Verse 9 – 17: In Ihm bleiben, um einander zu lieben
Wir wollen gleich zu Beginn dieses neuen Abschnitts betonen, dass das, was jetzt vor uns kommt, nur verwirklicht werden kann, wenn unser Leben geprägt ist durch das, was wir in den ersten acht Versen gesehen haben. Ohne die ersten acht Verse sind die Hinweise dieses Abschnittes von uns nicht darstellbar. Wir brauchen in der Praxis unseres Lebens die ersten acht Verse, um in unserem Miteinander als Jünger das zu praktizieren, was der Herr jetzt sagt.
Auffallend häufig spricht der Herr Jesus in diesen Versen von der Liebe, so wie Er dann im nächsten Abschnitt ab Vers 18 auffallend häufig von dem Hass der Welt spricht. Und wir verstehen gut, warum Er zuerst von der Liebe zu Ihm und untereinander spricht, denn diese Liebe ist wie ein Bollwerk gegenüber dem Hass der Welt, dem wir hier während der Abwesenheit des Herrn auf dieser Erde begegnen. Dem Teufel ist es ein Dorn im Auge, wenn es auf der Erde solche gibt, die in der Liebe des Herrn ruhen und einander lieben.
In dem ersten Abschnitt hatten wir die Jünger als Reben und als Jünger gesehen; in diesem Abschnitt finden wir die Beziehung des Herrn zu ihnen als seinen Freunden. Das Verhältnis von Freunden ist davon geprägt, dass sie gemeinsame Interessen miteinander teilen. Wenn der Herr die Jünger hier als seine Freunde bezeichnet, dann spricht Er in diesem Abschnitt mehrfach von Dingen, die Er mein nennt und die Er mit ihnen teilen möchte: meine Liebe, meine Gebote, mein Gebot, meine Freude, mein Vater, mein Name. Diese Dinge vor Augen zu haben, gibt einen guten Leitfaden durch den ganzen Abschnitt, und sie zeigen die gewaltigen Auswirkungen der Tatsache, dass der Herr Jesus uns seine Freunde nennt.
„Wie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch geliebt; bleibt in meiner Liebe“ (V. 9).
Kurz zusammengefasst können wir zu den nächsten Versen sagen, dass Vers 9 uns den Maßstab der Liebe zeigt, Vers 10 die Voraussetzung bei uns, durch die wir in den Genuss dieser Liebe kommen können – Gehorsam –, und die Verse 11 und 12 zwei Auswirkungen, die sich daraus für uns ergeben werden: völlige Freude und Liebe untereinander. Wenn wir alle in den Strahlen der Liebe des Herrn Jesus leben und praktisch seine Gebote halten, dann wird das in unseren Herzen völlige Freude auslösen und wird auch Ergebnisse hervorbringen in dem Weg, den wir miteinander zu gehen haben. Also im Genuss der Liebe des Herrn Jesus zu leben, ist die Voraussetzung dafür, dass wir auch Liebe untereinander ausleben und praktizieren können.
Wir finden diese Aussage, dass der Vater den Sohn liebt, sieben Mal im Johannes-Evangelium (Joh 3,35; 5,20; 10,17; 15,9; 17,23.24.26). Dabei müssen wir unterscheiden können zwischen dem ewigen Strom der Liebe, der ohne jeden Anfang zwischen dem Vater und dem Sohn als Personen der ewigen Gottheit besteht, und der Liebe des Vaters zum Sohn, die der Herr als Mensch auf der Erde ununterbrochen genießen konnte, weil Er in allem das dem Vater Wohlgefällige tat. Um diese Liebe des Vaters zum Sohn als Mensch auf der Erde geht es hier in diesem Vers. Zu jeder Sekunde des Lebens des Herrn Jesus auf der Erde hat der Vater diese Liebe zu Ihm gehabt, weil endlich Einer hier war, der in jedem Wort, in jedem Gedanken, in jeder Tat vollkommen das tat, woran der Vater sich erfreuen konnte.
Diese Liebe des Vaters ist der Maßstab der Liebe des Herrn Jesus zu den Seinen, diese Qualität der Liebe des Vaters zum Sohn ist auch die Qualität der Liebe, die der Herr zu seinen Jüngern hat. Das ist gewaltig! Und wir verstehen, dass es für uns wichtig ist, uns mit dieser Liebe zu beschäftigen, uns gewohnheitsmäßig und mit Kontinuität darin aufzuhalten, darin zu bleiben. Er sagt nicht, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen sollen, sondern mit der Liebe, die Er zu uns hat. Er stellt die Liebe des Vaters zu sich als Mensch auf seinem Weg über diese Erde vor und sagt, dass es die gleiche Qualität von Liebe ist, mit der Er die Jünger liebt. Diese Liebe ist nicht an eine Bedingung unsererseits geknüpft, sie ist absolut.
Ähnlich wie im ersten Abschnitt in dem wahren Weinstock ein im Gegensatz zu dem Alten Testament völlig neues Bild vor uns stand, ist es auch in diesem Abschnitt mit der Liebe. Charakter und Maßstab von Liebe im Alten Testament sind völlig anders als das, was wir hier haben. Liebe auf der Grundlage des Gesetzes hatte ihren Ausgangspunkt in uns selbst (vgl. Mt 22,37–39) und kann deshalb auch nur ein mangelhaftes Niveau erreichen. Hier werden wir aber auf ein vollkommenes göttliches Niveau gebracht, wo die Liebe ihren Ausgangspunkt in Gott selbst hat.
In seinem ersten Brief kommt Johannes auf dieses Thema zurück. Dort lernen wir unter anderem, dass die Liebe zueinander, die Liebe in der Familie Gottes, nur so gut sein kann wie auch unsere Liebe oder der Genuss der Beziehung der Liebe, die wir zu dem Herrn Jesus haben (vgl. 1. Joh 4,21 – 5,2). Ist das nicht das Heilmittel in Bezug auf den Mangel an Liebe untereinander, den wir so oft empfinden und beklagen? Leben wir bewusster im Genuss der Liebe des Herrn Jesus, lassen wir uns mehr dadurch prägen, dass wir uns in dieser Sphäre seiner Liebe aufhalten – und es wird uns leichter fallen, auch in der Praxis unseres Miteinanders einander zu lieben.
Die Aufforderung, in seiner Liebe zu bleiben, gilt uns – der Herr Jesus braucht diese Aufforderung nicht. Seine Liebe zu uns ist unveränderlich, aber unser Genuss an seiner Liebe kann sich verändern. Wir können leider unsere erste, unsere beste Liebe verlassen (Off 2,4). Wir können uns aus dem Bereich entfernen, wo wir seine Liebe genießen. Der Herr Jesus wird in seiner Liebe zu uns nie nachlassen. Sie ist immer völlig gleich, die wärmenden Strahlen seiner Liebe leuchten immer mit der gleichen Intensität, und das macht uns glücklich. Aber die Frage ist, ob wir uns immer diesen wärmenden Strahlen seiner Liebe aussetzen, ob wir bleiben in seiner Liebe oder ob wir das nicht tun. Die Jünger hatten ununterbrochen die Liebe des Herrn erlebt – in seinem Dienst an ihnen, in seinen Warnungen, in seinen Gebeten für sie und in seiner Fürsorge. Sie konnten am einfachsten in seiner Liebe bleiben, indem sie bei Ihm blieben. Nur kurze Zeit später erlebte Petrus leider, wie man nicht in seiner Liebe bleibt: Er ging dahin, wo der Herr Jesus nicht war, an das Kohlenfeuer im Hof des Hohenpriesters. In seiner Liebe zu bleiben heißt, bei Ihm zu bleiben.
Wenn unser Genuss an dieser Liebe nachlässt oder erkaltet, dann kann es sein, dass der Herr übende Umstände in unserem Leben zulässt, um diese Zuneigung zu Ihm wieder zu wecken. Es kann sein, dass Er uns Wunden zufügt, aber das ist ein Beweis seiner Treue und Liebe zu uns (vgl. Spr 27,6). Als die Braut im Hohenlied nicht sofort bereit war, auf das Anklopfen des Bräutigams zu reagieren, war dieser weitergegangen; und als sie dann doch noch aufstand und ihn in der Stadt suchte, fanden sie die Wächter der Stadt und verwundeten sie (Hld 5,2–7). So kann es sein, dass der Herr Dinge in unserem Leben zulässt, die uns wehtun, weil Er unsere Zuneigung zu Ihm wieder wecken möchte. Er hat ein großes Interesse an der Qualität oder Temperatur unserer Zuneigung zu Ihm.
Wir bleiben auch dadurch in dem Genuss seiner Liebe, dass wir uns kontinuierlich mit dieser Liebe beschäftigen. Dass wir nicht nur am Sonntag beim Brotbrechen seine Liebe vor uns haben, sondern täglich ganz bewusst Bibelstellen lesen, die seine Liebe beschreiben und vorstellen und uns beeindrucken. Das wird dann wie von selbst dazu führen, dass wir gehorsam bleiben, damit nichts den Genuss dieser Liebe unterbricht.
„Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe“ (V. 10).
Der gewohnheitsmäßige Genuss dieser Liebe des Herrn zu mir bewirkt auch Vertrauen zu dem, der mich so liebt. Wenn ich in dieser Liebe ruhe und sie genieße, dann habe ich ein volles Vertrauen zu dem, der mich so liebt. Dann bin ich auch überzeugt, dass das, was sein Wille für mich ist, gut ist, dass es nichts Besseres für mich gibt, als das, was Er mir als sein Gebot sagt. In Vers 7 hatte Er von seinen Worten gesprochen und hier sagt er jetzt „meine Gebote“. Damit wird der Aspekt verbunden, dass seine Worte Autorität haben, und diese Autorität soll gern von mir anerkannt werden. Seine Gebote sind Willensbekundungen, die verbindlich sind. Und es wird genau mein Interesse sein, sie zu tun, weil sie von dem kommen, der mich so liebt.
Dann stellt sich der Herr Jesus selbst als das vollkommene Vorbild vor. Er erwartet nichts von uns, was Er nicht selbst in Perfektion vorgelebt hat! Er zeigt uns seinen Gehorsam; Er zeigt uns, wie Er die Gebote seines Vaters gehalten hat und in seiner Liebe geblieben ist. Es war seine Speise, den Willen dessen zu tun, der Ihn gesandt hatte (Joh 4,34); sein Wohlgefallen zu tun, war seine Lust (Ps 40,9). Es war vollkommener Gehorsam und vollkommene Freude für Ihn, den Willen des Vaters zu tun. In seinem Herzen kannte Er gar nichts anderes, als in aller Freiwilligkeit und mit größter Freude den Willen seines Vaters als verbindlich für sich anzunehmen (vgl. Joh 12,49).
Seine Gebote zu halten führt uns nicht in eine neue Form von Gesetzlichkeit, wie die Jünger es aus dem Judentum kannten. Sie werden ja gerade in diesen Kapiteln aus dem Judentum herausgeführt und in ein völlig neues System hineingeführt, in völlig neue Beziehungen. In diesem neuen System, der christlichen Haushaltung, ist das Halten seiner Gebote im Höchstmaß christliche Freiheit. Jakobus spricht davon als dem vollkommenen „Gesetz der Freiheit“ (Jak 1,25; 2,12). Das hat gar nichts mit Gesetzlichkeit im alttestamentlichen Sinn zu tun, sondern es ist die Freiheit des Herzens, nur daran Freude zu finden und das tun zu wollen, was der Wille Gottes ist. Ein frei gemachtes Herz, das in der Liebe des Herrn Jesus ruht, will gar nichts anderes als das, was der Jesus sagt, als verbindlich für sich akzeptieren. Und wir können dankbar sein, dass wir eine neue Natur besitzen, die gar nichts anderes möchte, als nur zu gehorchen. Deshalb sind seine Gebote auch nicht schwer für uns (1. Joh 5,3).
„Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude völlig werde“ (V. 11).
Dieser Vers zeigt uns eine zweifache Freude. Ähnlich hat sich der Herr Jesus auch in Bezug auf den Frieden ausgedrückt, wenn Er in Johannes 14,27 sagt: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (vgl. auch Joh 20,19.21). Wir können in diesem Zusammenhang auch an die zweifache Ruhe denken, von der der Herr Jesus in Matthäus 11,28.29 spricht. Zwei Arten von Frieden, zwei Arten von Ruhe und hier jetzt zwei Arten von Freude – seine Freude und unsere Freude.
Die Freude des Herrn war es, ununterbrochen die Gebote des Vaters zu halten, nur das zu tun, was Ihm wohlgefällig war. Und eine solche Freude kann jetzt auch uns erfüllen, wenn wir das tun, was dem Willen Gottes entspricht. Völlige Freude also durch Gehorsam. Auf dem Weg des Gehorsams über diese Erde scheint unentwegt die Liebe Gottes.
Johannes schreibt an mehreren Stellen von der völligen Freude, die wir schon hier auf der Erde genießen können:
- Johannes 15,11: völlige Freude durch Gehorsam aus Liebe gegen die Gebote des Herrn
- Johannes 16,24: völlige Freude durch den neuen Zugang zu dem Vater ohne einen Mittler
- Johannes 17,13: völlige Freude durch den Glauben und das Genießen der Tatsache, dass der Herr Jesus jetzt verherrlicht bei dem Vater ist
- 1. Johannes 1,4: völlige Freude in der Gemeinschaft mit den Personen der Gottheit
- 2. Johannes 12: völlige Freude in der Gemeinschaft untereinander
In Johannes 14,21 hatte der Herr Jesus es so vorgestellt, dass unser Gehorsam gegenüber seinen Geboten der Beweis unserer Liebe zu Ihm ist. Hier zeigt Er, dass fehlender Gehorsam bei uns ein Hindernis für den Genuss seiner Liebe ist. Wenn wir aber in diesem Gehorsam leben, dann werden auch die Umstände unseres Lebens diese völlige Freude nicht auslöschen. Der Herr Jesus hatte in bedrückenden Umständen, als Er völlig abgelehnt und verworfen wurde, im Geist frohlockt und den Vater gepriesen (Lk 10,21; vgl. Mt 11,25). Und doch kann es Dinge in unserem Leben geben, die uns diese völlige Freude rauben. Wenn Sünde vorkommt, können wir diese Freude so lange nicht genießen, bis wir die Sünde bekennen. Sorgen können uns diese Freude verdunkeln, und wir müssen sie auf den werfen, der besorgt ist für uns (1. Pet 5,7), um wieder diesen Genuss zu haben. Wenn wir also in dieser Liebe leben, wenn wir in diesem Gehorsam leben, dann wird die Freude unabhängig von den Lebensumständen auch das prägende Merkmal von uns sein und bei uns zu einem Vollmaß kommen.
„Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe“ (V. 12).
In diesem Vers steht jetzt die dritte Beziehung der Liebe in diesem Abschnitt vor uns. In Vers 9 sahen wir die Liebe des Vaters zum Herrn Jesus als Mensch auf der Erde sowie die Liebe des Herrn Jesus zu seinen Jüngern. Hier haben wir jetzt als Drittes die Liebe der Jünger untereinander. Interessant ist dabei, dass der Maßstab der Liebe in den jeweiligen Beziehungen immer ein Rückbezug auf die vorher genannte Beziehung der Liebe ist. Der Herr Jesus liebt uns, wie der Vater Ihn als Mensch auf der Erde geliebt hat (Vers 9); und wir sollen einander lieben, wie der Herr Jesus uns liebt (Vers 12).
Die Aufforderung in diesem Vers, die ja in Vers 17 mit ganz ähnlichen Worten noch einmal wiederholt wird, ist sehr inhaltsreich und der zentrale Punkt in diesem Abschnitt. Es ist das Gebot unseres Herrn, seine mit Autorität ausgedrückte verbindliche Willenserklärung, dass wir einander lieben sollen. Es ist keine Option oder eine Empfehlung, sondern ein Gebot! Und wir müssen bei diesem Gebot zur Liebe untereinander auch bedenken, dass es dabei nicht um menschliche Sympathie geht, sondern um diese Art von Liebe, die liebt, weil sie Liebe ist. Wir empfinden dabei sicher alle, dass es einfacher ist, über diese Aufforderung etwas zu sagen, als sie zu praktizieren.
Wenn es um den Ursprung dieser Liebe geht, mit der wir uns lieben sollen, dann ist es eine göttliche Liebe. Wir können sie nur praktizieren, wenn wir die Liebe unseres Herrn genießen. Es ist die Frucht, die daraus hervorgeht, dass wir in enger Verbindung mit dem Weinstock bleiben. Auch bei der durch den Heiligen Geist in unserem Leben bewirkten Frucht steht die Liebe an erster Stelle (Gal 5,22). Die Grundvoraussetzung dafür, einander lieben zu können, ist, dass wir in dem Herrn Jesus und in seiner Liebe bleiben. Wenn die vertikale Beziehung zu unserem Herrn nicht stimmt, dann werden auch die horizontalen Beziehungen untereinander nicht stimmen. Wenn wir mangelnde Liebe untereinander beklagen, liegt mit großer Sicherheit die Ursache darin, dass es mit unserer Beziehung zu unserem Herrn nicht stimmt – die Qualität der vertikalen Beziehung bestimmt die Qualität der horizontalen Beziehung.
Der Maßstab unserer Liebe untereinander ist die Liebe des Herrn Jesus zu uns. Diese Liebe unseres Herrn ist eine dienende, selbstlose, vergebende, geduldige Liebe, die bis zum Äußersten gegangen ist. Es ist wirkliche Hingabe. Lieben bedeutet ja geben oder hingeben. Die Liebe Gottes zeigt sich in der Hingabe seines Sohnes, und die Liebe des Herrn Jesus äußert sich in seiner Hingabe für andere.
Der Charakter dieser Liebe äußert sich nicht in Worten, sondern in Taten. Wir reden gern über Liebe, und es ist auch nicht verkehrt, sich darüber auszutauschen; aber der eigentliche Charakter dieser Liebe ist „in Tat und Wahrheit“ (1. Joh 3,18).
Der Rahmen der Liebe, von der der Herr Jesus hier spricht, ist die Familie des Glaubens. Natürlich soll uns auch die Güte und die Menschenliebe kennzeichnen, die Gott selbst als Heiland-Gott hat (Tit 3,4), und uns anspornen, ungläubige Menschen mit dem Evangelium vertraut zu machen; aber hier geht es um die Liebe innerhalb der Familie Gottes, wir sollen unsere Glaubensgeschwister lieben.
Im Blick auf die Grundlage dieser Liebe müssen wir unbedingt beachten, dass sie nie losgelöst ist von Wahrheit: „Sie freut sich mit der Wahrheit“ (1. Kor 13,6). Wir können einander nicht lieben auf Kosten der Wahrheit oder des Gehorsams gegenüber den offenbarten Gedanken Gottes. Liebe und Wahrheit, Liebe und Gehorsam gehören untrennbar zusammen. Wenn wir lieben, ohne zu gehorchen, wenn wir lieben, ohne die Wahrheit im Auge zu behalten, dann wird unsere Liebe sentimental und unnüchtern, und das möchte Gott nicht. Umgekehrt gilt auch, dass Wahrheit ohne Liebe wie kaltes Licht ist und die Herzen hart macht. Leider neigen wir oft dazu, auf der einen oder auf der anderen Seite einen Schwerpunkt zu setzen, und es fällt uns nicht leicht, dieses Gleichmaß zu bewahren. Aber Wahrheit und Liebe sind untrennbar miteinander verbunden. Der zweite und der dritte Johannesbrief machen das sehr deutlich.
Die Erweisung der Liebe kann sich in der Art also durchaus unterscheiden, wird aber immer an dem Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes gemessen (1. Joh 5,2). Wenn ich meinen Bruder wirklich liebe, dann muss ich auch bereit sein, ihm in Liebe Gottes Gedanken vorzustellen, wenn er dem Wort Gottes nicht gehorsam ist, auch wenn es ihm wehtut. Vielleicht scheuen wir davor zurück, wenn wir denken, dass er eine höhere soziale oder geistliche Position hat als wir. Paulus hat Petrus sogar öffentlich widerstanden, als dieser mit Barnabas in Heuchelei gefallen war (Gal 2,11–14), aber er hat diese Brüder trotzdem geliebt. Das hatte nichts zu tun mit Neid, Eifersucht oder persönlichem Angriff, sondern es war ein Beweis echter brüderlicher Liebe. Wir lernen aus 2. Petrus 3,15, dass Petrus ihm das nicht nachgetragen hat. Er spricht dort von unserem geliebten Bruder Paulus. Wir wollen uns einmal fragen, ob wir solche brüderlichen Beziehungen haben, die einen solchen Test für die Echtheit unserer Liebe aushalten würden. Eine wirkliche brüderliche Freundschaft würde nicht daran zerbrechen, sondern sie würde im Gegenteil noch vertieft werden.
Der Herr Jesus verbindet dieses Gebot mit seiner eigenen Liebe zu seinen Jüngern. Das hilft uns, diese Liebe besser zu verstehen in ihrem Charakter und in ihrer Ausgewogenheit. Es ist die Liebe, die Er zu seinen Jüngern hatte während der ganzen Zeit, wo Er mit ihnen gegangen war. Das zeigt auch die Beständigkeit seiner Liebe. Wenn wir in den Evangelien anschauen, wie der Herr seine Jünger geliebt hat während der drei Jahre, in denen Er bei ihnen war, hilft uns das, unsere Mitgeschwister in der rechten Art und Weise zu lieben:
- Markus 4,34: „Ohne Gleichnis aber redete er nicht zu ihnen; seinen eigenen Jüngern aber erklärte er alles besonders.“ Es ist ein Ausdruck der Liebe des Herrn Jesus, dass Er seinen Jüngern das, was Er sie gelehrt hatte, noch einmal besonders erklärt hat. Er hat sich Zeit genommen, seinen Jüngern die Wahrheit zu erläutern.
- Markus 6,48: „Und als er sie beim Rudern Not leiden sah – denn der Wind war ihnen entgegen –, kommt er um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und er wollte an ihnen vorübergehen.“ Auch darin sehen wir die tätige Liebe des Herrn zu seinen Jüngern. Er sieht ihre Not, und Er kommt zu ihnen in dieser Not. Ein Beispiel für uns, wie wir unsere Geschwister in Tat und Wahrheit lieben können.
- Markus 8,33: „Er aber wandte sich um, und als er seine Jünger sah, tadelte er Petrus, und er sagt: Geh hinter mich, Satan! Denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist.“ Es ist die Liebe des Herrn Jesus zu Petrus, in der Er ihn korrigieren und zurechtweisen muss.
- Markus 9,19: „Er aber antwortet ihnen und spricht: O ungläubiges Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen?“ Hier sehen wir die Liebe des Herrn Jesus, wie Er sie trotz ihres Versagens weiter erträgt.
- Markus 10,38: „Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?“ Der Herr Jesus hatte über seinen Weg nach Golgatha gesprochen und von seinen Leiden, die Er auf diesem Weg erdulden würde. Und dann kommen Johannes und Jakobus zu Ihm und wollen die besten Plätze in seinem Reich neben Ihm haben. Aber die tätige Liebe des Herrn gibt seine Jünger nicht auf, auch wenn Er sie hier korrigieren muss.
- Markus 14,37: „Und er kommt und findet sie schlafend; und er spricht zu Petrus: Simon, schläfst du?“ Wie milde geht der Herr mit seinem Jünger um, der so beteuert hat, was er alles für seinen Herrn tun wollte – und doch gerade jetzt eingeschlafen war. Ein weiteres Beispiel für tätige Liebe des Herrn in Milde zu seinem Jünger.
- Lukas 22,27: „Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.“ Liebe dient gern, freiwillig, selbstlos, ohne einen Gewinn, eine Gegenleistung oder einen Lohn für sich zu erwarten. Das hat der Herr Jesus im Höchstmaß vorgelebt.
- Lukas 22,28: „Ihr aber seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen.“ Wir wissen, wie viele Fehler die Jünger hatten, wie sie sich vor diesem Weg nach Jerusalem und nach Golgatha gefürchtet hatten. Aber die Liebe des Herrn übersieht diese Schwachheit der Jünger, weil Er wusste, dass ihr Herz trotzdem an Ihm hing. So geht der Herr mit Schwachheiten um, aber Er übersieht nicht böse Entwicklungen oder Sünden. Liebe kann Sünden nicht einfach „unter den Tisch kehren“.
Wir sehen in diesen Beispielen, dass die volle Definition von Liebe sich nicht in angenehmen Gefühlen füreinander erschöpft, sondern dass Liebe tatsächlich eine bewusste Willensentscheidung für das Wohl des anderen ist. Die Aufforderung des Herrn Jesus an uns ist, das, was mir zur Verfügung steht, zum geistlichen Wohlergehen des anderen einzusetzen.
Das Ergebnis dieser gegenseitigen Erweisung von Liebe wird Frieden untereinander sein. Und so haben wir in diesen Versen die gleiche Linie, die uns auch bei der Frucht des Geistes in Galater 5,22 vorgestellt wird: Liebe – Freude – Frieden. Und wenn Friede untereinander da ist, dann wird der Heilige Geist auch Wachstum in der Versammlung bewirken, das zeigt uns Apostelgeschichte 9,31.
„Größere Liebe hat niemand als diese, dass jemand sein Leben lässt für seine Freunde“ (V. 13).
Hier haben wir den höchsten Ausdruck der Liebe des Herrn Jesus zu seinen Jüngern: Er würde sein Leben für sie lassen. Das zeigt uns, dass wir sein Gebot, einander zu lieben, einerseits mit diesen Beispielen tätiger Liebe aus den drei Jahren, wo er mit ihnen gegangen war, verbinden dürfen, andererseits aber auch mit dem höchsten Ausdruck seiner Liebe, in der Er sein Leben für sie gab. Denken wir daran, dass Er das, was Er hier sagt, keinen Tag später ganz real getan hat!
Er spricht in diesem Vers übrigens überhaupt nicht von seinen sühnenden Leiden, denn darin können wir Ihm niemals nachfolgen und Gottes Wort würde uns als Glaubensgeschwister darin auch niemals eine moralische Verpflichtung auferlegen. Aber wir lesen in 1. Johannes 3,16: „Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.“ Das bedeutet maximale Selbstaufgabe, denn mehr als das Leben haben wir nicht, mehr können wir nicht geben. Priska und Aquila waren dazu bereit: Sie haben für den Apostel Paulus „ihren eigenen Hals preisgegeben“ (Röm 16,3.4). Sie mussten nicht tatsächlich für ihn sterben, aber sie waren bereit dazu – was für ein Beispiel.
Der Heilige Geist sagt hier, dass wir dazu schuldig sind – das lässt uns ziemlich still werden. Aber Er sagt einen Vers später auch noch, dass es auch viele andere, kleinere Möglichkeiten gibt, unsere tätige Liebe zu den Glaubensgeschwistern zu beweisen. Oder verschließen wir unser Herz, wenn wir den Bruder Mangel leiden sehen? Das Herz zu verschließen bedeutet, dass man nicht bereit ist, dem Nächsten gegenüber Liebe zu erweisen. Unser Herr hat nie sein Herz vor den Jüngern verschlossen, auch wenn Er ihren Streit untereinander miterlebt hat oder sie Ihn menschlich gesprochen enttäuscht haben.
Manchmal wird zu diesem Vers gesagt, dass der Herr doch noch größere Liebe gehabt hat, weil Er ja sein Leben sogar für seine Feinde gelassen hat. Es ist richtig, dass der Herr Jesus auch für seine Feinde gestorben ist; Er ist, „da wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben“ (Röm 5,6). Aber darum geht es hier in diesem Vers nicht. Hier geht es darum, dass der Herr Jesus seine Jünger dadurch adelt, dass Er sie seine Freunde nennt (Vers 14), es geht um Liebe in einer bestehenden Beziehung; und Er sagt mit diesen Worten: „Man kann seinen Freunden gegenüber seine Liebe nicht höher unter Beweis stellen, als dass man sein Leben für sie lässt; das ist der größte Beweis meiner Liebe zu euch.“
Wir haben in diesem Vers also gewissermaßen den Endpunkt der Liebe füreinander vor uns: die Schuldigkeit, das Leben für die Glaubensgeschwister darzulegen. Aber wir sollten uns auch mal die Frage erlauben, wo es eigentlich anfängt mit diesem Gebot, einander zu lieben! Wo fängt die Liebe an? Ist es nicht so, dass wir überhaupt erst einmal ein Interesse für den anderen haben müssen? Und dann haben wir das gesamte Spektrum, das zwischen dem Interesse füreinander und der maximalen Selbstaufgabe liegt, mit ihren unendlich vielen Betätigungsmöglichkeiten, einander Liebe zu erweisen. Haben wir da nicht alle schon viel versagt? Fällt es uns nicht schwer, den anderen zu lieben, wenn vielleicht wenig Sympathie vorhanden ist und wir uns menschlich gesprochen von ihm nicht angezogen fühlen? Aber Kinder Gottes sollen einander lieben, egal in welcher irdischen, zwischenmenschlichen Beziehung sie zueinander stehen.
Dabei ist es wichtig, dass wir uns nicht nur in den Zusammenkünften als Versammlung sehen und einander begegnen. Wir müssen einander kennen, um zu wissen, wie und wo wir Liebe erweisen können. Es ist ein Problem unserer Tage, dass wir immer weniger praktische Gemeinschaft auch außerhalb der Zusammenkünfte haben, dass wir uns nur noch wenig untereinander besuchen. Dadurch nimmt auch das Vertrauen zueinander ab, und wir verlieren die Freimütigkeit, uns auch mal Fragen nach dem aktuellen Ergehen zu stellen. 5. Mose 22,1–4 schildert einige Schadensfälle, die einer der Brüder aus dem Volk Gottes erlitten hat; und da heißt es immer wieder ganz persönlich für mich: „Du kannst/sollst dich nicht entziehen“ (Verse 1.3.4). Dazu ist wichtig, dass wir die Umstände und die Übungen unserer Glaubensgeschwister kennen; nicht, weil wir alles wissen oder uns um alles kümmern wollen, sondern weil wir uns ihren Umständen nicht entziehen wollen, weil wir unser Herz vor ihnen nicht verschließen wollen (1. Joh 3,17). Wir werden dann auch viel intensiver für sie beten können, wenn wir ihre Umstände kennen.
In Johannes 13,34 hatte der Herr Jesus schon einmal im Zusammenhang mit der Fußwaschung von diesem Gebot für seine Jünger, einander zu lieben, gesprochen. Er hatte da anhand seines eigenen Beispiels gezeigt, was es heißt, einander zu lieben, nämlich bereit zu sein, auch diesen niedrigen Dienst aneinander zu tun und darin das Wohl des anderen zu suchen. Diese Liebe ist also selbstlos, sie sucht nichts für sich selbst, sondern nur für den anderen.
Diese Liebe ist auch nicht abhängig von einem positiven Ergebnis meiner Bemühungen. Und sie hat auch keine Grenze, sie hört nie auf, sie geht bis zum Äußersten, ohne sich je zu erschöpfen (vgl. Joh 13,1). Diese Liebe ist auch unterschiedslos: Der Herr Jesus hat keinen Unterschied gemacht in seiner Liebe zu den einzelnen Jüngern. Die konkrete Ausdrucksform der Liebe kann sich jeweils entsprechend der Umstände ändern, aber die Liebe als solche ist unterschiedslos. Und das zeigt weiter, dass diese Liebe auch höchstpersönlich ist, nicht pauschal, sondern zu jedem der Glaubensgeschwister ganz persönlich.
„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete“ (V. 14).
Mit diesen Worten meint der Herr Jesus nicht, dass wir etwas tun müssten, um seine Freunde zu werden oder zu bleiben. Freunde werden u.a. daran erkannt, dass sie gleiche Charakterzüge tragen. Durch das Halten seiner Gebote zeigen wir seinen Charakter. Und durch das Halten seiner Gebote können wir seine Freundschaft genießen.
Abraham wird dreimal im Wort Gottes „Freund Gottes“ genannt (2. Chr 20,7; Jes 41,8; Jak 2,23), und die Begründung für dieses besondere Vertrauensverhältnis in 1. Mose 18,16–19 zeigt uns den gleichen Zusammenhang, wie der Herr ihn hier in diesem Abschnitt vorstellt: Die Kenntnis der Gedanken Gottes setzt voraus, dass wir auch bereit sind, ihnen Gehorsam zu leisten. Es ist also einerseits ein großes Vorrecht, das aber auch andererseits eine hohe Verantwortung mit sich bringt. Auch mit Mose redete Gott „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet“ (2. Mo 33,11). Und da sehen wir interessanterweise den Zusammenhang, dass Mose noch kurz zuvor bereit gewesen war, aus dem Buch Gottes ausgelöscht zu werden, wenn dadurch das Volk Gottes nicht vertilgt werden würde (2. Mo 32,32). Er war bereit, sein Leben für seine Brüder darzulegen. Und er hatte sich auch von dem Bösen inmitten des Lagers Israels abgesondert und sein Zelt außerhalb des Lagers aufgeschlagen (2. Mo 33,7).
Was für ein ermunternder Gedanke, dass der Herr Jesus die Jünger schon als seine Freunde angesehen hat, als Er im Begriff stand, sein Leben hinzugeben. Er nennt uns seine Freunde; wie sehr lässt Er sich darin zu uns herab! Das macht uns einfach glücklich, und der nächste Vers zeigt, was für ein gewaltiger Segen damit verbunden ist. Aber wir werden den Herrn Jesus nie unseren Freund nennen, wir drehen diese Aussage nicht einfach um und ziehen Ihn damit auf unser Niveau herab. Es gebietet einfach unsere Hochachtung vor dieser erhabenen Person, dass wir sie nicht irgendwie durch niedrige oder flache Empfindungen unsererseits entwürdigen. Vertrautheit kann schnell zu einem Mangel an Ehrfurcht führen.
Wir haben gesehen, dass wir uns diese Freundschaft nicht irgendwie erarbeiten müssen; der Herr knüpft sie nicht an irgendwelche Bedingungen. Und doch zeigt uns das Wort auch, dass es gewisse Ausschlusskriterien gibt. Jakobus sagt: „Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes“ (Jak 4,4). Das bedeutet, dass Freundschaft mit der Welt Freundschaft mit Gott ausschließt. Das sehen wir auch ganz deutlich im Zusammenhang mit der eben aus 1. Mose 18 erwähnten Szene bei Abraham. Er lebte abgesondert von der Welt in Gemeinschaft mit Gott, und Gott konnte ihn besuchen und seine vertrauten Mitteilungen machen. Aber zu seinem Neffen Lot kommt Gott gar nicht persönlich, sondern es wurden nur zwei Engel zu ihm gesandt. Sie erläuterten ihm auch nicht die Pläne Gottes, sondern forderten ihn nur auf, sich zu retten und diese Stadt zu verlassen. Lot war ein Freund der Welt und saß im Tor Sodoms – das schloss die Freundschaft mit Gott aus.
„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört habe, euch kundgetan habe“ (V. 15).
Hier kommt ein weiterer Aspekt dieser Beziehung als seine Freunde vor uns, und das ist Vertrauen. Es ist gewissermaßen ein wechselseitiges Vertrauen: Der eine Freund hat Vertrauen, dass er dem anderen alles sagen kann, und der andere Freund hat Interesse für diese Mitteilungen. Dass der Herr den Jüngern rückhaltlos alles gesagt hat, nicht nur das, was sie in dem Moment verstehen konnten, zeigt auch die Größe seiner Liebe zu ihnen. Gegenüber einem Freund ist die Liebe vollständig.
Wir finden in diesem Abschnitt das vierte Kennzeichen dieser Gemeinschaft mit seinen Jüngern, die der Herr hier beschreibt:
- sie sind von Ihm geliebt (Vers 9)
- sie haben völlige Freude (Vers 11)
- sie haben gegenseitige Liebe (Vers 12)
- sie genießen sein Vertrauen (Vers 15)
Der Herr verdeutlicht dann den großen Vorzug des besonderen Vertrauens, das damit verbunden ist, dass Er die Jünger Seine Freunde nennt, mit dem Vergleich zu einem Knecht. Das erinnert ein wenig an David und Jonathan in 1. Samuel 20. Dort hatte Jonathan seinem Freund David genau erläutert, was es mit dem Abschießen der Pfeile auf sich hatte, was der geheime Code in dem Auftrag an den Knecht zu bedeuten hatte – aber seinem Knecht hatte er nur gesagt, was dieser tun musste, um seine Aufgabe zu erfüllen. „Das Geheimnis [die vertraute Mitteilung] des HERRN ist für die, die ihn fürchten“ (Ps 25,14).
Natürlich sind wir in einem anderen Zusammenhang auch die Knechte des Herrn; dieses Bild wendet der Herr ja in Vers 20 auch auf die Jünger an, und es ist etwas Großartiges, dass wir Knechte des Herrn sein dürfen. Aber hier haben wir die erhabenere Seite, dass der Herr sich herablässt, uns als seinen Freunden vertraute Mitteilungen zu machen. Und beachten wir das kleine Wörtchen „alles“: Der Herr Jesus hat uns, seinen Freunden, alles kundgetan, was Er von seinem Vater gehört hatte. Er hat nichts zurückgehalten und uns vollumfängliche Mitteilungen von ganz erhabenen ewigen Gedanken gemacht.
Wenn jemand seinem Freund vertraute Mitteilungen macht, dann tut er das ja, weil er davon ausgeht, dass sich dieser Freund auch dafür interessiert. Und der Herr Jesus hat uns „alles“ mitgeteilt; da sind auch Themen dabei, die uns persönlich gar nicht betreffen, z.B. seine Gerichtswege mit dieser Erde in der Drangsalszeit. Wir denken vielleicht manchmal, dass uns das nicht betrifft, weil wir dann ja schon in der Herrlichkeit des Himmels sein werden, und dass wir uns deshalb auch nicht damit beschäftigen müssen. Aber der Herr hat uns auch das mitgeteilt, weil das der Weg ist, auf dem Er auf dieser Erde zu Ehre und Herrlichkeit kommen wird; deshalb sollten wir uns auch dafür interessieren. Wenn Er unser Herz erfüllt, wird uns auch alles interessieren, was mit seiner Herrlichkeit zu tun hat.
Kundtun bedeutet so viel wie offenbaren. Was der Herr Jesus seinen Jüngern gesagt hat, war nicht nur eine Erläuterung von Dingen aus dem Alten Testament, sondern Er hatte ihnen ganz neue Dinge gesagt. Mehrmals in diesem Evangelium spricht der Herr auf eine solche Weise. In Johannes 3,11 sagt Er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben“, und später in Vers 32 sagt Johannes der Täufer über Ihn: „Was er gesehen und gehört hat, dieses bezeugt er“. In Johannes 8,26 sagt der Herr: „Was ich von ihm [dem Vater] gehört habe, das rede ich zu der Welt“; in Vers 28: „Wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich“; und in Vers 38: „Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe“. Es ist auffallend, dass in jedem der drei großen Teile des Johannes-Evangeliums (Kap 3–7: Leben, Kap 8–12: Licht, Kap 13–17: Liebe) derartige Aussagen des Herrn Jesus stehen. Wir können daraus schließen, dass Er gerade auch diese Themen-Schwerpunkte den Jüngern kundtun wollte. Später, in Johannes 17,26, sagt Er dann in seinem Gebet an den Vater: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.“ Damit deutet Er an, dass nach seiner Rückkehr zu dem Vater und dem Herabkommen des Heiligen Geistes diese ganzen Offenbarungen noch vertieft werden würden.
Frage: Ist das Wörtchen „alles“ in diesem Vers tatsächlich absolut zu verstehen? Wie verhält es sich dann mit den Worten des Herrn in Johannes 16,12: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“? War es denn nicht ein Beweis der Liebe des Herrn, dass Er sie zu dem damaligen Zeitpunkt, als sie den Heiligen Geist noch nicht in sich wohnend besaßen, nicht mit Dingen überforderte, die sie noch gar nicht verstehen konnten?
Antwort: Das Kapitel 15 zeigt uns die Beziehung der Jünger zu ihrem Herrn, in der sie auf der Erde die Verantwortung haben, erstens Frucht zu bringen und zweitens einander zu lieben. Das wird in den Versen 16 und 17 durch den Herrn zusammengefasst. Er hat ihnen in diesem Abschnitt alles mitgeteilt, was sie wissen müssen, um dieser Verantwortung entsprechen zu können. Aber sie sind nicht nur seine Jünger, sie sind auch seine Freunde. Deshalb hat Er ihnen auch alles mitgeteilt, was Er von seinem Vater gehört hat. So können wir sagen, dass dieses „alles“ das umfasst, was der Herr Jesus seinen Jüngern in diesem Johannesevangelium über seine Beziehung zu dem Vater gesagt hat; und das geht über das hinaus, was sie nötig haben, um ihrer Verantwortung als Jünger zu entsprechen. Er teilt ihnen als seinen Freunden im Vertrauen auch das mit, was in seinem Herzen ist und was den Vater betrifft.
„Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe, damit, um was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe. Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebet“ (V. 16.17).
Wir hatten schon betont, dass wir unsererseits nie den Herrn Jesus auf unser Niveau herabwürdigen und Ihn unseren Freund nennen wollen. Hier in diesem Vers stellt Er noch einen bedeutenden Unterschied zwischen uns und Ihm heraus: nicht wir haben Ihn auserwählt, sondern Er hat uns auserwählt. Dabei geht es nicht um unsere ewige Auserwählung vor Grundlegung der Welt durch Gott, den Vater (Eph 1,3.4). Wenn der Herr Jesus für etwas auserwählt, dann geht es immer um einen Dienst auf der Erde; das haben wir schon zweimal in diesem Evangelium gefunden (Joh 6,70; 13,18). Gewaltige Gnade, dass der Herr Jesus uns seine Freunde nennt und uns auserwählt hat. Und doch behalten wir den gebührenden Respekt vor ihm. Er hat auserwählt, Er hat den Vorrang vor allen.
Es war ja unter den Juden damaliger Zeit durchaus üblich, dass Rabbis ihre Schüler oder Jünger hatten. Und normalerweise entschieden die Jünger selbst, einem Rabbi nachzufolgen, solange ihnen dieser Rabbi zusagte und gefiel. Aber hier war es anders. Nicht die Jünger hatten sich entschieden, dem Herrn Jesus nachzufolgen, sondern der Herr Jesus hatte sie ausdrücklich berufen und auserwählt. Und diese Auserwählung des Herrn hat bestimmte Ziele im Blick auf die Jünger. In Markus 3,14 heißt es, dass der Herr die zwölf Jünger bestellte, „damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende“. Das ist auch ein Ziel der Auswahl des Herrn Jesus. Hier in diesem Vers stellt der Herr ein weiteres Ziel Seiner Auserwählung vor: „dass ihr hingehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe“.
Damit kommen wir wieder zu dem Thema Frucht aus dem ersten Abschnitt des Kapitels, und der Herr fügt jetzt einen weiteren Aspekt hinzu. Wir hatten von „Frucht“ gehört (Vers 2), von „mehr Frucht“ (Vers 2), von „viel Frucht“ (Vers 8), und jetzt spricht Er von „bleibender Frucht“. Das meint Frucht, die in ihren Ergebnissen nicht verloren geht.
Der Herr Jesus spricht aber auch davon, dass wir hingehen sollen, um diese bleibende Frucht zu bringen. Das meint unseren Alltag, nicht nur Konferenzen oder Zusammenkünfte, sondern das alltägliche Leben, in das wir gestellt sind. Wir sollen diese bleibende Frucht, diese Wesenszüge des Herrn Jesus, in unseren Familien bringen, in unserem Beruf, im geschwisterlichen Miteinander – da gehen wir hin und bringen Frucht.
Auswahl ist immer eine Handlung der Gnade. Der Herr hatte die Jünger auserwählt, es war von Ihm ausgegangen. Er sagt ihnen das, um ihnen eine Hilfe zu geben im Blick auf ihre Verantwortung. Er hatte sie auserwählt und ihnen alles gegeben, damit sie hingehen und bleibende Frucht bringen können. Und dann sagt Er ihnen noch eine weitere Hilfsquelle: Sie können in seinem Namen zu dem Vater beten. Davon hatte Er in Johannes 14,13 schon einmal gesprochen: Es ist diese wunderbare Tatsache, dass wir in der ganzen Vortrefflichkeit und Würde der Person des Sohnes vor den Vater hintreten dürfen und die Bitten vorbringen können, die die Belange und Interessen des Sohnes betreffen. Wenn wir in seinem Namen beten, dann bringen wir genau die Gegenstände vor den Vater, die auch der Sohn vor den Vater bringen würde. Ein solches Gebet hat die Zusage der Erhörung durch den Vater.
In diesen beiden Versen stehen Gnade und Verantwortlichkeit immer nebeneinander. Gnade der Auswahl – Verantwortlichkeit, Frucht zu bringen; das Vorrecht der Gnade des Hinzutretens und im Namen des Herrn Jesus zu beten – Verantwortlichkeit, einander zu lieben.
