Es ist nicht sehr viel, was die Bibel uns über diese Frau sagt. Wir kennen ihren Namen. Wir wissen, dass sie zu den ersten Christen in Jerusalem gehörte. Wir wissen, dass sie an einer spontan einberufenen Gebetsversammlung der Gläubigen teilnahm, um für den inhaftierten Petrus zu beten. Wir wissen, dass sie eine Magd war und dass sie zum Tor ging, als es dort klopfte, um zu öffnen.

Der Bibeltext lautet:

„Und als er (Petrus) sich bedachte, kam er an das Haus der Maria, der Mutter des Johannes, der auch Markus genannt wird, wo viele versammelt waren und beteten. Als er aber an die Tür des Hoftores klopfte, kam eine Magd, mit Namen Rhode, herbei, um zu horchen. Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, öffnete sie vor Freude das Hoftor nicht; sie lief aber hinein und berichtete, Petrus stehe vor dem Hoftor. Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Sie aber beteuerte, dass es so sei“ (Apg 12,12–15).

Wenn wir die verschiedenen Puzzlesteine zusammentragen, bekommen wir folgendes Bild von Rhode:

  1. Ihre Stellung in der Gemeinde: Rhode war eine Magd, die ein Teil der christlichen Urgemeinde in Jerusalem war. Sie gehörte – unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung – ganz selbstverständlich dazu. Wir sind vielleicht geneigt zu sagen: „nur“ eine Magd oder „irgendeine“ Magd. Wir würden heute vielleicht von einem Au-pair-Mädchen, einer Haushaltshilfe, einer Praktikantin oder einem Trainee sprechen. Gab es unter den ersten Christen nicht Leute, die wichtiger waren? Doch die Bibel sagt weder „nur“ eine Magd noch „irgendeine“ Magd. Rhode nahm keine Führungsfunktion ein, sondern stand einfach im Dienst für andere. Wahrscheinlich gehörte sie zum Personal von Maria, in deren Haus die Gläubigen sich damals trafen.

    Menschen fragen oft nach Herkunft, Titel, Funktion, Vermögen, Beziehungen oder der Reputation von anderen. Danach wird klassifiziert. Gott tut das nicht. Bei Ihm gibt es kein Ansehen der Person (Röm 2,11). Er sieht das Herz. Ob es sich damals um eine Magd oder um einen Apostel handelte, machte vor Gott keinen Unterschied. Paulus schreibt: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Niemand darf auf andere herabsehen. Niemand braucht Minderwertigkeitskomplexe zu haben. Männer zählen vor Gott nicht mehr als Frauen. Arbeitgeber zählen nicht mehr als Arbeitnehmer. Begnadete Prediger zählen nicht mehr als derjenige, der schweigend dabeisitzt. Gott misst mit anderen Maßstäben, als wir es oft tun.

  1. Die Treue im Kleinen: Rhode hatte als Magd viele Aufgaben. In den Augen der Menschen waren es vielleicht kleine Dinge, die sie tat. Was war schon dabei, die Tür zu öffnen? In Gottes Augen gibt es jedoch keine Kleinigkeiten. Jede Aufgabe, die wir treu ausführen, tun wir für unseren Herrn. Gerade Frauen und Mütter tun viele solcher Dienste, die in den Augen der Menschen gering erscheinen mögen, bei Gott jedoch großen Wert haben. Paulus fordert uns auf: „Und alles, was immer ihr tut, im Wort oder im Werk, alles tut im Namen des Herrn Jesus, danksagend Gott, dem Vater, durch ihn“ (Kol 3,17). Das gilt für jede Aufgabe, die wir treu und zuverlässig ausführen – die Aufgaben einer Frau zu Hause eingeschlossen. Das tägliche Einerlei im Dienst für die Familie sollte keine Frau entmutigen. Der Lohn dafür ist bei Gott. Der Dienst für andere ist keine Schande, sondern eine Ehre. Unser Herr selbst ist auf diese Erde gekommen, um zu dienen. Er sagt ausdrücklich, dass Er nicht kam, um bedient zu werden, sondern um zu dienen (Mk 10,45). Uns erscheint es oft viel angenehmer, bedient zu werden. Doch unser Herr hat uns das Gegenteil gelehrt und vorgelebt. Er sagte seinen Jüngern einmal: „Ihr aber nicht so; sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste, und der Führende wie der Dienende“ (Lk 22,26).

  1. Die Wahl des Arbeitsplatzes: Wir wissen nicht, ob Rhode sich ihren Arbeitsplatz bei Maria selbst ausgesucht hatte oder ob sie als Sklavin geboren worden war und keine Wahl hatte. Das tut auch nichts zur Sache. Für uns ist wichtig, dass wir nicht nach Großem in dieser Welt streben müssen. Es ist völlig in Ordnung, wenn junge Frauen sich gut aus- und fortbilden. Trotzdem bleibt die Frage, nach welchen Kriterien ein Arbeitsplatz ausgewählt wird. Geht es allein ums Geld? Geht es um möglichst viel Freizeit? Geht es darum, sich selbst zu verwirklichen? Geht es um Karriere, um Macht und Einfluss? Oder fragen junge Frauen nach dem Willen des Herrn? Ist es vielleicht ein Arbeitsplatz, der dem geistlichen Leben schädlich sein kann? Ist es ein Arbeitsplatz, an dem bestimmte Gefahren lauern? Das Ende trägt häufig die Last. Rhode hatte möglicherweise keinen einfachen Arbeitsplatz. Im Haus der Maria gab es vermutlich viel zu tun. Es war ein gastfreies Haus; viele Menschen gingen ein und aus. Doch Rhode konnte wissen: Was ich hier tue, tue ich für meinen Herrn.

  1. Prioritäten setzen: Rhode ließ sich von ihren Pflichten nicht abhalten, an der anberaumten Gebetsgemeinschaft der Gläubigen teilzunehmen. Das ist ein weiteres Kriterium für die Wahl eines Berufes und Arbeitsplatzes. Erlerne ich einen Beruf oder nehme ich eine Stelle an, wenn ich vorher weiß, dass mir die Arbeit die regelmäßige Teilnahme an den Zusammenkünften der örtlichen Gemeinde schwierig oder gar unmöglich macht? Diese Zusammenkünfte sind wichtig! Gott legt Wert darauf, dass wir regelmäßig dabei sind (Heb 10,25). Das gilt nicht nur für Brüder, die in den Zusammenkünften reden, sondern ebenso für Schwestern, die dort nicht reden. Bei Gott macht das keinen Unterschied. Wenn der Herr Jesus uns einlädt, da zu sein, wo Er der Mittelpunkt ist (Mt 18,20), sollten wir nicht ohne triftigen Grund fehlen. So wichtig der Dienst der Frauen zu Hause ist: Die Teilnahme an den Zusammenkünften der Gläubigen ist wichtiger. Natürlich können wir unsere kleinen Kinder nicht unbeaufsichtigt zu Hause lassen. Doch es ist nicht gut, wenn Ehemänner das „Babysitten“ mehr oder weniger komplett ihren Ehefrauen überlassen. Hier gibt es zur „Arbeitsteilung“ zwischen Mann und Frau keine wirkliche Alternative.

  1. Geistliche Hartnäckigkeit: Noch etwas lernen wir von Rhode: Sie war hartnäckig. Sie ließ sich von den Zweifeln der anderen nicht anstecken und beirren. Sie war sich sicher, dass sie die Stimme von Petrus gehört hatte und dass er selbst vor der Tür stand. Warum auch nicht? Schließlich hatten die Gläubigen doch für seine Freilassung gebetet. Warum also sollte Petrus nicht vor der Tür stehen? Die Worte „Sie aber beteuerte, dass es so sei“ bedeuten nichts anderes, als dass sie bei ihrer Überzeugung blieb. Sie ließ sich nicht einfach von rechts nach links umkrempeln. Der weitere Verlauf der Erzählung macht klar, dass sie recht behalten sollte. Es ist gut, wenn wir als Christen – auch junge Frauen – feste Überzeugungen haben und unsere geistliche Wahrnehmungsfähigkeit schärfen. Je mehr wir das tun, umso sicherer erkennen wir den Willen des Herrn. Diese Fähigkeit ist wiederum unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung und Qualifikation. Sie ist unabhängig von der geistlichen Gnadengabe und den Fähigkeiten, die Gott jedem von uns unterschiedlich gibt. Es ist Gottes Wille, dass jeder von uns „völlig überzeugt in allem Willen Gottes steht“ (Kol 4,12) und dass wir in dem bleiben, was wir gelernt und wovon wir „völlig überzeugt“ sind (2. Tim 3,14).

Resümee und Herausforderung

Rhode fordert uns nachdrücklich heraus, uns im Alltag nicht durch gesellschaftliche Statusfragen oder die Zweifel unserer Mitmenschen beirren zu lassen. Ihr Beispiel spornt uns an, auch in scheinbar geringen Aufgaben Gott treu zu dienen und eine unerschütterliche, geistliche Wahrnehmung für sein Handeln zu haben. Rhode fordert uns heraus, Ihm an dem Ort zu dienen, wo Er uns hingestellt hat, und mutig zu unseren geistlichen Überzeugungen zu stehen.