Brücken bauen – ein Thema, das in Deutschland gerade ziemlich präsent ist. Viele Brücken sind marode. Manche sind sogar eingestürzt, andere wurden vorsorglich gesperrt. Sie müssen entweder grundlegend saniert oder komplett neu gebaut werden.
Das erinnert an ganz andere Brücken, die ebenfalls gebaut werden müssen: Brücken zwischen Menschen. Gerade dort, wo Menschen einander nahestehen – in Ehen, Familien und in örtlichen Versammlungen (Gemeinden) –, entstehen immer wieder Risse. Unterschiedliche Meinungen, verschiedene Charaktere, bewusste oder unbewusste Verletzungen, Missverständnisse und leider auch Schuld führen dazu, dass Beziehungen Schaden nehmen oder sogar zerbrechen. Die Entfremdung wächst. Man lebt nebeneinander, geht sich aus dem Weg oder agiert sogar gegeneinander. Der Mensch, der uns eigentlich ein Freund, eine Schwester, ein Vater, eine Mutter oder sogar ein Ehepartner ist, wird plötzlich zum Fremden. Und manchmal sogar zum Gegner. Wie kann das sein?
Vorbeugen ist besser als heilen. Wir brauchen stabile, belastbare Brücken. Keine oberflächlichen Abmachungen oder schnellen Kompromisse, die nur notdürftig etwas überdecken, sondern echte, tragfähige Brücken, die wirklich verbinden. Solche Brücken entstehen nicht von selbst. Sie werden ganz bewusst gebaut – mit Langmut und vor allem aus Liebe.
Der göttliche Brückenbauer
Das beste Beispiel für einen Brückenbauer ist Gott selbst. Die Bibel sagt uns, dass Gott in Christus zu uns gekommen ist, und zwar als Versöhner (2. Kor 5,19). Durch unsere Schuld waren wir von Gott getrennt, ja sogar seine Feinde. Doch Er schaute nicht zu, wie die Distanz unüberbrückbar wurde. Er selbst hat die Brücke geschlagen. Der Herr Jesus Christus ist – mit allem Respekt gesagt – diese Brücke. Durch Ihn ist eine glückliche Gemeinschaft mit Gott wieder möglich.
Wer dieses Handeln Gottes versteht, lernt, dass Brückenbauen keine Schwäche ist, sondern ein Werk Gottes. Es ist das Werk der Liebe, die sich erniedrigt, die sich hingibt und die den ersten Schritt macht. So wie Gott es getan hat, sollen auch wir es tun.
Brücken in der Ehe
In keiner Beziehung sind wir so eng miteinander verbunden wie in der Ehe. Das war Gottes Absicht von Anfang an. Er hat die Ehe gegeben. Und doch gibt es keinen Bereich des menschlichen Miteinanders, in dem Brückenbauen so oft unerlässlich ist. Unterschiedliche Prägungen, Hintergründe, Erwartungen und Enttäuschungen können tiefe Risse hervorrufen. Und vor allem der Egoismus, der in uns steckt, kann großen Schaden anrichten. Wer die Ehe als „Ich-AG“ versteht und sich fragt: „Was habe ich davon?“, wird schnell Risse verursachen.
Eine gute Ehe bleibt nicht stark, weil keine Konflikte entstehen, sondern weil beide bereit sind, Brücken zu bauen. Das bedeutet: aufeinander zugehen; das Interesse des anderen sehen; zuhören, auch wenn man lieber reden würde; um Vergebung bitten, statt Recht zu behalten; die Perspektive des anderen einnehmen und sich selbst zurücknehmen.
Die Bibel fordert uns alle auf, einander in Liebe zu ertragen (Eph 4,2). Das gilt auch für die Ehe. Ertragen bedeutet nicht, die Fehler des anderen einfach hinzunehmen, sondern im Bewusstsein der eigenen Schwachheit liebevoll zu tragen. Wer so handelt, schlägt Brücken. Eine gute Ehe kann anders nicht funktionieren.
Brücken in der Familie
Auch in Familien kennen wir gerissene und zerstörte Brücken: zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln, unter Geschwistern. Statt miteinander zu reden, schweigt man sich an. Statt miteinander zu gehen, entfernt man sich voneinander. Statt Verständnis füreinander zu haben, beharrt jeder auf seiner Position. Oft sind es Kleinigkeiten, die mit der Zeit groß werden: ein unbedachtes Wort, eine nicht erfüllte Erwartung, ein Missverständnis. Was als Maulwurfshügel begann, wird oft zu einem großen, unüberwindlich erscheinenden Berg – oder einer kaputten Brücke.
Hier sind Eltern in besonderer Weise Brückenbauer. Sie sollen nicht nur erziehen, sondern auch – im wahrsten Sinne des Wortes – verbinden (vgl. Mal 3,24). Das gelingt nicht allein durch starre Regeln und Worte, sondern vor allem durch Liebe, Nähe, ein offenes Herz und viel Verständnis. Wo sollen Kinder lernen, Brücken zu bauen, wenn sie es nicht bei ihren Eltern erleben?
Und auch unter leiblichen Geschwistern ist es nötig, Brücken zu schlagen. Joseph hatte von seinen Brüdern nichts Gutes erfahren, im Gegenteil. Dennoch sagte Er zu denen, die Ihn verkauft hatten: „Ihr zwar hattet Böses gegen mich im Sinn; Gott aber hatte im Sinn, es gut zu machen“ (1. Mo 50,20). Diese Haltung rettete die Familie Jakobs. Vergebung ist die stärkste Brücke, die es gibt.
Brücken unter Glaubensgeschwistern
In einer örtlichen Gemeinde kommen Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen zusammen. Wir suchen sie uns nicht aus; Gott stellt sie uns zur Seite. Aber genau das bringt Spannungen mit sich. Schon zu Beginn des Neuen Testaments gab es solche Spannungen, vor allem zwischen Christen der Juden und Nationen, aber auch zwischen Starken und Schwachen im Glauben, und sogar zwischen Reichen und Armen. Selbst zwischen den Dienern Paulus und Barnabas gab es eine Erbitterung. Obwohl die Gläubigen Glieder voneinander sind, verhalten wir uns oft ganz anders. Statt dass der „Friede des Christus“ in unseren Herzen regiert (Kol 3,15), streiten und neiden wir. Es entstehen Risse, Verletzungen, kaputte Beziehungen und Trennungen.
Was wir dringend brauchen, sind Brückenbauer. Brüder und Schwestern, die nicht Öl ins Feuer gießen, sondern das Wasser des Wortes Gottes. Brüder und Schwestern, die nicht spalten, sondern verbinden. Geschwister, die zuhören, auch wenn sie nicht sofort antworten können. Geschwister, die für den Frieden beten und dazu beitragen, dass die Herde zusammenbleibt. Geschwister, die das Wohl des Volkes Gottes suchen und für den Frieden eintreten (Est 10,3). Das setzt die Bereitschaft voraus, den „unteren“ Weg zu gehen und nicht auf vermeintlichen Rechten zu bestehen. Es bedeutet, auf Christus zu schauen und nicht bei den „Macken“ der anderen stehen zu bleiben. Auch das ist in die Aufforderung eingeschlossen, die „Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“ (Eph 4,3). Mit Rechthaberei und Prinzipienreiterei kommen wir da ebenso wenig weiter wie mit einer Haltung des „Laissez-faire“. Tugenden wie Demut, Sanftmut und Langmut sind dazu unerlässlich. Und auch die Bereitschaft, den anderen in Liebe zu ertragen (Eph 4,2). Es liegt dabei auf der Hand, dass wir das nicht auf Kosten der Wahrheit tun.
Brückenbau kostet
Brücken bauen kostet. Es kostet Zeit, Kraft, Geduld, Gebet und manchmal auch Tränen. Brückenbauen bedeutet, das eigene Ich hintenanzustellen und das Wohl des anderen zu suchen. Es bedeutet, den ersten Schritt zu machen und auf den anderen zuzugehen. Brückenbauen heißt auch, nicht sofort aufzugeben, wenn der andere nicht gleich mitzieht, und Rückschläge zu akzeptieren.
Aber Brückenbau lohnt sich. Jede reparierte Beziehung – in der Ehe, der Familie und unter Glaubensgeschwistern – ist ein sichtbares Zeugnis dafür, dass Entfremdung oder gar Trennung nicht das letzte Wort haben muss. Es ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass mit Gottes Hilfe geschädigte – oder sogar kaputte – Beziehungen wiederhergestellt werden können.
Wie wir Brücken bauen können
Brücken bauen können wir auf unterschiedliche Art und Weise. Manchmal ist es ein liebevolles und verständnisvolles Wort, das mehr bewirkt als alle Argumente. Oder ein aufrichtiges Bekenntnis, wenn wir einander mit Worten verletzt haben. Manchmal genügt es, den anderen anzusehen und ihm zu signalisieren, dass man ihn liebhat. Blicke können töten, aber Blicke können auch verbinden. Mit kleinen Gesten, einem Dienst oder einer Hilfeleistung bauen wir Brücken. Und vor allen Dingen mit Gebet und im Gebet. Ohne Gebet wird keine Brücke gebaut. Wer aufrichtig für den anderen betet, kann ihn nicht gleichzeitig verachten.
Das FARA-Prinzip
Hier greift das FARA-Prinzip. Es ist einfach zu formulieren und schwierig zu praktizieren:
F = Frieden suchen und nicht streiten
A = Anfangen und nicht auf den anderen warten
R = Risiko eingehen und nicht auf „Nummer Sicher“ gehen
A = Aufeinander zugehen und nicht weglaufen
Der Herr kann uns helfen, dieses Prinzip mehr zu beachten.
Fazit
Gott selbst hat die größte Brücke gebaut. Es gibt keine größere Entfremdung und Entfernung als die eines Sünders zu Gott. In Christus hat Er uns die Hand der Versöhnung gereicht. Von Ihm lernen wir, Brückenbauer zu sein – in unseren Ehen, in unseren Familien, im Volk Gottes.
Vielleicht ist es heute an der Zeit, dass du (und ich) den ersten Schritt gehst. Vielleicht wartet jemand darauf, dass du (und ich) die Brücke schlägst. Es mag aufwändig sein, aber es lohnt sich.
Friede unter Gläubigen entsteht nicht aus Zufall. Er setzt voraus, die eigenen Ansprüche zurückstellen und den Weg der Demut gehen.
„Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“ (Mt 5,9).
„Die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden aber wird denen gesät, die Frieden stiften“ (Jak 3,18).
