es, das Wort Gottes als Ausgangspunkt zu nehmen und dann vorurteilsfrei zu fragen, ob unsere Meinung damit übereinstimmt oder nicht.
Wenn wir so handeln, vermeiden wir faule Kompromisse ebenso wie eine einseitig harte oder weiche Linie. Wir gelangen mit der Hilfe des Herrn zu Lösungen, in denen wir die Wahrheit nicht fürchten, die Gnade nicht verwässern, die Gerechtigkeit nicht verletzen und zugleich dem Frieden nachjagen. Gläubige, die so miteinander umgehen, werden nicht völlig spannungsfrei leben, aber sie werden geistlich und in einer guten Atmosphäre miteinander umgehen – zur Ehre des Herrn.
„Siehe, ich will ihr einen Verband anlegen und Heilung bringen und sie heilen, und ich will ihnen eine Fülle von Frieden und Wahrheit offenbaren.“ Jeremia 33,6
„Dies sind die Dinge, die ihr tun sollt: Redet die Wahrheit einer mit dem anderen; richtet der Wahrheit gemäß und fällt einen Rechtsspruch des Friedens in euren Toren.“ Sacharja 8,16
„Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Wie das kostbare Öl auf dem Haupt, das herabfließt auf den Bart, auf den Bart Aarons, das herabfließt auf den Saum seiner Kleider; wie der Tau des Hermon, der herabfällt auf die Berge Zions; denn dort hat der Herr den Segen verordnet, Leben bis in Ewigkeit.“ Psalm 133
