Ein Leben in Hingabe

„Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, als nur, den Herrn, deinen Gott, zu fürchten, auf allen seinen Wegen zu wandeln und ihn zu lieben und dem Herrn, deinem Gott, zu dienen mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele“ (5. Mo 10,12). 

Dieser Vers ist wie eine einfache Zusammenfassung dessen, was Gott von seinem irdischen Volk damals erwartet. Und doch liegt gerade in dieser scheinbaren „Einfachheit“ eine tiefe Belehrung – nicht nur für Israel damals, sondern auch für unser Leben als Christen heute.

Beziehung

Zunächst fällt auf, dass Gott nicht mit Forderungen beginnt, sondern mit einer Beziehung. Er stellt sich als der Herr vor, der Gott Israels. Das ist der Ausgangspunkt. Es geht nicht um anonyme Vorschriften, sondern um einen Gott, der sich offenbart und sich seinem Volk zuwendet. Er ist der Herr, das heißt derjenige, der sich nicht verändert. Er ist Gott, der allmächtig, allwissend und allgegenwärtig ist. Und dieser Gott steht mit uns in Beziehung. Für uns Christen gilt das noch viel mehr: Wir kennen Gott als unseren Vater durch den Herrn Jesus Christus. Wichtig ist, dass Hingabe nicht mit Leistung beginnt, sondern mit einer Beziehung, die uns geschenkt ist. Auf der Basis dieser Beziehung teilt Gott nun mit, was Er erwartet. Es sind vier Dinge, die genannt werden:

  1. Gottesfurcht

Zuerst wird von „Furcht“ gesprochen. Gott zu fürchten, beschreibt keine ängstliche Furcht, die uns lähmt, sondern eine ehrfürchtige Haltung, die Gott als den ernst nimmt, der Er ist. Es ist wahr, dass Er unser Vater ist, der uns liebt. Aber zugleich bleibt Er der große Gott, vor dem wir wie nichts sind. Wer Gott fürchtet, stellt Ihn bewusst in den Mittelpunkt seines Lebens. Diese Gottesfurcht ist kein Gegensatz zur Liebe – sie ist sozusagen das Fundament. Denn wer erkennt, wie groß, heilig und zugleich gnädig Gott ist, der wird Ihm gegenüber nicht gleichgültig sein. Gerade in einer Zeit, in der vieles oberflächlich wird, ist diese Haltung ein echter Schutz.  Sie bewahrt uns davor, im Glauben lau zu werden.

  1. Auf Gottes Wegen unterwegs sein

Weiter heißt es: „auf allen seinen Wegen zu wandeln“. Das bedeutet, dass unser Glaube nicht nur aus einzelnen geistlichen Momenten oder Meilensteinen besteht, sondern unser ganzes Leben umfasst. Auf allen Wegen Gottes unterwegs zu sein, umfasst unseren kompletten Alltag – unser Verhalten, unseren Umgang mit Menschen, unsere Entscheidungen, unser Leben in Ehe, Familie, Beruf und im Volk Gottes und vieles mehr. Leben wir bewusst in den Wegen Gottes? Die Alternative sind unsere eigenen Wege. Dieser Vers ermutigt uns, unser Leben immer wieder neu auf Gott auszurichten.

  1. Gott lieben

Der dritte Punkt ist zentral. Gott liebt uns, aber Er erwartet, dass wir Ihn auch lieben. Das ist insofern bemerkenswert, weil Liebe sich nicht erzwingen lässt und man Liebe auch nicht befehlen kann. Aber Gott hat doch eine Erwartungshaltung an uns. Wer in Gottes Liebe ruht und auf seinem Weg geht, dem fällt es nicht schwer, Gott zu lieben. Unsere Liebe zu Gott wächst, je mehr wir uns mit seiner Liebe beschäftigen. „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Joh 4,19). Gott sucht keine äußere Pflichterfüllung, sondern ein Herz, das sich Ihm freiwillig zuwendet.

  1. Gott dienen

Schließlich spricht der Vers vom Dienen: „mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele“. Hingabe zeigt sich nicht nur in inneren Gefühlen, sondern in einem Leben, das Gott zur Verfügung steht. Dabei geht es nicht so sehr um große Aufgaben, sondern um Treue im Kleinen. Wer Gott liebt, fragt nicht wie ein Knecht: „Was muss ich tun?“, sondern er fragt: „Herr, was darf ich für dich tun?“ Diese Haltung nimmt Druck weg und schenkt gleichzeitig Freude. Dienst ist keine Leistung, sondern die Antwort des Herzens, das Gott liebt.

Fazit

Vielleicht empfinden wir beim Lesen dieses Verses eine gewisse Spannung. Vielleicht sogar eine leichte Resignation. Wir fragen uns: Wer kann so leben? Wer liebt Gott wirklich mit ganzem Herzen? Die ehrliche Antwort ist, dass das aus eigener Kraft niemand kann. Aber genau hier liegt auch eine Ermutigung. Gott fordert nicht etwas, ohne zugleich die Grundlage dafür zu geben. Im Neuen Testament sehen wir, dass Gott selbst in uns wirkt: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, zu seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13). Hingabe ist nicht in erster Linie unser Werk, sondern eine Frucht seines Wirkens in uns.

Und noch etwas. Gott gibt nicht nur eine Grundlage, sondern auch ein Beispiel. In allen vier Punkten ist der Herr als Mensch unser perfektes Vorbild. Hebräer 5,7 spricht von seiner Frömmigkeit. Das ist Gottesfurcht. Er tat allezeit das dem Vater Wohlgefällige (Joh 8,29). Er liebte Gott und diente Ihm aus Liebe (2. Mo 21,5).

Deshalb soll uns dieser Vers nicht entmutigen, sondern ermutigen. Er zeigt uns nicht einfach eine Messlatte, die wir nie überspringen können, sondern er gibt uns eine Richtung für unser Leben. Jeden Tag dürfen wir Fortschritte darin machen, Gott mehr zu fürchten, Ihm zu vertrauen, mit Ihm zu leben, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen. Ein Leben in Hingabe ist kein Verlust – es ist das erfüllteste Leben, das wir führen können.