„Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Off 2,4).

In diesem Verweis kommt die Liebe Christi zu den Seinen zum Ausdruck, da Liebe nur durch Liebe zufriedengestellt werden kann. Er will nicht (nur) unsere Arbeit, sondern uns. Würde ein Mann, der seine Frau liebt, damit zufrieden sein, wenn sie hervorragend kocht, den Haushalt gut führt, aber in den Zuneigungen erkaltet ist? Niemals.

Die Epheser, an die dieses Wort gerichtet ist, haben die erste Liebe verlassen. Sie haben die erste Liebe nicht unglücklich verloren, sondern bewusst verlassen. Sie haben etwas anderes entdeckt, was auch ihr Herz scheinbar ausfüllen könnte.

An dieser Stelle wird oft gesagt: Die „erste Liebe“ ist die qualitativ beste Liebe, die beste Art unserer Zuneigungen, nicht die zeitlich erste Liebe. So wird beim verlorenen Sohn auch vom „besten Kleid“ gesprochen – und „beste“ ist dasselbe griechische Wort wie „erste“.

Doch die zeitliche Komponente können wir nicht einfach aus dieser Aussage in Offenbarung 2 streichen. Das wird klar durch drei Überlegungen:

  • Der Vergleich mit Israel: In Jeremia 2,2.3 wird eine erste Liebe (die des Volkes Israel) mit einer zeitlichen Komponente verbunden: „Geh und rufe vor den Ohren Jerusalems und sprich: So spricht der HERR: Ich gedenke dir die Zuneigung deiner Jugend, die Liebe deines Brautstandes, dein Wandeln hinter mir her in der Wüste, im unbesäten Land. Israel war heilig dem HERRN, der Erstling seines Ertrags; alle, die es verzehren wollten, wurden schuldig: Unglück kam über sie, spricht der HERR.“ Die Parallele zu Offenbarung 2 ist naheliegend.
  • Einen Vers später spricht der Apostel von den ersten Werken (Off 2,5). Hier wird nie von den „besten Werken“ gesprochen. Es ist so: Wo die erste Liebe vorhanden ist, werden auch die ersten Werke getan.
  • Die „beste Liebe“ kann kein technischer Begriff sein, der die Liebe in verschiedene Kategorien einteilt. Wann sollen wir denn die höchste Liebe erreicht haben? Unsere Liebe lässt sich doch immer noch steigern.

Es geht offenbar um die Frische der Zuneigung. Eine Braut denkt am Anfang nur an den Bräutigam, er ist der erste Gedanke beim Aufstehen und der letzte beim Zubettgehen. Das verflacht meistens mit der Zeit. Natürlich lernt sie ihren Verlobten, ihren Mann, besser kennen und ihn auch mehr schätzen. Aber das ist nicht der Punkt: Es geht um das Feuer, das den Anfang charakterisiert, und dieses Feuer soll bleiben.

Das gilt auch für unsere Beziehung zum Herrn. Zweifellos ist es normal, wenn man an Erkenntnis und Erfahrung zunimmt und Unbesonnenheit ablegt, aber wichtig ist, dass unsere Herzen brennend bleiben und unsere Liebe nicht erkaltet.

Es ist nicht einfach, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob wir die erste Liebe verlassen haben, weil es eine Sache unseres (trügerischen) Herzens ist. Aber es ist nützlich, sich einmal folgende Fragen zu stellen:

  • War ich schon einmal näher beim Herrn?
  • Habe ich früher intensiver gebetet?
  • Habe ich mit mehr Hingabe sein Wort erforscht?
  • Ihn freudiger bezeugt?

Es geht jetzt nicht um die „Tagesform“, sondern es geht darum, dass wir eine Entwicklung entdecken und darauf richtig reagieren. Um unsere Liebe zu Christus neu zu entfachen, ist es übrigens auch wichtig, dass wir seine Liebe kennen und wertschätzen. Im Epheserbrief hatte Paulus schon die Epheser darauf hingewiesen:

„… dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes“ (Eph 3,17–19).