„Wenn wir unsere Sünden bekennen, [so] ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.“

In diesem Vers erfahren wir die wunderbare Wahrheit, dass Gott Sünden vergibt und dabei „treu und gerecht“ ist. Das sind feste Wahrheiten, auf die sich jeder stützen darf, der die Last seiner Sünden spürt. Jedes Kind Gottes darf mit Freude auf jenen Zeitpunkt zurückblicken, als es seine Sünden vor Gott bekannt hat, und wissen: Gott hat alle seine Sünden vergeben. Er wird ihrer nie mehr gedenken! In der Tat: „Glückselig der, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist!“ (Ps 32,1).

Doch dieses Glück ist nur dem, der aufrichtig und wahrhaftig ist, vergönnt. In Vers 8 haben wir jemanden gesehen, der leugnet, Sünde zu haben, und damit Sündlosigkeit für sich beansprucht. In Vers 10, wie wir noch sehen werden, finden wir jemanden, der leugnet, gesündigt zu haben. Doch in Vers 9 haben wir jemanden, der seine Sünden bekennt. Wir hätten jetzt vielleicht damit gerechnet, dass Johannes schreibt: „Wenn wir sagen, dass wir Sünde haben“, oder: „… dass wir gesündigt haben.“ Stattdessen schreibt er: „Wenn wir unsere Sünden bekennen …“ Damit zeigt er einen Fall, in dem jemand nicht mehr vor Menschen, sondern vor Gott steht.

Wir sehen hier jemanden, der weder leugnet noch verwässert noch die Verantwortung von sich weist, sondern im Bewusstsein eigener Verantwortung und Schuldigkeit ein Bekenntnis über begangene Sünden vor Gott ablegt. Er zeigt aber auch, dass er Vergebung sucht und Vertrauen in Gott hat. Er rennt gleichsam in die Arme dessen, gegen den er gesündigt hat. Möge niemand sein wie Kain, der seinen gerechten Bruder Abel ermordete. Nach seiner schrecklichen Tat verstand er weder die Schwere seiner Sünde noch gegen wen er gesündigt hatte noch suchte er nach Vergebung. Er ging einfach weg „vom Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod (d.i. Flucht)“ (1. Mo 4,16). Tragisches Ende!

Doch hier ist es anders und Gott zeigt uns einen wunderbaren Grundsatz: Auf ein Bekenntnis hin folgt Vergebung! Es geht nicht darum, wann, wo oder wie dieses Bekenntnis abgelegt wird, noch, auf welcher Grundlage Gott uns vergibt. Dass Gott eine feste Grundlage hat, ja haben muss, um Sünden vergeben zu können, werden wir noch sehen. Hier sei aber festgehalten, dass es um den zeitlos gültigen Grundsatz geht: Wer seine Sünden bekennt, der erfährt Vergebung.

So einfach und verständlich dieser Grundsatz auch scheinen mag, er bereitet vielen Kindern Gottes doch erhebliche Probleme. Sie fragen sich: Was ist, wenn ich nicht alle meine Sünden bekannt habe? Was, wenn ich auch nur eine einzige vergessen oder ausgelassen habe? Dann gehe ich verloren, denn nur solche Sünden werden tatsächlich vergeben, die wir auch bekennen.

Natürlich dürfen Kinder Gottes diesen Vers auf sich anwenden. Auch für sie gilt der Grundsatz, den wir hier finden. Aber in diesem Vers handelt es sich, wie noch genauer dargelegt werden wird, um einen Sünder, der mit seinen Sünden zu Gott kommt, nicht aber um ein Kind Gottes, das sich versündigt hat und nun mit einem Bekenntnis zum Vater kommt. Zwischen beiden gibt es einen elementaren Unterschied: Der Sünder kommt, um ewige Vergebung im Hinblick auf den Himmel und die Ewigkeit zu erlangen. Ein Kind Gottes hingegen, das sich versündigt hat, besitzt die ewige Sündenvergebung bereits. Warum bekennt es dann noch seine Sünden? Nun, auf keinen Fall, um etwas Verlorengegangenes wiederzuerlangen. Gottes ewige Vergebung unserer Sünden ist unwiderruflich und kann nicht verloren werden. Sie beruht auf dem stellvertretenden Werk des Herrn Jesus. Ein Kind Gottes bleibt auch dann ein Kind Gottes, wenn es gesündigt hat. Die Beziehung an sich ist also nicht verlorengegangen. Aber die ungetrübte Gemeinschaft mit dem Vater ist gestört. Wird diese Sünde jedoch bekannt, stellt dies die Gemeinschaft wieder her. Neben der Vergebung im Hinblick auf die Ewigkeit und den Himmel gibt es eben auch noch Gottes Vergebung im Hinblick auf die Zeit und die Erde, wenn er in seiner Erziehung und seinen Regierungswegen mit den Menschen (Kindern Gottes) handelt (vgl. 1. Kor 10,13; Heb 12,4–11). Aber die Ausgangsbedingungen bei einem Kind Gottes auf dem Glaubensweg sind völlig andere als bei einem Sünder bzw. als bei jemandem, der zu Beginn des Glaubensweges zu Gott kommt, um grundsätzlich die ewige Sündenvergebung zu erlangen.

Dass es sich aber um genau diese grundsätzliche ewige Sündenvergebung zu Beginn des Glaubensweges handelt, macht der Kontext unseres Verses deutlich. Der Fall, dass ein Kind Gottes sündigt, kommt erst in 1. Johannes 2,1 vor uns. Bemerkenswerterweise heißt es da nicht, dass wir dann einen Sachwalter bei Gott, sondern bei dem Vater haben. Weiterhin sehen wir, dass noch in Vers 7 Johannes vom „Blut Jesu Christi, seines Sohnes“, schreibt, das uns „reinigt … von aller Sünde“. Wir hatten bei der Behandlung dieses Verses schon gesehen, dass hier das grundsätzliche Mittel vorgestellt wird, das Sünde wegnimmt. Dieses Wegnehmen von Sünde durch das Blut geschieht aber nur ein Mal im Leben: wenn der Sünder in Buße und Glauben zu Gott kommt. Wenn es aber um das Sündigen von Kindern Gottes geht, wird vom Wasser als Bild des Wortes Gottes in seiner reinigenden Kraft gesprochen.

Zudem wird nicht von einer spezifischen Sünde geredet, sondern ganz allgemein von „aller“ (oder „jeder“) Sünde (1. Joh 1,7) oder von „aller Ungerechtigkeit“ (1. Joh 1,9). Tatsächlich darf sich ein Sünder der Vergebung aller Sünden – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – bewusst sein. Das beinhaltet auch solche, die er nicht bekannt hat, weil er sie entweder vergessen hat oder sie ihm gar nicht bewusst waren. Gott ist kein Formalist, dem es allein auf das Aussprechen gewisser Worte ankommt. Wir Menschen achten zuweilen mehr auf die Form als auf den Inhalt. So kann es aufgrund eines Formfehlers in einem Gerichtsverfahren zum Freispruch eines Schuldigen oder zur Ablehnung eines rechtmäßigen Antrages kommen. Gott aber schaut vor allem auf die innere Herzenshaltung, die im Bekenntnis der Sünden zum Ausdruck kommt. Würde Gott von einem Sünder verlangen, dass er sich tatsächlich an alle Sünden erinnert und sich aller Sünden bewusst ist, dann würde kein einziger Mensch errettet werden.

Im Herzen sieht Gott auch den Glauben, der einen Sünder mit dem vollbrachten Werk des Herrn Jesus am Kreuz von Golgatha und seinen wunderbaren Folgen in Verbindung bringt. Dort findet Gott die gerechte Grundlage, auf der allein er Sünden vergeben kann. Es mag sein, dass wir Sünden vergessen haben oder uns ihrer überhaupt nicht bewusst sind. Und doch hat Gott, als noch keine von ihnen begangen war, sie alle gekannt und sie alle in den drei Stunden der Finsternis auf den Herrn Jesus gelegt. Keine einzige hat er ausgelassen, sondern für sie alle den Herrn Jesus stellvertretend gerichtet.

Es ist mit einem Blick auf das vollbrachte Werk des Herrn Jesus, dass Gott uns die Sünden vergibt: „Ich schreibe euch Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen“ (1. Joh 2,12). „Diesem geben alle Propheten Zeugnis, dass jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch seinen Namen“ (Apg 10,43). Der Glaube ist das, was auf unserer Seite nötig ist, um an den gesegneten Folgen des Werkes des Herrn Jesus teilhaben zu können. Aber der Name des Herrn Jesus, das heißt was der Herr Jesus in seiner ganzen Person und seinem Werk ist, ist für Gott das Mittel, durch das er uns die Sünden vergeben kann.

Daher ist er jetzt auch „treu und gerecht“, wenn er die Sünden auf ein Bekenntnis hin alle vergibt. Dies zu erkennen, ist geeignet, jedes beunruhigte Herz eines Kindes Gottes zu beruhigen. Dass Gott Sünden vergibt, ist nicht nur ein Akt seiner Liebe, sondern eben auch seiner Treue und Gerechtigkeit. Gott ist in erster Linie sich selbst gegenüber treu. Er kann nichts tun, was seinem eigenen Wesen widerspricht. Damit ist er auch seinem gegebenen Wort, seinen Versprechen gegenüber treu. Was Gott sagt, das wird er auch tun.

Wenn es aber heißt, dass Gott gerecht ist, dann hat das eine richterliche Bedeutung. Einst hat er als Richter den Herrn Jesus am Kreuz in den drei Stunden der Finsternis stellvertretend gerichtet. Daher ist er jetzt auch gerecht, wenn er denen vergibt, die im Glauben an den Herrn Jesus und an sein Werk und mit einem Bekenntnis zu ihm kommen. Sie dürfen wissen, dass Christus bereits stellvertretend für sie in das Gericht eines heiligen und gerechten Gottes ging. Mit den Worten aus Jesaja 53,5 dürfen sie sagen: „Doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.“ Wäre es denn gerecht, wenn er dieselben Sünden ein zweites Mal strafte? Genauso ist Gott gerecht, wenn er den straft, der das Werk des Herrn Jesus verwirft und nicht mit einem Bekenntnis zu ihm kommt. Gottes Heiligkeit fordert eine gerechte Strafe für Sünden. Doch niemals wird er für dieselbe Sünde ein zweites Mal strafen.