Im Verlauf der Heiligen Schrift gibt es, wenn ich so sagen darf, mehrere „Morgenstunden“:

  1. Die Schöpfung war eine davon – aber das versteht sich von selbst. Das war der Tag der Geburt der Werke Gottes – der Morgen der Zeit. Und als in jener Zeit die Grundfesten eingesenkt wurden, „jubelten die Morgensterne miteinander“, wie wir im Buch Hiob lesen (Hiob 38,7).

  2. Der Auszug aus Ägypten war ein weiterer Morgen. Israel wurde damals als Volk geboren oder befand sich in seiner frühesten Kindheit. „Als Israel jung war, da liebte ich es, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“, sagt der Herr durch den Propheten Hosea (Hos 11,1). Das Jahr begann damals von Neuem, als wäre es neu geboren. Der Monat des Auszugs wurde zum Anfang der Monate gemacht. Das Leben aus dem Tod, ein Morgen der Auferstehung, wurde im Lied Moses und der Gemeinde am Ufer des Roten Meeres gefeiert.

  3. Die Geburt des Herrn Jesus war ein weiterer solcher Morgen. Dieses Ereignis ging über der Welt auf wie das Licht des Morgens. Eine sehr lange und trostlose Nacht war ihm vorausgegangen. Israel war in Gefangenschaft und lag im Staub. Es gab keine Zeichen. Die Stimme des letzten Propheten schwieg schon seit Jahrhunderten. Weder Urim noch Thummim noch das Ephod des Priesters überbrachten Antworten von Gott. Keine Herrlichkeit erfüllte den Tempel. Nichts zeichnete die Stadt des Friedens aus, den bevorzugten Sitz Gottes auf Erden, außer hin und wieder die von Engeln bewirkte Bewegung des Wassers von Bethesda. Doch wie der Morgen erweckte die Geburt des Herrn Jesus die Schöpfung; und die Lichter vieler anderer Tage brachen gemeinsam hervor, um zu verkünden, dass die lange, dunkle Nacht endlich einem sehr hellen und frohen Morgen gewichen war. Der Himmel freute sich wie die Söhne Gottes bei der Schöpfung. Engel, einst in Israel so wohlbekannt, tauchten wieder auf. Die Gnade, die in den frühen Tagen der Patriarchen gewirkt hatte, zeigte sich erneut. Verheißungen an Abraham und an David, die die Neugeburt des Volkes und des Reiches vorwegnahmen, werden zitiert und wiederholt. All dies zeigt sich bei diesem großen Anlass, dieser frischen Morgenstunde im Verlauf der Wege Gottes. Und das in Bethlehem geborene Kind wird vom Seher Gottes als „der Aufgang aus der Höhe“, als Sonnenaufgang oder Morgen, begrüßt (siehe Lukas 1,2).

  4. Die Auferstehung des Herrn war ein weiterer Morgen. Sie kam nach der düstersten Nacht, die je über dem Antlitz der Schöpfung lag. Doch es war Licht, und zwar wahres Licht. Es war das Unterpfand, der Vorbote eines ewigen Tages. Es war die Verwandlung des Schattens des Todes in den Morgen. „In der Dämmerung des ersten Tages der Woche“ offenbarte sich dieses große Geheimnis, wie wir in Matthäus 28,1 lesen.

  5. Das Reich Gottes wird ein weiterer Morgen sein. Es wird der Tag nach der Nacht sein, der Tag Christi nach der Nacht der Sünde und des Todes, die Welt Christi nach der Welt der Menschen. „Ein Herrscher unter den Menschen, gerecht, ein Herrscher in Gottesfurcht; und er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: Von ihrem Glanz nach dem Regen sprosst das Grün aus der Erde“ (2. Sam 23,3.4). Dies bezieht sich auf das kommende Reich.

  6. Der neue Himmel und die neue Erde werden ein weiterer Morgen sein. Es wird die Schöpfung bei ihrer zweiten Geburt sein. „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“, sagt der Prophet: „denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen“ (Off 21,1). Es wird die Wohnstätte der Gerechtigkeit genannt, der Ort, an dem „Gott alles in allem sein wird“ (1. Kor 15,28).

Wie schön ist es, Morgen für Morgen so aufgehen zu sehen, während wir durch die Zeitalter schreiten, die in der Heiligen Schrift aufgezeichnet sind.

Doch wir müssen noch einen weiteren Aspekt betrachten: Der Mensch hat Gottes Morgen immer wieder in den Schatten des Todes verwandelt:

  1. Die Schöpfung, die so schön und voller Freude aus Gott hervorgegangen war, wurde schnell in eine Wüste aus Dornen und Disteln verwandelt. Der Boden, der in seiner Morgenstunde Zeuge der Freude des Herrn über ihn und des Segens des Herrn auf ihm gewesen war, wurde verflucht.

  2. Israel, das an den Ufern des Roten Meeres sein Auferstehungslied sang, geriet in die Gefangenschaft Babylons, und das Land der Herrlichkeit blieb verwüstet und öde unter dem Fuß unbeschnittener Unterdrücker zurück.

  3. Die Sonne, die am Morgen von Bethlehem über der Welt als ihr Licht und über Israel als Unterpfand eines neuen Tages aufging, ging in der Nacht von Golgatha unter – denn der Mensch war ein Sünder und lehnte Ihn ab.

  4. Derselbe Jesus, der ein zweites Mal über der Welt und über Israel als das Leben aus den Toten auferstand und uns Licht und Leben in Ewigkeit mitbrachte, muss nun die schwindenden, verblassenden Abendschatten der Christenheit mitansehen, die bald in der Mitternacht der apokalyptischen Gerichte münden werden.

  5. Das Reich, das als Licht eines „Morgens ohne Wolken“ hervorbrechen soll, wird enden in der großen Abtrünnigkeit von Gog und Magog, im Gericht über Tod und Hölle und über alle, die nicht im Buch des Lebens stehen, sowie im Verschwinden von Himmel und Erde vor dem Angesicht dessen, der auf dem großen weißen Thron sitzt.

  6. Den Morgen des neuen Himmels und der neuen Erde jedoch wird Gott für immer in seiner ursprünglichen Schönheit und Frische bewahren. Es wird in ihrer Geschichte keine Abenddämmerung der Verderbtheit und Rebellion des Menschen geben, keine Nacht des Gerichts. Er wird als der eine ewige Tag bestehen bleiben, dessen Sonne niemals untergehen wird.

Was sind das für Szenen, die sich vor unseren Augen abspielen! Der große Gott beginnt immer wieder, seine Fundamente zu legen, wie in der Frische des Morgens, und der Mensch verwandelt seinen Morgen immer wieder in den Schatten des Todes. Doch Gott kann nicht in der Finsternis wohnen. Er ist nicht der Gott der Toten, sondern der Lebenden – und deshalb wird Er, auch wenn der Mensch sich an der Bewahrung des Lichts nicht beteiligt, sondern die ganze Szene immer wieder in Finsternis stürzt, Seine eigene Herrlichkeit verwirklichen und Seine eigene Freude sicherstellen, und nachdem Er am Anfang in der Morgenstunde der ersten Schöpfung das Licht aus der Finsternis hervorgerufen hat, wird Er den Morgen der zweiten Schöpfung in ewiger Schönheit bewahren.