„Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, [so] betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“
In Vers 6 hatte Johannes bereits darüber gesprochen, dass jemand sagt, er habe Gemeinschaft mit Gott. Nun stellt Johannes einen zweiten Fall vor: Jemand sagt, dass er keine Sünde habe. Was bedeutet das? Wenn wir uns den Zusammenhang ansehen, scheint es hier nicht um Tatsünden wie in Vers 9 („Wenn wir unsere Sünden bekennen“) und 10 („nicht gesündigt haben“) zu gehen. Hier geht es um die Sünde, das heißt um die Erbsünde in uns.
Wer Gottes Wort aufmerksam liest, wird schnell feststellen, dass es zwischen begangenen Sünden und der Sünde als herrschendes Prinzip in uns unterscheidet (vgl. Röm 3,23; 5,12). Letzteres ist die Wurzel, das andere die daraus wachsende Frucht. Wir sündigen, weil wir Sünder sind.
Der Mensch hat also ein zweifaches Problem und braucht daher auch eine zweifache Lösung: die Vergebung seiner Sünden sowie die Befreiung von der Macht der Sünde. Wer an den Herrn Jesus glaubt, darf wissen, dass ihm seine Sünden vergeben worden sind und er mit dem Herrn Jesus der Sünde gestorben ist (Röm 6,10.11). Das bedeutet, dass die in uns wohnende Sünde keine Macht mehr über uns hat. Der Gläubige muss nicht mehr sündigen (kann es aber noch, vgl. 1. Joh 2,1). Zwar hat Gott uns in der Neugeburt eine neue Natur gegeben, die nicht sündigen kann (vgl. 1. Joh 3,9), aber an keiner Stelle lesen wir, dass wir die alte, sündige Natur nicht mehr hätten. Wir können es so zusammenfassen: Wir haben die Vergebung unserer Sünden, das heißt, wir werden nicht mehr dafür bestraft. Genauso sind wir bereits von der Macht der Sünde befreit und müssen nicht mehr sündigen. Aber von der Gegenwart der Sünde werden wir erst befreit, wenn der Herr Jesus kommt, um uns zu sich in die Herrlichkeit zu holen (vgl. Phil 3,21; 1. Joh 3,2), oder wir vorher noch sterben.
Nun haben wir aber jemanden vor uns, der diese Tatsache eben leugnet. Er sagt: Bei mir gibt es das nicht – es gibt keine Macht in mir, die mich zum Sündigen bringen könnte –, und beansprucht damit nichts anderes als Sündlosigkeit für sich. Wo es keine Wurzel gibt, da gibt es auch keine Früchte. Wie aber kann jemand, der im Licht wandelt (1. Joh 1,7), so etwas sagen? Es ist bemerkenswert, dass Neubekehrte oft das Empfinden haben, nach ihrer Bekehrung viel mehr zu sündigen als davor. Objektiv wird es sich aller Wahrscheinlichkeit nach genau andersherum verhalten. Aber ihr sensibilisiertes Gewissen zeugt von einer neuen geistlichen Realität. Das Leugnen dieser Tatsachen zeugt allerdings von einer ganz anderen Realität.
Es ist auffällig, dass Johannes diese Aussage weder einem Test unterzieht noch dagegen argumentiert. Die Aussage ist derart offenkundig falsch, dass es ihm nicht der Mühe wert ist, in irgendeiner Weise inhaltlich darauf einzugehen. Er schreibt einfach: „… so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Wohlgemerkt: wir betrügen weder unsere Mitmenschen noch Gott. Nein, wir betrügen uns selbst. Wir führen uns selbst in die Irre und tun damit eigentlich das, was Satan mit uns tun möchte.
Auch für unsere Tage haben diese Verse an Relevanz nicht verloren. Wie viele Menschen betrügen sich selbst, indem sie den Schuldigen immer woanders suchen! Wird nicht immer wieder behauptet, der Mensch sei gut in sich selbst, es seien nur die Umstände, die Gesellschaft oder ein Trauma, das jemanden zu einer schlimmen Tat gebracht habe? Wie viele mögen zwar anerkennen, dass sie „nicht perfekt“ sind, aber meinen, sie könnten sich durch „gute Werke“ wieder in die Gunst Gottes bringen! Das ist doch nichts anderes als zu leugnen, dass man keine Sünde hat!
Gott möchte, dass wir zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Das beinhaltet, dass wir unsere völlige Verdorbenheit und Schuldigkeit vor ihm eingestehen (vgl. 1. Tim 2,4). Doch in Bezug auf Menschen, die behaupten, keine Sünde zu haben, sagt Johannes, dass die Wahrheit nicht in ihnen ist. Das geht einen entscheidenden Schritt weiter als Vers 6, in dem es heißt, dass man die Wahrheit nicht tut. „Die Wahrheit“ umfasst alles, was Gott uns von sich durch den Herrn Jesus offenbart hat. Dazu gehören vor allem die Natur und der Wille Gottes. Gott ist Licht und jeder Mensch wird in das Licht Gottes gestellt. Wer dennoch leugnet, Sünde zu haben, beweist damit tatsächlich, wie sehr er von Gott in die Irre gegangen ist.
Wandel im LichtWenn wir unsere Sünden bekennen (1. Johannes 1,9)
