Nahezu die Hälfte aller Psalmen ist von David geschrieben worden. Ihm folgen mit zwölf Psalmen Asaph (es sind Psalm 50 und Psalm 73–83) und mit elf Psalmen die Söhne Korahs. Jeder der Psalmendichter hat seine eigene Art zu schreiben. In den Psalmen von Asaph begegnet uns ein Schreiber, der nicht alles einfach hinnimmt, was ihm begegnet. Er zweifelt, er leidet, er kämpft, er stellt Fragen – und er bekommt Antworten. Seine Psalmen zeichnen sich durch eine besondere Tiefe, eine hohe emotionale Spannung und eine große geistliche Klarheit aus. Sie lehren uns etwas über das Ringen des Glaubenden, der am Ende Frieden findet.

Wer war Asaph?

Asaph lebte zur Zeit der Könige David und Salomo. Er war ein Nachkomme Levis und ein Sänger im Heiligtum. Er gehörte zu den drei Hauptsängern (neben Heman und Ethan) und hatte die Aufgabe, Gott in seinem Haus mit Harfen, Zimbeln und Psalmen zu loben. Seine Nachkommen (die „Söhne Asaphs“) führten diesen Dienst über Generationen hinweg fort. Es fällt auf, dass wir in den geschichtlichen Büchern nicht nur über Asaph, sondern sehr oft auch über die „Söhne Asaphs“ lesen, und zwar bis in die Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft.

Asaph war also ein geistlicher Leiter, ein Musiker im Heiligtum, ein Mann mit einer großen Verantwortung für den damaligen Gottesdienst. Seine Lieder wurden nicht nur gesungen, sondern waren Ausdruck eines geistlichen Lebens, das geprägt war von aufrichtiger Gottesfurcht – und von einer inneren Auseinandersetzung mit dem, was er sah und erlebte, und sogar mit Gott selbst. Die von ihm gedichteten Psalmen geben uns einen Einblick in sein Inneres.

Der Glaube im Spannungsfeld der Wirklichkeit – Psalm 73

Psalm 73 ist ohne Frage der bekannteste Psalm von Asaph. Er leitet nicht nur eine Serie von insgesamt elf Psalmen ein, sondern ist zugleich die Ouvertüre zum dritten Buch der Psalmen, in dem es ganz besonders um die Heiligkeit Gottes in seinem Handeln mit seinem Volk und – prophetisch – um die Wiederherstellung Israels geht.

Psalm 73 beginnt mit der scheinbar einfachen Aussage, der eigentlich jeder Israelit zustimmen konnte: „Gott ist Israel gut, denen, die reinen Herzens sind“ (Ps 73,1). Doch dann geht es ganz anders weiter, als man vielleicht erwartet. Asaph sagt: „Ich aber – wenig fehlte, so wären meine Füße abgewichen, um nichts wären meine Schritte ausgeglitten“ (Ps 73,2).

Damit beginnt Asaph, seinen inneren Konflikt zu beschreiben. Er stellt eine Frage, die Glaubende vor ihm und nach ihm immer wieder gestellt – aber nicht immer ausgesprochen – haben: Warum geht es den Gottlosen so gut, während die Gottesfürchtigen leiden müssen? Asaph beschreibt, wie ihn der äußere Erfolg der Gottlosen beinahe zu Fall gebracht hätte. Er gesteht offen, dass ihn das verwirrte und innerlich verletzte. Er geht so weit, zu behaupten, dass er sein Herz vergebens gereinigt hatte (Ps 73,13).

Asaphs Ringen ist kein kritisches Hinterfragen, keine Rebellion gegen Gott, sondern der Ausdruck des tiefen Schmerzes seines Herzens. Er hat sich redlich bemüht, mit Gott zu leben – und doch scheint es vergeblich gewesen zu sein. Er beschreibt ein Empfinden, das viele Gläubige kennen: Warum lohnt es sich, treu zu sein, wenn den Gottlosen scheinbar alles gelingt?

Die Wende kommt, als Asaph in das Heiligtum Gottes geht (Ps 73,17). In Gottes Gegenwart sieht plötzlich alles anders aus. Die Perspektive ändert sich. Asaph blickt auf das Ende und erkennt die Wahrheit über das scheinbar sorglose Leben der Gottlosen – es ist trügerisch, zeitlich begrenzt und voller Fallstricke. Und er erkennt: Nicht die Gottlosen sind zu beneiden, sondern er ist reich – weil er Gott hat. Schließlich bekennt er: „Wen habe ich im Himmel? Und neben dir habe ich an nichts Lust auf der Erde“ (Ps 73,25).

Am Ende steht keine billige Antwort, sondern eine gereifte Erkenntnis: Asaph sieht ein, dass er sich wie ein verständnisloses Tier benommen hat (Ps 73,22). Aber Gott war da und ließ ihn nicht los. Diese Einsicht ist der tiefste Trost im geistlichen Ringen mit Fragen, auf die wir keine Antwort haben: Gott trägt uns auch dann, wenn wir stolpern. Für uns ist es gut, Gott zu nahen und unsere Zuversicht auf den Herrn zu setzen (Ps 73,28).

Psalmen in einer dunklen Zeit

Auch Psalm 74 bis 83 sind von Asaph geschrieben. Sie zeigen, dass er mit seinen Fragen (noch) nicht zu Ende gekommen ist. In diesen Psalmen finden wir aber nicht nur die persönliche Notsituation des Psalmendichters, sondern er verbindet sich mit der kollektiven Not Israels, etwa bei der Zerstörung des Tempels (Ps 74) oder in Zeiten nationaler Bedrängnis (Ps 79).

Immer wieder treibt Asaph die alte Frage um: Warum greift Gott nicht ein? Und doch lässt ihn diese Frage nicht ins Bodenlose fallen, sondern er findet immer wieder Halt im Gedenken an das frühere Handeln Gottes mit seinem Volk.

Asaphs Psalmen verbinden Klage, Gedenken und Hoffnung. Sie lehren uns: Es ist erlaubt – ja, es ist wichtig und nötig –, Gott unsere Not im Gebet zu bringen. Und es ist wichtig und notwendig, sich an das frühere Wirken Gottes zu erinnern, wenn sein Handeln in der Gegenwart Fragen aufwirft, auf die wir keine Antwort finden.

Was wir von Asaph lernen können

Die Psalmen Asaphs lehren uns mehr über ihn als die Beschreibung in den Büchern Könige und Chronika. Ich möchte drei Lektionen aufzeigen:

Lektion 1: Der Glaube stellt Fragen

Asaphs Fragen waren ehrliche Fragen. Er war ein Suchender. Seine Fragen hatten ihren Ursprung nicht im Unglauben. Auch wir dürfen Gott Fragen stellen. Wir müssen nicht einfach alles „schicksalhaft“ hinnehmen, sondern können Gott bitten, uns zu zeigen, warum Er etwas tut oder nicht tut. Wenn wir bereit sind, in seine Gegenwart – ins Heiligtum – zu gehen, wird Er uns und vielleicht auch unsere Sichtweise verändern.

Lektion 2: Glaube ist kein Gefühl

Asaphs Gefühle täuschten ihn. Doch im Heiligtum erkannte er, worum es wirklich geht. Nicht unsere Gefühle und Meinungen sind entscheidend. Gottes Plan (Ratschluss) ist der Maßstab. Er entscheidet. Und selbst wenn die äußere Lage momentan Fragen aufwirft, sollten wir uns bewusst machen, dass Gott alles vom Ende her beurteilt.

Lektion 3: Echter Glaube lebt aus der Nähe Gottes

Ein Höhepunkt ist der Schlusssatz von Psalm 73: „Ich aber, Gott zu nahen ist gut für mich; ich habe meine Zuversicht auf den Herrn, HERRN, gesetzt, um alle deine Taten zu erzählen.“ Hier geht es um die ganz persönliche Nähe zu Gott. Für Asaph schien das am Anfang nicht selbstverständlich gewesen zu sein, aber es wurde für ihn zu einem großen Schatz, der alles veränderte.

Fazit

Asaph ist kein Glaubensheld im „klassischen Sinn“ wie etwa die Glaubenshelden in Hebräer 11. Aber er ist ein Vorbild für aufrichtige Gottesfurcht. Seine Psalmen zeigen uns einen Menschen, der mit Gott ringt, mit sich selbst kämpft, mit dem Zustand der Welt hadert – und trotzdem nicht aufgibt und Antworten auf seine Fragen findet.

Asaph ist ein Mann, der mit seinen Fragen in das Heiligtum geht, in die Gegenwart Gottes, dort Antworten bekommt und verändert wieder herauskommt. Er hinterlässt uns Worte, die – obwohl ihre erste Bedeutung prophetisch ist – direkt in unsere Zeit und unser Leben sprechen. Der Weg des Glaubens ist selten einfach. Aber er ist gut, wenn er uns in die Nähe und Gegenwart Gottes führt.