Der Apostel Johannes schreibt im ersten Johannesbrief, dass der „Geist des Antichrists“ heute schon in der Welt wirksam ist (vgl. 1. Joh 4,3). Damit meint er nicht die zukünftige Person des Antichristen, der nach der Entrückung der Gläubigen offenbart wird, sondern eine geistliche Strömung. Es ist eine Haltung, die den wahren Christus nicht nur ignoriert und beiseiteschiebt, sondern Ihn ersetzt. Wahrheit wird relativiert und der Mensch rückt in den Mittelpunkt

2. Thessalonicher 2 gibt uns eine eindrucksvolle Beschreibung dessen, was den Antichristen – und somit seinen Geist – prägt. Es geht um einen geistigen und geistlichen Einfluss, der dem Wesen und der Wahrheit Gottes diametral entgegensteht. Dieser Geist ist jetzt schon in der Welt wirksam, besonders in der ehemals christlichen Welt. Wir erkennen diesen Geist in der Gesellschaft und in dem, was wir heute „Mainstream“ (oder Zeitgeist) nennen. Diese Strömung ist vorhanden, aber sie ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar – und gerade das macht sie gefährlich.

Mir geht es heute um einen besonderen Aspekt, der viele von uns täglich betrifft, nämlich das Berufsleben. Christsein im Berufsleben ist ein besonderes Spannungsfeld, in dem wir dem Geist des Antichristen häufig begegnen, so dass wir zur geistigen Wachsamkeit herausgefordert werden.

Für viele Menschen stehen gerade im Berufsleben Professionalität, Effizienz und Erfolg im Vordergrund. So weit so gut. Aber das kann nicht alles sein. Als Christen begegnen wir Denkweisen und Verhaltensmustern, die vielleicht auf den ersten Blick neutral erscheinen mögen – und doch eine Richtung haben, die mit dem Wesen unseres Herrn und dem, was die Bibel lehrt, nicht übereinstimmen. Ich nenne beispielhaft einige Punkte:

  • Ein erstes prägendes Merkmal des Geistes des Antichristen ist, dass Gott mehr und mehr aus dem Denken der Menschen verdrängt wird und der Mensch selbst zum Maß aller Dinge wird. Der Antichrist wird einmal so weit gehen, sich selbst als Gott darzustellen (2. Thes 2,4). In vielen beruflichen Kontexten wird heute so gearbeitet, als gäbe es keine höhere Instanz, der Menschen verantwortlich sind. Unternehmerische Entscheidungen werden ausschließlich nach Nutzen, Erfolg oder Machbarkeit getroffen. Der Mensch wird zum Maßstab aller Dinge. Für den Christen entsteht hier leicht eine innere Spannung, weil er zugleich seinem irdischen Arbeitgeber gegenüber loyal sein muss – ohne seinen himmlischen Herrn zu verleugnen. Wir wissen sehr wohl, dass es einen Herrn über allem gibt und dass auch unternehmerische Verantwortung letztlich vor Ihm getragen wird. Jeder Mensch wird einmal vor Ihm Rechenschaft ablegen müssen (vgl. 1. Pet 4,5).

  • Eng damit verbunden ist ein zweites Merkmal, nämlich die Relativierung von Wahrheit. Der Antichrist wird ein Meister der Lüge sein (vgl. 2. Thes 2,9). Wer im Berufsleben ehrlich ist, steht scheinbar oft als der Dumme dar. Nicht selten gilt das als richtig, was funktioniert. Der Zweck heiligt die Mittel. Was zum Ziel führt, wird als legitim betrachtet. Die Grenze zwischen Wahrheit und Zweckmäßigkeit verschwimmt immer mehr. Halbwahrheiten, strategische Kommunikation oder bewusstes Weglassen von Fakten werden zu akzeptierten Mitteln.

  • Ein weiteres Merkmal ist der Umgang mit Menschen. In vielen Managementansätzen werden Mitarbeitende vor allem unter dem Aspekt ihrer Leistungsfähigkeit gesehen. Menschen sind dann kaum mehr als „Ressourcen“ (Human Resources) oder „Produktionsfaktoren“ (Arbeit/Manpower). Dementsprechend werden sie eingestellt und behandelt – oder auch entlassen. Das reduziert den Menschen in letzter Konsequenz auf seine bloße Funktion oder seinen Nutzen für den Profit. Menschen sollen funktionieren, Ziele erreichen, Ergebnisse liefern. Schnell geschieht es, dass Menschen nicht mehr als Persönlichkeiten wahrgenommen werden, sondern als Mittel zum Zweck. Genauso wird der Antichrist einmal mit Menschen umgehen. Sie haben keinen eigentlichen Wert für ihn, sondern werden für seine Zwecke missbraucht (vgl. 2. Thes 2,9). Im Berufsleben zeigt sich das in zunehmenden Druck, in subtiler Manipulation oder gezielter Einflussnahme, die als legitime Führungsinstrumente gelten. Das steht im Gegensatz zu dem biblischen Menschenbild, nach dem jeder Mensch als Geschöpf Gottes eine eigene Würde hat, die nicht ausschließlich an Leistung gekoppelt ist.

  • Hinzu kommt die sich immer mehr verbreitende Kultur der Selbstdarstellung, die tatsächlich prägend für den Antichristen und somit auch für seinen Geist ist. Wer beruflich vorankommen will, muss sich sichtbar machen, sich gut verkaufen, sich ins rechte Licht rücken – sei es real oder digital. Die Versuchung ist groß, das eigene Bild bewusst so zu formen, dass es Eindruck macht – oft durch eindeutige Falschaussagen, mindestens aber durch eine sehr subtile Darstellung von Daten und Fakten. Als Christen stehen wir immer mehr vor der Frage, ob wir bereit sind, auf Anerkennung und Ehre zu verzichten, um aufrichtig und transparent zu bleiben. Die Bibel erinnert uns nicht nur ein Mal daran, dass Gott den Demütigen (dazu zählen auch die Bescheidenen) Gnade gibt – und nicht denen, die sich selbst erhöhen (Spr 3,34; Jak 4,6; 1. Pet 5,5)

  • Auch die Zielorientierung um jeden Preis ist ein Kennzeichen des antichristlichen Geistes, der sich zunehmend im Berufsleben zeigt. Ziele zu haben, ist nicht verkehrt. Auch Christen haben Ziele. Es kommt nur darauf an, welche Ziele es sind und auf welchem Weg wir sie erreichen. Der Antichrist selbst kennt nur ein Ziel: Das ist er selbst. Im Berufsleben gilt zunehmend, dass nur noch das eigene Ich und die Ergebnisse zählen – oft unabhängig davon, auf welchem Weg sie zustande kommen. Es entsteht eine zunehmende Ellenbogenmentalität. Moralische Bedenken werden häufig zurückgestellt, wenn der Erfolg lockt. Doch für den Christen gilt: Der Weg zum Ziel ist nicht zweitrangig. Es kommt nicht nur darauf an, was wir bezwecken, sondern auch, wie wir es anfangen (vgl. 2. Tim 2,5). Gerechtigkeit und Wahrheit sollten für uns nicht verhandelbare Werte sein, selbst wenn sie uns vordergründig schaden könnten.

  • Als letzten Punkt nenne ich einen sich verstärkt erkennbaren Anpassungsdruck. Es gibt Erwartungen, wie man zu denken, zu reden und zu handeln hat. Wer sich diesen Erwartungen widersetzt, gilt schnell als schwierig oder unpassend. Er riskiert unter Umständen seinen Arbeitsplatz. Der Antichrist wird die Menschen einmal so manipulieren, dass sie der Lüge glauben. Wenn wir auch vielleicht noch nicht so weit sind, so zeigen sich die Tendenzen deutlich. Hier wird die Mahnung aus Römer 12,2 aktuell: „Seid nicht gleichförmig dieser Welt.“ Wir können das nicht auf äußere Absonderung reduzieren. Im Kern geht es darum, uns nicht innerlich den Methoden und Praktiken der Welt anzupassen – auch nicht im beruflichen Alltag.

Die genannten Entwicklungen sind (noch) nicht immer extrem ausgeprägt und auch nicht immer sofort erkennbar. Aber es sind Trends, die sich mehr und mehr abzeichnen. Gerade darin liegt auch ihre Herausforderung. Der „antichristliche Geist“ wirkt oft nicht durch offene Ablehnung erkennbar, aber darin, dass sich Maßstäbe nach und nach verschieben und wir Stück für Stück „abgekocht“ werden. Was gestern noch gesellschaftlich weitgehend akzeptiert war, wird heute relativiert und ist morgen tabu. Was gestern noch als fragwürdig galt, erscheint heute vielfach selbstverständlich.

Für Christen im Berufsleben bedeutet das vor allem eines: Wachsamkeit, Vorsicht und Konsequenz. Und das auf allen Ebenen. Wer in Führungsverantwortung steht, wird damit vermutlich noch mehr konfrontiert sein als jemand, der keine Führungsverantwortung hat. Aber letztlich sind alle – mehr oder weniger – betroffen. Für uns gilt es, auch im Berufsleben wachsam zu sein, Strömungen zu erkennen und geistlich urteilsfähig zu bleiben. Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber ist das eine, Treue zu Gott ist das andere. Wie dieser Spagat im Einzelfall gelingen kann, zeigt uns das Berufsleben Daniels: Für ihn war Loyalität zu seinen Vorgesetzten (den Königen von Babel und Medien) selbstverständlich; andererseits wusste er genau, wo die Grenzen waren.

Als Gläubige können wir uns nicht aus dem Berufsleben zurückziehen. Wir sollen uns gerade dort als Christen bewähren und Salz der Erde sein. An kaum einer anderen Stelle haben wir eine solche Chance, anders zu handeln und zu zeigen, wes Geistes Kinder wir sind. Wir sind dann „Salz der Erde“. Wir können wahrhaftig statt taktisch sein. Wir können anderen helfen, statt selbstbezogen zu leben. Wir können gerecht sein, statt nur erfolgreich. Das mag nicht immer der schnellste Weg auf der Karriereleiter sein. Aber es ist der Weg, der Bestand hat und auf dem der Herr es uns „gelingen“ lässt, auch wenn es zwischendurch „eng“ und „schwierig“ wird. Das Leben Josephs veranschaulicht das eindrucksvoll.

Am Ende steht nicht die Frage, wie wir vor Menschen dastehen, sondern wie wir vor dem Herrn stehen. Und gerade im scheinbar gewöhnlichen Berufsalltag zeigt sich, wie wir als Christen „ticken“, welcher Geist uns bewegt: Ist es der „Zeitgeist“ oder der vom Herrn geprägte Geist?

Oft entscheidet es sich in den kleinen Dingen des Berufsalltags, ob Christus in unserem Leben sichtbar wird – oder ob wir uns mehr und mehr den Maßstäben dieser Welt anpassen, die vom antichristlichen Geist geprägt sind.