Wie unsere Vorväter handelten
Diese Notwendigkeit erkannten auch viele Gläubige in der Erweckungszeit im 19. Jahrhundert. Durch intensives Studium des Wortes Gottes entdeckten sie viele Wahrheiten der Bibel neu. Dabei erkannten sie auch, dass in den Kirchen oder Freikirchen, in denen sie sich befanden, manches vom Grundsatz her nicht nach biblischen Kriterien verwirklicht wurde. Dies betraf die Grundsätze, nach denen man sich versammelte und „Gemeinde Gottes“ lebte, aber auch die Gestaltung und den Ablauf der sogenannten Gottesdienste oder Gemeindestunden. Deshalb trennten sie sich von allem, was sie im Licht der Bibel als Ungerechtigkeit erkannten.
Diese Gläubigen trennten sich übrigens nicht in erster Linie von ihren Glaubensgeschwistern, die in den kirchlichen Systemen bleiben wollten. Sie betrachteten sie auch nicht als Gefäße zur Unehre, von denen man sich wegreinigen muss – sofern sie nicht mit lehrmäßig oder moralisch Bösem in Verbindung standen oder es selbst praktizierten (2. Tim 2,21). Sondern sie trennten sich von solchen kirchlichen Systemen oder Gemeinschaften, in denen man im Blick auf das Zusammenkommen der Gläubigen und den gemeinsamen Gottesdienst nicht uneingeschränkt den Grundsätzen des Wortes Gottes folgte – weil man zum Beispiel das allgemeine Priestertum der Glaubenden aus dem Auge verloren hatte oder die Wahrheit des Hauses Gottes und des einen Leibes nicht nach den Belehrungen der Bibel verwirklichte.
Dass sie dadurch in Bezug auf den gemeinsamen Weg der Kinder Gottes auch von vielen wahren Gläubigen getrennt waren, die (aus Tradition oder Überzeugung) in den kirchlichen Systemen verblieben, war eine traurige Folge. Doch sie fühlten sich dem, was sie in Gottes Wort erkannt hatten, verpflichtet. Der Gehorsam gegenüber Gottes Gedanken hatte für sie die höchste Priorität. Denn sie hatten verstanden, dass man nur dann reinen Herzens nach Gerechtigkeit streben kann, wenn man von Ungerechtigkeit absteht. Und dass man die von Gott gebildete Einheit nur in einer schriftgemäßen Weise verwirklichen und darstellen kann – nur im Abstehen von Ungerechtigkeit, das heißt im Abstehen von allem, was durch Kompromisse auf Kosten der biblischen Wahrheit gekennzeichnet ist.
Diese entschiedenen Christen verstanden, dass das Abstehen von Ungerechtigkeit (von dem, was nicht Gottes Gedanken entspricht) dem Streben nach Gerechtigkeit (Übereinstimmung mit seinen Gedanken) vorausgeht (2. Tim 2,19.22). Das Erste ist die Voraussetzung für das Zweite. Diesen Grundsatz finden wir übrigens schon im Alten Testament: „Weiche vom Bösen und tue Gutes“ (Ps 34,15; 37,27).
Nicht lässig
Erkennen wir für uns heute auch noch die Notwendigkeit der persönlichen Heiligung, sowohl in moralischer Hinsicht als auch in kirchlicher oder gottesdienstlicher Hinsicht? Oder glauben wir vielleicht, (heimlich) Dinge in unserem Leben dulden zu können, die wir nach Gottes Wort als Ungerechtigkeit bezeichnen müssen?
Und wie sieht es in Bezug auf den gemeinsamen Weg aus? Denken wir in unserer pluralistischen Zeit, in der viele in Bezug auf biblische Grundsätze überzeugungslos geworden sind, weil man alles für relativ hält, dass wir an (unterschiedlichen) kirchlichen oder gottesdienstlichen Systemen teilnehmen können, auch wenn diese vom Grundsatz her nicht den Gedanken Gottes gerecht werden? Haben wir uns Überzeugungen auf der Grundlage des Wortes Gottes gebildet, und fühlen wir uns Gottes Wort verpflichtet? Ist es uns wichtig, seine Gedanken in Bezug auf das Zusammenkommen der Gläubigen zu verwirklichen und auch in diesem Bereich nach Gerechtigkeit zu streben?
Hiskia forderte die Priester und Leviten auf, sich im Blick auf ihre Heiligung und die Verwirklichung der Gedanken Gottes nicht lässig zu zeigen (2. Chr 29,11). Denn ihm war bewusst: Die Sache ist Gott zu wichtig, als dass man sie nur halbherzig befolgen könnte.
Wer wirklich reinen Herzens ist, gleicht sein Leben in jedem Bereich immer wieder an Gottes Wort ab. Und er steht von allem ab, was er im Licht des Wortes Gottes als nicht in Übereinstimmung mit seinen Gedanken erkennt. So jemand ist nicht gleichgültig oder oberflächlich, wenn es darum geht, in Übereinstimmung mit seiner Stellung und seinen Vorrechten zu leben. Dazu gehören auch die Vorrechte, die mit dem Haus Gottes und dem gemeinsamen Gottesdienst verbunden sind.
Heiligung der Leviten
In dem Abschnitt von 2. Chronika 29,12–17 wird uns vor Augen geführt, mit welcher Entschiedenheit die praktische Heiligung von den Leviten praktiziert wurde, und zwar zuerst persönlich, dann im Blick auf das Haus Gottes. Dabei werden die drei Familien der Leviten namentlich erwähnt: die Kehatiter, die Merariter und die Gersoniter. Sie standen für unterschiedliche Aspekte des Dienstes am Heiligtum und führen uns in diesem Zusammenhang unterschiedliche Bereiche vor Augen, in denen die Heiligung des Hauses Gottes verwirklicht wurde.
Reihenfolge der Heiligung
In 2. Chronika 29,12 bis 17 werden nicht nur die Familien der Leviten erwähnt, die an der Heiligung beteiligt waren. Es wird auch zweimal herausgestellt, dass sie sich zuerst persönlich heiligten und anschließend das Haus des Herrn (2. Chr 29,15.17). Diese Reihenfolge ist beachtenswert.
Es wäre Heuchelei und Unaufrichtigkeit, wenn wir für die Heiligkeit des Hauses Gottes eiferten und die persönliche Heiligkeit (in moralischer Hinsicht) vernachlässigten. Es wäre Heuchelei und unaufrichtig, wenn wir Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus und das Zusammenkommen der Gläubigen verwirklichen wollten und in diesem Sinn nach Gerechtigkeit strebten, aber in unserem persönlichen Leben Dinge dulden würden, die sich nicht mit seinen Gedanken decken.
Daher sind beide Aspekte der Heiligung so wichtig, zuerst der persönliche, dann in Bezug auf das Haus Gottes. Die Leviten in den Tagen Hiskias sind uns jedenfalls ein Vorbild. 2. Chronika 29,17 zeigt, dass sie die persönliche Heiligung genauso ernst nahmen und genauso sorgfältig betrieben wie die Heiligung des Hauses Gottes!
Der Brandopferaltar
Bei der Heiligung des Hauses Gottes (mit der Absicht, wieder Gottesdienst nach seinen Gedanken zu halten) standen zwei Geräte besonders im Fokus. Zumindest werden sie ausdrücklich erwähnt: der Brandopferaltar und der Tisch der Schichtbrote (2. Chr 29,18). Offensichtlich waren es zwei wesentliche „Elemente“, wenn es darum ging, Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus und echten Gottesdienst zu verwirklichen.
Auf dem Brandopferaltar wurden (auch) die freiwilligen Opfer gebracht von denen, die es im Herzen hatten, Gott zu nahen und Ihm etwas zu bringen. Insofern könnte man den Brandopferaltar als den Hauptgegenstand des israelitischen Gottesdienstes bezeichnen. Er war die Begegnungsstätte des israelitischen „Anbeters“ mit Gott. Darüber hinaus stand der Brandopferaltar auch für die Gemeinschaft, die der Opfernde mit seinem Gott hatte (vgl. Mal 1,12; 1. Kor 10,18). Deshalb wird er auch „Tisch des Herrn“ genannt (Mal 1,7.12).
Weshalb musste der Altar gereinigt werden? Weil er zweckentfremdet und von seiner eigentlichen Position „vor dem HERRN“ vom Haus Gottes weg ins Abseits geschoben worden war (2. Kön 16,14). Es ging bei der Reinigung des Altars also darum, diesen zentralen Gegenstand des jüdischen Gottesdienstes wieder an seinen von Gott bestimmten Platz vor dem Haus Gottes zu stellen, damit er seine gottgewollte Funktion erfüllen konnte. Hiskia war offensichtlich sehr darauf bedacht, alle Voraussetzungen zu einem gemeinsamen Gottesdienst nach Gottes Gedanken zu erfüllen. Dazu gehörte auch, dass er seinen Gedanken im Blick auf den Tisch des Herrn Rechnung trug.
Tisch des Herrn
Zu beiden Aspekten – zum Tisch des Herrn und dem Brandopferaltar – möchte ich in der Anwendung auf uns noch einige Gedanken hinzufügen. Den Tisch des Herrn kennen wir auch aus dem Neuen Testament. Er stellt die „andere Seite“ des Mahles des Herrn vor, indem er besonders den Gedanken der Gemeinschaft herausstellt, die wir bei diesem Vorrecht haben.
Dem ersten Korintherbrief können wir entnehmen, dass das Mahl bzw. der Tisch des Herrn mit einem Zusammenkommen als Versammlung in Verbindung steht (vgl. 1. Kor 11,18.20). Denn es handelt sich um ein gemeinsames oder gemeinschaftliches Vorrecht. Durch das Essen von dem einen Brot drücken wir nicht nur (eine) christliche Gemeinschaft aus, sondern die Gemeinschaft des Leibes des Christus. Wir bezeugen symbolisch die Wahrheit von dem einen Leib, zu dem wir zusammengefügt worden sind: „Ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen“ (1. Kor 10,17).
Nun gibt es sicherlich viele Gruppen von Christen, die für sich beanspruchen, das Mahl des Herrn zu halten oder am Tisch des Herrn zu sein. Wir wollen auch vorsichtig sein, dies anderen abzusprechen.
Allerdings sollten wir – angesichts der verwirrenden Verhältnisse in der Christenheit – für uns selbst die folgenden Fragen anhand des Wortes Gottes beantworten:
- Befinde ich mich dort, wo die Belehrungen über den Tisch des Herrn nach seinen Gedanken verwirklicht werden?
- Befinde ich mich dort, wo Gläubige die weltweit bestehende Einheit des Leibes Christi, die wir am Tisch des Herrn bezeugen, auch praktisch leben – sowohl im örtlichen als auch im überörtlichen Miteinander?
- Befinde ich mich dort, wo Christen auf der Grundlage des einen Leibes zusammenkommen? Mit anderen Worten gefragt: Bin ich dort, wo man die Grundsätze und Belehrungen der Schrift sowohl für die örtliche Versammlung als auch für den ganzen Leib Christi auf der Erde beachtet? Denn wir sind ja zu einer weltweiten Einheit zusammengefügt, die örtlich dargestellt wird.
Wesen christlicher Anbetung
Einen weiteren Hinweis möchte ich noch zu dem Altar geben, der immer wieder Brandopferaltar genannt wird – obwohl auf diesem Altar auch andere Opfer bzw. Teile davon dargebracht wurden: Speisopfer, Friedensopfer, Sünd-/Schuldopfer. Das Brandopfer war zum einen das „vornehmste“ Opfer, das vom Tod des Herrn Jesus spricht. Denn es wurde vollständig auf dem Altar geräuchert und bringt die vollkommene Hingabe Christi in seinem Tod zum Ausdruck. Gleichzeitig stellt es die vollkommene Annahme des Sünders vor Gott aufgrund dieses Opfers vor.
Zum anderen ist es – wenn es als freiwilliges Opfer gebracht wurde – ein sehr treffliches Vorbild der christlichen Anbetung. Denn das Brandopfer wurde vollständig für Gott geopfert. Alles wurde Ihm zum lieblichen Geruch dargebracht. Das ist auch ein Kennzeichen wahrer Anbetung in Geist und Wahrheit, die der Vater sucht. Dabei geht es nicht (in erster Linie) um uns und darum, dass wir etwas empfangen.
Doch genau das steht bei vielen Gottesdiensten heute im Vordergrund. Viele Christen sind von „Praise & Worship“ begeistert. Aber das, was dabei unter Einsatz von Musikinstrumenten praktisch zum Ausdruck kommt, ist mehr auf die Erregung menschlicher Gefühle als auf die Verherrlichung Gottes ausgerichtet. Wahre Anbetung, die der Vater sucht, ist in Geist und Wahrheit. Sie entspricht dem Wesen Gottes und seiner Offenbarung.
Schaubrottisch
Es ist sehr bemerkenswert, dass neben dem Brandopferaltar der Schaubrottisch ausdrücklich erwähnt wird. Nicht der Leuchter, nicht der goldene Räucheralter, sondern dieser Tisch mit den zwölf Schichtbroten, der von der Einheit des zwölfstämmigen Volkes Gottes spricht, so wie Gott es vor Augen hatte.
Es fällt auf, dass in Zeiten der Erweckung in Israel, wenn das Haus Gottes wieder in den Vordergrund rückte und man bestrebt war, wieder Gottesdienst nach seinen Gedanken zu halten, den Beteiligten auch die Einheit des Volkes Gottes vor Augen stand und sie in ihrem gottesdienstlichen Handeln prägte (vgl. Esra 6,17; 8,35). Das wird besonders in solchen Zeiten herausgestellt, als von der Einheit des zwölfstämmigen Volkes nichts mehr zu sehen war. Zur Zeit Hiskias war das zehnstämmige Nordreich lange abgespalten und auch gottesdienstlich vom Südreich Juda getrennt. Man praktizierte dort einen eigenen, von Menschen eingeführten „Gottesdienst“.
Trotzdem konzentrierten sich diejenigen, die wieder nach Gottes Gedanken leben wollten, nicht einfach auf einen kleinen Teil oder eine kleine Gruppe von Menschen, die zu Gottes Gedanken zurückkehren wollten. Man verstand sich offensichtlich nicht als eine elitäre Sondergruppe im Volk Gottes, sondern machte sich ganz klar Gottes Sichtweise zu eigen und bekannte sich zu der göttlichen und gottgewollten Einheit – obwohl man sich von der Mehrheit auch der zwei Stämme getrennt hatte, um sich an den Ort zu begeben, den Gott erwählt hatte.
Die Einheit vor Augen
Haben wir auch die Einheit des Volkes Gottes vor Augen, zu der alle wahren Gläubigen gehören? Sind wir uns bewusst, dass wir am Tisch des Herrn genau diese Einheit bezeugen? Sind wir uns bewusst, dass es sich um eine Einheit handelt, die weltweit besteht und zu der alle Gläubigen auf der Erde gehören? Sind wir uns auch bewusst, dass diese weltweite Einheit örtlich dargestellt wird? – Nicht durch örtlich autarke oder voneinander unabhängige Gemeinden, sondern durch örtliche Versammlungen (Gemeinden), die nach der Belehrung der Bibel örtliche Repräsentationen, örtliche Darstellungen der weltweiten Einheit sind. Haben wir auch vor Augen, dass die Einheit auch im überörtlichen Miteinander bewahrt werden soll in einem gemeinsamen Wandel nach den Grundsätzen für den einen Leib?
Haben wir wirklich alle Geschwister eines Ortes vor Augen, wenn wir an die Versammlung in ihrem örtlichen Aspekt denken – auch wenn sich nicht alle nach unserem Schriftverständnis „als Versammlung“ versammeln? Und wenn wir an den weltweiten Aspekt denken: Haben wir wirklich alle Bluterkauften vor Augen, oder denken wir nur an die uns bekannten „Zeugnisse“?
Wir sollten mit diesem Begriff ohnehin sehr vorsichtig umgehen. Unsere „Vorväter“ waren uns darin ein Vorbild. Sie hatten zwar den Wunsch, ein Zeugnis oder eine Darstellung der Versammlung zu sein, indem sie nach den Belehrungen der Bibel als Versammlung zusammenkamen, aber sie definierten mit diesem Begriff keine Zugehörigkeiten.
Hiskia – Rückkehr zu einem Gottesdienst nach Gottes Gedanken (Teil 1)Hiskia – Rückkehr zu einem Gottesdienst nach Gottes Gedanken (Teil 3)
