Als das Christentum erstmals die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zog und seinen göttlichen Ursprung geltend machte, gab es ein anderes, bekanntermaßen sehr altes Religionssystem, das unbestreitbar göttlichen Ursprungs war. Wunder, die die ägyptischen Zauberer zu Recht dem Finger Gottes zuschrieben, wurden von Mose vollbracht: als Zeugnis dafür, dass der HERR ihn gesandt hatte, um sein Volk aus Ägypten herauszuführen. Wunder, die die Juden nicht leugnen konnten, wurden von den Aposteln Jesu vollbracht: als Beweis für ihre göttliche Mission. Angesichts dieser beiden „Religionen“, dieser beiden Systeme – das eine in der Wüste, das andere in einem Obergemach in Jerusalem eingeführt –, welchem sollten die Menschen folgen und an welchem sollten sich die Juden ausrichten? Es gefiel dem, der „wunderbar in seinem Rat“ und „groß an Verstand“ ist (Jes 28,29), beide zeitweise nebeneinander bestehen zu lassen, damit die Überlegenheit des Christentums über das Judentum erkennbar würde und damit das, worauf die mosaischen Zeremonien hinwiesen, in dem einen Opfer seine Erfüllung fände.
Zwischen diesen beiden Systemen gab es gemeinsame Wahrheiten und gewisse Ähnlichkeiten. Doch die Jahr für Jahr dargebrachten Opfer im Judentum bewiesen durch ihre Wiederholung, dass sie die Herzunahenden niemals vollkommen gemacht hatten (Heb 10,1). Diese Opfer zeugten von einem Mangel, den sie selbst nicht beheben konnten. Die Jünger des Herrn hingegen blickten auf das vollkommene Opfer Jesu zurück, dem niemals etwas hinzugefügt werden kann. Ja, auch sie warteten, aber nicht auf ein wirksames Opfer. Sie warteten lediglich auf die vollständige Errettung, die erst dann vollends offenbar werden würde, wenn Er zum zweiten Mal erscheinen würde (Heb 9,28). Sich also vom Christentum zum Judentum abzuwenden, bedeutete einen Rückschritt. Durch die Ablehnung des Christentums gab man die einzige Hoffnung auf, dem kommenden Zorn zu entfliehen.
Für die Menschen gab es also in dem Moment, als die christliche Wahrheit sie erreichte, eigentlich keine Wahl mehr. Verließen sie das Judentum, so taten sie dies, weil es ihnen nicht das geben konnte, was sie brauchten. Blieben sie im Judentum, so gaben sie durch die wiederkehrenden Opfer zu, dass sie nicht das bekamen, was ihnen mangelte. Wenn sie das Christentum verließen – welches von Gott gegebene Mittel konnte ihnen dann noch vor dem Thron Gottes nützen? Das macht das Wort Gottes sehr deutlich. „Wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben [was mutwilliges Sündigen ist, sagt uns Heb 10,29], so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig“ (Heb 10,26). Außerhalb des Christentums gab es also nichts für den Sünder.
„Es bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig“ – eine feierliche Aussage, die alles ausschließt, was nicht das Opfer Christi ist, und zugleich sagt, was dieses bewirken kann. Die Sprache ist sehr entschieden, damit sich niemand hinsichtlich seiner Zukunft täuscht: „Kein Schlachtopfer für Sünden“ – dann war also ein Opfer erforderlich. Warum sollte man davon sprechen, dass kein Opfer mehr übrig ist, wenn die Menschen ohne ein Opfer in den Himmel gelangen könnten? Wenn aber die Sünde nicht durch das Opfer des Herrn Jesus weggenommen werden konnte, dann auch durch nichts anderes. Die letzte und einzige Rettung wäre dahin, wenn dieses Opfer versagt hätte. Wenn die Menschen dieses Opfer ablehnten, lehnten sie das einzige von Gott bestimmte Opfer ab, das jemals den Anspruch hatte, die Sünde wegzunehmen. Sie gingen einer Zukunft in Verzweiflung und mit der Gewissheit des göttlichen Gerichts entgegen. Es bliebe „ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts“ und „der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird“ (Heb 10,27).
Angesichts dieser Alternative – das Opfer des Herrn Jesus Christus oder gar keine Rettung vor dem Zorn Gottes – könnte die Frage aufkommen: Reicht das Opfer zur Rettung denn aus? Kann ich, wenn ich darauf baue, darauf vertrauen, dass es mir hilft? Bietet es mir einen wirksamen Schutz vor der göttlichen Vergeltung? Die Antwort ist umfassend und klar! „Kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig“, lautet die Aussage des Wortes Gottes, wenn die am Kreuz vollbrachte Sühnung abgelehnt wird. „Kein Gewissen von Sünden mehr“, wenn dieses Opfer angenommen wird (Heb 10,2). Ohne das Opfer kann der Anbeter niemals gereinigt werden; durch das Opfer jedoch wird er ein für alle Mal gereinigt.
Die mosaischen Zeremonien waren unvollkommen und mit dem endgültigen Aufgeben des Christentums ist hoffnungslose Verzweiflung verbunden. Aber durch das aufrichtige Annehmen des Christentums ist Vollkommenheit gewährleistet, was den Stand des Gläubigen betrifft. Denn wie vor dem Opfer des Herrn Jesus am Kreuz noch nie ein Opfer dargebracht worden war, das Sünden tilgen konnte, so kann, seitdem dieses Opfer vollbracht wurde, nichts an seine Stelle treten. Wendet sich der Sünder dem Kreuz zu, kann er sich der vollständigen und ewigen Vergebung seiner Sünden sicher sein. Der Heilige Geist ist Zeuge dafür: „Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken“ (Heb 8,12). Denn wo eine Vergebung der Sünden ist, da ist kein Opfer für die Sünde mehr nötig (Heb 10,18). Keine Ungewissheit soll die Aussicht des Sünders trüben, was Gott betrifft. Wer über Abtrünnigkeit nachdenkt, wird gewarnt; der Gläubige aber ist gewiss.
Wie sicher ist doch die Grundlage, auf der alles ruht! Das Opferritual, an dem Menschen teilnehmen konnten, konnte das Gewissen nie reinigen. Nur das eine Opfer, an dessen Darbringung der Mensch keinen Anteil hatte, ist dazu fähig. Die Priester brachten viele Opfer dar – und das zu Recht –, doch nur der Herr Jesus opferte sich selbst. Nun werden Aussagen über die Gläubigen getroffen, die zuvor nie gemacht wurden. Durch Gottes Willen und das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi werden sie geheiligt und durch dasselbe Opfer auf immerdar vollkommen gemacht (Heb 10,14). So finden sie einen „neuen und lebendigen Weg“ in das Allerheiligste, den Er uns eingeweiht hat durch sein Blut und den Vorhang, das ist sein Fleisch (Heb 10,20). Alles wird seinem Opfer und seinem Werk zugeschrieben, an dem der Vater Wohlgefallen hat.
Es ist Christus Jesus, der alles für uns vollbracht hat. Geheiligt, vollkommen gemacht, vergeben, mit Freimütigkeit das Allerheiligste zu betreten – so lautet die Reihenfolge. Geheiligt und damit für Gott abgesondert, vollkommen gemacht und damit in einer vollkommenen Stellung vor Ihm, vergeben und damit in Frieden, was unsere Sünden betrifft – was könnte darauf folgen, wenn nicht das volle Recht auf den Eintritt in das Innerste des Heiligtums?
Wie sehr erfreut es das Herz, bei der Vollkommenheit des Opfers zu verweilen! Es ist aussichtslos, auf die Opfer nach dem Gesetz zu vertrauen oder von den Priestern, die sie darbrachten, etwas zu erwarten. Von ihnen heißt es: „niemals“, vom Opfer Christi hingegen: „ein für alle Mal“ und „auf immerdar“. Wer sich von diesem Opfer abwendet, dem bleibt kein Schlachtopfer für die Sünden mehr; wer es wirklich annimmt, für den wird es keine Erinnerung mehr an seine Ungerechtigkeiten geben. Wozu also noch ein anderes? Es hat für alles gesorgt, was uns fehlte, doch nicht nur das. Es hat weit mehr getan, als wir uns hätten vorstellen können. Es sichert uns alles, was wir jemals erfassen und genießen können.
Abel opferte die Lämmer außerhalb des Gartens und erhielt das Zeugnis, dass er gerecht war. Doch er betrat das Paradies nie wieder. Jesus starb außerhalb des Tores und öffnete damit den Gläubigen das Allerheiligste für immer. Als Aaron das Allerheiligste auf Erden betrat, fand er es menschenleer vor, denn Menschen konnten nicht in die Gegenwart der göttlichen Majestät treten. Gläubige betreten durch den Glauben das Allerheiligste im Himmel und wissen, dass dort für immer ihr Platz ist. Als Gott am Sinai in seiner Majestät erschien, wichen die Menschen von dem ihnen zugewiesenen Ort zurück und standen von ferne (2. Mo 20,18–21; 5. Mo 5,5–27). Um den Berg herum wurden Grenzen gesetzt, die sie nicht überschreiten durften, damit sie nicht den Tod fanden.
Wir hingegen sind eingeladen, mit wahrhaftigem Herzen und voller Gewissheit des Glaubens hinzuzutreten, wobei unser Herz vom bösen Gewissen gereinigt und unser Leib mit reinem Wasser gewaschen ist (Heb 10,22). Während uns diese Worte ermahnen und daran erinnern, was wir in uns selbst sind, offenbaren sie uns gleichzeitig, was dieses eine Opfer für uns Gläubige bewirkt hat. Was der Mensch nie zuvor war, das können wir sein, und was der Mensch niemals für sich selbst hätte tun können, das sind wir durch das ein für alle Mal geschehene Werk des Herrn Jesus am Kreuz geworden.
Von Abel bis zum Kreuz wurden die verschiedenen Aspekte eines Opfers, wie es der Sünder benötigt, im Wort Gottes aufgezeigt. Doch während jedes neue Opfer von Mangel zeugte, wurden die Anforderungen der Gerechtigkeit Gottes und die Bedürfnisse der Menschen durch keines davon erfüllt – bis schließlich am Ende der Zeiten Gottes geliebter Sohn erschien, um die Sünde wegzunehmen. Da fand jedes Opfer seine Entsprechung im Opfer Christi und das Darbringen von Sündopfern hörte auf. Dies geschah jedoch nicht, weil der Fall hoffnungslos war und sich nichts fand, was die Not der Sünder stillen konnte, sondern weil die vollständige Sühnung vollbracht worden war. Der Wert dieses Opfers bleibt für immer derselbe vor dem Angesicht seines Vaters und unseres Gottes.
[Aus „Thoughts on Sacrifices“; leicht gekürzt]
