Brand- und Sündopfer

In 2. Chronika 29,20 bis 24 wird eine große Anzahl von Opfern genannt.  Insgesamt sind es 28 Opfertiere: 21 Brandopfer und 7 Sündopfer. Diese Opfer standen offenbar mit der Wiederaufnahme des Gottesdienstes in Verbindung, so wie er Gottes Gedanken entsprach.

Das Brandopfer war das vornehmste der freiwilligen Opfer, die der Israelit Gott bringen konnte. Es stellt zum einen die Gott zugewandte Seite des Opfers des Herrn Jesus vor, durch das Er aufs Höchste in seinem Wesen verherrlicht wurde. Gleichzeitig bildet das Brandopfer die Grundlage all unserer Segnungen und unserer Annahme bei Gott – auch unserer gemeinsamen Segnungen. Diese Tatsache schien Hiskia vor Augen zu haben, als er Brandopfer für ganz Israel anordnete (2. Chr 29,24).

Wer von Herzen zu Gottes Wort zurückkehrt, um Gottesdienst nach seinen Gedanken zu halten, dem wird auch der besondere Inhalt seines Gottesdienstes wieder groß: das Opfer des Herrn Jesus und der Wert, den dieses Opfer in Gottes Augen hat. Ihm wird auch wieder bewusst, welche großartigen Segnungen wir Christus und seinem Opfer verdanken. Dazu zählt auch der gemeinsame Segen, die Tatsache, dass wir zu einem Leib verbunden sind und die Versammlung Gottes bilden. Diese Dinge sind Gegenstand unserer Anbetung.

Sündopfer

Sehr bemerkenswert ist die Tatsache, dass im Rahmen dieses Gottesdienstes auch sieben Ziegenböcke zum Sündopfer erwähnt werden. Sündopfer gehörten nicht zu den freiwilligen Opfern, die Gott dargebracht wurden, weil man es im Herzen hatte, Gott zu nahen und Ihm etwas zu bringen. Die meisten Sündopfer hatten einen konkreten Anlass. Sie mussten bei Verfehlungen, bei Übertretungen oder Verunreinigungen gebracht werden.

Die Tatsache, dass Jehiskia Sündopfer für ganz Israel darbrachte, zeigt, dass er Sündenbewusstsein hatte. Und die Tatsache, dass der König und die Versammlung ihre Hände auf die Sündopfer legten, deutet an, dass sie sich mit der Sünde von „ganz Israel“ einsmachten und gewissermaßen ein gemeinsames Bekenntnis ablegten (2. Chr 29,23.24).

Was war wohl der Anlass? Die Leviten in seinem Bereich hatten sich doch bereits geheiligt, auch das Haus des Herrn und seine Geräte waren gereinigt worden. Hiskia hatte jedoch nicht nur „seinen Bereich“ vor Augen, sondern das ganze Volk Gottes. Und er hatte offensichtlich ein tiefes Empfinden dafür, wie sehr Gott durch sein Volk verunehrt worden war und immer noch wurde – dadurch, dass man sich von Ihm und seinem Haus abgewandt hatte, dass man sein Haus entweiht und sich einem eigenwilligen Gottesdienst zugewandt hatte. Hiskia war offensichtlich nicht der Auffassung, dass er damit nichts zu tun habe. Im Gegenteil: Er zeigte ein tiefes Bewusstsein, dass er sich gedanklich nicht von „ganz Israel“ abkoppeln konnte. Denn er und „sein Bereich“ waren ein Teil des Volkes Gottes. Daher war es eine Art priesterliches Sündenbekenntnis, das in den Sündopfern für ganz Israel zum Ausdruck kam, mit denen Hiskia und die Anwesenden sich einsmachten.

Priesterliches Sündenbekenntnis

Diesen Gedanken möchte ich auch auf unsere Herzen legen. Sind wir uns bewusst, dass wir uns nicht von dem Versagen in der Christenheit, von dem Abweichen von Gottes Gedanken abkoppeln können – auch im Blick auf sein Haus und den Gottesdienst?

Wenn es uns wirklich ein Anliegen ist, Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus und den Gottesdienst zu verwirklichen, und wir (wie Hiskia) die Einheit des Volkes Gottes vor Augen haben – wie sie in dem Schaubrottisch symbolisch zum Ausdruck kommt –, werden wir auch Veranlassung zu einem priesterlichen Sündenbekenntnis sehen.

Wenn uns die Befolgung von Gottes Gedanken wirklich am Herzen liegt, wird uns jedes Abweichen von seinen Gedanken mit Schmerz und Trauer erfüllen, denn es bedeutet eine Verunehrung für Ihn. Wenn wir uns zu dem einen Leib bekennen, werden wir uns gedanklich nicht von denen abkoppeln, die nicht nach den Belehrungen der Schrift handeln. Im Gegenteil: Wir werden uns mit dem Versagen und der Schuld des ganzen Volkes Gottes, des ganzen verantwortlichen Leibes auf der Erde, einsmachen und es auch vor Gott aussprechen als unser Versagen, als unsere Schuld.

Bringen wir in diesem Sinn auch „Sündopfer für ganz Israel“? Oder sind wir gleichgültig im Blick auf das, was den Herrn verunehrt, weil es nicht seinen Gedanken entspricht? Koppeln wir uns gedanklich von dem ab, was in Gottes Volk geschieht, weil wir die Einheit, zu der wir gebracht sind, nicht wirklich vor Augen haben?

Gottesdienst im Alten Testament

In 2. Chronika 29,25 bis 30 wird der Ablauf des Gottesdienstes beschrieben, wie er zur Zeit des Alten Testaments durchgeführt wurde. Neben tierischen Opfern wurden verschiedene Musikinstrumente benutzt und nach einem gewissen, vorgegebenen Ritual Loblieder gesungen. Der gesamte Gottesdienst war durch äußere Dinge geprägt, die für uns eine typologische Bedeutung haben.

Unser Gottesdienst als Christen und Genossen der himmlischen Berufung hat einen ganz anderen Charakter. Das macht das Neue Testament sehr klar. Unsere Anbetung ist nicht durch äußere Dinge, durch Rituale und Gegenstände gekennzeichnet, sondern „in Geist und Wahrheit“. Daher sind auch unsere „Schlachtopfer“ von ganz anderer Art als im Alten Testament.

Wir bringen keine materiellen Opfer, die typologisch auf das wahre Opfer, das Opfer des Leibes Jesu Christi, hinweisen, sondern geistliche Schlachtopfer, Opfer des Lobes, die sich mit dem wahren Opfer selbst beschäftigen, das ein für alle Mal auf Golgatha geopfert worden ist.

Wir beten auch nicht mit materiellen „Instrumenten“ an, nicht mit Musikinstrumenten, die eine typologische Bedeutung haben, sondern wahre Anbetung steigt aus Herzen auf, die vom Geist Gottes zum „Erklingen“ gebracht werden, wenn sie von Christus erfüllt sind.

Es ist bemerkenswert, dass wir im Neuen Testament nicht den geringsten Hinweis auf Gegenstände (Musikinstrumente oder dergleichen) finden, die den Gottesdienst oder die Anbetung für den Menschen verschönern sollen. Solche Dinge werden meistens eingeführt, wenn das eigene Wohlgefühl in den Vordergrund rückt. Zum Charakter der christlichen Anbetung (in Geist und Wahrheit) passen sie nicht und fördern diese auch nicht.

Hiskias Einladung

Nachdem der Gottesdienst, der „Dienst des Hauses des Herrn“, eingerichtet war, ließ Hiskia einen Aufruf in das Zehn-Stämme-Reich ergehen. Hiskia war nicht damit zufrieden, für sich und seinen Bereich zu einem Gottesdienst nach seinen Gedanken zurückgekehrt zu sein. Schon bei der Heiligung des Hauses und der Einrichtung des Gottesdienstes hatte er das ganze zwölfstämmige Volk vor Augen. Deshalb schrieb er „Briefe an Ephraim und Manasse, dass sie zum Haus des Herrn in Jerusalem kommen möchten, um dem Herrn, dem Gott Israels, Passah zu feiern“ (2. Chr 30,1).

Dabei ließ er sich nicht davon abhalten, dass das Königreich geteilt war und die adressierten Stämme zum sogenannten Nordreich gehörten. Auch der anhaltende Niedergang im Nordreich und die Tatsache, dass sie seit Langem mit dem eigenwilligen Gottesdienst Jerobeams verbunden waren, verleiteten ihn nicht zu dem Gedanken, dass es „sowieso“ keinen Zweck habe.

Hiskia sah Gottes Volk mit Gottes Augen. Er hatte das Volk insgesamt, die Einheit des Volkes Gottes vor Augen. Daher hatte er den brennenden Wunsch, mit allen, die zum Volk Gottes gehörten, das Vorrecht des gemeinsamen Gottesdienstes auszuüben und Gottesdienst nach seinen Gedanken zu halten. Denn er war sich bewusst: Es handelt sich um ein Vorrecht, das allen, die zum Volk Gottes zählen, gehört. Deshalb sein umfassender Appell, der sich an das ganze Volk richtete.

Wer es im Herzen hat, Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus zu verwirklichen, und wer die gemeinsamen Vorrechte seines Volkes nach Gottes Gedanken realisieren möchte und die Einheit des Volkes Gottes vor Augen hat, der hat ein weites Herz, das alle Heiligen umschließt. Daher erfüllt ihn der Wunsch, dass auch andere, die zum Volk Gottes gehören, wieder neu für die Sache des Herrn brennend werden: für Gottes Haus und den Gottesdienst nach seinen Gedanken.

Hiskia hatte die Einheit vor Augen – aber auch Gottes Ansprüche. Er sanktionierte nicht den verkehrten Gottesdienst im Nordreich, sondern er lud ein, an den von Gott gewählten Ort zu kommen: „zum Haus des Herrn in Jerusalem“.

Merkmale der Erweckten

So war es auch in der Erweckung im 19. Jahrhundert. Man hat sich persönlich „geheiligt“, indem man sich von allem abgesonderte, was man als nicht übereinstimmend mit Gottes Wort erkannt hatte, um wieder neu Gottes Gedanken über sein Haus zu verwirklichen, um gemeinsam Gottesdienst nach seinen Gedanken zu halten. Dabei hatte man auch die Einheit des Volkes Gottes vor Augen, die Wahrheit, dass da ein Leib ist, zu dem alle Kinder Gottes gehören.

Daher war man bemüht, die Wahrheit, die man wieder neu erkannt hatte, vielen Glaubensgeschwistern zugänglich zu machen. Man war durchaus nicht gleichgültig im Blick auf andere, die auch dazugehörten: die auch zum Haus Gottes gehörten und Glieder des Leibes Christi waren. Sondern man bemühte sich, sie mit dem bekannt zu machen, was man selbst mit Freude aus Gottes Wort erkannt hatte. Daher war es ihnen ein Anliegen, auch ihre Glaubensgeschwister für Gottes Gedanken im Blick auf sein Haus und den Gottesdienst zu erwärmen.

Wie sieht es mit uns heute aus? Wir leben in einer Zeit, in der man die Einheit des Volkes Gottes und die Ansprüche Gottes weitgehend aus dem Auge verloren hat und sich mit dem Nebeneinander vieler Glaubensgemeinschaften arrangiert. Man hat keine Probleme, gegensätzliche Auffassungen nebeneinander stehen zu lassen und beide für gut zu befinden. Das gilt auch für Gottes Gedanken über das Zusammenkommen der Gläubigen.

Andererseits ist unsere Zeit durch große Lauheit gekennzeichnet, durch Gleichgültigkeit und Überzeugungslosigkeit gegenüber Gottes Wort und seinen Gedanken. Echte Überzeugungen im Blick auf den gemeinsamen Weg der Kinder Gottes, die unsere Vorväter aus Gottes Wort bezogen, sind teilweise verpönt. Sie gelten bei manch einem als einseitig und extrem. Manchmal werden sie auch als Hochmut hingestellt. Daher sind das Bestreben und der Wunsch, die von Gott gebildete Einheit nach den Belehrungen der Bibel darzustellen und sie mit möglichst vielen an dem Platz zu leben, den Gott bestimmt hat, oft nicht sehr ausgeprägt. Umso mehr wollen wir uns durch das alttestamentliche Vorbild Hiskias anspornen lassen.

Passah im zweiten Monat

Sehr bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist der Anlass für Hiskias Aufruf. Es war das anstehende Passahfest, das sie jährlich als Gedächtnisfeier halten sollten. Genauer gesagt: das Passah im zweiten Monat (2. Chr 30,2).

Das Passah im zweiten Monat war ein „Ausweichtermin“, den Gott in seiner gnädigen Vorsorge für solche eingeräumt hatte, die sich verunreinigt hatten und somit nicht passend waren für dieses gemeinsame Fest, diesen gemeinsamen Gottesdienst des Volkes Gottes, den Gott mit einer Erwartungshaltung verbunden hatte und zu dem sie alle zum Haus des Herrn nach Jerusalem kommen sollten (4. Mo 9,9–14; vgl. 5. Mo 16,16).

Wenn wir in diesem Ausweichtermin einerseits Gottes gnädige Vorsorge sehen, zeigt er andererseits an, dass es Gott nicht gleichgültig war, wie, das heißt in welchem Zustand, man an dem vorgeschriebenen Fest teilnahm. Gott war es sehr wichtig, dass man die Voraussetzungen erfüllte, die Er selbst vorgegeben hatte:

  • Kein Sauerteig durfte in den Häusern sein (2. Mo 12,15.19).
  • Kein Unbeschnittener durfte davon essen, kein Beisasse, kein Tagelöhner, nur Leute, die zum Volk Gottes gehörten (was durch Beschneidung ausgedrückt wurde) (2. Mo 12,44.48).
  • Außerdem musste der Teilnehmende rein sein. Verunreinigungen (z.B. durch eine Leiche) disqualifizierten für die Teilnahme an diesem Fest (4. Mo 9,10).
  • Für jeden galten dieselben Bedingungen – für den Fremdling wie für den Einheimischen des Landes (4. Mo 9,14; 2. Mo 12,49)

Hiskia nahm diese Kriterien sehr ernst. Er legte Wert darauf, das Passah so zu feiern, wie es vorgeschrieben war (2. Chr 30,5). Das beweist die Tatsache, dass er und seine Obersten beschlossen, das Passah im zweiten Monat zu feiern. Denn die Priester hatten sich nicht in hinreichender Zahl geheiligt, und das Volk war noch nicht nach Jerusalem versammelt, an den Ort, den der Herr erwählt hatte (2. Chr 30,3).

Auch im Blick auf das Gedächtnismahl des Herrn zeigt uns das Neue Testament „Teilnahmekriterien“. Sie sind vom Grundsatz her sehr ähnlich wie damals beim Passah (vgl. 1. Kor 5,5–7.13; 10,16.17.21; 11,27–34). Kennen wir diese Voraussetzungen und fühlen wir uns ihnen heute noch verpflichtet? Wenn wir einerseits die Einheit vor Augen haben und von dem Wunsch erfüllt sein sollten, mit möglichst vielen Glaubensgeschwistern den gemeinsamen Gottesdienst zu halten, wollen wir doch die biblischen „Teilnahmekriterien“ nicht aus dem Auge verlieren, sondern dieses Vermächtnis so halten, wie es den Gedanken des Herrn entspricht. Hiskia ist uns darin ein Beispiel.