Verse 1–8: In Ihm bleiben, um Frucht zu bringen
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner“ (V. 1).
Wir haben hier das letzte der sieben „Ich bin“-Worte des Herrn Jesus in diesem Evangelium:
„Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35.48)
„Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12)
„Ich bin die Tür“ (Joh 10,7.9)
„Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11.14)
„Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11,25)
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6)
„Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15,1)
Der wahre Weinstock bedeutet nicht, dass es vorher einen falschen Weinstock gegeben hätte. Der Ausdruck bedeutet wahrhaftig, vollendet, vollkommen, echt, ultimativ und steht nicht im Gegensatz zu falsch. Der Herr Jesus steht hier in einem Vergleich mit dem Volk Israel und Er spricht hier von sich als dem, der Israel als Fruchtträger ersetzt. Er ist der echte Weinstock, der wirklich die Gedanken Gottes erfüllt. Diesen Ausdruck „wahrhaftig“ hatten wir schon in Johannes 1,9 bei dem Herrn Jesus als dem wahrhaftigen Licht, und in Johannes 6,32 bei Ihm als dem wahrhaftigen Brot aus dem Himmel. Dort ist es der Gegensatz zu dem Manna, das die Juden vor Augen hatten; aber der Herr Jesus ist das echte, ultimative Brot, das Befriedigung und sogar Leben gibt. Hier in Bezug auf den Weinstock wird mit diesem Ausdruck also der wahre Zustand Israels aufgedeckt; Israel als Weinstock wird beiseitegesetzt und der Herr Jesus tritt an seine Stelle.
Das Bild des Weinstocks war für die elf Jünger als solche aus dem Volk der Juden, die das Alte Testament kannten, nichts Unbekanntes. Viele Stellen aus dem Alten Testament sprechen von dem Volk Israel als einem Weinstock, um den Gott sich gemüht hatte.
Psalm 80,9–18: Diese Stelle beschreibt sehr anschaulich, wie Gott Israel als einen Weinstock aus Ägypten erlöst und im Land Kanaan gepflanzt hatte. Aber das Volk hatte sich verdorben, und deshalb wird auf einmal in Vers 18 eine andere Person vorgestellt, der Mann seiner Rechten, der Sohn des Menschen. Der Herr Jesus als Mensch tritt als der wahre Weinstock an die Stelle von Israel. Das zeigt auch Matthäus 2,14.15, wo der Herr Jesus anstelle von Israel auch aus Ägypten gerufen wurde. Auch in Jesaja 49,3–6 wird deutlich, dass der Herr den Platz einnimmt, an dem Israel versagt hatte.
Jesaja 5,1–7: Hier lesen wir dieses Lied des Geliebten von seinem Weinberg: „Mein Geliebter hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel“. Und dann wird beschrieben, was alles getan wurde für diesen Weinberg, damit dieser Frucht bringen konnte und sollte: „Er grub ihn um und säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben; und er baute einen Turm in seine Mitte und hieb auch eine Kelter darin aus; und er erwartete, dass er Trauben brächte, aber er brachte schlechte Beeren“ (Vers 1.2). Ein enttäuschendes Ergebnis nach so viel Bemühungen.
Hosea 10,1: Hier kommt Gott zu dem gleichen Urteil: „Israel ist ein wuchernder Weinstock“; aber „nach der Menge seiner Frucht hat er die Altäre vermehrt“, daran erkennt man, dass es keine gute Frucht war. Interessanterweise sagt dieser Prophet dann in Kapitel 11,1: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“; an diese Stelle haben wir eben im Zusammenhang mit Matthäus 2 gedacht. Und in Psalm 80 haben wir das in Bezug auf Israel gelesen.
Jeremia 2,21: Aus dieser Stelle geht hervor, dass der Weinstock Israel mit Edelreben in Verbindung stand. Es wird gezeigt, wie vollkommen dieser Weinstock Israel in den Gedanken Gottes gewesen ist, aber wir sehen auch, wie vollständig Israel versagt hat: Es hatte sich verwandelt in entartete Ranken eines fremden Weinstocks.
Hesekiel 15,2–4 macht deutlich, dass es bei dem Weinstock nur eine einzige Sache gibt, die nützlich ist, und das ist Frucht. Mit dem Holz dieser Pflanze ist nichts anderes anzufangen, deshalb wird es dem Feuer zum Fraß gegeben.
Die Botschaft hier in Johannes 15 ist also nicht, dass der Herr etwa eine neue Edelrebe an dem Weinstock Israels wäre, sondern dass Er ein völlig neuer Weinstock ist. Wenn man die Jünger im Blick auf dieses ihnen gut bekannte Bild von dem Weinstock gefragt hätte, wo sie den Herrn Jesus jetzt einordnen würden, hätten sie bestimmt an eine absolut edle Rebe an diesem Weinstock Israel gedacht. Mit Ihm gab es an diesem Weinstock Israel doch endlich jemanden, der wirklich Frucht brachte. Aber genau diese wahrscheinliche Einschätzung zeigt, wie fundamental der Wechsel ist, den der Herr Jesus hier andeutet. Denn Er sagt eben nicht, dass Er eine Rebe des Weinstocks Israels sei, sondern dass Er der wahrhaftige Weinstock ist. Damit macht Er sehr deutlich, dass Israel beiseitegesetzt ist.
Und jetzt ist Er der wahrhaftige Weinstock. Mit welcher Freude muss der Vater auf diesen Weinstock geblickt haben. „Mein Vater ist der Weingärtner“; jeden Schritt wird Er verfolgt haben, jede Ausprägung von Frucht gesehen und genossen haben an dem, der der wahrhaftige Weinstock ist! Aus den Stellen des Alten Testaments haben wir erfahren, dass sich eine göttliche Person um den Weinstock kümmert. Aber hier kommt etwas ganz Neues vor uns, es wird überhaupt nicht davon gesprochen, dass sich der Vater um den Weinstock an sich kümmert. Denn der Weinstock hier ist der Herr Jesus selbst in seiner Vollkommenheit, in seiner absoluten Sündlosigkeit. Er hat in seinem ganzen Leben auf der Erde ununterbrochen das getan, was zur Ehre und zur Verherrlichung des Vaters war. Unter diesem Gesichtspunkt hatte der Vater als der Weingärtner gar keine Aufgabe an dem Herrn Jesus als dem wahren Weinstock. Worum sich der Vater kümmert, sind die Reben, die mit diesem Weinstock in Verbindung stehen, das finden wir dann im nächsten Vers.
Wir wiederholen noch einmal, weil dieser Gedanke grundlegend für das ganze Kapitel ist, dass es hier in Johannes 15 um Frucht hier auf der Erde geht in Verbindung mit dem Herrn Jesus in dieser christlichen Zeit. In der darauffolgenden Epoche wird Gott mit seinem Volk Israel auch wieder sein Ziel erreichen; Jesaja 27,2 spricht davon, dass Israel ein Weinberg feurigen Weines sein und die Fläche des Erdkreises mit Früchten füllen wird (Jes 27,6). Israel wird auch einmal auf dieser Erde echte Frucht bringen für Gott. Aber hier geht es um Frucht in dieser christlichen Zeit, die nur aus dem Bleiben in Ihm kommen kann.
Dieser Vers zeigt uns die Beziehung des Herrn Jesus zu seinem himmlischen Vater, aber nicht die Beziehung als der ewige Sohn zu dem Vater, sondern als Mensch auf der Erde zu dem Vater. Es ist der gleiche Punkt wie in Vers 9, wo es um die Liebe des Vaters zu dem Sohn geht. Dort geht es um die Liebe des Vaters zu dem Sohn als Mensch auf der Erde.
„Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe“ (V. 2).
In diesem Vers werden jetzt zwei Tätigkeiten des Weingärtners beschrieben. Es gibt einerseits Reben, die keine Frucht bringen; solche Reben nimmt der Weingärtner weg. Wir haben schon gesagt, dass man durch ein christliches Bekenntnis zu einer Rebe an diesem wahren Weinstock wird. Das ist übrigens ein weiterer Unterschied zu den Reben an dem ursprünglichen Weinstock Israel. An diesem Weinstock wurde man durch Geburt eine Rebe. Und man wurde auch nicht abgeschnitten von diesem Weinstock, denn dieses Verhältnis endete nur durch den Tod eines Israeliten.
Aber an dem wahren Weinstock wird man eine Rebe durch ein Bekenntnis. Und wenn dieses Bekenntnis nicht echt ist, wenn kein wirkliches Leben da ist, dann wird eine solche Rebe weggenommen. Dieses Wegnehmen einer Rebe ohne jede Frucht geschieht nicht in der Jetztzeit, sondern meint das endgültige Gericht. Der Vater nimmt in der gegenwärtigen christlichen Zeit keine unechten Reben aus dem christlichen Zeugnis weg. In dem Gleichnis von dem Unkraut unter dem Weizen drückt der Herr das so aus, dass Er beides zusammen wachsen lässt bis zur Ernte. Es wird hier nicht gesagt, wie solche Reben weggenommen werden oder wann sie weggenommen werden; wichtig ist, dass Reben, die grundsätzlich keine Frucht bringen, die dadurch geprägt sind, keine Frucht zu bringen, weggenommen werden[1].
Die andere Tätigkeit des Weingärtners ist die des Reinigens der echten Reben, nicht Abschneiden, sondern Reinigen. Das ist ein Prozess, den der Vater jetzt an jeder echten Rebe an dem Weinstock vollzieht, damit sie mehr Frucht bringt. Im Alten Testament hätte der Weinstock Israel durch das Halten des Gesetzes Frucht bringen können, aber auf dieser Grundlage wurde keine Frucht für Gott gebracht, das Volk Israel hatte völlig versagt. Hier ist es nun eine völlig andere Grundlage, auf der Frucht für Gott gebracht werden kann: nur durch eine echte, vitale Lebensverbindung zu dem wahren Weinstock. Und um solche Reben, die diese wirkliche Lebensverbindung zu dem Weinstock haben, kümmert sich dann der Vater als der Weingärtner, damit sie mehr Frucht bringen. Reben am Weinstock, die eine Lebensverbindung zu dem Weinstock haben, sind dadurch geprägt, dass sie grundsätzlich Frucht bringen.
Wir können hier auch noch eine Verbindung zu Kapitel 13 sehen. Dort hatte der Herr Jesus die Füße der Jünger gewaschen und ihnen – mit Ausnahme von Judas Iskariot – versichert, dass sie grundsätzlich rein seien. Hier nimmt der Vater als der Weingärtner eine Reinigung an den echten Reben vor, und wieder versichert der Herr im nächsten Vers den Jüngern, dass sie schon rein seien um des Wortes willen. Das regierende, erziehende Handeln des Vaters wird immer in Verbindung mit seinem Wort geschehen. Dieses Reinigen kann wehtun, denn es kann damit in Verbindung stehen, dass etwas, was ein Hindernis für Frucht in ihrer ganzen Fülle ist, an der Rebe abgeknipst werden muss.
Jede einzelne echte Rebe ist übrigens Gegenstand dieser Reinigung durch den Vater. Es gibt keinen Einzigen, der in einer echten Lebensverbindung zu dem wahren Weinstock steht, der diese Reinigung nicht nötig hätte. Denken wir an Petrus in Johannes 13,36–38, wo der Herr ihm offenbaren muss, dass es bei ihm Dinge gab, die weggetan werden mussten. Und dieser für Petrus bittere und schmerzhafte Vorgang der Reinigung führte aber bei ihm dazu, dass er später, nach seiner Wiederherstellung, mehr Frucht bringen konnte. In dieser Szene auf dem Obersaal war er eine Rebe, die gereinigt werden musste, um mehr Frucht zu bringen.
Wenn wir an das Leben und den Dienst des Apostels Paulus denken, erkennen wir auch eine vorbeugende Art der Reinigung, um ihn vor einem Fehltritt oder einer Selbstüberhebung zu bewahren. Aus welchem Beweggrund der Vater auch immer mit den echten Reben handelt, es soll zu mehr Frucht führen. Es mag schmerzlich für uns sein, aber es dient der Verherrlichung des Vaters.
Was ist hier mit Frucht gemeint?
Was bedeutet im Zusammenhang dieses Abschnitts Frucht? Dieser Ausdruck wird immer in der Einzahl verwendet. Es geht also nicht um Früchte, sondern um Frucht als Einheit, bestehend aus verschiedenen Ausdrucksformen (vgl. Gal 5,22). Wir sollen hier also nicht so sehr an Werke oder Aktivitäten denken, die wir als gut ansehen würden. Frucht ist auch nicht etwas, das wir irgendwie mechanisch produzieren. Wir werden auch gar nicht aufgefordert, Frucht zu bringen, sondern wir sollen in dem Weinstock bleiben, dann bringen wir von ganz allein Frucht. Frucht entsteht also nur aus der Verbindung zu dem Weinstock. Wenn wir in dem Weinstock bleiben, wächst organisch etwas aus der Rebe, was seine Quelle in dem Weinstock hat. Frucht bringen wir nur dann, wenn in unserem Leben das gesehen wird, was auch bei dem Herrn Jesus gesehen wurde.
Ähnlich drückt es Paulus in Römer 7,4 aus: Wir sind eines anderen geworden, „des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht brächten“. Auch an dieser Stelle wird der Wechsel von etwas Früherem zu einem ganz neuen Bezugspunkt betont, um aus dieser neuen Beziehung Frucht zu bringen.
Wir finden im Neuen Testament verschiedene Gesichtspunkte von Frucht. Kolosser 1,10 sagt, dass wir „in jedem guten Werk Frucht bringend“ sein sollen. Es scheint hier in Johannes 15 aber nicht der Hauptgedanke zu sein, dass die Frucht in unseren guten Werken gesehen werden soll. Hebräer 13,15 spricht von der „Frucht der Lippen“, und der Zusammenhang macht deutlich, dass da von dem Lob Gottes aus unserem Mund die Rede ist. Gott kann diese Frucht der Lippen unbedingt von uns erwarten, aber auch das ist nicht der eigentliche Gedanke hier in Johannes 15. In Römer 1,13 schreibt Paulus, dass er sich oft vorgenommen hatte, nach Rom zu kommen, „um auch unter euch etwas Frucht zu haben“. Damit meint er, dass Frucht auch darin bestehen kann, dass Menschen zu dem lebendigen Glauben an Gott kommen. Natürlich ist auch das ein Gesichtspunkt von Frucht, aber wieder nicht der eigentliche Gedanke von Johannes 15.
Hier in Johannes 15 kommt Frucht aus einer organischen Verbindung mit dem Weinstock hervor, und sie kann nur dann hervorkommen, wenn die Rebe an dem Weinstock bleibt. Nur dann wird etwas von dem Charakter des Weinstocks in den Reben sichtbar. Nur wenn wir in der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus bleiben, können wir etwas von seinen Wesenszügen in unserem Leben sichtbar entfalten. Das ist der Gedanke von Frucht in diesem Zusammenhang: In unserem Leben soll etwas von dem Herrn Jesus sichtbar werden, denn gerade das ist es, woran der Vater seine größte Freude hat – etwas von seinem Sohn in uns zu sehen!
Das ist eng verbunden mit dem, was wir in Galater 5,22 als die Frucht des Geistes finden. Auch dort steht die Frucht in der Einzahl, und sie wird dann in neun Wesensmerkmalen (Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit) beschrieben, wie sie sich auch in dem Leben des Herrn Jesus ununterbrochen gezeigt hat. Diese Wesenszüge werden in Galater 5 durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes hervorgebracht, hier in Johannes 15 kommen sie aus einer gelebten Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus hervor. Aber in beiden Stellen wird gezeigt, dass Frucht in unserem Leben das ist, was der Vater in uns von den Wesenszügen des Herrn Jesus sieht, und das ist es, was Ihn verherrlicht.
Frucht bringen ist also weniger tätiger Dienst als vielmehr die Widerspiegelung der Wesenszüge des Herrn Jesus, wie Er hier auf der Erde als Mensch zur Ehre Gottes gelebt hat. Es gibt ja viele Kinder Gottes, die nie Gelegenheiten haben, Werke und Dienste, die wir als besonders fruchtbar ansehen könnten, in der Öffentlichkeit zu tun – vielleicht, weil sie zeitlebens auf dem Krankenbett liegen oder durch andere Lebensumstände keine Möglichkeiten im Dienst für den Herrn haben, weil der Herr eben einen anderen Weg für sie hat. Und gerade in solchen schwierigen Lebensumständen kann auch Frucht gebracht werden, wenn nämlich darin die Wesenszüge des Herrn sichtbar werden. Nicht unsere Statistiken oder Erfolgsberichte in unserer Leistungsorientierung sind die Frucht, die den Vater verherrlicht.
„Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“ (V. 3).
In Vers 2 hatte der Herr Jesus eine charakteristische Unterscheidung gemacht zwischen Reben, die nicht Frucht bringen, und Reben, die Frucht bringen. Eine solche kategorische Unterscheidung finden wir in einem anderen Zusammenhang auch in Johannes 5,29, wo Er von solchen spricht, die das Gute getan haben, und von solchen, die das Böse verübt haben. Auch dort wird eine grundsätzliche Klassifizierung gegeben.
Hier in Vers 3 spricht der Herr Jesus jetzt von den Reben, die Frucht bringen, und dann in Vers 6 von solchen Reben, die keine Frucht bringen. Das ihr in diesem Satz ist besonders betont, der Herr richtet sich deutlich an die elf von den zwölf Jüngern, die nach dem Hinausgehen von Judas Iskariot mit Ihm auf dem Obersaal geblieben waren und die am Ende von Johannes 14 mit Ihm den Obersaal verlassen hatten. Wenn Er dann in Vers 6 von der anderen Art von Reben spricht, nennt Er diese ganz unbestimmt „wenn jemand“. Solche mögen in diesem Augenblick gar nicht anwesend gewesen sein. Es sind ja solche, die sich nur ihrem äußeren Bekenntnis nach zu dem Herrn Jesus halten, und der Herr ist hier mit den elf Jüngern allein.
Wir haben im Lauf der Betrachtung des Johannesevangeliums schon mehrfach von solchen gehört, die sich nur dem Bekenntnis nach für eine Zeit zu Ihm gehalten haben, aber nach einer Zeit zurückgegangen sind und nicht mehr mit Ihm wandelten (Joh 6,66). Sie gaben damit ihr Zeugnis für Ihn auf der Erde, ihre äußere Verbindung mit Ihm, auf. Auch Judas Iskariot, der zu den Zwölfen gehörte, wird dort von dem Herrn Jesus ein Teufel genannt (Joh 6,70), er war keine echte Rebe.
Was muss das für ein Trost für die elf Jünger gewesen sein, dass der Herr sie hier so anspricht. Sie waren echte Jünger, gereinigt durch das Wort, wiedergeboren durch das lebendige und bleibende Wort Gottes (1. Pet 1,23). Sie waren durch das Wort Gottes in eine grundlegende Beziehung zu dem Herrn Jesus gebracht worden. Aber auch solche echten Reben, das hatte Vers 2 gezeigt, benötigen noch diesen fortgesetzten Vorgang einer permanenten Reinigung durch den Weingärtner, damit alle Hindernisse weggenommen werden, die die Frucht schmälern könnten. Hebräer 12,7–11 spricht in diesem Bild von der erzieherischen Züchtigung des Vaters, „damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“. Der Weingärtner nimmt bei diesem Reinigen alles weg, was aus einer Rebe an unbrauchbaren Schösslingen hervorkommt und ihr die Kraft zum Hervorbringen der Frucht raubt. Der Vater wendet in seiner Erziehung Maßnahmen an, damit in unserem Leben mehr von dem Herrn Jesus sichtbar wird.
Die, die ohne Züchtigung sind, sind Bastarde und nicht Söhne (Heb 12,8); im Bild des Weinstocks gesprochen handelt es sich um die Reben, die keine Frucht bringen und die deshalb nicht im Blickfeld der väterlichen Reinigung sind.
„Bleibt in mir, und ich in euch“ (V. 4a).
Als wir die Szene auf dem Obersaal in Johannes 13 betrachtet haben, wo der Herr Jesus mit seinen Jüngern zu Tisch lag und ihnen den Judas Iskariot als seinen Verräter offenbar gemacht hat, hatte Johannes vom Herrn Jesus die vertraute Mitteilung erhalten können, weil er im Schoß Jesu lag. Er lag nicht im Schoß Jesu, um Mitteilungen von Ihm zu erhalten, sondern weil er dort war, konnte er diese Mitteilung bekommen. So verhält es sich auch mit dem in Ihm Bleiben und dem Fruchtbringen. Wir bleiben nicht in Ihm, um Frucht zu bringen, sondern weil wir in Ihm bleiben, können wir Frucht bringen. Christus geht der Frucht voraus! Frucht ist nicht das Ziel, sondern das Ergebnis.
Deshalb betont der Herr immer wieder in diesem Abschnitt, wie wichtig es ist, in Ihm zu bleiben, die Gemeinschaft mit Ihm zu suchen. Wenn Johannes das Wort bleiben benutzt, dann hat es auch immer die Bedeutung von wohnen. Das meint nicht nur die Stunden des Zusammenkommens oder der Konferenzen oder Bibelfreizeiten, sondern es meint, dass wir kontinuierlich im Alltag unseres Lebens in Ihm bleiben sollen. Wir sollen gewohnheitsmäßig Gemeinschaft mit Ihm wahren, praktischerweise in Ihm zu Hause sein. Man kann da gar nicht so viel darüber reden, man muss es wirklich in seiner Seele leben, in dem Herrn Jesus zu Hause zu sein. Je mehr das bei uns der Fall ist, umso natürlicher wird es sich ergeben, dass Frucht hervorkommt, dass die Wesenszüge des Herrn in unserem Leben sichtbar werden.
Das ist dann der zweite Teil dieses Verses, wir haben hier die Reihenfolge der Verantwortung oder auch Erfahrung (vgl. auch Kap 6,56; 14,20 oder 1. Joh 3,24; 4,16b). Zuerst geht der Blick nach oben – „ihr in mir“ – und dann kommt die Folge davon – „ich in euch“. Wenn es dagegen um die Seite der Gnade oder der gewonnenen Stellung geht, ist die Reihenfolge umgekehrt (vgl. z.B. 1. Joh 4,15).
Wir bleiben also in Ihm, damit Er in uns und durch uns offenbart werden kann, damit wir seine Wesenszüge in unserem Leben widerspiegeln. Wenn wir die Gemeinschaft mit Ihm suchen und genießen, wird Er sich mehr und mehr in unserem Leben offenbaren können. Wenn wir uns in diesem Sinn in dem Herrn Jesus aufhalten, dann kommen die einzelnen Stücke der Frucht des Geistes aus Galater 5 in unserem Leben hervor, dann können wir freundlich und sanftmütig bleiben, wenn uns unberechtigte Kritik entgegenschlägt, ohne dass wir uns dazu zwingen müssen. Wir werden tatsächlich im Alltag unseres Lebens verwandelt, wenn wir uns mit dem verherrlichten Herrn beschäftigen und Ihn anschauen (2. Kor 3,18). Und dieses Ergebnis muss uns in diesem Sinn gar nicht interessieren oder unsere Motivation sein; es geht darum, dass der Vater in mir oder in dir etwas von seinem Sohn sieht, dass Christus in uns Gestalt gewinnt (vgl. Gal 4,19).
Wir können dabei an Mose im Alten Testament und Stephanus im Neuen Testament denken – sie waren in seiner Gegenwart gewesen und hatten seine Herrlichkeit gesehen und strahlten dadurch (2. Mo 34,29; Apg 6,15). Mose hatte sich nicht angestrengt oder es angestrebt, dass er strahlte, er wusste es noch nicht einmal, und es war trotzdem so. Auch als Stephanus in den geöffneten Himmel blickte, sah er die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen (Apg 7,55). Das Ergebnis dieser inneren Gemeinschaft, von der er am Ende von Kapitel 7 spricht, war schon zu Beginn dieses langen Kapitels von den Umstehenden zu sehen.
Wir stehen hier in Johannes 15 auf Auferstehungsboden, denn man konnte diese Frucht nicht bringen, bevor der Herr Jesus nicht gestorben und auferstanden war. Und jetzt wird das Herz des Vaters durch nichts mehr erfreut als dadurch, dass es in der Zeit der Abwesenheit des Herrn Jesus von dieser Erde in gläubigen Menschen eine Darstellung von den moralischen Schönheiten des Herrn Jesus gibt. Und der Schlüssel dazu ist die Beschäftigung mit dem verherrlichten Herrn. Als das Volk Israel den Jordan durchzogen und das Land Kanaan betreten hatte, hörte das Manna auf und sie aßen die gerösteten Körner des Landes (Jos 5,11.12). Diese gerösteten Körner sind ein Bild des auferstandenen und verherrlichten Herrn, der für uns die Nahrung ist, wenn wir die geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern genießen wollen.
„Wie die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (V. 4b).
Aus sich selbst heraus kann die Rebe nicht Frucht bringen. Sie ist eigentlich nicht viel anderes als ein Schlauch, durch den der Saft aus dem Weinstock fließt, sie leitet diesen Saft einfach weiter in die Frucht. Mehr hat sie nicht zu tun. Übertragen auf uns bedeutet das, dass wir in unserer unruhigen und hektischen Zeit die Stille der Gemeinschaft mit dem Herrn kennen und bewusst pflegen müssen. Dann bewirkt Er, dass am Ende etwas von Ihm in unserem Leben zu sehen ist.
Gemeinschaft – Abhängigkeit – Gehorsam – Zuneigung
Als der Herr Jesus als Mensch hier auf dieser Erde lebte, hat Er ununterbrochen Frucht für Gott gebracht – vollkommene, beständige, bleibende und große Frucht für Gott. Und jetzt würde Er diese Erde verlassen, aber durch seine Jünger soll weiterhin Frucht auf der Erde entstehen. Der Schlüssel dazu ist, in Ihm zu bleiben. Das spricht einerseits von Gemeinschaft, aber auch von Abhängigkeit. Jünger auf dieser Erde können nicht ohne den Herrn sein, sie müssen in Ihm bleiben, in dieser beständigen Abhängigkeit von Ihm. Im Blick auf diese Abhängigkeit war Er selbst das vollkommene Vorbild: Er war der abhängige Mensch hier auf dieser Erde. In Johannes 5,30 sagt Er als der abhängige Mensch Jesus Christus: „Ich kann nichts von mir selbst aus tun.“ Und in Johannes 12,49 sagt Er: „Ich habe nicht aus mir selbst geredet.“ Als Mensch hat Er in beständiger Abhängigkeit von seinem Vater geredet. Und so ist es auch mit der Rebe: Sie kann nicht von sich selbst aus Frucht bringen. Es geht nicht ohne den Herrn, ohne diese ständige Verbindung zu Ihm, ohne dieses Bewusstsein, dass wir außer Ihm nichts tun können.
Wir haben schon an 1. Johannes 3,24 gedacht; und in diesem Vers erklärt Johannes das In-Ihm-Bleiben noch mit einer weiteren Bedingung, nämlich dem Halten seiner Gebote, dem Gehorsam. Der Heilige Geist möchte uns gern mit den Herrlichkeiten des verherrlichten Christus beschäftigen, aber es muss auch Gehorsam in unserem Leben im Blick auf die offenbarte Wahrheit des Wortes Gottes geben. Ich kann mich nicht richtig mit dem verherrlichten Christus beschäftigen, wenn ich dem Wort Gottes nicht gehorsam bin.
Wir haben bisher also verschiedene Aspekte vor uns gehabt, die mit dem In-Ihm-Bleiben unbedingt verbunden sind: Gemeinschaft, Abhängigkeit, Gehorsam. Und wir empfinden, dass in Ihm zu bleiben eine Regung unserer Herzen auslösen muss. Wir könnten deshalb als einen weiteren Aspekt auch noch Zuneigung hinzufügen. Was ist unsere Antwort, wenn der Herr uns auffordert: „Bleibt in mir“? Geht es uns wie den „Emmaus-Jüngern“, die zu Ihm sagen: „Bleibe bei uns“? Manchmal prüft der Herr uns, ob wir noch die Zuneigung zu Ihm haben, und stellt sich, als wolle Er weitergehen; wie schön, wenn Er dann diese Antwort unserer Herzen hört! Die Folge bei diesen beiden Jüngern war, dass sie Ihn erkannten und die Gemeinschaft mit Ihm genießen konnten.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht, denn außer mir könnt ihr nichts tun“ (V. 5).
Der einleitende Satz dieses Verses zeigt uns noch einmal die ganze Größe und Herrlichkeit der Person des Herrn Jesus. Als Mensch auf dieser Erde hat Er Frucht in Vollkommenheit gebracht und war der ununterbrochene Gegenstand des Wohlgefallens des Vaters. Niemals hatte Er die Reinigung durch den Vater nötig, um mehr Frucht zu bringen. In Ihm war alles Vollkommenheit. Wir sollten uns die Frage stellen, was wir an Ihm als dem Weinstock finden, ob Er auch unser Herz erfreut. Dann zeigt uns dieser Satz auch unsere Abhängigkeit von Ihm als dem Weinstock: Wir sind die Reben, die den Weinstock brauchen, um Frucht bringen zu können. Unsere Verantwortung besteht darin, in Ihm zu bleiben, um Frucht bringen zu können.
Vielleicht fragen wir uns, wie wir es im Alltag unseres Lebens verwirklichen können, in Ihm zu bleiben. Wie geht das im fordernden Berufsleben, wie geht das im anstrengenden Haushalt mit mehreren Kindern? Wie bleiben wir da in Ihm? In Jeremia 17,7.8 wird ein Mann, dessen Vertrauen der HERR ist, gesegnet genannt; und dann wird er verglichen mit einem Baum, der am Wasser gepflanzt ist und seine Wurzeln am Bach ausstreckt. Und dieser Baum hört nicht auf, Frucht zu tragen! Er musste nichts anderes tun, als seine Wurzeln zum Wasser auszustrecken. Wo strecken wir im Alltag unsere Wurzeln aus, wo suchen wir unsere Nahrung und Stabilität? Psalm 1,2.3 bezieht das auf die Freude am Wort Gottes. Dort finden wir unseren Herrn und nehmen diese gewonnenen Eindrücke in unseren Herzen mit in die turbulenten Umstände des Alltags. Paulus konnte sagen: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,13). Er war in den unterschiedlichsten Lebensumständen gewesen, kannte Mangel und kannte Überfluss, war in jedem und in allem unterwiesen worden. Er hatte die reinigende Tätigkeit des Weingärtners erfahren, war in Situationen geführt worden, in denen er gewissermaßen gedrängt wurde, sich nur noch an Christus zu klammern. Und aus dieser Kraftquelle hatte er sich in seinen herausfordernden Lebensumständen gespeist. Im Propheten Hosea sagt der HERR einmal: „Aus mir wird deine Frucht gefunden“ (Hos 14,9). Das hat Paulus in seinem Leben verwirklicht, und das möchte der Herr auch bei uns bewirken können.
Vers 4 hat gezeigt, wie es nicht geht, Frucht zu bringen, nämlich wenn wir nicht in Ihm bleiben. Vers 5 zeigt jetzt die positive Seite, wie es geht, Frucht zu bringen. Der einzige Weg, um Frucht zu bringen, ist, in Ihm zu bleiben. Wenn wir gewohnheitsmäßig diese Gemeinschaft, Abhängigkeit, Zuneigung und diesen Gehorsam im Blick auf seine wunderbare Person verwirklichen, dann wird Frucht wie von selbst das Ergebnis sein. Die Wesenszüge und Herrlichkeiten des Herrn Jesus werden in unserem Leben sichtbar werden. Und dann wird der Herr sich uns offenbaren. Er hat eine große Freude daran, sich uns zu offenbaren, uns ständig neue Schönheiten an seiner Person vor die Herzen zu stellen.
Der Schlusssatz dieses Verses geht noch weiter. Der Herr sagt nicht nur, dass wir außer Ihm keine Frucht bringen können, sondern dass wir außer Ihm überhaupt nichts tun können. Natürlich können wir viel Aktivität entfalten, aber wir können nichts wirklich Geistliches tun, was die Anerkennung des Herrn findet. Vielleicht fragen wir uns, warum es so unmöglich ist, außer Ihm etwas tun zu können. Es gibt wohl mehrere Antworten darauf. Ein Grund liegt sicherlich in der Erhabenheit der Frucht. Die Wesenszüge und Charaktermerkmale des Herrn Jesus sind etwas so Schönes und Vollkommenes, dass sie tatsächlich auf keinem anderen Weg als aus der gelebten Gemeinschaft mit Ihm hervorgebracht werden können.
Ein anderer Grund liegt mehr auf unserer Seite, auf unserer natürlichen Unfähigkeit und Unzulänglichkeit, so etwas Erhabenes aus uns selbst hervorbringen zu können. Vielleicht denken wir manchmal, durch unseren Eifer, unsere Entschlusskraft oder Begeisterung müssen wir das doch auch schaffen können, aber der Herr Jesus nennt hier tatsächlich eine Art Ausschlusskriterium, ohne das gar nichts geht. Paulus hatte das sehr gut verstanden und gesucht, es auch in seinem Leben und Dienst zu verwirklichen. Er sagt in Römer 15,18: „Ich werde nicht wagen, etwas von dem zu reden, was Christus nicht durch mich gewirkt hat“. Er wollte es unbedingt unterlassen, über Dinge zu reden, die vielleicht nicht durch Christus in ihm gewirkt worden waren. Wir müssen uns sagen, dass es eine Gefahr unserer Tage ist, dass in dem, was wir tun, zu viel von uns selbst und zu wenig von Christus zu finden ist! Das kann sich in die erhabensten Dinge einschleichen.
Auch gesetzliche Anstrengungen oder Vorschriften sind nicht in der Lage, diese Frucht hervorzubringen. Das Gesetz ist gerade ein Auslöser, um Sünde sichtbar zu machen; dadurch würden wir dem Tod Frucht bringen (Röm 7,5).
Der Schlusssatz dieses Verses ist also eigentlich wie eine Überschrift über unsere ganzen Aktivitäten. Der Herr sagt nicht: „Ihr könnt nichts tun“; es ist doch sehr schön, dass Er uns Jüngern eine Möglichkeit eröffnet, etwas tun zu können, aber die Voraussetzung ist eben: nicht getrennt von Ihm. Er sagt auch nicht: „Außer euch kann ich nichts tun“, als ob Er ohne uns handlungsunfähig wäre; aber wir sind ohne Ihn handlungsunfähig zum Fruchtbringen. Er sagt auch nicht: „Außer mir könnt ihr nur wenig tun“; nein – Er betont die totale Abhängigkeit von Ihm, wenn es um Fruchtbringen geht, und das ist der Todesstoß für unser eigenes Ich. „Das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63)!
Zusammenfassend zu den Versen 4 und 5 können wir sagen, dass in Vers 4 der Blick mehr auf die Reben gelenkt wird, und in Vers 5 mehr auf den Weinstock. Gemeinsam ist beiden Versen, dass in jedem ein „kann nicht“ oder „könnt nicht“ genannt wird. In Vers 4 wird betont, dass die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann; und in Vers 5 wird betont, dass außerhalb des Weinstocks nichts hervorgebracht werden kann. Der Blickwinkel ist also jedes Mal ein klein wenig anders. Wenn die Rebe etwas aus sich selbst bringt, ist das keine Frucht; der Vater kann niemals als Frucht akzeptieren, was ich aus mir selbst bringe (Vers 4). Frucht kann nur in Verbindung mit dem Weinstock hervorgebracht werden (Vers 5).
„Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen“ (V. 6).
Der Herr Jesus hatte bisher direkt die Jünger angesprochen, aber in diesem Vers 6 tut Er das nicht, erst wieder in den nächsten Versen. Wen meint Er, wenn Er jetzt sagt: „Wenn jemand nicht in mir bleibt...“? Wir können das nur richtig verstehen, wenn wir den ganzen Vers im Zusammenhang lesen. Der zweite Satzteil zeigt, wer mit diesem jemand gemeint ist, denn dort wird ausdrücklich von Gericht gesprochen, und zwar nicht von einem zeitlichen, sondern von dem ewigen Gericht. Und es macht auch klar, wer mit diesem Vers nicht gemeint sein kann. Es gibt nämlich auch die völlig falsche Auslegung dieses Verses, dass damit Gläubige gemeint sein sollen, die abfallen und doch ewig verloren gehen würden. Das ist eindeutig eine Irrlehre, denn ein Gläubiger kann nicht verlorengehen, das machen viele andere Stellen des Wortes Gottes ganz deutlich.
Wir haben ja zu Beginn dieses Kapitels schon betont, dass wir dieses Bild von dem Weinstock und den Reben nicht gleichsetzen dürfen mit der Wahrheit von dem Leib Christi, an dem jeder wahre Gläubige ein Glied ist. Eine Rebe am Weinstock ist auch nicht gleichzusetzen mit einem Kind der Familie Gottes. Man wird weder durch natürliche Geburt noch durch die neue Geburt eine Rebe am Weinstock, sondern allein durch ein Bekenntnis. Es geht in diesem Vers 6 nicht um einen Gläubigen, denn jeder, der Leben aus Gott hat, kann dieses Leben nicht verlieren. Wenn jemand ein Kind Gottes ist, hört er nie wieder auf, ein Kind Gottes zu sein.
Weil in 1. Korinther 3,12–16 eine ähnliche Ausdrucksweise am Schluss gebraucht wird, gibt es auch die Erklärung, dass es sich hier in diesem Vers 6 um Gläubige handle, die zwar nicht selbst verloren sind, aber deren Werke verbrennen. Aber hier in Johannes 15 geht es nicht um Werke, die verbrennen; es geht nicht um ein Zeugnis, welches verbrennen wird, sondern es geht um Reben, um Menschen. Dieser Vers bedeutet, dass Menschen, die nur ein Bekenntnis zu Christus haben, aber grundsätzlich keine Gemeinschaft mit Ihm kennen, die grundsätzlich nicht abhängig von Ihm leben und keinen Gehorsam zeigen, die auch keine Zuneigung zu Ihm haben, dass solche Menschen schlussendlich ewig verloren gehen werden. Es sind christliche Bekenner, „die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,5).
Wir haben bei Vers 4a schon einmal an Johannes 6,56 gedacht. Dort geht es um das gewohnheitsmäßige, fortdauernde Nähren von der Person des Herrn Jesus, um in Ihm zu bleiben, und Er in uns. Diese Gemeinschaft auszuleben, ist nur einem wahrhaft Gläubigen möglich. Wir finden dann im weiteren Verlauf von Johannes 6, dass es solche gab, die sich nur einem äußerlichen Bekenntnis nach zu dem Herrn hielten, aber keine echte Lebensverbindung zu Ihm besaßen. Sie gingen weg (Joh 6,66) und dokumentierten dadurch ihren Unglauben. Es waren Reben am Weinstock, die einmal ins Feuer geworfen werden.
Dieser Vers 6 macht im Wesentlichen drei Unterschiede zu den bisherigen Worten des Herrn Jesus deutlich. Zunächst einmal wird in der unpersönlichen Formulierung „wenn jemand“ deutlich, dass es jetzt um eine ganz andere Personengruppe geht als vorher, denn vorher hatte der Herr die Jünger immer direkt angesprochen. Dann wird hier zwar auch die ganz persönliche Prüfung jedes Einzelfalls beschrieben, aber es ist doch ein eher kollektives Sammeln und Verbrennen. Und es fällt drittens auch auf, dass in diesem Vers nicht von der Tätigkeit des Weingärtners gesprochen wird, sondern es ganz unpersönlich bleibt, durch wen das Gericht ausgeübt wird. Diese Unterschiede weisen deutlich darauf hin, dass es in diesem Vers um eine ganz andere Personengruppe gehen muss, zu der die elf Jünger nicht gehörten.
Wenn der Herr Jesus also hier zu den elf Jüngern spricht, die persönlich mit diesen bloßen Bekennern ohne echte Lebensverbindung zu Ihm gar nicht gemeint sind, ist das gleichzeitig eine gewisse Vorbereitung oder Hilfestellung für eine nahe bevorstehende Zeit, in der das christliche Bekenntnis auch solche Menschen enthalten wird, die gar kein Leben aus Gott haben. Die Jünger sollten sich nicht dadurch erschüttern oder verunsichern lassen, dass es solche geben wird, die sagen, dass sie auch eine Rebe an dem Weinstock seien, aber keine echte Verbindung zu Ihm haben. Früher oder später wird an ihnen das Gericht ausgeübt werden. Wie und wann sich das ereignen wird, sagt der Herr hier gar nicht konkret; Er sagt nur, dass im Blick auf bloße Bekenner ohne echtes Leben das ewige Gericht wartet.
Das Gericht des Verbrennens, das hier angekündigt wird, bleibt in dem Zusammenhang des Bildes von dem Weinstock. Mit dem Verbrennen im Feuer ist natürlich nicht gemeint, dass diese Personen durch das Gericht aufhören zu existieren. Wie der „Feuer- und Schwefelsee“ (Off 19,20; 20,10.14) oder „die äußerste Finsternis“ (Mt 8,12; 22,13; 25,30) für die Hölle sind das bildhafte Ausdrücke, die wir verstehen können und die uns etwas von dem furchtbaren Ernst dieses Endes im ewigen Gericht vorstellen.
Wir wollen also unbedingt festhalten, dass ein Gläubiger nie wieder verlorengehen kann, nie in dieses ewige Gericht kommen wird! Aber wir dürfen uns dem tiefen Ernst dieser Worte nicht deshalb verschließen, weil wir wissen, dass sie uns letztendlich nicht betreffen. Kolosser 1,22.23 zeigt uns, dass wir als verantwortliche Menschen auf der Erde von Gott in zweierlei Weise angesprochen werden. Da ist zum einen die Seite seiner unverbrüchlichen und uneingeschränkten Gnade, auf die sich unsere unverlierbare Heilsgewissheit gründet (Vers 22). Aber Gott spricht uns auch auf der Ebene unserer Verantwortung als auf der Erde lebende Bekenner an (Vers 23). Und wenn wir ein Bekenntnis haben, können wir uns nicht verhalten, wie wir wollen, und in Sünde leben, weil ja alles sicher ist. Auf dieser Ebene sagt uns Gottes Wort immer, dass, wenn wir ein Bekenntnis haben, wir uns auch entsprechend verhalten müssen. Wenn wir das nicht tun, dann bewegen wir uns weg von der Hoffnung des Evangeliums. Deshalb stellen uns diese Worte des Herrn hier auch in das Licht Gottes, wenn wir an die Praxis unseres persönlichen Lebens denken und feststellen, dass wir dieses „In-Ihm-Bleiben“ im Alltag gar nicht so verwirklichen. Dann unterliegen wir der reinigenden Tätigkeit des Vaters und müssen selbst auch ein schonungsloses Selbstgericht üben.
„Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, um was ihr wollt, und es wird euch geschehen“ (V. 7).
Jetzt richtet sich der Herr wieder ganz konkret an die elf Jünger und damit auch an uns. Er spricht wieder von unserer bewussten Gemeinschaft mit Ihm und der gelebten Abhängigkeit von Ihm, aber dann fügt Er auch noch hinzu, dass seine Worte in uns bleiben müssen. Es können die Worte gemeint sein, die Er gerade in diesen Kapiteln 14 und 15 zu ihnen spricht. Wenn wir es im Zusammenhang dieser Kapitel sehen, dann scheint der Herr vorauszusetzen, dass sich nach diesen Worten bei den Jüngern ein echtes Interesse entwickelt, jetzt auch Frucht bringen zu wollen in dem Sinn, dass sich das göttliche Leben in ihnen entfaltet und die Wesenszüge des Herrn selbst in ihrem Leben sichtbar werden. Das wird ihnen ein Anliegen werden und sie werden Bitten haben, wie das mehr und mehr in ihrem Leben Wirklichkeit werden kann. Und solche Bitten, wie der Vater Frucht sehen kann in unserem Leben, haben die Verheißung, dass Er es uns zeigen wird. Vielleicht müssen wir unser Gebetsleben einmal unter diesem Gesichtspunkt überprüfen, ob wir ein ernsthaftes Interesse dafür ausdrücken, dass der Vater in unserer Lebensführung etwas von den Herrlichkeiten seines Sohnes sehen kann.
Wenn wir den Ausdruck „meine Worte in euch bleiben“ etwas weiter fassen, dann kommt hier ein sehr hoher Gedanke vor uns. Der Herr nennt hier zwei Bedingungen für die Verheißung am Ende des Verses. Wenn wir erstens in einer gewohnheitsmäßigen Gemeinschaft mit dem Herrn leben, d.h. im Vertrauen auf Ihn unseren Weg gehen und in beständiger Abhängigkeit von Ihm bleiben, und wenn wir zweitens sein Wort als göttliche Autorität über unser Leben anerkennen, es in unserem Herzen festhalten und es tun wollen, dann werden wir Bitten haben, die mit dem Willen Gottes in Übereinstimmung sind. Wir werden dann eine innere Geisteshaltung haben, in der unsere Bitten mit dem Willen Gottes und mit dem, was Er uns geben will, übereinstimmen. Wenn wir in dieser Geisteshaltung sind, in Abhängigkeit vom Herrn und in Unterwerfung unter sein Wort, dann ist der erste große Segen, dass wir Bitten haben werden, die Er erhört!
Wir empfinden sicher alle, wie wichtig das Gebet ist, doch der Herr spricht hier von einer ganz besonders hohen Art des Betens, die absolute Erhörung finden soll. Ein solches Ergebnis bzw. das vorangegangene Gebet ist nur möglich, wenn die Herrlichkeit des Herrn Jesus unsere Herzen ausfüllt und wenn seine Worte unser Denken und Fühlen prägen. Nur wenn wir völlig nahe bei Ihm sind, können wir so beten. Ein ganz erhabenes Beispiel für ein solches Gebet haben wir durch den Herrn selbst in Johannes 17. Bevor der Herr dort ab Vers 9 zu den eigentlichen Bitten kommt, ist Er in den ersten fünf Versen nur mit der Herrlichkeit des Vaters beschäftigt. Und in den Versen 6 bis 8 sind es die Worte des Vaters, die Er vor seinem Herzen hatte. Diese beiden Aspekte prägten sein ganzes Denken und führten dann zu den Bitten in Bezug auf die Jünger. Und das waren Bitten, die ganz in Übereinstimmung mit der Person des Vaters und mit seinen Worten sind.
Auch die Gebete des Apostels Paulus z.B. in Epheser 1,15–23 und 3,14–21 tragen diesen hohen Charakter. Sie kommen aus dem Erfüllt-Sein mit der wunderbaren Person des Herrn und seinen Worten hervor. Wenn wir in dieser Weise den Herrn Jesus vor unseren Augen haben und seine Worte in uns sind, dann werden auch wir heute in dieser Zeit des Niedergangs in solcher Weise Gebete aussprechen mit den verheißenen Folgen. So drückt es auch David in Psalm 37,4 aus: „Ergötze dich an dem HERRN: So wird er dir geben die Bitten deines Herzens.“ Wenn Er unser Herz erfüllt, dann werden unsere Bitten so in Übereinstimmung sein mit Ihm, dass sie die Verheißung der Erhörung haben.
„Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt, und ihr werdet meine Jünger werden“ (V. 8).
Der zweite große Segen ist, dass wir Frucht bringen zur Verherrlichung des Vaters. Wenn wir in dieser Geisteshaltung von Vers 7 sind, wird in unserem Leben sichtbar werden, dass wir Jünger des Herrn sind. Wir sehen also, dass Abhängigkeit und Gehorsam Hand in Hand gehen und dass sie in Übereinstimmung miteinander sind. Wahre Abhängigkeit ist unbedingt verbunden mit Gehorsam, und echter Gehorsam verwirklicht sich in der Abhängigkeit vom Herrn. Wir müssen beide Gesichtspunkte in einer geistlichen Ausgewogenheit in unserem Leben verwirklichen, und nicht das eine vor dem anderen überbetonen. Dann kann Frucht in unserem Leben entstehen.
In dem Maß, wie wir etwas offenbaren von den Wesenszügen des Herrn Jesus, werden wir uns vor den Augen aller als seine Jünger erweisen. „Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer“ (Mt 10,25). In seinem ersten Brief verbindet Johannes diesen Gedanken auch wieder mit dem „In-Ihm-Bleiben“: „Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist“ (1. Joh 2,6). Wenn wir hier seine Wesenszüge offenbaren können, wird das zur Verherrlichung des Vaters sein.
Die Fußnote zu Vers 8 sagt: „… dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet“. Das heißt, Fruchtbringen und Jüngerschaft hängen miteinander zusammen. Beides ist absolut notwendig, damit der Vater verherrlicht wird. Es ist völlig unmöglich, Frucht zu bringen, wenn man nicht ein Jünger, ein Schüler, ein Lernender des Herrn Jesus ist. Wir sollen vom Herrn Jesus z.B. seine Sanftmut und seine Demut lernen (Mt 11,29). Jüngerschaft bedeutet für uns also, dass wir in genau dieser Gesinnung unseren Weg gehen sollen und dadurch etwas darstellen können, was den Vater verherrlicht. Ein Jünger oder Lernender ist man übrigens sein ganzes Leben als Gläubiger hindurch. Mnason, der Zyprier, war ein Jünger aus der Anfangszeit (Fußnote zu Apg 21,16), der sich bis zu dem Zeitpunkt in Apostelgeschichte 21 in der Schule Gottes befand und so ein Lernender war. Jünger bedeutet nicht, dass man das mal kurzfristig ist und dann ist man es mal wieder nicht, sondern man befindet sich bis zum Lebensende in dieser Schule Gottes, um von dem Herrn Jesus zu lernen und das in seinem Leben auch darzustellen.
Der Herr Jesus hat einmal gesagt: „Ein Jünger steht nicht über dem Lehrer … Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer“ (Mt 10,24.25). Genau das ist das Ziel: so zu sein, wie Er, der Lehrer, ist. Auch im Johannesevangelium hatte der Herr Jesus schon ganz ähnliche Gedanken wie hier in Kapitel 15 über das Jüngersein gesagt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger“ (Joh 8,31); und: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34.35). Was für ein wunderbares Zeugnis für Christus ist es, wenn wir so sind in dieser Welt, wie Er es war.
Die Verherrlichung des Vaters ist ein großes Thema im Johannesevangelium. Rückblickend auf sein Leben und Sterben sagt der Herr Jesus in Johannes 17,4: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.“ Diese Verherrlichung des Vaters war das höchste Motiv, das den Herrn Jesus bei allem, was Er hier auf der Erde gesagt und getan hat, angetrieben hat, und diese Verherrlichung des Vaters fand ihren Höhepunkt darin, dass Er das große Werk am Kreuz von Golgatha vollbracht hat. Um dieser Verherrlichung des Vaters willen war Er bereit, die Kosten, die damit verbunden waren, auf sich zu nehmen. Wir hatten das besonders in Johannes 12,27.28 vor uns, wo wir von der Erschütterung seiner Seele angesichts dieser bevorstehenden Stunde am Kreuz gehört haben, und wie die Verherrlichung des Vaters seine oberste Motivation war, dennoch in diese Stunde zu gehen.
In Johannes 17,1 sagt der Herr zu dem Vater: „Verherrliche deinen Sohn, damit dein Sohn dich verherrliche“. Er spricht da von der Zeit, wo Er selbst nicht mehr auf der Erde, sondern verherrlicht bei dem Vater sein würde. Und in dieser Zeit der Abwesenheit des Herrn Jesus soll die Verherrlichung des Namens des Vaters weiterhin stattfinden, und zwar durch solche, denen der Herr Jesus ewiges Leben geben wird. Wenn wir das jetzt mit unserem Vers 8 verbinden, empfinden wir doch sehr, wie wichtig dem Herrn Jesus die Verherrlichung des Vaters, die Offenbarung des Wesens des Vaters auf der Erde ist. Er hätte ja auch sagen können: „Wenn ihr viel Frucht bringt, wird etwas von meinem Wesen sichtbar“, aber das sagt Er eben nicht – Ihm geht es um die Verherrlichung des Vaters. Obwohl Er selbst körperlich nicht mehr auf der Erde ist, möchte Er doch, dass durch uns moralisch diese Verherrlichung des Vaters auf der Erde erhalten bleibt. Ist das nicht ein wunderbares Motiv für unser praktisches Verhalten im Alltag? Wenn uns das mehr leiten könnte, wenn wir auf diese Weise Ihm mehr nachfolgen würden, dann würde der Herr hier auf dieser Erde echte Jünger haben, echte Nachahmer ihres Meisters!
Der Vater wird also verherrlicht, wenn in unserem Leben Christus gesehen wird, denn in Ihm als Mensch auf der Erde sind die Wesenszüge des Vaters sichtbar geworden. Wenn wir die Wesenszüge und die Motivation, die Beweggründe des Herrn Jesus hier in unserem Leben auf dieser Erde sichtbar machen, dann verherrlichen wir den Vater auch dadurch, dass wir den Vater selbst, von dem gewissermaßen alles ausgeht, in dieser Welt sichtbar machen. Das ist eine wirklich großartige Folge von unserem Bleiben in dem wahren Weinstock!
Wenn wir viel Frucht bringen, zeigt das auch noch einen weiteren Aspekt, der den Vater verherrlicht. Viel Frucht ist ja gerade der Beweis dafür, dass seine Bemühungen als der Weingärtner nicht vergeblich waren. Er reinigt die Reben, damit sie mehr Frucht bringen, und wenn das Ergebnis viel Frucht bei den Reben ist, verherrlicht das Ihn als den Weingärtner.
Fußnoten:
- Es wurde während der Betrachtung darauf hingewiesen, dass Hamilton Smith in seiner Auslegung über das Johannesevangelium einen Unterschied macht zwischen Vers 2 und Vers 6, und die Reben in Vers 2, die keine Frucht bringen, mit echten Gläubigen verbindet, die eine lebendige Verbindung zu dem Weinstock haben, aber doch keine Frucht bringen und deshalb von dem Vater heimgenommen werden, damit sie nicht weiter Schmach auf den Namen des Herrn bringen; er bringt diesen Gedanken in Verbindung mit 1. Kor 11,30. Die Herausgeber dieser sehr wertvollen Betrachtung haben jedoch an dieser Stelle eine Fußnote angebracht, in der darauf hingewiesen wird, dass diese Art der Auslegung eine Einzelmeinung ist und übrige Ausleger sowohl in der Rebe, die keine Frucht bringt (Joh 15,2) als auch in der Rebe von Joh 15,6 Menschen sehen, die trotz eines äußeren Bekenntnisses zu Christus kein Leben aus Gott besitzen.
