Immer mehr bin ich davon überzeugt, dass die Quelle aller Segnungen für den Glaubenden darin liegt, ganz persönlich die stille Gemeinschaft mit Christus zu suchen. Denken wir nur an die Frau aus Sichar: Diese Samariterin wird in die Gegenwart Gottes gestellt und findet dort das ewige Leben. Auf dieselbe Weise lernt eine Ehebrecherin den kennen, der sie nicht verurteilt, obwohl Er allein das Recht dazu hätte. Und ebenso erhält Maria Magdalene die himmlische Botschaft eines auferstandenen Jesus, um sie den Jüngern weiterzugeben. Und auch Petrus findet die verlorene Gemeinschaft auf diesem Weg wieder. Bei Paulus beginnt alles damit, dass der Herr ihm persönlich auf dem Weg nach Damaskus erscheint. Später lernt er die Kraft Christi kennen, weil der Herr ihm persönlich zugesichert hatte, dass seine göttliche Kraft sich in Schwachheit entfaltet. Alles das fand in der Stille statt, in der Gegenwart des Herrn und mit Ihm allein.
Und auch ein Blick in das Alte Testament genügt, um dieselbe Tatsache dort wiederzufinden: Denken wir an Abraham, der allein mit Gott auf dem Berg redete. Denken wir auch an Jakob, der allein mit dem Engel rang. Auch Mose war allein mit dem Herrn am Dornbusch und sprach allein mit Ihm am Sinai. Josua begegnete in der Einsamkeit der Nacht dem Heerführer der Heerscharen des HERRN. Und so sehen wir es auch bei Samuel, der sich in der Einsamkeit und Stille der Stiftshütte mit Gott unterhielt. Und so geht es immer weiter: Bei David und den Propheten, die im Leid getröstet wurden, in ihren Ängsten gestärkt wurden und denen Gott wunderbare Offenbarungen geben konnte – und alles das, weil sie allein mit Ihm waren. Ja, der Glaube wird uns immer von allem trennen, was uns umgibt, um uns direkt, persönlich und in der Stille mit dem Herrn zu verbinden!
Der Wert der persönlichen Segnungen des Gläubigen ist schon sehr groß. Doch es gibt noch eine höhere Segnung: das Lob und die Anbetung Gottes. Diese Segnung ist nicht so sehr persönlich, sondern vor allem gemeinschaftlich. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Christ seine persönliche Beziehung zu dem Herrn pflegt –, wie viele von ihnen kennen wohl etwas von der wahren Anbetung Gottes und seines Sohnes?
Erinnern wir uns an die Jünger, wie sie sich zu Beginn der Apostelgeschichte im Obersaal versammelten, um dort einmütig im Gebet zu verharren (s. Apg 1,13.14). Dort waren sie getrennt von der Welt und gemeinsam in der Stille vor Gott. Wenn dies nun bereits für das Gebet gilt, wie viel mehr auch für die Anbetung! Wir dienen Gott im Geist; in dem Geist, der alle Anbeter zu einem Leib vereint hat. Wer die Segnung der Anbetung nicht kennt, verliert das Höchste, was es für Kinder Gottes auf der Erde gibt. Denn die Anbetung, die wir heute bringen dürfen, ist ein Vorgeschmack auf die himmlische Anbetung. Ja, die Anbetung ist so wichtig für Gott, dass das Wesen dieser Segnung nicht geändert werden würde, selbst wenn nur zwei oder drei Gläubige versammelt wären, um Ihn anzubeten.
In Liebe möchte ich fragen: Wissen und schätzen wir, was Anbetung ist? Anbetung geht immer mit Absonderung von der Welt einher. Und merken wir nicht, wie der Feind mit allen Mitteln versucht, diese Absonderung aufzuweichen und uns davon abzubringen? Es ist der Teufel, der die wahre Anbetung zerstören will. Auf einmal werden neue Arten von „Anbetung“ eingeführt, die nichts mit der Gott wohlgefälligen Anbetung zu tun haben. Die gemeinsame Anbetung der Erlösten wird durch den Geist geleitet, der sie durch Christus miteinander verbunden hat. Der Mittelpunkt dieser Anbetung ist Christus – und Christus allein. Er und sein Werk stehen vor den Herzen der Versammelten, wenn sie zusammenkommen, um anzubeten.
Die gemeinsame Anbetung findet besonders am ersten Tag der Woche statt. Wenn die Gläubigen am Tisch des Herrn zusammenkommen und seiner Leiden gedenken, dann werden die Herzen zur Anbetung geführt. Wir kommen zusammen in dem Bewusstsein, als Erlöste vor Gott zu stehen.
So möchte ich appellieren an alle Gläubigen: Sucht den Ort, an dem Gott die wahre Anbetung dargebracht wird. Wie wenige kennen diesen Ort! Und denken wir nur nicht, dass die „Gottesdienst-Angebote“, die so wenig mit der biblischen Wirklichkeit zu tun haben, uns dauerhaft zufriedenstellen werden.
Darüber hinaus möchte noch auf einen weiteren, sehr aktuellen Punkt hinweisen: Die Erwartung, dass der Herr wiederkommt zur Entrückung, wird uns besonders dann bewusst, wenn wir gemeinsam daran denken. In den letzten Jahrzehnten hat der Herr bei vielen Gläubigen wieder die Hoffnung auf sein Wiederkommen geweckt. Gleichzeitig war man jedoch nicht bereit, dem Wort Gottes zu gehorchen und die eigenen Vorstellungen über die Gemeinde aufzugeben, um vielmehr so zusammenzukommen, wie Gott es in seinem Wort aufschreiben ließ. Deshalb verlor die Hoffnung sehr schnell wieder an Kraft. Wenn überhaupt, wird nur noch von einer persönlichen Erwartung des Herrn geredet. Was ist die Folge? Eine zunehmende Gleichgültigkeit. Aber was wäre nötig gewesen, um die Hoffnung weiter in den Herzen lebendig zu erhalten? Der Blick auf den Bräutigam, der seine Braut zu sich holen wird: „Der Geist und die Braut sagen: Komm!“ (Off 22,17).
Das ist der Ruf, den wir heute in der Welt erschallen lassen müssen. Der Geist soll diesen Wunsch in allen Gläubigen hervorrufen. Alle Erlöste sind verbunden durch denselben Geist, den Geist Gottes. Und so sollen die Erlösten, die Braut des Lammes, sagen: „Komm, Herr Jesus.“ Sollte uns dieser Gedanke nicht anspornen, den Ort zu suchen, wo der Herr seinen Namen wohnen lassen will und wo wahre Anbetung gebracht wird? Meinen wir, dass der Herr einverstanden ist mit den Trennungen unter den Kindern Gottes? Sind sie nicht traurige Zeugen von dem Verfall, der immer weiter fortschreitet? Christus hat die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben (s. Eph 5,2). So wollen auch wir seine Versammlung von Herzen lieben. Bitten wir den Herrn, uns von allem zu befreien, was uns hindert, seinen Gedanken zu folgen und auf Ihn zu warten. Er, der glänzende Morgenstern (Off 22,16), sucht Herzen, die Ihm voller Freude zurufen: „Amen, komm Herr Jesus!“
| Original: Courtes Méditations, no. 8, ME 1922, S. 13–16, leicht gekürzt, bibliquest.org
