Die Geschichte Jonas ist den meisten Bibellesern bekannt. Jona war ein Prophet wider eigenen Willen. Seine Geschichte ist erstens historisch wahr. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Unser Herr selbst bestätigt sie (Mt 12,40). Sie hat zweitens eine prophetische Bedeutung im Blick auf die Geschichte Israels und im Blick auf Christus. Darüber hinaus enthält sie drittens eine Vielfalt von praktischen Lektionen für uns.

Ich möchte fünf davon nennen.

Lektion 1: Gottes Gnade ist immer größer als unsere Vorurteile

Gottes Gnade kennt keine Grenzen. Er hat – auch im Alten Testament – nicht nur ein Auge auf sein irdisches Volk Israel. Er sieht auch die Bosheit der großen Stadt Ninive. Aber nicht nur das. Er sah auch, dass die Niniviten Buße taten und von ihren bösen Wegen umgekehrt waren (Jona 3,10).

Wir lernen daraus, dass Gottes Gnade nicht exklusiv ist. Wir wissen heute, dass die Gnade Gottes in der Person seines Sohnes erschienen ist – und zwar heilbringend für alle Menschen (Tit 2,11). Jona wollte nicht, dass Ninive gerettet wird – es waren Israels Feinde und sie stellten eine große Bedrohung dar. Aber Gott macht deutlich, dass jede Person und jedes Volk die Möglichkeit zur Umkehr hat. Diese Weite – die schon im diesem alttestamentlichen Buch angedeutet wird – fordert uns als Christen heraus. Wir sollten Boten Gottes für alle Menschen sein und jedes Vorurteil und jede Selbstgerechtigkeit ablegen. Auch „ungeliebte“ Menschen (z.B. Andersdenkende, kulturell Fremde, am Rand der Gesellschaft stehende oder moralisch Gefallene) sind Adressaten von Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Wir sollten deshalb mit Liebe und Hoffnung auf das „Erntefeld Welt“ sehen und keinesfalls Menschen in unseren Gedanken ausgrenzen. Persönlich, in unseren Familien, im Beruf und auch in der Versammlung sollten wir offen sein, Menschen ohne Ansehen der Person zu begegnen. Jeder hat die Chance auf Buße und Bekehrung.

Lektion 2: Man kann vor Gott fliehen, aber Ihm nie entkommen

Gott lässt sich nicht abschütteln. Er verfolgt mit jedem von uns einen Plan. Jona meinte, er könnte vor dem Angesicht Gottes fliehen (Jona 1,3), aber Gott holte ihn schneller ein, als ihm lieb war.

Wir lernen daraus, dass Gott jedem von uns einen Auftrag gibt. Jeder ist berufen, Aufträge Gottes auszuführen. Doch wir können uns – wie Jona – bewusst dagegenstellen und versuchen, vor Gott wegzulaufen. Jona flieht nicht nur, weil er Angst hat, zu den Feinden nach Ninive zu gehen, sondern vor allem, weil er Gottes Willen nicht akzeptieren will. Am Ende des Buches kommt er darauf zurück und sagt: „Darum bin ich erst nach Tarsis geflohen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte und der sich des Übels gereuen lässt“ (Jona 4,2). Doch Gott lässt sich nicht abschütteln. Er nimmt es nicht einfach hin, wenn wir ungehorsam sind und uns verweigern. Wie bei Jona mag Gott manchmal Mittel benutzten, die uns schmerzen. Wir sollten die Geschichte Jona wie einen Spiegel benutzen und uns fragen, ob wir nicht manchmal auch einer Aufgabe aus dem Weg gehen, die Gott uns gibt.

Lektion 3: Buße verändert alles – auch die scheinbar „hoffnungslosen Fälle”

Die Geschichte Jonas lehrt uns, dass keiner zu tief gefallen ist, um nicht durch Buße neu anfangen zu können. Echte Buße schafft einen Neuanfang und ist zugleich die Voraussetzung für einen Neuanfang (Jona 3,5).

Wir lernen daraus, dass echte Umkehr Leben verändert – selbst bei solchen, von denen wir es vielleicht nie erwartet hätten. Die Niniviten waren berüchtigte Gewalttäter (Nahum 3,1 nennt die Stadt eine „Blutstadt“, die mit Lüge und Gewalttat erfüllt ist), aber im Buch Jona zeigen sie echte Reue. Gott sieht das Herz und reagiert mit Vergebung. Wir sollten es uns tief einprägen, dass niemand zu böse und zu weit weg ist für Gott. Aber wir lernen auch, dass Buße kein frommes Gefühl ist, sondern sich in echter Veränderung und Umkehr zeigt. Erst als Gott ihre Werke sah, dass sie „von ihrem bösen Weg umgekehrt waren“, ließ Er sich des Übels gereuen (Jona 3,10). Buße zeigt sich in ihren Früchten (Lk 3,8).

Wir sollten uns gegenseitig Mut machen, keinen Menschen aufzugeben. Gottes Gnade verherrlicht sich gerade dann, wenn alles verloren scheint. Das motiviert zum nachhaltigen Zeugnis und zur Evangelisation – selbst dann, wenn es „eigentlich hoffnungslos“ ist.

Lektion 4:  Selbstgerechter Zorn ist dem Herzen Gottes fremd und entfernt uns von Ihm

Zuerst will Jona nicht gehen. Als er dann schließlich gehorsam ist und den Auftrag Gottes ausführt, ärgert er sich über die Gnade und wird sogar zornig (Jona 4,1. Sein Frust zeigt seine religiöse Selbstgerechtigkeit: Er glaubt, zu wissen, wer Gottes Gnade verdient – und wer nicht. Gottes letzte Frage an Jona lautet, ob es nicht selbstverständlich ist, dass Er Mitleid mit Ninive hat (Jona 4,11).

Wir lernen, dass Gottes Maßstäbe anders sind als menschliche Maßstäbe und dass religiöser Eifer uns herzlos machen kann. Hätte Jona die Niniviten mit Gottes Augen gesehen, hätte er sich gefreut. Wir sollten uns prüfen. Sind wir barmherzig wie Gott? Freuen wir uns, wenn Menschen zu Ihm finden? Oder freuen wir uns vielleicht sogar im Geheimen, wenn böse Menschen die „gerechte Strafe“ bekommen? Wir denken an den Ärger des älteren Sohnes in Lukas 15 über seinen jüngeren Bruder. Der Gedanke, dass der Vater diesen „Nichtsnutz“ aufnahm, machte ihn zornig.

Lektion 5: Gott arbeitet mit unvollkommenen Menschen – und gibt nicht auf

Gott beruft nicht die Begabten, sondern begabt die Berufenen. Er gebraucht selbst die Unwilligen, weil Er uns nicht aufgibt. Nachdem Gott seine Hand auf Jona gelegt hatte und er drei Tage im Bauch des Fisches war, wird aus dem unbrauchbaren Knecht ein brauchbarer Knecht. Gott macht aus einem „unnützen“ Diener (Markus) einen „nützlichen“ Diener (2. Tim 4,11), einen, der sogar das Evangelium des vollkommenen Dieners schreiben darf.

Jona ist kein Glaubensheld. Er zweifelt, er rebelliert, er versteht Gott nicht – und doch gebraucht Gott ihn. Das ist eine große Ermutigung für jeden von uns. Gottes Treue ist größer als unsere Fehler. Deshalb kann er auch in sich schwache, fehlerhafte und rebellische Diener gebrauchen. Als Christen und Diener Gottes müssen wir keine „geistlichen Übermenschen“ sein. Er gebraucht Menschen mit echten Schwächen – wenn sie bereit sind, sich von Ihm gebrauchen zu lassen und Ihm zu gehorchen. Das Buch der Richter zeigt, dass Gott wiederholt Menschen mit echten Handicaps gebraucht hat. Unser Scheitern muss nicht das Ende der Berufung sein.

Es lohnt sich, das Buch Jona unter diesem Blickwinkel zu lesen.