Gedanken zu Jesaja 40,27–31

Mit Jesaja 40 beginnt der dritte Teil dieses Buches. Das Kapitel markiert einen wichtigen Wendepunkt. Nachdem es vorher häufig um Gericht ging, beginnt dieser Teil mit Trost für Gottes Volk. Der Schwerpunkt liegt auf der Größe Gottes und seiner Treue. Damit will Gott seinem Volk Mut machen. Die Verse 27 bis 31 bilden den persönlichen Abschluss dieses Kapitels: Gott wird in diesen Versen nicht nur objektiv in seiner Größe beschrieben, sondern subjektiv in das Herz des Gläubigen gebracht. Was für Israel und den Überrest gilt, möchten wir im Folgenden praktisch auf uns anwenden.

Vers 27: „Warum sprichst du, Jakob, und redest du, Israel: Mein Weg ist verborgen vor dem Herrn, und mein Recht entgeht meinem Gott?“  

Hier wird der innere Zustand eines Gläubigen sichtbar. Gott kennt ihn. Es gibt zweifelnde Fragen. Der Weg scheint verborgen und der Gedanke könnte aufkommen: Gott sieht mich nicht und beachtet mich nicht. Das Recht scheint Gott zu entgehen und der Gedanke könnte aufkommen: Gott greift nicht ein. Diese Fragen zeigen zwar keinen direkten Unglauben, aber doch einen entmutigten Glauben. Der Zweifelnde denkt, dass Gott fern ist. Das Problem ist aber nicht, dass Gott passiv ist, sondern dass das Herz Ihn falsch beurteilt. Die Schwierigkeiten scheinen größer zu sein als Gott. Die subjektive Wahrnehmung ersetzt die objektive Wahrheit.

Wir wissen, dass unser Weg nicht vor Gott verborgen ist und dass Ihm nichts entgeht. Gott sieht uns immer – auch wenn wir es anders empfinden. Er hat uns nicht vergessen. Er sieht unsere Wege und wird zu seiner Zeit zu unseren Gunsten eingreifen. Er ist treu und verdient unser Vertrauen.

Vers 28: „Weißt du es nicht? Oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist der Herr, der Schöpfer der Enden der Erde; er ermüdet nicht und ermattet nicht, unergründlich ist sein Verstand.“

Nachdem Gott das Herz des zweifelnden Gläubigen aufgedeckt hat, gibt Er nun eine Antwort. Er macht keinen Vorwurf, sondern erinnert zunächst daran, dass Er der Herr ist, das heißt derjenige, der sich nicht verändert. Sein Wesen wird in vier zentralen Punkten beschrieben:

  1. Er ist ein ewiger Gott: Während wir Menschen endlich sind und nur einen kleinen Zeitabschnitt übersehen, steht Er über der Zeit und damit auch über den Umständen. Er überblickt die Dinge völlig anders, als wir es tun können (vgl. Jes 40,10). 

  2. Er ist der Schöpfer der Enden der Erde: Während wir Menschen in unseren Möglichkeiten begrenzt sind, ist Gottes Macht unbegrenzt. Dem Schöpfer von Himmel und Erde ist nichts unmöglich (Jer 32,17). 

  3. Er ermüdet und ermattet nicht: Im Gegensatz zu uns Menschen kennt Gott keine Erschöpfung. Der Herr schläft und schlummert nicht. Er kennt diese Begrenzung nicht (vgl. Ps 121,3.4).

  4. Sein Verstand ist unerforschlich: Im Gegensatz zu uns Menschen erkennt Gott nicht stückweise und fehlerhaft, sondern übersieht zu jeder Zeit alles (vgl. Ps 147,5). Deshalb sind seine Wege auch höher als das, was wir verstehen (vgl. Jes 55,8.9).

Unser Fehler liegt oft darin, dass wir geneigt sind, Gott mit uns zu vergleichen und Ihn nicht nach sich selbst zu beurteilen. Aber Gott wird nicht schwach, Gott wird nicht müde und Gott verliert nie den Überblick. Wir können erschöpft und schwach sein und Dinge nicht verstehen – Gott kann es nicht.

Vers 29: „Er gibt dem Müden Kraft, und dem Unvermögenden reicht er Stärke dar in Fülle.“

Jetzt kommt ein wichtiger Punkt: Gott ist nicht nur stark, sondern Er gibt Stärke. Wir bemerken, dass Gott nicht erwartet, dass wir in uns stark sind. Er weiß, dass wir schwach und begrenzt sind. Die Voraussetzung für göttliche Kraft ist gerade, dass wir uns eingestehen, schwach und begrenzt zu sein (2. Kor 12,10). Gottes Kraft fließt nie in Selbstvertrauen, sondern dann, wenn wir erkennen, dass wir von Ihm abhängig sind. Unsere Schwäche ist für Gott kein Problem, sondern sogar sein Ansatzpunkt. Die Geschichte Gideons illustriert das eindrucksvoll.

Vers 30: „Und Jünglinge ermüden und ermatten, und junge Männer fallen hin.“

Jünglinge und junge Männer stehen für natürliche Stärke. Gerade von ihnen erwarten wir, dass sie stark und ausdauernd sind. Jünglinge sind ein Bild natürlicher Energie und junge Männer ein Bild menschlicher Leistungsfähigkeit. Doch selbst sie haben ihre Grenzen: Sie werden müde, ermatten und brechen ein. Alles, was aus dem Menschen kommt, ist endlich und begrenzt – auch das vermeintlich Beste. Wir müssen lernen, dass natürliche Kraft nicht trägt. Selbstvertrauen erschöpft – Gottvertrauen trägt.

Vers 31: „Aber die auf den Herrn harren, gewinnen neue Kraft: Sie heben die Schwingen empor wie die Adler; sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht.”

Das ist der Schlusspunkt und zugleich der Höhepunkt. Es geht darum, das ganze Vertrauen auf den Ewigen zu setzen. Harren ist vertrauensvolles Warten, Abhängigkeit ohne Ungeduld und die Ausrichtung auf Gott – und nicht auf die Lebensumstände. Wer auf Gott wartet und vertraut, verliert keine Zeit – er gewinnt geistliche Kraft.

Der Vers gebraucht zwei treffliche Bilder:

  1. Die Schwingen emporheben wie die Adler: Das spricht davon, dass wir uns durch den Heiligen Geist über die Umstände erheben lassen und eine himmlische Perspektive einnehmen. Von oben sehen die Dinge häufig ganz anders aus als von unten. Der Adler fliegt nicht aus eigener Kraft, sondern nutzt die Thermik der aufsteigenden Luftströmungen geschickt aus. Die Kraft, die er zum Fliegen nutzt, kommt nicht zuerst von ihm selbst, sondern von außen. Genau das ist das Geheimnis des christlichen Lebens.

  2. Laufen und gehen, ohne müde und matt zu werden: Müdigkeit hat mit nachlassender körperlicher Energie zu tun. Mattheit betrifft mehr den inneren Antrieb. Beides geht in der Regel Hand in Hand. Wer läuft und geht, ohne müde und matt zu werden, hat Kraft zu leben und zu dienen. Kraft kommt nicht aus Aktivität, sondern aus der Beziehung und dem Blick zu Gott.

Fazit

Der große und starke Gott begegnet zweifelnden und müden Menschen nicht mit Forderungen, die wir nicht erfüllen können, sondern mit Kraft. Wir müssen nur lernen, auf Ihn zu vertrauen.