Einleitung
Es ist gut, wenn man sich bei der Beschäftigung mit Ereignissen aus den Büchern des AT zwei Dinge bewusst macht, auf die Paulus im NT hinweist:
- „Alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben“ (Röm 15,4).
- „Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es zu denen redet, die unter Gesetz sind“ (Röm 3,19).
Die Aussagen erscheinen auf den ersten Blick widersprüchlich, führen aber in Wirklichkeit zu einer ausgewogenen geistlichen Anwendung, die den Belehrungen des Neuen Testaments entspricht. Wir haben also einerseits die ausdrückliche Bestätigung, dass die alttestamentlichen Begebenheiten wichtige Belehrungen für uns als Christen enthalten. Andererseits müssen wir beachten, dass die Dinge im Alten Testament in einem „nicht-christlichen“ Kontext stehen. Daher können wir nicht alles eins zu eins auf uns übertragen.
In diesem Sinn wollen wir Ereignisse aus der Geschichte Hiskias zu uns reden lassen. Es geht darum, wie Hiskia in einer sehr dunklen Zeit in der Geschichte Israels zum wahren Gottesdienst zurückkehrte – zu einem Gottesdienst, wie er Gottes Gedanken entsprach. Wir werden sehen, dass wir in 2. Chronika 29 und 30 viele Belehrungen finden, die wir auf die heutige Zeit übertragen können – sowohl auf unser persönliches als auch auf unser gemeinschaftliches Leben, auf unser Zusammenkommen als Versammlung und auf unseren gemeinsamen Gottesdienst.
Das ist umso mehr der Fall, als Hiskia in einer Zeit lebte, die durch großen Niedergang im damaligen Volk Gottes geprägt war. Unter dem Einfluss vorhergehender Könige hatte Israel sich von Gott abgewandt. Dadurch hatte sich auch eine große Gleichgültigkeit in Bezug auf sein Haus und den Gottesdienst ausgebreitet, der nicht mehr in der von Gott bestimmten Weise praktiziert wurde. Zentrale Elemente des Gottesdienstes, die Gott gegeben hatte, waren durch Praktiken ersetzt worden, die menschlichen Vorstellungen entsprangen und vom Denken der umgebenden Welt beeinflusst waren.
In einer solchen Zeit wurde Hiskia König; und in einer solchen Zeit lag es ihm am Herzen, zusammen mit seinem Volk zu einem Leben nach Gottes Vorstellungen zurückzukehren. Hiskia wollte Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus gerecht werden und den Gottesdienst wieder so aufleben lassen, wie Er ihn angeordnet hatte. Dabei erkannte er die Notwendigkeit, sich von allem abzusondern, was nicht Gottes Gedanken entsprach, und sich von allem zu reinigen, was in Gottes Augen eine Verunreinigung darstellte.
Gottes Zeugnis über sein Leben
Nicht zuletzt aus diesen Gründen hat Gott Hiskia ein besonderes Zeugnis ausgestellt, das den Berichten über sein Leben und Wirken vorangestellt wird (2. Kön 18,3–6; 2. Chr 29,2):
- Er tat, was recht war in den Augen des Herrn, nach allem, was sein Vater David getan hatte.
- Er entfernte rigoros alle Elemente des Götzendienstes, die dem Volk zum Verhängnis geworden waren.
- Er vertraute auf den Herrn; und in der Furcht des Herrn ist starkes Vertrauen (Spr 14,26).
- Nach ihm ist seinesgleichen nicht gewesen unter allen Königen noch unter denen, die vor ihm waren.
- Er hing dem Herrn an und wich nicht von ihm (von hinter ihm her) ab, er lebte treue Nachfolge.
- Er hielt die Gebote, die der Herr dem Mose geboten hatte; damit zeigte er Gehorsam.
Dieses Zeugnis regt zum Nachdenken an und weist darauf hin, dass Hiskias Leben und Verhalten wertvolle Impulse für uns bereithalten.
Wie sein Vater David
Es fällt auf, dass bei Königen, die Gottes Zustimmung hatten, öfter betont wird, dass sie wie David gehandelt haben (2. Chr 17,3; 29,2; 34,2). Weshalb wird David immer wieder als Vergleichsmaßstab angelegt? Was zeichnete ihn aus? Weshalb bezeichnet Gott ihn als den Mann nach seinem Herzen?
- Neben seiner persönlichen Treue und Hingabe an seinen Gott zeigte David einen besonderen Einsatz für Gottes Interessen. Das, was Gott am Herzen lag und mit seinem Namen verbunden war, das bewegte auch sein Herz. Dazu gehörte der Ort, den Gott erwählt hatte, den David mit Eifer suchte (Ps 132).
- Ebenso hatte David es im Herzen, dem Namen Gottes ein Haus zu bauen (wohin Gott seinen Namen setzen wollte; 1. Kön 8,18), und er setzte sich mit großem Engagement dafür ein (1. Chr 29,2.3; 22,14).
- Weil David seinen Gott liebte, war es ihm auch ein Anliegen, Gottesdienst nach seinen Gedanken zu halten. Dies tat er mit großer innerer Beteiligung. Dazu holte er die Lade des Herrn, „die nach dem Namen genannt wird“, nach Jerusalem (2. Sam 6,2.12).
Während David mit großem Einsatz Vorbereitungen für den Bau des Hauses Gottes traf, stellte Hiskia in einer Zeit großen Niedergangs im Volk Gottes den Gottesdienst nach seinen Gedanken wieder her.
Hiskias Einsatz und Engagement für das Haus Gottes und wahren Gottesdienst sind umso erstaunlicher, als sein eigener Vater Ahas sehr treulos damit umgegangen war. Gottes Haus bedeutete Ahas nichts, und im Blick auf den Gottesdienst entwickelte er eigene Ideen. Dabei war er von den Vorstellungen der heidnischen Welt beeinflusst (vgl. 2. Kön 16,10–16).
Mit 25 Jahren aktiv
Mit 25 Jahren, als Hiskia König wurde, setzte er sich für Gottes Haus aktiv ein. Man hat den Eindruck, dass es ihm ein besonderes Anliegen war und dass das Haus Gottes höchste Priorität für den jungen König hatte.
Offenbar hatte Hiskia sich schon in jungen Jahren mit Gottes Haus beschäftigt. Daher war er vertraut mit Gottes Gedanken. Denn nur wenn man Gottes Gedanken wirklich kennt, kann man auch danach handeln.
Wie sieht es da bei uns aus? Liegt uns Gottes Haus am Herzen, und ist es uns wichtig, seine Gedanken im Blick auf sein Haus und den gemeinsamen Gottesdienst zu verwirklichen? Oder laufen wir in erster Linie für das eigene Haus (Hag 1,9) – vielleicht mit der Vorstellung, dass wir uns für Gottes Haus auch später noch einsetzen können?
Gerade in einer Zeit des Niedergangs, in der Gottes Belange vielfach nicht mehr so im Fokus stehen, wie sie es verdienen, und in der menschliche Meinungen und Vorstellungen im Blick auf den Gottesdienst und sein Haus vorherrschen, ist es wichtig, sich mit Gottes Gedanken vertraut zu machen, damit wir Überzeugungen gewinnen, die sich auf sein Wort gründen – damit wir auch solche Themen wie „Haus Gottes“ oder „Versammlung Gottes“ und „Zusammenkommen zum Namen des Herrn Jesus“ ausgehend von Gottes Wort betrachten und verwirklichen.
Zuerst die Türen
Es fällt auf, dass Hiskia sich in seinem Einsatz für das Haus Gottes zuerst um die Türen des Tempels kümmerte (2. Chr 29,3). Zuerst öffnete er diese Türen. Der Grund dafür lag auf der Hand: Sein Vater Ahas hatte die Türen des Tempels verschlossen. Ahas hatte eigene Vorstellungen, nach denen er „Gottesdienst“ praktizierte. Das Haus Gottes spielte dabei keine Rolle mehr. Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus wurden nicht mehr beachtet. Und jeder Gottesdienst, wie Gott ihn angeordnet hatte, war verhindert und abgeschafft worden.
In dieser traurigen Zeit hatte Hiskia es im Herzen, zu Gottes Gedanken zurückzukehren. Er wollte den Gottesdienst wieder so halten, wie Gott ihn vorgeschrieben hatte. Daher rückte auch Gottes Haus wieder in den Mittelpunkt. Das wird aus der Tatsache ersichtlich, dass Hiskia wieder die Türen des Hauses öffnete. Denn er verstand offensichtlich, dass Gottes Haus einen zentralen Platz im gemeinsamen Gottesdienst des Volkes Gottes hatte.
Ausbesserung der Türen
Hiskia öffnete nicht nur die Türen, sondern er besserte sie auch aus, damit sie ihre Funktion erfüllen konnten. Die Türen (bzw. Türhüter) am Haus Gottes dienten zum Regulieren des Zugangs, um der Heiligkeit des Hauses gerecht zu werden. Sie dienten zum einen dazu, all denen, die einen berechtigten Zugang zu den gottesdienstlichen Vorrechten im Haus Gottes hatten, diesen auch zu gewähren. Zum anderen waren sie dazu bestimmt, Personen, die nach Gottes Gedanken keine Berechtigung hatten, den Zugang in die Gegenwart bzw. das Haus Gottes zu verwehren. Dabei mochte es sich um Menschen handeln, die mit einer grundlegenden Verunreinigung behaftet waren (Aussatz, Blutfluss), oder um solche, die es versäumt hatten, sich nach den göttlichen Vorgaben zu reinigen.
Darüber hinaus gab es auch Dinge, die nicht in Gottes heilige Gegenwart passten und deshalb draußenbleiben mussten. Ebenso dienten die Türen dazu, Unrat und andere Unreinheiten aus dem Tempel hinauszuschaffen (2. Chr 29,5).
Es fällt uns nicht schwer, die Anwendung auf unsere gottesdienstlichen Vorrechte im Haus Gottes zu ziehen, ohne dass wir an dieser Stelle konkrete Beispiele erwähnen. Der weitere Verlauf des Kapitels führt uns einige Dinge vor Augen.
Vorhandene Türen
Wenn Hiskia sich zuerst um die Türen des Hauses Gottes kümmerte, damit wieder Gottesdienst an dem Ort gehalten werden konnte, den Gott dazu bestimmt hatte, dann fällt auf, dass er nicht einfach die verschlossenen Türen öffnete, um freien und ungehinderten Zugang für jedermann zu gewährleisten. Hiskia setzte auch nicht neue Türen ein, sondern er besserte die vorhandenen Türen aus.
In der geistlichen Übertragung auf uns können wir sagen: Hiskia ging es nicht darum, jedem ungeprüften Zugang zu den gottesdienstlichen Vorrechten zu ermöglichen. Er führte auch keine neuen oder veränderten „Zugangskriterien“ ein, wenn es um die Aufnahme bzw. den Zugang zu den gottesdienstlichen Vorrechten ging. Sondern er blieb den „alten Türen“ treu und besserte sie aus, damit ihre Funktion erhalten bliebe.
Das ist auch für uns ein wichtiger Punkt. Wenn es um die Frage geht, mit wem wir gemeinsam unsere gottesdienstlichen Vorrechte ausüben können, müssen wir immer wieder die alten, das heißt die biblischen Aufnahme- oder Zulassungskriterien „aktivieren“. Denn sie sind heute noch unverändert gültig.
Aber auch wenn es um Dinge geht, die wir im Blick auf die Gestaltung und Ausübung des Gottesdienstes (der Zusammenkünfte) hineinbringen, stellt sich für uns die Frage, inwieweit wir die Türen des Hauses Gottes intakt halten: Handelt es sich um Dinge, die dem Charakter des Hauses und des christlichen Gottesdienstes entsprechen, oder sind es Dinge, die menschlichen Vorstellungen entspringen? Denn es geht ja nicht darum, das Zusammenkommen für das menschliche Empfinden attraktiv zu machen, sondern Gottes Gedanken entsprechend zu handeln – im Blick auf sein Haus und die Ausübung des Gottesdienstes. Das war auch Hiskias Anliegen. Der weitere Zusammenhang macht es deutlich.
Aufruf zur Heiligkeit
In 2. Chronika 29 beginnt Hiskia eine Ansprache an die Priester und Leviten. Das Erste, wozu er sie auffordert, ist Heiligung: Sie sollten sich selbst heiligen, und sie sollten das Haus des Herrn heiligen (2. Chr 29,5).
Weshalb war persönliche Heiligung der Priester und Leviten nötig? Weil sie offensichtlich mit Ungerechtigkeit in Verbindung standen, das heißt mit Dingen, die nicht Gottes Willen entsprachen. Zum einen hatten sie Gott verlassen und sich von seinem Haus abgewandt. Zum anderen standen sie mit einem gottesdienstlichen System in Verbindung, das nicht Gottes Gedanken entsprach. Es war der eigenwillige „Gottesdienst“ von König Ahas. Sie standen sogar mit Dingen in Verbindung, die sie in Gottes Augen verunreinigten: mit heidnischen Praktiken, die Ahas übernommen hatte.
Und was hatte es mit der Heiligung des Hauses auf sich? Sie war nötig, weil das Haus entweiht worden war. Die Türen waren verschlossen und die Lampen ausgelöscht worden. Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus hatte man nicht mehr verwirklicht, die Zweckbestimmung seines Hauses hatte man gleichgültig vernachlässigt. Unter diesen Bedingungen konnte kein Gottesdienst mehr gehalten werden, wie Gott ihn von seinem Volk erwartete.
Daher musste Gottes Haus wieder seiner Zweckbestimmung zugeführt werden, indem es von allem gereinigt wurde, was nicht in Gottes heilige Gegenwart passte. Denn Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus und den gemeinsamen Gottesdienst sollte wieder entsprochen werden.
Abstehen von Ungerechtigkeit
Persönliche Heiligung ist auch eine Notwendigkeit für uns, wenn wir in Übereinstimmung mit Gottes Gedanken und seinem Wort leben möchten. Darüber belehrt uns zum Beispiel der zweite Timotheusbrief. Um im Einklang mit Gott und seinem Wort zu leben, müssen wir von Ungerechtigkeit abstehen (2. Tim 2). Das heißt, wir müssen uns von allem wegwenden, was nicht mit seinen Gedanken und seinem Wort harmoniert. Das gilt für alle Bereiche unseres Lebens. Dazu zählt jede Form moralischer Verdorbenheit, die in dieser Welt omnipräsent ist und wodurch wir uns so leicht verunreinigen. Es gilt aber auch für alles, was sich auf kirchlichem Gebiet nicht mit Gottes Gedanken deckt.
Wenn ich aufrichtig und reinen Herzens nach Gerechtigkeit strebe – auch im Blick auf das Haus Gottes –, werde ich mich von dem abwenden, was in dieser Hinsicht nicht mit seinen Gedanken und den Belehrungen seines Wortes übereinstimmt. Ich werde mich auch von jedem „kirchlichen System“ wegwenden, wo das „Zusammenkommen“ und der gemeinsame Gottesdienst nicht nach den Belehrungen der Bibel praktiziert werden. Ebenso von jedem „kirchlichen System“, in dem die Wahrheit des Hauses Gottes und des Leibes Christi – sowohl im örtlichen wie im überörtlichen Bereich – nicht nach den Belehrungen der Schrift gelebt wird.
Hiskia – Rückkehr zu einem Gottesdienst nach Gottes Gedanken (Teil 2)
