„Seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist“ (Röm 12,2).
Auf dieser Erde werden wir nie vollständig gleichförmig mit dem Herrn Jesus sein. Dafür müssen wir auf sein Kommen warten, damit Er „unseren Leib der Niedrigkeit umgestaltet zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit“ (Phil 3,21). Erst durch die Verwandlung unserer Körper werden wir diese Gleichförmigkeit mit Ihm erreicht haben. Doch es sind nicht nur unsere Körper, die dem verherrlichten Leib Christi gleichförmig sein werden, sondern wir sind dazu vorherbestimmt, gleichförmig zu sein mit dem Bild des Sohnes Gottes; als Teil einer Familie, die Er seine Brüder nennt und unter denen Er der Erstgeborene ist (s. Röm 8,29).
Allerdings gibt es etwas, das uns in dieser Welt immer möglich ist: seinem Tod gleichgestaltet zu werden (Phil 3,10). Es kann sein, dass wir dazu berufen sind, wie Er zu sterben. Der Tod ist dann der Weg, auf dem wir zur Auferstehung aus den Toten gelangen (Phil 3,11).
Leider passen wir uns oft und sehr leicht der Welt an, weil das Fleisch noch immer in uns ist und wirkt. Aus diesem Grund werden wir ermahnt, „nicht gleichförmig dieser Welt zu sein“ (Röm 12,2) und nicht den Begierden zu folgen, die wir hatten, als wir noch unwissend und nicht bekehrt waren (s. 1. Pet 1,14). Ja, diese Ermahnung ist sehr ernst: Denn wie schnell geraten wir auf einen Weg, der uns abwärts in die Welt führt!
Noch einmal sei gesagt: Es gibt für uns hier auf der Erde keine völlige „Gleichförmigkeit“ mit Christus. Jeder Gedanke, dass der Christ in seinem Erdenleben praktische Vollkommenheit erreichen könnte, wird dadurch widerlegt. Diese falsche Lehre geht davon aus, dass das sündige Fleisch sich in irgendeiner Weise verbessern könnte – was jedoch nicht der Fall ist. An anderer Stelle sagt uns das Wort Gottes: „Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden. … Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin“ (1. Kor 13,10.12).
Wenn es also für uns keine moralische oder körperliche Gleichförmigkeit mit Christus hier geben wird, dann kann es trotzdem – Gott sei Dank – eine moralische Verwandlung geben. Diese Veränderung geschieht allmählich, Stück für Stück: Wir werden „verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2. Kor 3,18). Diese Veränderung können wir nur erleben, wenn der Geist Gottes in uns ungehindert wirken kann und das Herz des Gläubigen Christus betrachtet. Diese Veränderung zeigt sich in der „Erneuerung unseres Sinnes“ (Röm 12,2) und wird bewirkt durch den Heiligen Geist (s. Tit 3,5). Durch Ihn erkennen und prüfen wir den „Willen Gottes“.
Wenn wir nun mit Christus gestorben und dadurch von dem Willen des Fleisches befreit worden sind (und das Fleisch ist ausschließlich auf Sünde ausgerichtet), sollen wir nun unseren Körper – befreit von diesem bösen Willen – als lebendiges Schlachtopfer darbringen, das heilig und wohlgefällig für Gott ist (Röm 12,1). Wir stellen unseren Körper Gott zur Verfügung und nicht mehr dem Willen des Fleisches. Durch die Erneuerung unseres Sinnes lernen wir, einen ganz anderen Willen kennen und schätzen: den Willen Gottes.
Wenn wir wirklich verwandelt sind und uns Gott und seinem Willen zur Verfügung stellen, dann kommen wir nicht in die Gefahr, unseren eigenen Willen mit dem Willen Gottes zu verwechseln. Ein gläubiger Staatsmann, der jedoch nicht viel von dem Urteil Gottes über ihn wusste, sagte einmal: „Der Wille Gottes ist die Größe meines Landes, und mein ganzes Tun besteht darin, diesen Willen zu erfüllen.“ Der Unglückliche brachte dadurch Verderben über sein Land, weil er seinen eigenen Willen mit dem Namen Gottes Willen verwechselte.
Die Erkenntnis des Willens Gottes ist jedoch ganz anders. Wir werden Gottes Willen erst dann erkennen, wenn „unser“ Wille endgültig geklärt und gerichtet ist. In diesem Sinne können wir sagen, dass das Erkennen des Willens Gottes mit dem Bewusstsein und der Praxis einhergeht, der Sünde gestorben zu sein. Denn dann wissen wir, dass unser eigener, fleischlicher Wille immer dem Willen Gottes entgegensteht – aber auch, dass wir diesen Willen nicht mehr tun müssen, weil wir befreit worden sind.
Der Wille Gottes, der im Herzen erkannt und geprüft wird, wird immer eine Quelle der Freude und Kraft für uns sein. Alles, was Gott tut, ist von nun an gut für uns, weil Gott es will; und wenn Gott es will, dann werden wir, wenn wir verwandelt und erneuert sind, seinen Willen als „wohlgefällig“ wahrnehmen. Der Glaubende denkt nicht an das, worauf er verzichten muss, wenn er dem Willen seines Gottes folgt. Nein, er weiß, dass der Wille Gottes der Liebe Gottes entspringt und nur das Gute für seine Kinder will. In diesem Wissen darf der Gläubige sagen: Der Wille Gottes ist „vollkommen“. Ja, es ist wirklich so: Wer dem göttlichen Willen folgt, wird Glück und Frieden im Herzen erleben.
Die Verwandlung, von der wir sprachen, kann sogar noch über die Grenzen einer moralischen Veränderung hinausgehen. Der Heilige Geist konnte so stark wirken, dass Stephanus schon hier auf der Erde dachte, wie Christus denkt. Sein Gesicht trug bereits die Züge eines Engels, der Gottes Angesicht sieht. Und ebenso fielen die Jünger auf, diese „ungebildeten und einfachen Leute“. Man bemerkte in ihrem Handeln und in ihrer Sprache eine solche Ähnlichkeit mit dem Herrn, dass man erkannte, dass sie „mit Jesus gewesen waren“ (Apg 4,13).
| Original: Courtes Méditations, no. 10, ME 1922, S. 37f., bibliquest.org
