Saulus von Tarsus

Online seit dem 14.02.2008, Bibelstellen: 1. Tim 1,15; Phil 3,4

Bei der Betrachtung der Person dieses außergewöhnlichen Mannes können wir wertvolle Grundsätze der Wahrheit des Evangeliums erkennen. Er war anscheinend besonders geeignet, zu zeigen, was erstens die Gnade Gottes tun kann  und was zweitens selbst größtmögliche Gesetzestreue nicht tun kann. Wenn es je einen Menschen auf dieser Erde gegeben hat, dessen Geschichte die Wahrheit veranschaulicht, dass wir durch Gnade und nicht durch Gesetzeswerke errettet werden, war es Saulus von Tarsus. Es ist wirklich so, als ob Gott diesen Mann speziell dafür vorgesehen hat, ein lebendiges Beispiel zu sein – erstens für die Tiefe, aus der Seine Gnade einen Sünder retten kann und zweitens von der Höhe, von der ein gesetzlicher Mensch heruntergebracht werden muss, um Christus anzunehmen. Er war zugleich der Allerschlechteste und der Allerbeste der Menschen – der Erste der Sünder und der Erste der Gesetzestreuen. Er stieg auf den tiefsten Punkt menschlicher Bosheit hinab und erklomm den höchsten Gipfel menschlicher Gerechtigkeit. Er hasste und verfolgte Christus in Seinen Heiligen, er war ein Obersünder; und ein Oberpharisäer in seinem moralischen Betragen und Stolz.

Lasst uns ihn also zuerst als den Ersten der Sünder betrachten:

„Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten, von denen ich der erste bin“ (1. Tim 1,15). Beachte insbesondere, dass der Geist über Saulus von Tarsus sagt, dass er der Erste der Sünder ist. Es ist nicht der Ausdruck der Demut des Paulus, obwohl das Bewusstsein seiner Vergangenheit ihn ohne Zweifel demütig sein ließ. Wir sollen uns nicht mit den Gefühlen eines inspirierten Schreibers beschäftigen, sondern mit den Aussagen des Heiligen Geistes, der ihn inspirierte. Es ist gut, das zu bedenken.

Die Art und Weise, wie sehr viele Leute von den Gefühlen der verschiedenen inspirierten Schreiber sprechen, führt dazu, dass die Bedeutung der kostbaren Wahrheit der wörtlichen Inspiration der Heiligen Schrift geschwächt wird. Sie mögen das nicht beabsichtigen, aber in Zeiten, in denen so vieles dem Verstand oder menschlicher Spekulation entspringt, können wir nicht wachsam genug gegen alles sein, was irgendwie, und sei es auch nur scheinbar, die Integrität des Wortes Gottes angreift. Wir sind besorgt, dass unsere Leser die Schrift in den Neigungen ihrer Herzen nicht als Ausdruck menschlicher Gefühle, so fromm und lobenswert sie auch sein mögen, sondern als Schatzkammer der Gedanken Gottes betrachten. „Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Männer Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist“ (2. Pet 1,21).

Deshalb dürfen wir beim Lesen von 1. Timotheus 1,15 nicht an menschliche Empfindungen denken, sondern an den göttlichen Bericht, der sagt, dass Paulus der Erste der Sünder war. Das wird von keinem anderen gesagt. Zweifellos wird sich, in einem weiteren Sinn, jeder Bekehrte als der Schuldigste unter allen ihm bekannten Menschen vorkommen, aber das ist ein anderes Thema. Der Heilige Geist hat dies von Paulus gesagt, und die Tatsache, dass Er uns dies durch die Feder von Paulus mitgeteilt hat, schmälert oder beeinträchtigt in keiner Weise die Wahrheit oder den Wert dieser Aussage. Paulus war der Erste der Sünder. Egal wie schlecht irgendjemand sein mag, Paulus sagt: „Ich bin der Erste.“ Egal wie weit entfernt von Gott sich irgendjemand vorkommen mag – egal wie tief versunken in der Grube der Vernichtung – es kommt eine Stimme von einem noch tieferen Punkt an sein Ohr: „Ich bin der Erste.“

Doch lasst uns das Ziel aller Bemühungen um den Ersten der Sünder beachten. „Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteil geworden, damit an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeige, zum Vorbild für die, die an ihn glauben werden zum ewigen Leben“ (1. Tim 1,16). Der Erste der Sünder ist im Himmel. Wie ist er dorthin gekommen? Allein durch das Blut Jesu. Und außerdem ist er der „Präzedenz-Fall“ Christi. Alle sollen auf ihn blicken und sehen, wie sie gerettet werden sollen. Denn so wie der „Erste“ gerettet wurde, müssen auch alle Untergeordneten gerettet werden. Die Gnade, die den Ersten erreichte, kann alle erreichen. Das Blut, das den Ersten reinigte, kann alle reinigen. Das Anrecht, durch das der Erste in den Himmel eintrat, ist auch allen anderen zugänglich. Es gibt keinen Sünder diesseits des Tors zur Hölle, keinen Abtrünnigen, gar keinen, der für die Liebe Gottes, das Blut Christi oder das Zeugnis des Heiligen Geistes unerreichbar ist.

Wenden wir uns nun der anderen Seite der Person des Saulus zu und betrachten ihn als den Ersten der Gesetzestreuen.

„Wiewohl ich auch auf Fleisch Vertrauen habe. Wenn irgendein anderer sich dünkt, auf Fleisch zu vertrauen, ich noch mehr“ (Phil 3,4). Hier finden wir einen äußerst wertvollen Gedanken. Saulus von Tarsus stand sozusagen auf der erhabensten Höhe des Berges gesetzlicher Gerechtigkeit. Er erreichte die höchste Stufe der Leiter menschlicher Religion. Er wollte keinen Menschen über sich dulden. Seine religiösen Leistungen waren von höchstem Rang (vgl. Gal 1,14). „Wenn irgendein anderer sich dünkt, auf Fleisch zu vertrauen, ich noch mehr.“ Vertraut jemand auf seine Selbstbeherrschung? Paulus sagt: „Ich noch mehr.“ Vertraut jemand auf seine Moral? Paulus sagt: „Ich noch mehr.“  Vertraut jemand auf Rituale, Sakramente, religiöse Dienste oder fromme Pflichterfüllung? Paulus sagt: „Ich noch mehr.“

Das alles verleiht der Geschichte des Saulus von Tarsus eine besondere Bedeutung. Er lag auf dem Grund der Grube der Vernichtung und stand auf dem höchsten Gipfel des Berges der Selbstgerechtigkeit. So tief irgendein Sünder auch gesunken sein mag, Paulus war noch tiefer. Er vereinigte in seiner Person den Allerbesten und den Allerschlechtesten der Menschen. In ihm sehen wir auf einen Blick die Macht des Blutes Christi und die äußerste Wertlosigkeit selbst des schönsten Mantels der Selbstgerechtigkeit, der je die Person eines Gesetzestreuen bekleidete. Kein Sünder, der auf ihn sieht, muss verzweifeln; kein Gesetzestreuer, der auf ihn sieht, kann sich rühmen. Wenn der Erste der Sünder im Himmel ist, kann ich auch dorthin gelangen. Wenn der religiöseste, gesetzlichste und eifrigste Mensch, der je gelebt hat, von der Leiter der Selbstgerechtigkeit herabsteigen musste, ist es nutzlos, dass ich hinaufsteige.

Die Schuld des Saulus von Tarsus wurde durch das Blut Christi vollständig beglichen, und sein hochmütiger religiöser Stolz und seine Prahlerei war beim Anblick Jesu wie weggeblasen, und Saulus fand sich zu den durchstochenen Füßen von Jesus von Nazareth wieder. Seine Schuld hinderte ihn nicht und seine Gerechtigkeit nützte ihm nicht. Das erstere wurde durch das Blut Jesu abgewaschen und das letztere wurde zu Schaden und Dreck gegenüber der moralischen Herrlichkeit Christ. Es war unbedeutend, ob es hieß „ich bin der Erste“, oder „ich noch mehr.“ Das Kreuz war das einzige Heilmittel.

„Von mir aber sei es ferne“, sagt der Erste der Sünder und Fürst der Gesetzestreuen, „mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt“ (Gal 6,14). Paulus war sich seines Vertrauens in seine Gerechtigkeit genauso wenig bewusst wie seiner Untaten. Es wurde ihm gestattet, die Siegeslorbeeren in dem großen gesetzlichen Wettstreit mit den „Altergenossen in seinem Geschlecht“ zu gewinnen, nur um sie dann als welk und wertlos am Fuß des Kreuzes wegzuwerfen. Es wurde ihm gestattet, alle Konkurrenten in der dunklen Karriere der Schuld zu überflügeln, nur damit er als Beispiel für die Macht der Liebe Gottes und Wirksamkeit des Blutes Christi dienen konnte. Saulus war Christus als der Erste der Gesetzestreuen nicht näher als als Erster der Sünder. Die edelsten Bemühungen in der Schule der Gesetzlichkeit machten ihn nicht gerechter als die wildesten Taten des Widerstands gegen den Namen Christi. Er wurde durch die Gnade gerettet, durch das Blut, durch den Glauben. Es gibt weder für den Sünder noch für den Gesetzestreuen einen anderen Weg.

Es gibt noch eine andere Seite in der Geschichte des Paulus, die wir uns kurz anschauen müssen, um die praktischen Ergebnisse der Gnade Christi zu zeigen, wo immer diese Gnade gekannt wird. Wir werden Paulus auch als den arbeitsamsten der Apostel kennenlernen.

Wenn Paulus gelernt hatte, damit aufzuhören, für die Gerechtigkeit zu arbeiten, dann lernte er auch, damit anzufangen, für Christus zu arbeiten. Wenn wir auf der Straße nach Damaskus die zerschlagenen Überbleibsel dieses schlechtesten und besten Menschen sehen – wenn wir die herzergreifenden Worte hören, die sich der Tiefe eines zerbrochenen Herzens entringen: „Herr, was willst du, dass ich tun soll?“ – wenn wir den Mann sehen, der Jerusalem als wutschnaubender, verfolgender Fanatiker verlassen hatte und jetzt in blinder Hilflosigkeit seine Hand ausstreckt, um wie ein kleines Kind nach Damaskus geführt zu werden, dann erweckt das die höchsten Erwartungen an seine zukünftige Laufbahn, die auch nicht enttäuscht werden.

Beachte den Fortschritt dieses außergewöhnlichen Mannes, betrachte seine ungeheure Arbeit im Weinberg Christi, sieh seine Tränen, seine Mühen, seine Reisen, seine Gefahren, seine Kämpfe; schau, wie er seine goldenen Garben in die himmlische Scheune trägt, und sie zu den Füßen des Meister niederlegt, schau, wie er die edlen Fesseln des Evangeliums trägt und schließlich sein Haupt auf den Holzblock des Märtyrers legt und sage mir, ob das Evangelium der freien Gnade Gottes – das Evangelium der freien Errettung durch Christus – gute Werke abschafft. Nein, das kostbare Evangelium ist die wahre Basis, auf der der Überbau guter Werke überhaupt erst errichtet werden kann.

Moral ohne Christus ist eine eisige Moral. Mildtätigkeit ohne Christus ist eine wertlose Mildtätigkeit. Verordnungen ohne Christus sind kraftlos und wertlos. Rechtgläubigkeit ohne Christus ist herzlos und fruchtlos. Wir müssen mit unserem Ich – sei es schuldig oder religiös –  zum Ende kommen und Christus als das befriedigende Teil für unsere Herzen finden, jetzt und für immer.

So war es auch bei Saulus von Tarsus. Er kam von sich selbst los und fand alles in Christus. Daher hören wir, wenn wir über seine beeindruckende Geschichte nachsinnen, aus der Tiefe des Ruins die Worte: „Ich bin der Erste“, von dem höchsten Punkt des gesetzlichen Systems die Worte: „Ich noch mehr“ und aus der Mitte der goldenen Felder apostolischer Arbeit die Worte: „Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle.“

[Übersetzt von Marco Leßmann]

Charles Henry Mackintosh