„Und Paulus und Barnabas äußerten sich freimütig und sprachen: Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen“ (Apg 13,46).
Das war geistliche Weisheit. Aber war es einfach nur geistliches Gespür? Keineswegs! Es gab Gläubige, die ausschließlich aus geistlichem Gespür heraus und ohne höhere oder näher bestimmbare Gründe sich an die Nationen wandten (siehe Apg 11,20). Es gab Männer, die empfanden, dass das Evangelium ein zu großer Segen war, um auf das alte Volk Gottes beschränkt zu bleiben. Sie spürten, wie sehr es der allgemeinen Not der Menschen angepasst war. Folglich war es ihrer Ansicht nach der Gnade Gottes würdig, dieses Evangelium auch zu den Heiden zu lenken. Sie handelten nach ihrer Überzeugung; und der Herr war mit ihnen, so dass viele glaubten. Doch in Paulus und Barnabas wirkte nicht dieser geistliche Instinkt, sondern ein heiligeres und demütigeres – und dennoch erhabeneres und gesegneteres – Empfinden. Bei ihnen war es ein verständnisvoller Gehorsam, obwohl ich nicht denke, dass wir irgendwo eine ausreichend klare Anweisung diesbezüglich an sie finden. Doch das Auge des Glaubens sieht scharf; es hält sich immer bereit, aus dem Herzen heraus zu gehorchen.
„Denn so“, sagte Paulus, „hat uns der Herr geboten: Ich habe dich zum Licht der Nationen gesetzt“ (Apg 13,47). Was hat diese Aussage mit Paulus und Barnabas zu tun? Alles! Ohne Widerspruch steht hier Christus unmittelbar im Blickfeld des Propheten (Jes 49,6). Daher sind einige geneigt, diese Worte auf Christus zu beschränken – aber nicht der Heilige Geist, der darum ihren Inhalt auf Paulus und Barnabas ausdehnt. Schreibt Paulus nicht später: „Das Leben ist für mich Christus“ (Phil 1,21)? Christus war alles für sie. Der christliche Glaube eignet sich alles an, was von dem Herrn gesagt ist. Welch eine Stellung! Welche Kraft in seinem Namen! Zweifellos war es ein bisher verborgenes Geheimnis, dass der Mensch so mit einem von dem alten Volk Gottes verworfenen (und damit von diesem getrennten) Christus verbunden sein sollte. Doch was sagte Gott zu jenem Menschen, der von den Juden verworfen und für nichts geachtet wurde? Jetzt war die Zeit gekommen, dass der Messias – für Israel verloren – in einer neuen und persönlicheren Weise der Mittelpunkt für Gott wurde, um in Gnade Menschen vollkommen mit Ihm zu verbinden. Demnach gehört alles, was dem Herrn gehört, auch ihnen; und das, was Gott über Ihn sagt, ist für sie Anweisung genug. „Ich habe dich zum Licht der Nationen gesetzt, damit du zum Heil seiest bis an das Ende der Erde.“
In jener Handlungsweise lag also keine Voreiligkeit oder Anmaßung, sondern gesunde Weisheit. Durften nur die Apostel so handeln? Liegt darin nicht ein Grundsatz von allumfassender Bedeutung auch für uns, liebe Geschwister? Wird hier nicht eindrücklich gezeigt, dass wir nicht unbedingt immer einen buchstäblichen Befehl benötigen (oder erwarten sollen), um einen Ruf zum Gehorsam erkennen zu können? Die Apostel als Männer des Glaubens waren in dieser Hinsicht sehr freimütig. „Denn also hat uns der Herr geboten.“ Ich vermute jedoch, dass keine zwei Menschen auf der ganzen Erde – außer Paulus und Barnabas – in diesen Worten ein Gebot an sie gesehen hätten. Der Unglaube hätte Beweise gefordert und keine gefunden; der Glaube indessen ist wie immer glücklich und macht glücklich.
[Auszug aus: W. Kelly, Einführende Vorträge zum Neuen Testament, Band 2: Johannes – 2. Korinther; dieser sehr empfehlenswerte Kommentar zum NT ist hier erhältlich: www.csv-verlag.de]
