Das Bild des Adlers und seiner mächtigen Schwingen wird in der Bibel in zweifacher Hinsicht gebraucht:

  • Zum einen stellt Gott uns damit vor, was Er selbst für uns tut. Er trägt uns, wie ein Adler seine Jungen auf seinen Flügeln trägt (2. Mo 19,4; 5. Mo 32,11).
  • Zum anderen werden wir selbst mit einem Adler verglichen, der seine Schwingen ausbreitet, um zu fliegen. Der Vers dazu lautet: „Die auf den HERRN harren, gewinnen neue Kraft: Sie heben die Schwingen empor wie die Adler; sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht“ (Jes 40,31).

Mit diesem Vergleich macht Gott Menschen Mut, die innerlich und äußerlich müde geworden sind und ihre eigene Kraftlosigkeit spüren. Selbst junge Männer in ihrer natürlichen Kraft mögen ermüden und ermatten oder sogar fallen, aber wer dem Herrn vertraut und auf Ihn wartet, bekommt neue Kraft. Er kann die Schwingen erheben wie ein Adler, er kann laufen, ohne zu ermatten, und gehen, ohne müde zu werden.

Adler sind als „Könige der Luft“ bekannt. Sie haben sehr große Schwingen mit einer Spannweite von bis über zwei Meter. Während viele andere Vögel sich mit raschen Flügelschlägen in der Luft halten, machen Adler es völlig anders: Sie gehören zu den sogenannten Segelfliegern und nutzen gezielt die Thermik, um rasch voranzukommen – und das, ohne sich selbst anzustrengen.

Thermik entsteht, wenn die Sonne den Boden erwärmt, warme Luft aufsteigt und sich sogenannte aufsteigende Luftsäulen bilden. Diese Luftsäulen tragen den Adler nach oben, ohne dass er selbst viel Energie einsetzen muss. Dazu breitet er seine Schwingen weit aus und sucht ganz gezielt diese Aufwinde. Er stellt sich sozusagen in die Thermik hinein und lässt sich tragen und emporheben. Er schlägt nur selten mit seinen Schwingen – und wenn, dann hauptsächlich zum Einstieg oder um die Flugroute zu korrigieren. Der Adler steigt also nicht durch eigene Kraft, sondern durch das, was ihn von außen trägt.

Gott wählt an dieser Stelle bewusst das Bild des Adlers und nicht das eines anderen kräftigen Tieres, etwa das des Löwen oder des Pferdes. Im Zusammenhang des Verses geht es darum, dass wir lernen, nicht aus eigener Kraft zu leben, zu dienen und Umstände zu überwinden, sondern in der Kraft, die Gott uns gibt.

Es geht nicht darum, dass wir selbst wild die Flügel bewegen und uns krampfhaft anstrengen. Wir sollen auf Gott vertrauen und die Kraft nutzen, die Er uns gibt. Es geht nicht um mehr Einsatz, mehr eigene Anstrengung und Aktionismus, sondern darum, dass wir die „geistliche Thermik“ nutzen, um uns zu bewegen. In dieser „Thermik“ erkennen wir ein Bild des Wirkens des Heiligen Geistes, der Kraft des Wortes Gottes und der nahen Gemeinschaft mit dem Herrn. So bekommen wir Kraft zu einem Leben mit Aufwind. So können wir im Glauben schwierige Umstände überwinden und lernen, die Dinge aus himmlischer Perspektive zu sehen. Es ist eine Kraft, die trägt, aber nicht aus uns selbst kommt. Wer sich dem Wirken Gottes aussetzt, wird innerlich getragen – und nicht geistlich erschöpft.

Um zu fliegen, breitet der Adler seine Schwingen aus, bleibt ruhig und vertraut der Tragkraft der Thermik. Für uns heißt das, Gott zu vertrauen, statt ständig unruhig zu sein und uns selbst zu bemühen. Wir ruhen in Gott und verlieren uns nicht in Hektik und eigenen Anstrengungen. Wahre Kraft zeigt sich oft gerade in der Ruhe des Vertrauens. Wer so lebt, kann sich über die Umstände erheben und sieht die Schwierigkeiten des Alltags aus einer anderen Perspektive. Es ist wahr, dass Gott den Gläubigen nicht immer aus den Umständen heraushebt, aber Er hilft uns, sie mit anderen Augen zu sehen. Ein Leben, in dem wir uns von Gott getragen wissen, ist ein Leben, das nicht von Unruhe getrieben wird.

Wenn wir innerlich erschöpft und ausgepowert sind, besteht die Gefahr, dass wir zu viel mit den Flügeln schlagen. In uns finden wir keine Kraft. Wir müssen zur Quelle der Kraft gehen.

Wir denken an die Worte des Herrn an Sacharja: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der HERR der Heerscharen“ (Sach 4,6).

Wir denken an die Worte des Herrn an Paulus: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2. Kor 12,9).

Stark sind wir nur in dem Herrn und in der „Macht seiner Stärke“ (Eph 6,10). Wenn wir uns innerlich antriebslos fühlen, dürfen wir bewusst die Nähe Gottes suchen und uns stärken lassen. Der Adler steigt nicht, weil er stark ist – sondern weil er sich tragen lässt. So „erheben“ wir uns nicht durch eigene Anstrengung, sondern durch Vertrauen in unseren Gott.