Obwohl der Brief beginnt, ohne dass sich ein Autor vorstellt, gibt es keinen Zweifel daran, dass es Johannes, der Jünger des Herrn, ist. Zum einen schreiben frühe Kirchenväter wie Polykarp und sein Schüler Irenäus diesen Brief Johannes zu, zum anderen weist dieser Brief eine hohe sprachliche und inhaltliche Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Evangelium auf.

Johannes ist der letzte lebende Apostel und hat seine Schriften im letzten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts des Christentums verfasst. Dabei wird angenommen, dass das Evangelium zuerst geschrieben wurde und erst anschließend, wahrscheinlich um 96 n.Chr., der erste Brief. Zuletzt wurde die Offenbarung geschrieben. Damit schreibt Johannes in einer Zeit, die sehr schwierig war und die sich bis heute, was ihren Charakter angeht, nicht wesentlich geändert hat. Schon Paulus musste in seinem zweiten Brief an Timotheus einen Niedergang der Christenheit beklagen. Er schreibt, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden, Zeiten, in denen man der Wahrheit widerstehen und die gesunde Lehre nicht ertragen wird: „Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren, sich aber zu den Fabeln hinwenden“ (2. Tim 4,3).

Ungefähr dreißig Jahre später schreibt Johannes von der „letzten Stunde“ (1. Joh 2,18), in der viele Irrelehrer aufgetreten waren, die er „Antichristen“ und „falsche Propheten“ (1. Joh 2,18; 4,1) nennt. Gerade im Hinblick auf solche, „die euch verführen“ (1. Joh 2,26), muss er nun seinen Brief schreiben. In der Tat waren bereits am Ende des ersten Jahrhunderts des Christentums schwerwiegende Irrlehren bezüglich der Person des Herrn Jesus im Umlauf. Sie kamen meist aus den Reihen der „Gnostiker“, die sich, im Gegensatz zu den „einfachen“ Kindern Gottes, höherer Erkenntnis rühmten. In ihrer vermeintlich höheren Erkenntnis griffen sie nicht nur die Person des Herrn Jesus an (dass er Gott und Mensch in einer Person war), sondern auch die Kinder Gottes selbst, indem sie bezweifelten, dass diese überhaupt ewiges Leben haben.

Johannes schreibt diesen Brief daher auch, „damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes“ (1. Joh 5,13). Johannes möchte einerseits warnen und andererseits Gewissheit geben. Kinder Gottes sollen wissen, dass das gleiche Leben, wie es sich im Herrn Jesus gezeigt hat, ihr Leben ist. Ihm ist dieses Leben wesenseigen und er ist dieses Leben (1. Joh 5,20); ihnen wurde es durch den Glauben an den Namen des Sohnes Gottes gegeben. Aber es ist dasselbe Leben. Gleichzeitig stellt Johannes die Kennzeichen des ewigen Lebens vor, damit die bloßen Bekenner von den wahren Kindern Gottes unterschieden werden können.

Wer das Johannesevangelium liest, erkennt eine ähnliche Absicht. In Kapitel 20 schreibt Johannes: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31). Johannes schreibt sein Evangelium mit der Absicht, dass die Menschen glauben sollen, dass der Herr Jesus der Sohn Gottes ist, und dadurch Leben erhalten. Der Fokus liegt also einerseits auf der Person des Herrn, wie sich das Leben in ihm vollkommen offenbart hat, und andererseits auf der Art und Weise, wie Menschen dieses Leben erhalten können: „So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die … aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12.13; vgl. Joh 3,16). Wie notwendig diese Neugeburt ist und wie dieses Leben mitgeteilt wird, macht der Herr in seinem Gespräch mit Nikodemus deutlich: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes gehen … Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Joh 3,5.7).

In seinem Brief geht es Johannes nicht so sehr darum, wie wir dieses Leben erhalten. Er setzt es vielmehr voraus und wendet sich an die Kinder Gottes, also an solche, die die Neugeburt bereits erfahren haben. Er will sie in dem Wissen bestätigen, dass sie ewiges Leben haben. Obwohl uns der Herr Jesus auch hier als die Offenbarung des ewigen Lebens vorgestellt wird, geht es weniger darum, wie sich das Leben in ihm gezeigt hat, als vielmehr darum, dass dieses Leben nun in uns ist und sich in und durch uns in denselben Charakterzügen zeigen soll, wie es sich in Christus gezeigt hat.