„Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, [so] machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“

Es ist kaum vorstellbar, dass jemand, der sich Christ nennt, so etwas behauptet – und doch geschieht es. Es ist bemerkenswert, dass hier nicht behauptet wird, dass man gerade nicht sündigt (Gegenwart) oder dass man – vielleicht mit guter Absicht – nicht sündigen wird (Zukunft). Nein, hier schaut jemand zurück und behauptet, nicht gesündigt zu haben (Vergangenheit). Es geht hier nicht um eine bestimmte Situation, von der man sagt, man habe in ihr nicht gesündigt, sondern um das gesamte vergangene Leben: „Ich habe noch nie eine Sünde begangen. Mein Leben ist sündenfrei!“

Die Konsequenz ist, dass Gott zum Lügner gemacht wird. Wer sowas von sich behauptet, lügt nicht nur (1. Joh 1,6) oder betrügt sich selbst (1. Joh 1,8), sondern macht Gott zum Lügner. Damit wird Gott nicht nur eine sündige Tat unterstellt, sondern auch er selbst, seine Göttlichkeit und seine heilige, sündlose Natur angegriffen. Doch Gott kann nicht lügen (Tit 1,2). Die Lüge steht im völligen Widerspruch zu ihm selbst. Er ist der Gott der Wahrheit (Ps 31,6), der Herr Jesus ist die Wahrheit (Joh 14,6), der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit (Joh 16,13) und sein Wort ist Wahrheit (Joh 17,17). „Gott aber sei wahrhaftig, jeder Mensch aber Lügner“ (Röm 3,4). Wenn nun jemand behauptet, nicht gesündigt zu haben, ist das nicht nur ein Ergebnis seiner sündigen Natur, sondern geradezu ein Beweis für deren Existenz.

Er folgt damit niemand anderem als Satan selbst, dem Vater der Lüge. Hatte Gott Adam und Eva in Bezug auf den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen nicht gesagt: „An dem Tag, da du davon isst, musst du sterben“ (1. Mo 2,17)? Was war Satans Lüge später? „Ihr werdet durchaus nicht sterben“ (1. Mo 3,4). Damit machte er Gott zum Lügner. Hier folgen Menschen Satan und machen durch ihre dreiste Behauptung, nicht gesündigt zu haben, Gott zum Lügner.

Sowohl das Alte als auch das Neue Testament bezeugen, dass jeder Mensch ohne Ausnahme gesündigt hat: „Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt“ (Röm 3,23; Ps 14,1–3). Wer das dennoch leugnet und sich gegen Gottes Wort stellt, macht damit Gott zum Lügner. So einem gelten die gleichen Worte, die der Herr Jesus bereits an die Pharisäer richtete: „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Er war ein Menschenmörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und ihr Vater“ (Joh 8,44).

Eine weitere Feststellung lautet, dass Gottes Wort nicht in uns ist. In Vers 8 hatte Johannes bereits geschrieben, dass wir, wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, uns selbst betrügen und die Wahrheit nicht in uns ist. Hier ist es sein Wort, das nicht in uns ist. Sein Wort ist natürlich die Wahrheit. Doch in Vers 10 geht es mehr um die Wahrheit, wie sie uns in der Bibel, den Heiligen Schriften, offenbart wurde. Wer entgegen Gottes Wort von sich behauptet, nicht gesündigt zu haben, der muss es verworfen haben. Kann man es anders erklären, dass jemand zu einer solchen Behauptung kommt? Statt auf Gottes Wort stützt man sich auf menschliche Logik und Philosophie.

Anders als in den Versen 6 und 8 stellt Johannes hier der Lüge nicht das Wahrhaftige und Echte entgegen. Es ist nicht schwer, zu erkennen, dass Vers 10 nicht von jemandem spricht, der in das Licht Gottes gestellt ist und sich Gottes Urteil beugt, nachdem er seinen sündigen Zustand erkannt hat. Hätte er seinen wahren Zustand erkannt, hätte ihn das zu seinem Bekenntnis geführt, wie wir es in Vers 9 gesehen haben. Hier aber haben wir nur mit Unglauben und Auflehnung gegen Gott zu tun.