Mephiboseth an der Königstafel Davids – es gibt kaum ein eindrücklicheres Bild von der Gnade Gottes, die sich denen zuwendet, die nichts als Gericht verdient haben.

Gefallen, auf der Flucht, lahm

Mephiboseth war gefallen, als er auf der Flucht war. Durch seinen Fall war er lahm geworden, was er von Geburt an nicht war (2. Sam 4,4). Die Parallelen zum ersten Menschenpaar sind unübersehbar. Adam war ohne Sünde erschaffen worden. Gottes Urteil „sehr gut“ am sechsten Schöpfungstag schloss auch ihn mit ein. Der Prediger bestätigt, „dass Gott den Menschen aufrichtig erschaffen hat“ (Pred 7,29). Aber dann „fiel“ das erste Paar „in Übertretung“ (1. Tim 2,14) und wurde gewissermaßen ein Krüppel.

Auch befindet sich der Mensch auf der Flucht vor Gott. Adam und Eva versteckten sich, und ihr gottloser Sohn Kain floh vor dem Angesicht des Herrn weg (1. Mo 3,8; 4,16). Mephiboseths Flucht geschah „ängstlich“ (2. Sam 4,4) – seine Amme fürchtete sicher die Rache Davids. Sie hatte keine Vorstellung von der Gnade im Herzen Davids. Und solange ein Mensch nicht die Gnade Gottes kennt, muss er ängstlich fliehen (vgl. Spr 28,1). Der Gedanke an einen heiligen und allwissenden Gott bringt ihn in Unruhe. So schiebt er solche Gedanken weit von sich und sieht zu, möglichst nichts mit Gott zu tun zu haben.

Seit dem Sündenfall ist der Mensch „an den Füßen lahm“ (2. Sam 9,3); weder ist er fähig, aus eigener Anstrengung zu Gott zurückzukommen, noch, Gott wohlgefällig zu leben und seine Gebote zu befolgen. Der Ausspruch Davids „Ein Lahmer darf nicht ins Haus kommen“ (2. Sam 5,8) versperrte Mephiboseth eigentlich den Weg zu David. Und das zeigt uns, dass der Mensch nicht nur unfähig, sondern wegen der Sünde, die ihm anhaftet, auch völlig unpassend ist, in die Gegenwart Gottes zu kommen.

Feinde Gottes, Sünder, fern von Gott

Mephiboseth war zudem ein Enkel Sauls, des Erzfeindes Davids. In Davids Herz waren allerdings nie feindliche Gefühle, weder Saul noch seinen Nachkommen gegenüber. Das weist uns auf die Entfremdung und Feindschaft hin, in denen der Mensch seit dem Sündenfall zu Gott steht. Gott ist nicht der Feind des Sünders, sondern Er „will, dass alle Menschen errettet werden“ (1. Tim 2,4). Die Feindschaft ist allein im Herzen des Sünders (Röm 5,10; Kol 1,21). Aus der Abstammung Mephiboseths von Saul, die aus ihm einen „Mann des Todes“ machte (2. Sam 19,29), lernen wir außerdem, dass die Sünde sich nicht auf die ersten Menschen beschränkt, sondern sie vererbt sich seitdem weiter und „ist zu allen Menschen durchgedrungen“ (Röm 5,12; Ps 51,7), und durch die Sünde auch der Tod, der der Lohn der Sünde ist (Röm 6,23).

Infolge seines elenden Zustands wohnte Mephiboseth weit entfernt von Jerusalem in Lodebar, was „ohne Weide“ bedeutet. Das ist der Mensch in seiner Hilflosigkeit, fern von Gott, in einer Welt ohne Nahrung für die Seele, einer „großen und schrecklichen Wüste“ (5. Mo 1,19). In einem fernen Land und vor Hunger umkommend: Das war auch der verlorene Sohn in Lukas 15 – ein weiteres eindrückliches Bild von dem verlorenen Menschen auf der Flucht vor Gott.

Mephiboseth führt uns deutlich vor Augen, wie sehr wir auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes angewiesen waren. Und den Reichtum dieser Gnade und Barmherzigkeit sehen wir vorbildlich bei David.

Gottes eigener Vorsatz

Schon bevor Mephiboseth geboren wurde, hatte David geschworen, Güte an den Nachkommen Sauls zu erweisen (1. Sam 24,22.23). So ist auch die Gnade Gottes nicht einfach eine Reaktion auf den Sündenfall des Menschen. Sie ist im Vorsatz Gottes verankert und uns „vor ewigen Zeiten“ gegeben worden (2. Tim 1,9). Wir sind „auserwählt vor Grundlegung der Welt“ (Eph 1,4).

Doch warum war David Mephiboseth in Gnade zugetan? Lag der Grund dafür in der Person Mephiboseths? Nein, es geschah „um Jonathans willen“ (2. Sam 9,1). Auch wenn Jonathan aufgrund seiner Lebensgeschichte kein Bild von Christus sein kann, finden wir hier doch eine Andeutung darauf, dass Gottes Gnadenhandeln mit uns seinen Grund nicht in uns hat, sondern in Gottes Liebe zu seinem Sohn. Das zeigen auch die beiden gerade zitierten Verse aus dem Neuen Testament: Die Gnade ist uns „in Christus Jesus“ gegeben, wir sind „auserwählt in ihm“. Unsere Errettung gründet sich allein auf die Befriedigung, die Gott in dem Werk Christi gefunden hat, und nicht auf irgendeinen Verdienst auf unserer Seite. Wir sind „begnadigt in dem Geliebten“ (Eph 1,6).

Gott ruft den Menschen zur Umkehr

Mephiboseth musste aus dem Haus Makirs in Lodebar zu David geholt werden, weil er selbst unfähig war zu kommen und auch weit davon entfernt, das erwarten zu dürfen. So musste Gott auch bei uns die Initiative ergreifen. Und Er hat es getan! Schon die Frage Gottes im Garten Eden: „Wo bist du?“, zeigt die suchende Liebe Gottes, die jeden Menschen zu sich zurückbringen möchte. „David sandte hin“, lesen wir bei Mephiboseth (2. Sam 9,5). Gott hat es nicht nur im Herzen, verlorene Sünder zu begnadigen, Er wird auch selbst tätig und ruft den Sünder zur Buße. Dazu sendet Er bis heute seine Diener aus, um solche „Lahmen“ zu finden, die noch nichts von seiner Gnade gehört haben und „ohne einen Prediger“ immer in „Ohne-Weide“ bleiben müssten (Röm 10,14).

Mephiboseth kommt in Furcht zu David. Doch die Güte Davids bringt ihn dazu, sich vor David zu beugen und sich „einen toten Hund“ zu nennen. Zu einer echten Umkehr gehören Bekenntnis und Buße. Der Sünder muss seinen verlorenen Zustand, „tot in Sünden und Vergehungen“, vor Gott anerkennen (Eph 2,1). Und es ist die Güte Gottes, die den Menschen dahin bringt (Röm 2,4). So war es auch bei dem verlorenen Sohn. Er erkannte seinen verlorenen Zustand („Ich komme um“), und dann ließ ihn die Erinnerung an das Haus des Vaters den Entschluss fassen umzukehren.

Und wie die Liebe des Vaters die Furcht aus dem Herzen des verlorenen Sohnes austrieb, so dass er nicht mehr wagte zu sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“, so vertrieb das gnädige „Fürchte dich nicht“ Davids jede Furcht aus dem Herzen Mephiboseths (2. Sam 9,7; vgl. 1. Joh 4,18).

Der Reichtum der Gnade Gottes

Was dann mit Mephiboseth geschieht, zeigt vorbildlich das ganze Ausmaß der Gnade Gottes. David schenkt Mephiboseth, dem Mann des Todes, das Leben. Den Geflüchteten beruft er in die Gemeinschaft an seinem Tisch; den Armen, der ohne Weide war (Lodebar), beschenkt er um Jonathans willen mit einem reichen Erbteil. Und dem Enkel Sauls gibt David die Rechte „wie einer von den Königssöhnen“ (2. Sam 9,7–11). Musste David das tun? Hätte er nicht sein Versprechen auch dadurch eingehalten, dass er Mephiboseth am Leben ließ?

Die Gnade Gottes bemisst sich eben nicht daran, was für uns Sünder ausgereicht hätte, sondern Er segnet entsprechend dem, was in seinem eigenen Herzen ist. „Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes“ ist aber nicht nur Leben, sondern „ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“. Wir sind berufen „in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“. Wir haben „das Recht, Kinder Gottes zu heißen“, und haben in Ihm „ein Erbteil erlangt“, sind wegen der Liebe Gottes zu Christus in Ihm „gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern“ (Röm 6,23; 5,21. Kor 1,9Joh 1,12Eph 1,11Eph 1,3).

Was konnte Mephiboseth angesichts einer so unverdienten Behandlung anderes tun, als sich erneut vor David zu verneigen (2. Sam 9,8)? Und wie viel mehr haben wir, die wir den Reichtum und die Herrlichkeit der Gnade Gottes kennen, Grund, uns vor unserem Gott zu verneigen und mit Paulus zu sagen: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.“

„Er war aber lahm an beiden Füßen“ (2. Sam 9,13). So endet der erste Teil der Geschichte Mephiboseths. Wir dürfen nie vergessen, woher wir gekommen sind, und auch nicht, dass wir in uns selbst schwach und unvermögend sind. Aber an der Tafel Davids war nicht zu erkennen, dass Mephiboseth lahm war, weil die Beine unter dem Tisch verborgen waren. Und wenn wir die Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus genießen, dann beschäftigen wir uns nicht mehr mit unserem Unvermögen und unserer Kraftlosigkeit. Dann sind unsere Herzen von dem eingenommen, der uns in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus berufen hat. An der „Tafel des Königs“ wird die „Narde“ unserer Anbetung und Dankbarkeit ihren Duft geben (Hld 1,12).

[Der Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Im Glauben leben]