Die Heilung des Gelähmten

Online seit dem 02.04.2008, Bibelstellen: Matthäus 9,1-8; Markus 2,1-12; Lukas 5,17-26

Der Herr Jesus hat viele Kranke geheilt, als Er auf der Erde war. Sich mit den Wunderheilungen des Sohnes Gottes zu beschäftigen, ist sehr lehrreich. Besonders dann, wenn wir eine geistliche Anwendung machen, indem wir in den verschiedenen Krankheiten Hinweise auf das sehen, was den sündigen Menschen von Natur aus charakterisiert.

Dass diese Anwendung möglich ist, macht die Geschichte des Blindgeborenen in Johannes 9 sehr deutlich. Der Herr öffnete diesem Mann nicht nur die Augen des Kopfes, sondern auch die Augen des Herzens, sodass er Ihn schließlich als den Sohn Gottes erkannte. Am Ende von Johannes 9 spricht der Herr ausdrücklich von einer geistlichen Blindheit und zieht damit eine Verbindungslinie zu der natürlichen. Der Sünder ist von Natur aus blind, denn er sieht weder Gott noch sich selbst im „rechten Licht“. Er ist auch taub, da er Gott nicht versteht, und stumm, weil er nicht das redet, was Gott gefällt (Joh 8,43; Mt 12,34). Die Lähmung schließlich spricht davon, dass der sündige Mensch nicht auf den Wegen Gottes gehen kann. Er ist „kraftlos“, wie Römer 5,6 das ausdrückt, und nicht in der Lage, das zu tun, was Gott von ihm will. Doch der Herr kann helfen – Er allein!

Die Predigt des Wortes in Kapernaum

Die Heilung des Gelähmten fand in einem Haus in Kapernaum statt. In seiner „eigenen Stadt“ (Mt 9,1) pflegte der Herr sich während der Zeit seines öffentlichen Dienstes oft aufzuhalten. Er lehrte dort in der Synagoge und vollbrachte in dieser Stadt so viele Wunder wie in keiner anderen (soweit uns die Schrift das berichtet).  Als bekannt wurde, dass Jesus im Haus sei, versammelten sich viele, sodass selbst an der Tür kein Platz mehr war. Von nah und fern waren Schriftgelehrte und Pharisäer angereist, um den Dienst Jesu und Seine „neue Lehre“ (Mk 1,27) sorgfältig zu überwachen. Was tat der Herr in diesem Haus? Er lehrte. Er predigte das Wort. Dazu war Er ausgegangen (Mk 1,38). Gottes Gedanken zu offenbaren, hatte höchste Priorität, während die Wunder lediglich das Wort bestätigten (vgl. Mk 16,20). Unsere Aufgabe heute kann es nicht sein, Zeichen und Wunder zu vollbringen, aber wir sind aufgerufen, das Wort zu predigen (2. Tim 4,2). Das ist das, was die Menschen heute noch unbedingt brauchen.

Die vier Freunde 

Plötzlich tauchten vier Männer auf. Sie kamen später als viele andere, weil sie einen fünften Mann tragen mussten, was natürlich Zeit beanspruchte. Diese Männer strebten auf eine Person zu: Jesus Christus, den großen Arzt der Seele und des Leibes. Sie glaubten an Seine Liebe und Macht und erwarteten von Ihm Hilfe und Heilung. Es ging ihnen nicht darum, etwas Sensationelles zu erleben oder argwöhnisch den Reden Jesu zu lauschen. Sie wollten schlicht „zu ihm“ kommen (Mk 2,3). Die vier Männer handelten aus Liebe zu ihrem Freund, der es ihnen wohl kaum vergelten konnte. Sie trachteten einfach nach seinem Glück. Und das taten sie gemeinsam, denn einer allein hätte den Behinderten ja nicht tragen können. Vor allen Dingen handelten sie im Vertrauen auf den Herrn Jesus, für den es keine hoffnungslosen Fälle gibt. Menschen zu Ihm zu bringen ist eine großartige Aufgabe, die wir auch heute wahrnehmen dürfen. Dazu brauchen wir echte Liebe zu den Verlorenen und Vertrauen auf unseren guten Herrn, der jeden Sünder retten kann und will. Wenn wir dabei Hand in Hand mit anderen arbeiten, können wir erleben, wie Gott alles zusammen benutzt, um Seelen zu sich zu ziehen. Da spricht jemand spontan einen Passanten am Büchertisch auf seinen verlorenen Zustand an, ein anderer vertieft das Gespräch zu Hause und lädt zu einer Evangelisation ein, wo wieder ein anderer das Wort Gottes verkündigt. So kann sich das eine in das andere fügen – nur muss dann auch jeder da mit „anpacken“, wie Gott es haben will.

Das Dach wird abgedeckt

Den Freunden war ein schneller Erfolg nicht vergönnt. Die Menschen blockierten den Weg, sodass sie nicht in das Haus hineingehen und zu Jesus kommen konnten. Sollten sie jetzt aufgeben? Hatten sie nicht schon genug Zeit und Kraft investiert? Konnten sie es nicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen? Nein, ihre Liebe trieb sie dazu, nach einer sofortigen Lösung Ausschau zu halten. Und Liebe macht erfinderisch: Über die Außentreppe gelangten sie auf das Flachdach und deckten es kurzerhand an der Stelle ab, wo der Herr Jesus war. Diese Aktion war sicher sehr schweißtreibend und die vier mussten auch damit rechnen, dass manche ihre Kopfe über sie heftig schüttelten. Doch das alles hielt sie nicht ab, ihr mutiges Unterfangen zu Ende zu führen. Sie ließen den Gelähmten „durch die Ziegel hinunter in die Mitte vor Jesus“ (Lk 5,19). Sie konnten ihrem Freund nicht die Schuld vergeben, wie sie es auch nicht vermochten, ihn von seiner schweren körperlichen Behinderung zu befreien. Aber sie konnten ihn zu dem Retter bringen – und genau das haben sie getan! Wir können den Menschen auch nicht ihre Lebensschuld abnehmen und sie vor der ewigen Verdammnis erretten, aber wir können ihnen sagen, dass Jesus der Heiland der Welt ist und ihnen damit den Weg zum Heil weisen. Werden wir unserer Verantwortung in dieser Hinsicht gerecht?

Die Vergebung der Sünden

Wer diese Aktion beobachten konnte, wird sich seine Gedanken über die Motive der vier Männer gemacht haben. Doch der Herr Jesus wusste genau, was in ihnen vorging: Er sah den Glauben, der durch die Liebe wirkt. Glaubensvertrauen zu Ihm war es, der die vier Männer zu ihrem beherzten Handeln trieb. Glaube wirkte auch bei dem gelähmten Mann, der zweifellos zu diesem ungewöhnlichen Vorgehen Ja gesagt hatte. Glaube bleibt nicht unbelohnt! Der Herr sprach ein Wort von großer Tragweite: „Kind, deine Sünden sind vergeben“ (Mk 2,5) [siehe Fußnote 1]. Neben der stadtbekannten Sünderin in Lukas 7,48 war dies das einzige Mal, dass der Herr Jesus einem Menschen die Vergebung der Sünden direkt zugesprochen hat, soweit uns die Evangelien das mitteilen. Was für eine Überraschung muss dieses Wort von der Sündenvergebung für alle gewesen sein! Man kann sich vorstellen, wie die Leute auf ein klärendes Wort oder auf eine Heilung gewartet haben. Aber der Herr ging zunächst auf das ein, was allem Elend letztlich zugrunde liegt: auf die Sünden. Erst danach wandte er sich der Krankheit zu. Zuerst kommt die Vergebung, dann die Heilung. Diese Reihenfolge finden wir schon in Psalm 103,3 in den Worten: „Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeiten, der da heilt alle deine Krankheiten.“ Das ist das, was Israel im Tausendjährigen Reich erfahren wird. Die Heilung des Gelähmten weist auch auf den Segen Israels in der Zukunft hin. Wie dankbar dürfen wir sein, wenn uns die Sünden vergeben worden sind! Wir können jetzt Gemeinschaft mit Gott haben und auf Seinen Wegen gehen. Da wir Christen das vollbrachte Erlösungswerk des Herrn Jesus kennen, haben wir die völlige Gewissheit der Errettung und wissen, dass uns nie mehr etwas zur Last gelegt werden kann. Gläubige in anderen Heilszeitaltern – auch der Gelähmte – konnten diese völlige Gewissheit nicht haben. Heute geht der Herr Jesus nicht mehr umher und heilt die Kranken. Zahllose Menschen müssen mit ihren Behinderungen leben. Aber Seine Liebe ist dieselbe geblieben und Er ist immer noch bereit, Sünden zu vergeben. Jeder kann zu Ihm kommen und alles wird vergeben!

Die Schriftgelehrten

Das herrliche Wort von der Vergebung der Sünden war ein Schock für die Schriftgelehrten. Wie konnte Jesus so etwas sagen? Ein Mensch kann doch nur von Vergebung sprechen, wenn es um Sünden geht, die ihm selbst angetan worden sind. Jesus aber hatte die Sünden des Gelähmten generell vergeben. Zudem hatte Er in eigener Vollmacht geredet und nicht nur die Vergebung vonseiten Gottes zugesagt, wie es zum Beispiel der Prophet Nathan getan hatte (2. Sam 12,13). Mit einem Wort: Er hat etwas getan, was nur Gott im Himmel zustand! An sich waren die Überlegungen der Schriftgelehrten korrekt. Sie hatten jedoch völlig übersehen, dass Gott in der Person des Herrn Jesus vor ihnen stand. Er hatte schon längst unter Beweis gestellt, dass Er der Sohn Gottes war. Das Wunder, das Er unmittelbar vor der Heilung des Gelähmten gewirkt hatte, war die Heilung eines Aussätzigen (Mk 1,40–45). Es war von alters her in Israel bekannt, dass nur Gott selbst Aussatz heilen kann (2. Kön 5,7). Die Schriftgelehrten waren schuldhaft unwissend über Christus, und es war böse, dass sie Ihn in ihren Gedanken der Lästerung bezichtigten. Später haben sie Ihm das sogar öffentlich vorgeworfen (Joh 10,33.36; Mt 26,65). Doch in Wahrheit waren ihre Gedanken und ihre Worte Lästerung. Die Schriftgelehrten mochten zu feige gewesen sein, ihre Gedanken auszusprechen. Doch der Herr fragte sie auf den Kopf zu: „Warum denkt ihr Böses in euren Herzen?“ (Mt 9,4). Er bewies dadurch, dass Er ihren Unglauben genauso kannte wie den Glauben der fünf Männer. Mit ihnen redete der allwissende Herr, der Bundesgott Israels (vgl. Ps 139,1–2)!

Der Gelähmte wird geheilt 

Jesus stellte den Gesetzgelehrten und Pharisäern noch eine weitere Frage: „Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher?“ (Mk 2,9). Die Antwort liegt auf der Hand. Es ist leichter zu sagen, dass die Sünden vergeben sind, weil das niemand nachprüfen kann. Ob jemand geheilt wurde, kann dagegen von jedem rasch beurteilt werden. Beachten wir: Es geht darum, dass etwas leichter gesagt und nicht dass etwas leichter getan werden kann. Von Sündenvergebung zu reden war leichter – sie zu bewirken jedoch schwerer. Denn Sünden können nur vergeben werden, weil Christus am Kreuz das schwere Sühnungswerk vollbrachte. Ein Wort der Macht genügte nicht. Von einer Antwort der Schriftgelehrten lesen wir nichts. Ob sie bewusst geschwiegen haben, um sich keine Blöße zu geben? Jesus jedenfalls zeigte ihnen sogleich, dass der Sohn des Menschen Gewalt hat, auf der Erde Sünde zu vergeben, indem Er von Seiner Gewalt der Krankenheilung Gebrauch machte. Der Herr Jesus heilte den Kranken in eigener Autorität, was durch die Worte „Ich sage dir …“ (Lk 5,24) unterstrichen wird. Im Gegensatz dazu konnte Petrus einen Gelähmten nur in dem Namen eines anderen – in dem Namen Jesus – heilen (Apg 3,6). Der Herr befahl dem Gelähmten drei Dinge: Er sollte aufstehen, sein Tragbett nehmen und nach Hause gehen. Der Gelähmte gehorchte sofort und die dicht gedrängte Volksmenge machte dem Denkmal der Gnade Platz, sodass er den Raum verlassen und nach Hause gehen konnte, wo er gewiss Zeugnis für seinen Retter abgelegt hat. Das Tragbett, das er unter seinen Arm geklemmt hatte, war Zeichen seiner Hilflosigkeit gewesen. Doch jetzt war es zum Sinnbild der Kraft geworden, die Jesus ihm gegeben hatte! Etwas Vergleichbares zeigt sich heute, wenn Menschen, die von der Trunksucht, vom Jähzorn oder anderen Sünden beherrscht werden, den Herrn Jesus kennenlernen. Das Blatt ihres Lebens wendet sich: Sie werden nicht mehr von üblen Gewohnheiten beherrscht, sondern sie sind es, die die Gewohnheiten „beherrschen“. Gerade da, wo sich ihre Hilflosigkeit gezeigt hat, dürfen sie jetzt durch die Kraft Gottes ein Zeugnis für Jesus Christus sein.

Die Reaktion der Menschen 

Die Menschen, die das sahen, wurden von der Demonstration Seiner Macht beeindruckt. Sie gerieten außer sich, es ergriff sie Staunen, sie fürchteten sich und sie verherrlichten Gott. So etwas Unglaubliches hatten sie noch nie gesehen! Dass sie sich als verlorene Sünder erkannt und um die Vergebung ihrer Schuld gebeten hätten – davon lesen wir jedoch nichts. Die meisten in Kapernaum profitierten persönlich nicht von der Gnade und Kraft des Herrn. Denn später muss Jesus Kapernaum wegen ihres Unglaubens schelten: „Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag“ (Mt 11,23). 

Zusammenfassung 

Wenn wir über die göttlichen Berichte in den Evangelien nachdenken, werden wir von der Liebe und Macht des Herrn Jesus angezogen. Das motiviert uns, Menschen zu Ihm zu bringen, so wie es die vier Freunde getan haben. Das mag nicht immer einfach sein, aber Glauben und Ausharren werden belohnt. In dem Gelähmten sehen wir ein Bild von dem, was wir von Natur aus waren: hilflose Sünder. Wir brauchten die Vergebung der Sünden; und nur durch den Herrn Jesus ist es uns möglich, dass wir jetzt einen Weg zur Ehre Gottes gehen können. Darum verherrlichen wir Ihn!


Fußnote 1: Die Anrede „Kind“ (Lukas spricht von „Mensch“) bedeutet natürlich nicht, dass der Gelähmte ein Kind war. Wäre er ein Kind gewesen, hätte er nicht von vier Männern getragen werden müssen. Es ist eine Anrede, die zuerst die Freundlichkeit und Zuneigung des Herrn ausdrückt.

Gerrid Setzer