Ein scheinbarer Widerspruch

Online seit dem 26.12.2008, Bibelstellen: Mt 13,30; 2. Kor 6,17

„Lasst es beides zusammen wachsen bis zur Ernte“ (Matthäus 13,30).

„Darum gehet aus ihrer Mitte aus und sondert euch ab“ (2. Korinther 6,17).

Wir können sicher sein, dass es keine echten Widersprüche im Wort Gottes gibt. Dennoch gibt es Stellen, die dem oberflächlichen Leser widersprüchlich erscheinen. Bei näherer Betrachtung verschwinden diese Widersprüche allerdings und tiefe geistliche Belehrungen kommen zum Vorschein. Einen solchen Fall haben wir bei den beiden oben genannten Schriftstellen.

In Matthäus 13 wird den Knechten im Gleichnis jeder Versuch untersagt, den Weizen vom Unkraut zu trennen, indem sie das Unkraut ausreißen. Dabei steht der Weizen für „die Söhne des Reiches“ und das Unkraut für „die Söhne des Bösen“. In 2. Korinther 6 wird die Trennung zwischen dem Gläubigen und dem Ungläubigen streng vorgeschrieben. Es scheint hier also eindeutig einen Widerspruch zu geben.

Man kann sich nicht darauf berufen, dass hier zwei unterschiedliche Epochen betrachtet werden, und dass das die Lösung des Problems wäre. Das Gleichnis vom Unkraut im Acker zeigt, wie das Reich der Himmel in seiner gegenwärtigen Form seinen derart vermischten Charakter angenommen hat, den das Kommen des Herrn beenden wird. Folglich zeigt es, dass diese Vermischung in der gegenwärtigen Zeit bestehen bleiben muss. Die Belehrungen des Paulus bezüglich der Absonderung gelten für genau dieselbe Zeit. Beide Stellen beziehen sich auf die Epoche, in der wir leben.

Wir müssen jedoch beachten, dass es das Reich der Himmel ist, das mit dieser unentwirrbaren Vermischung von Weizen und Unkraut verglichen wird, während die Belehrungen, hinauszugehen und sich von den Ungläubigen abzusondern, an die „Versammlung Gottes, die in Korinth ist“ gerichtet werden. Das ist ein Unterschied. Wir wollen ihn kurz betrachten.

Das Reich der Himmel ist natürlich nicht der Himmel, sondern der Bereich auf der Erde, wo die Herrschaft des Himmels anerkannt wird. Alle, die sich selbst Christen nennen, bekennen, unter der Autorität des Herrn zu stehen, der seinen Platz in den Himmeln eingenommen hat. Der Herr erklärt, dass „der Acker“ in diesem Gleichnis „die Welt“ ist, und durch das Säen der guten Saat in der Welt sind die Kinder des Reiches hervorgebracht worden. Ebenso hat das Säen des Unkrauts durch den Feind die Kinder des Bösen hervorgebracht. Alle leben in der gleichen Welt und sind gründlich vermischt, besonders in den Bereichen, die wir Christenheit nennen.

Dieses Gleichnis macht sehr deutlich, dass es nicht die Aufgabe der Knechte des Herrn heute ist, zu versuchen, die Söhne des Bösen herauszufiltern und sie aus der Welt auszuräumen. Das wird einmal geschehen, wenn der Sohn des Menschen kommt und das Reich in Macht sichtbar einführen wird. Und dazu wird er Engel und nicht Menschen benutzen. Das Böse aus der Christenheit auszuräumen, ist nicht unsere Aufgabe.

Viele Christen kleben an der Vorstellung, dass die Kirche den Auftrag bekommen habe, die Welt zu bekehren, und dass das christliche Evangelium ergänzt um christliche Ausbildung und christlichen Einfluss das Unkraut verringern und schließlich ganz auslöschen wird, und dass dadurch das Tausendjährige Reich eingeführt wird. Diese Vorstellung wird durch das Gleichnis nicht gestützt – im Gegenteil. Der Vorschlag der Knechte des Hausherrn war, dass das Unkraut aus dem Acker ausgerissen werden sollte, und das wurde durch den Hausherrn untersagt. Er sah, dass ihnen dazu das nötige Urteilsvermögen und Geschick fehlte, und dass ihre Bemühungen darin enden würden, dass genauso viel Weizen wie Unkraut ausgerissen würde.

Darin lag eine prophetische Warnung. Wir müssen nur ein wenig die Geschichte studieren, um zu erkennen, welche Anstrengungen das Papsttum unternommen hat, das Unkraut aus dem Acker – mit anderen Worten, die „Ketzer“ aus dem Christentum – auszureißen, indem man sie ausrottete. In keinem Land war das Papsttum so erfolgreich wie in Spanien. Sie schichteten Reisigbündel um die „Ketzer“, verbrannten sie dutzendweise und nannten die feierliche Handlung „Autodafé“, das heißt „Glaubensakt“. Was für eine Ironie!

Sie taten ihre Arbeit äußerst gründlich. Keiner wurde verschont, der den Glauben an Christus als den einzigen Mittler, und nicht an Seine jungfräuliche Mutter und an Heilige und Engel bekannte. Es gab nicht viele „Ketzer“ in Spanien, und so endete die Inquisition mit dem triumphalen Gefühl, das ganze „Unkraut“ aus dem Land ausgerottet zu haben. In Wirklichkeit hatten sie alle erkennbaren Weizenhalme ausgerissen. Jedes andere System, das heute dasselbe versuchen würde, würde nur dasselbe schreckliche Ergebnis erzielen.

Wir könnten also das Gleichnis von dem Unkraut im Acker wie folgt zusammenfassen: solange das Reich der Himmel in seiner gegenwärtigen Form besteht, ist es den Knechten untersagt, zu versuchen, durch das Ausrotten der Kinder des Bösen aus der Welt die Situation zu bereinigen.

Aber in 2. Korinther 6 geht es um die Versammlung und nicht um das Reich. Solche, die Glieder des Christus und an Seinem Leib sind, sollen nicht die Gottlosen aus der Erde ausreißen. Wenn das so wäre, gäbe es in der Tat einen großen Widerspruch zwischen diesen beiden Stellen. Sie sollen abgesondert sein, was jede „Genossenschaft“ mit Gottlosen angeht. Weil wir eben nicht aufgerufen sind, die Dinge auf dem großen „Acker“ dieser „Welt“ zu bereinigen, werden wir aufgefordert, eine starke Trennungslinie zwischen uns und der Welt bestehen zu lassen und sichtbar werden zu lassen. Diese Wahrheit widerspricht nicht der Stelle in Matthäus 13, sondern ergänzt sie.

Wir wollen den Abschnitt kurz untersuchen, um das zu erkennen. Wir sollen nicht in einem „ungleichen Joch mit Ungläubigen“ sein. Das Wort „ungleich“ könnte treffender mit „verschiedenartig“ übersetzt werden. Es ist eine Anspielung auf 5. Mose 22,10, wo es verboten wird, gleichzeitig mit Tieren wie Rind und Esel zu pflügen. Sie sind von unterschiedlicher Art und daher absolut verschieden im Verhalten und im Gang. Es wäre äußerst unpassend und würde beiden Tieren Not bereiten. So gibt es auch zwischen dem Gläubigen und dem Ungläubigen eine grundlegende Verschiedenartigkeit in der Natur, die jede Art von Joch zwischen ihnen verbietet. Natürlich bewegen wir uns inmitten von Ungläubigen und haben in unserem täglichen Geschäft viele Berührungspunkte mit ihnen, und oft sogar auch zuhause. Wir sind aufgefordert uns in Gnade ihnen gegenüber zu verhalten und unser Licht vor ihnen scheinen zu lassen. Aber wir sollen nicht in einem Joch mit ihnen sein.

Wir fragen uns vielleicht, was genau ein Joch ausmacht? Die folgenden Verse beinhalten eine Reihe von Fragen und helfen damit bei der Antwort. „Welche Genossenschaft … welche Gemeinschaft … welche Übereinstimmung … welches Teil … welchen Zusammenhang?“ Diese fünf Wörter zeigen, worauf sich das Verbot bezieht. Sie werden gefolgt von den positiven Anweisungen: „Geht aus … sondert euch ab … rühret Unreines nicht an“ – drei Worte, die die fünf Fragen noch bekräftigen. Wir sollen uns an keiner Genossenschaft oder Partnerschaft beteiligen, die uns in ein Joch mit Ungläubigen und den unreinen Dingen bringen würden, von denen ihre Welt voll ist. Ohne Frage ist die Ehe ein solches Joch, ein weiteres ist Geschäftspartnerschaft; und noch weitere Dinge fallen unter diesen Begriff. Immer wieder müssen wir uns selbst fragen, wenn uns Verbindungen angeboten werden: „Wird mich diese Sache in ein ungleiches Joch bringen?“

Mancher gottesfürchtige Christ hat schon, was weltliche Aussichten angeht, Nachteile in Kauf nehmen müssen, weil er dieser Schriftstelle gehorcht hat. Er hätte vielmehr Geld machen können, wenn er in eine Partnerschaft mit einem gottlosen Mann eingewilligt hätte und sich an seinem Unternehmen beteiligt hätte. Das ist es, was die letzten Worte des Kapitels sagen wollen. Wir mögen, was die Dinge der Welt angeht, Verlierer sein, aber wir werden nicht endgültig verlieren, denn der Herr, der Allmächtige wird uns aufnehmen und uns ein echter Vater sein. Wir dürfen Ihm immer vertrauen.

In diesem Zusammenhang stehen auch Stellen wie 1. Korinther 5,13 und 2. Timotheus 2,19–21. Beide zeigen, dass offenkundig Böses – sei es moralisch oder lehrmäßig – inmitten der Versammlung Gottes keinen Platz haben darf. Es muss nicht nur eine klare Trennungslinie zwischen den Gläubigen und der Welt geben, sondern das in diesen Stellen erwähnte Böse darf auch in ihrer Mitte keinen Platz haben. Und das ist so dringend und wichtig, weil wir in der Welt mitten in einer solchen Verwirrung und Vermischung leben. Gerade weil wir das Unkraut nicht aus dem Acker der Welt ausreißen können, ist es so wichtig, die Trennungslinie, die uns die Schrift gibt und vorschreibt, aufrecht zu erhalten.

Wenn wir die anfangs zitierten Stellen also richtig verstehen, stützen und bekräftigen sie sich gegenseitig.

[Übersetzt von Marco Leßmann]

F.B. Hole