Der Herr Jesus vergleicht die ablehnenden Juden in Matthäus 11,16.17 mit flötenden und singenden Kindern. Sie sitzen auf dem Markt und spielen fröhliche Flötenlieder und beschweren sich dann über andere, die dazukommen, aber nicht tanzen wollen. Sie singen auch traurige Lieder, aber die Zuhörenden schließen sich ihrer Wehklage nicht an.
Die Situation mit den fröhlichen Flötenliedern bezieht sich auf Johannes den Täufer. Vor allem die Obersten der Juden suchten das Wohlleben. Sie liebten den ersten Platz bei den Gastmählern und das anerkennende Kopfnicken ihrer Zeitgenossen (Mt 23,6). Aber Johannes, der selbst ein verzichtreiches Leben führte, kam in Ernst zu ihnen, mit dem Aufruf zur Buße. Er erkannte sofort, dass manche von ihnen in der Taufe nur ein gesellschaftliches Event sahen. Getreu dem Motto: sehen und gesehen werden. Sie wollten „in seinem Licht fröhlich sein“ (Joh 5,35). Von Buße keine Spur. „Otternbrut“ nennt er sie und deckt damit ihren falschen Schein auf. Das ist alles andere, als „nach ihrer Pfeife zu tanzen“. In Matthäus 11,18 hören wir ihre Reaktion: „Er hat einen Dämon.“
Die Situation mit den Klageliedern bezieht sich auf den Herrn Jesus. Die Führer der Juden liebten die ersten Sitze in den Synagogen (Mt 23,6). Gleichzeitig verachteten sie die „Volksmenge, die das Gesetz nicht kennt“ (Joh 7,49), und erst recht die Zöllner und Sünder. „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen … oder auch wie dieser Zöllner“, lautete eine Strophe ihres Klagegesangs (Lk 18,11). Doch der Herr Jesus wandte sich in seiner Gnade gerade den Verachteten zu. Er wollte sich dieser herablassenden, mitleidigen „Klage“ über die sozial Geächteten nicht anschließen. Und so wurde Er von ihnen „Fresser und Weinsäufer“ genannt – ein Titel, womit im Alten Testament ein widerspenstiger Sohn bezeichnet wurde (5. Mo 21,20). Ja, als Widerspenstigkeit empfanden sie es, dass Er sich ihrem hochmütigen Diktat nicht beugen wollte.
Johannes war ihnen zu streng, Jesus zu gnädig. So verachteten sie die Buße und die Gnade, die Liebe und das Licht. Der Herr Jesus bringt diesen Vergleich, um sich öffentlich mit seinem verworfenen Vorläufer Johannes zu identifizieren. Ein schöner Zug der Milde angesichts der Glaubensschwäche seines schwer geprüften Freundes im Gefängnis. So geht Er mit solchen um, die sich Ihm zur Verfügung stellen.
Gleichzeitig macht Er deutlich, dass Ihm dieselbe Misshandlung wie seinem Vorläufer bevorstand. Und diese Atmosphäre bildet den Hintergrund des wunderbaren Gebets, dass wir dann in Matthäus 11,25.26 hören: „Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.“ Da kann man lernen, wie man sanftmütig und von Herzen demütig selbst die ungerechteste und frechste Ablehnung ertragen kann, ohne aufzubegehren – in dem festen Bewusstsein, dass der Vater als „Herr des Himmels und der Erde“ alles in seiner Hand hat und immer einen guten Plan verfolgt.
