„Ich schrieb etwas an die Versammlung, aber Diotrephes, der gern unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht an. Deshalb, wenn ich komme, will ich an seine Werke erinnern, die er tut, indem er mit bösen Worten gegen uns schwatzt; und sich hiermit nicht begnügend, nimmt er die Brüder nicht an und wehrt auch denen, die es wollen, und stößt sie aus der Versammlung“ (3. Joh 9.10).

Johannes schreibt hier über einen Mann in einer örtlichen Versammlung. Welche Versammlung das war, wissen wir nicht. Aber wahrscheinlich war es die Versammlung, in der Gajus – der Empfänger des Briefes – zu Hause war. Es ist das einzige Mal, dass Johannes in seinen Briefen und seinem Evangelium das Wort „Versammlung“ erwähnt. Er hatte einen Brief an diese Versammlung geschrieben. Welcher Brief das war und welchen Inhalt er hatte, wissen wir nicht. Die Apostel haben neben den vom Heiligen Geist inspirierten Briefen andere Briefe geschrieben, die uns nicht erhalten geblieben sind.

In der Versammlung gab es einen Mann mit Namen Diotrephes, der das, was Johannes schrieb, nicht annehmen wollte. Sein Beispiel zeigt, dass Machtstreben und geistliche Autoritätsanmaßung schon sehr früh auftraten. Johannes nutzt das, um etwas mehr über ihn zu schreiben – zu unserer Warnung.

Über Diotrephes werden insgesamt fünf Dinge gesagt:

  1. Er will gerne der Erste sein.
  2. Er nimmt die Diener des Herrn – allen voran den Apostel – nicht an.
  3. Er schwatzt mit bösen Worten der Verleumdung.
  4. Er nimmt die Brüder nicht an.
  5. Er wehrt anderen und stößt sie aus der Versammlung.

Der Erste sein wollen

Es beginnt damit, dass Diotrephes gerne der Erste sein wollte. Der Grund dafür war offensichtlich das persönliche Machtstreben dieses Mannes. Der Erste sein wollen bedeutet wörtlich, dass er „liebend war, der Erste zu sein“ – ein Ausdruck, der nur hier vorkommt. Man hat das mit Recht den fleischlichen Ehrgeiz in geistlichem Gewand genannt – das krasse Gegenteil von dem, was die Gesinnung des Herrn war. Ob Diotrephes damit bewusst den Platz des Herrn in der Versammlung einnehmen wollte, wissen wir nicht. Durch sein Verhalten tat er es jedenfalls.

So wird hier das „Klerikal-Prinzip“ in seiner frühesten Form sichtbar – Herrschen statt Dienen. Wir erkennen, wie früh Autoritätsmissbrauch im Christentum auftrat. Diotrephes war wahrscheinlich kein Irrlehrer, sondern ein Machtmensch. Genau das machte ihn so gefährlich. Er wollte seine Autorität monopolisieren und schloss dabei sogar apostolische Autorität aus. Er lehnte das Zeugnis des Herrn ab, was faktisch einer Rebellion gegen Christus gleichkam. Wer so handelt, verdirbt die Struktur einer örtlichen Versammlung, in der Christus nicht länger der Mittelpunkt ist.

Andere nicht annehmen

Wer gerne der Erste sein will, nimmt andere nicht an, weil er sich über ihnen stehend fühlt. Die Frage lautet, wer mit „uns“ gemeint ist. Im unmittelbaren Kontext des Verses könnten wir zunächst an Johannes selbst denken. Er benutzt auch an anderen Stellen ein kollektives „wir“, wenn er von sich selbst spricht (z.B. 1. Joh 1,4). Dann würde Diotrephes sowohl die apostolische Autorität als auch die Würde des Ältesten Johannes zurückweisen – ein gravierendes Fehlverhalten.

Denkbar ist jedoch im Kontext des gesamten Briefes auch, dass Johannes sich und die Brüder meint, die ausgegangen waren und von denen er vorher gesprochen hatte. So oder so war das, was Diotrephes tat, kein Kavaliersdelikt. Es ist überaus ernst, Brüder und Schwestern nicht anzunehmen, die der Herr aussendet. Auf diese Weise verweigert man die Gemeinschaft mit den Boten des Herrn.

Mit bösen Worten schwatzen

Das Übel äußerte sich zudem in bösen Worten, mit denen Diotrephes gegen den Apostel und die ausgegangenen Brüder schwatzte. Seine Worte hatten somit das Gewicht böser Werke. Wer „schwatzt“, redet Unfug und verleumdet andere. Gemeint ist abwertendes Gerede mit böser Absicht.

Diotrephes’ Waffe war Verleumdung – eine typische Waffe von Machtmenschen, wenn ihnen die Argumente fehlen. Wer die Autorität Christi missachtet, diffamiert solche, die Ihm dienen. „Die Brüder“ sind darin eingeschlossen. Diotrephes missachtete nicht nur die missionarische Gastfreundschaft, sondern missbrauchte seine Stellung, um solche Brüder mit Worten zu diffamieren.

Die Brüder ablehnen

Zuerst hieß es, dass er „uns“ nicht annimmt (3. Joh 9). Das wird hier wiederholt. Nun sind es ausdrücklich „die Brüder“, die er ablehnt, das heißt andere Brüder als Johannes. Die Ablehnung betrifft sowohl ihre Person als auch das, was sie sagen.

Anderen wehren und sie aus der Versammlung werfen

Wer sich durch sein Verhalten gegen Diotrephes stellt und die Brüder dennoch annehmen will, spürt die Folgen. Er wird aus der Versammlung geworfen. Das bedeutet natürlich nicht, dass Diotrephes solche Gläubige als Glieder vom Leib Christi trennen konnte. Das kann niemand tun. Es bedeutet vielmehr, dass ihnen die Gemeinschaft mit den Geschwistern am Ort verwehrt wurde.

Das war eindeutiger Machtmissbrauch. Denn wenn Zucht in der Versammlung ausgeübt wird, dann kann es nur eine Handlung der Versammlung sein. Hier finden wir die erste Andeutung einer unbiblischen Exkommunikation aus purem Machtinteresse. Statt Irrlehrer hinauszuwerfen, warf Diotrephes solche hinaus, die wahre Brüder aufnahmen. Das zeigt, wie menschliche Herrschaft das Werk Gottes lähmen kann.

Die Reaktion des Johannes

Johannes kündigt sein persönliches Eingreifen an – nicht per Brief, sondern durch seine Gegenwart. Er wollte kommen und ihn an seine Werke erinnern. Es wird nicht gesagt, was genau er tun würde, aber jedenfalls signalisiert er klar, dass er handeln wollte. Er stellt das Böse ans Licht und vermeidet den Konflikt nicht. Er schiebt die Verantwortung nicht auf andere ab, sondern ist bereit, selbst Stellung zu beziehen.

Eine solche apostolische Autorität haben wir heute nicht mehr. Dennoch bleibt die Belehrung hochaktuell. Auch heute kann Machtstreben in örtlichen Versammlungen auftreten – manchmal nicht offen, sondern unter frommen Worten verborgen. Wo Menschen beginnen, zu herrschen, andere mundtot zu machen oder die Gemeinschaft nach persönlichen Maßstäben zu kontrollieren, wird Christus praktisch verdrängt.

Fazit

Der kurze Abschnitt über Diotrephes ist nicht nur eine Warnung vor einem einzelnen Mann aus der frühen Christenheit. Er ist zugleich ein Aufruf, dass Christus allein den ersten Platz in seiner Versammlung behalten muss. Wahre geistliche Autorität zeigt sich nicht im Herrschen, sondern im Dienen; nicht im Unterdrücken anderer, sondern darin, die Heiligen zu fördern und den Herrn groß zu machen. Wo dagegen menschlicher Ehrgeiz regiert, entstehen Unheil, Spaltungen und geistlicher Schaden. Wo hingegen Christus der Mittelpunkt bleibt, wird echte Gemeinschaft bewahrt.