Der Herr Jesus ist der Oberhirte, von dem alle Unterhirten lernen können. Das wird schon im Alten Testament deutlich: Die vielfältige Fürsorge, die David bei seinem göttlichen Hirten erfuhr, zeigt uns, wie wir anderen dienen können. Sehen wir uns dazu den bekannten Psalm 23 etwas näher an.
Beziehung: „Der Herr ist mein Hirte.“ David macht deutlich, dass seine Beziehung zu Gott persönlich ist: Er nennt ihn nicht „einen“ oder „den“ Hirten, sondern spricht bewusst von „meinem Hirten“. Jeder Hirtendienst braucht eine gute Beziehung als Grundlage. Es geht nicht darum, dass ein Hirte wohlformulierte Ratschläge erteilt, sondern vor allem um eine stabile Vertrauensbasis.
Zuversicht: „Mir wird nichts mangeln.“ Ein Hirte ist darauf bedacht, dass das Schaf bekommt, was es nötig hat. Im Hirtendienst werden keine Wunschvorstellungen bedient, sondern es werden geistliche Bedürfnisse gesehen und gestillt. Wem auf diese Weise gedient wird, schaut zuversichtlicher in die Zukunft.
Ruhe: „Er lagert mich auf grünen Auen.“ Der Hirte sorgt für eine notwendige und wohltuende Ruhe, nachdem die Nahrung aufgenommen wurde. Nur wenn Christen von der Wiese der Menschenweisheit mit ihren giftigen Kräutern weggeführt und zum Nachdenken über das Wort Gottes gebracht werden, finden sie innere Ruhe, die in dieser hektischen Zeit besonders wichtig ist.
Erfrischung: „Er führt mich zu stillen Wassern.“ Der Hirte führt das Schaf dorthin, wo es gut trinken und sich erfrischen kann. Das Trinken geht im Vergleich zum Fressen und Wiederkäuen relativ schnell. So können auch wir durch kurze Gedanken aus dem Wort Gottes andere erfrischen und beleben. Der Herr kann uns fähig machen, dass wir den Müden durch ein Wort aufrichten (vgl. Jes 50,4).
Wiederherstellung: „Er stellt meine Seele wieder her“ (Anmerkung Elberfelder Übersetzung). Wenn ein Schaf auf den Rücken fällt, braucht es oft fremde Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen. Wer ein Hirtenherz hat, wird sich um die Geschwister kümmern, die nicht mehr allein zurechtkommen und die durch Sünde geschwächt sind. Dieser Dienst mag viel Zeit und Anstrengung kosten, er ist aber notwendig und wertvoll.
Leitung: „Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.“ Der Hirte ist nicht nur da, wenn es ein konkretes Problem zu besprechen gibt, sondern er unterstützt die Seele dabei, ein Leben zur Ehre Gottes zu führen. Er findet nicht nur ermutigende und liebliche Worte, sondern gibt auch eine „Unterweisung in der Gerechtigkeit“ (2. Tim 3,16). Im Hirtendienst wird Ungerechtigkeit nicht relativiert, sondern ein Weg vorgestellt, der in Übereinstimmung mit Gottes Gedanken ist.
Nähe: „Auch wenn ich wanderte im Tal des Todesschattens, fürchte ich nichts Übles, denn du bist bei mir.“ Wenn das Schaf durch dunkle Täler wandert,[1] erfährt es die Nähe des Hirten besonders.[2] Der Hirte geht nicht weit vor den Schafen her, sondern beruhigt durch seine unmittelbare Gegenwart. Wer jemanden besucht, der in Schwierigkeiten und Anfechtungen steckt, muss nicht immer viel reden. Wichtig ist zunächst, einfach da zu sein. Das kann wesentlich dabei helfen, dass keine Angst heraufkriecht.
Trost: „Dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.“ Der Stecken ist ein Knüppel, mit dem wilde Tiere abgewehrt werden, die oft in einem dunklen Tal lauern.[3] Beim Stab handelt es sich um den großen Hirtenstab, mit dem die Herde in schwierigem Gelände geleitet und so vor Gefahren geschützt wird. Das bedeutet: Der Hirte sorgt dafür, dass gefährliche Einflüsse (wie falsche Lehren) abgewehrt werden, und hilft, Gefahren auf dem Weg zu erkennen und zu meiden. Wer sich auf diese Weise liebevoll und wertschätzend um andere kümmert, wird zum Trost sein.
Fürsorge: „Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde.“ Der Tisch ist der Ort der Gemeinschaft, an dem reichhaltige und vielfältige Segnungen genossen werden.[4] Wer anderen wirkungsvoll dienen will, lenkt ihren Blick weg von Dunkelheiten, Feinden und Problemen hin zu den guten Gaben Gottes.
Weihe: „Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt.“ Der Gast darf sich nicht nur an den gedeckten Tisch setzen, sondern empfängt auch eine wohltuende Salbung mit Öl (vgl. Lk 7,46). Wer Hirtendienst ausübt, wird darauf bedacht sein, dass sein Gegenüber die Wirksamkeit des Heiligen Geistes erfährt. Und wie könnte dies zuverlässiger geschehen als durch die Beschäftigung mit der Person Christi?
Freude: „Mein Becher fließt über.“ Wenn ein Becher mit Wein überströmend gefüllt wird, ist das ein Bild großer Freude. Im Hirtendienst soll die Freude im Herrn gefördert werden, die man gerade in schwierigen Zeiten besonders erleben darf (vgl. Ps 4,8).
Vorsorge: „Nur Güte und Huld werden mir folgen alle Tage meines Lebens.“ Wenn der gut bewirtete Gast sich wieder auf den Weg macht, heften sich nicht die Feinde des Landes an seine Fersen, sondern „Güte und Huld“. Wir dürfen uns selbst und andere immer wieder daran erinnern, dass Gottes Güte und Freundlichkeit sich nicht nur zeigen, wenn wir an einem reich gedeckten Tisch sitzen, sondern bei jedem einzelnen Schritt unseres Lebens.
Heimat: „Und ich werde wohnen im Haus des Herrn auf immerdar.“ David wusste, dass die Wanderung ein großes Ziel hat: das Haus des Herrn. Dabei dachte er sicher auch an den Himmel, wo Gott wohnt. Es ist immer gut, unsere ewige Heimat vor Augen zu haben. Bald kommt der Herr Jesus und führt uns in die himmlische Herrlichkeit – „so ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1. Thes 4,18).
[Der Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Im Glauben leben.]
Fußnoten:
- Das „Tal des Todesschattens“ meint ein sehr dunkles Tal, denn der Todesschatten steht für eine undurchdringliche Finsternis (vgl. Jer 13,16; Amos 5,8). Es geht nicht in erster Linie um Situationen, in denen man dem buchstäblichen Tod ins Auge sieht. David spricht in Psalm 23,6 auch von allen Tagen seines Lebens, die noch kommen werden.
- Bemerkenswert ist, dass David seinen Gott in der Dunkelheit auf einmal persönlich anspricht: „Du bist bei mir.“ Auch angesichts der Feinde finden wir diese persönliche Anrede (Ps 23,5).
- Hier ist nicht an Zucht zu denken; der Knüppel ist nicht dazu da, das Schaf zu schlagen.
- Das Bild wechselt in Psalm 23,5 beinahe unmerklich vom Hirten zum Gastgeber – denn Schafe sitzen nicht am Tisch, werden nicht mit Öl gesalbt und trinken nicht aus einem Becher. Es geht um einen Hausherrn, der seine Gäste königlich umsorgt. Der Grundgedanke von Fürsorge und Schutz wird jedoch durch beide Bilder gleichermaßen bedient, sie müssen daher nicht scharf voneinander unterschieden werden.
