Zufall oder Gottes Hand?

Online seit dem 07.03.2009, Bibelstellen: Esther 1 - 10

Viele Christen haben die Eigenart, hinter vielen Ereignissen in ihrem Leben zweitrangige oder sogar drittrangige Ursachen zu suchen, und so entgeht ihnen die Freude, Gottes Hand hinter all diesen Szenen zu entdecken. Wenn diese Eigenart Wurzeln schlägt und sich verfestigt, wird das ganze Leben zu einem Wirrwarr aus lauter Kleinigkeiten und der Geist kommt in große Übungen. Wenn wir jedoch von allen nebensächlichen Ursachen weg auf Gott selbst blicken, ordnet und erhellt sich langsam alles, obwohl die volle Erklärung aller widrigen und sonstigen Umstände zweifellos auf jenen Tag wartet, an dem alle verborgenen Dinge ans Licht kommen werden.

Das Buch Hiob ist hiervon, wie wir alle wissen, ein bemerkenswertes Beispiel. Es war eins der ersten Bücher der Bibel, die geschrieben wurden, und wir lernen dadurch die Freundlichkeit Gottes kennen. Er wusste, welche Verwirrung durch widrige Umstände in den Herzen der Menschen und besonders Seiner Heiligen gestiftet werden würde und sorgte dafür, dass gerade dieses Buch geschrieben wurde, welches „das Ende des Herrn“ offenbar machen sollte (Jak 5,11). Möglicherweise ist nie wieder in der Geschichte der Welt ein sterblicher Mensch von einer solchen Kombination niederschmetternder Schläge getroffen worden, und doch erwies sich alles als von der Hand Gottes kommend und von vollkommener Weisheit und vollkommener Liebe angeordnet. Und das alles wurde ganz zu Beginn der schriftlichen Offenbarung Gottes festgehalten.

Das Buch Esther gibt uns ein weiteres Beispiel davon, wie Gott hinter den Kulissen der kleinen Welt des Menschen agiert, und obwohl das Thema aus einem anderen Blickwinkel angegangen wird und viele der Hauptpersonen gottlose Machthaber sind, die sich mit hochpolitischen Dingen beschäftigen, ist doch der Beweis nicht minder bemerkenswert. Er ist sogar umso bemerkenswerter, als Esther eins der beiden Bücher ist, in denen Gott nicht erwähnt wird. Gerade da, wo Gott nicht zu sehen ist und die Dinge sich scheinbar ohne Ihn entwickeln, ist Er am deutlichsten hinter den Kulissen am Werk.

Die im Buch Esther entfaltete Geschichte ist allen unseren Lesern gut bekannt. Sie behandelt die Geschicke der Juden, die im Land ihrer Gefangenschaft zurückblieben, nachdem ein Überrest unter Serubbabel, Esra und Nehemia in das Land ihrer Väter zurückgekehrt war. Diese Letzteren waren offensichtlich die Erlesenen des Volkes, denn der Gedanke, nach Jerusalem zurückzukehren und die damit verbundenen Entbehrungen, Schwierigkeiten und Schande auf sich zu nehmen, kommt nur solchen in den Sinn, die den Herrn fürchten und Seines Namens und Vorsatzes gedenken. Ein eher weltlich gesinnter Mensch, der es sich während der 70 Jahre im Land der Zerstreuung bequem gemacht hatte und zu Besitz und Wohlstand gelangt war, hätte wahrscheinlich nicht die Entbehrungen einer solchen Entwurzelung auf sich genommen.

Während Gott also sichtbar inmitten des zurückgekehrten Überrests wirkte, indem Er Seine Propheten erweckte, die den Überrest durch inspirierte Äußerungen leiteten, offenbarte Er sich der Masse, die zurückgeblieben war, überhaupt nicht. So wie sie von Seinen Wegen abgewichen waren, verbarg Er sich vor ihren Blicken, sodass sogar die ganze Geschichte ihrer wunderbaren Bewahrung vor einer großen drohenden Katastrophe ohne eine einzige Erwähnung Gottes erzählt werden kann und Mordokai, der ein Führer unter ihnen und, soweit wir es beurteilen können, ein frommer Mann war, nur zu Esther sagen konnte: „Denn wenn du in dieser Zeit irgend schweigst, so wird Befreiung und Errettung für die Juden von einem anderen Orte her erstehen“ (Kap. 4,14). Ein gewisses Maß an Vertrauen besaß er offensichtlich, aber „ein anderer Ort“ ist eine sehr armselige Umschreibung Gottes. Das Buch endet damit, dass „Mordokai, der Jude, der Zweite nach dem König Ahasveros“ war, also eine Art zweiter Daniel, doch wie weit war er Daniel unterlegen! Der eine, ein erfolgreicher Vizekönig, „suchte das Wohl seines Volkes und redete zur Wohlfahrt seines ganzen Geschlechts“, jedoch ohne irgendeinen direkten Kontakt zu dem lebendigen Gott. Der andere als Vizekönig nicht weniger groß und erfolgreich, aber darüber hinaus ein Prophet Gottes, unterwiesen in den Gedanken Gottes und fähig, sie zur Belehrung anderer weiterzugeben.

Der Schreiber des Buches Esther erzählt die Geschichte einer großen Befreiung für die Juden in allen Herrschaftsgebieten des Ahasveros aus der Sicht der Juden in der Zerstreuung. Er berichtet von einer wahren Geschichte, die sich fast seltsamer liest als ein Roman. Die Geschichte ist menschlich gesprochen voll von dramatischen Situationen und höchst bemerkenswerten Zufällen.

Phantasie sollte beim Umgang mit der Heiligen Schrift völlig gemieden werden. Deswegen sollten wir nicht verschiedene Details als Zufälle betrachten, nur weil sie von vielen als solche angesehen werden. Es wird wahrscheinlich auch niemand leugnen, dass es ein bemerkenswert Zufall war,  …

1. … dass, als nach den verdorbenen Bräuchen damaliger Zeit eine große Anzahl schöner junger Frauen für den König in Susan versammelt wurden, ausgerechnet Esther allgemeine Gunst erlangte. Dass eine Frau die Gunst des Königs erlangen würde, war so gut wie sicher, doch Esther erlangte sie nicht nur bei ihm, sondern auch bei dem königlichen Kämmerer und sogar „in den Augen aller, die sie sahen“ (Kap. 2,9+15+17). So wurde sie plötzlich in eine außerordentlich einflussreiche Position erhoben.

2. … dass, als neben vielen Intrigen jenes östlichen Königshofs eine Verschwörung im Gange war, um den König zu ermorden, ausgerechnet zu Mordokai etwas davon durchsickerte, und er sich dadurch einen Anspruch auf die königliche Gunst erwerben konnte.

3. … dass Ahasveros Haman, den Agagiter (oder Amalekiter) „nach diesen Begebenheiten“ erhob (Kap. 3,1). So kam der erklärte Feind der Juden erst in diese erhöhte Stellung mit ihren umfangreichen Möglichkeiten, Unheil zu stiften, als die Grundlagen zur Besiegung seiner bösen Pläne schon gelegt waren.

4. … dass Haman, als er – ausgestattet mit Macht und voller Zorn über den Mangel an Ehrfurcht bei Mordokai –  beschloss, nicht nur Mordokai, sondern sein ganzes Volk zu vernichten, von der Gewohnheit des Loswerfens Gebrauch machte, um den „glücklichen Tag“ zu bestimmen; und dass das Los, das im ersten Monat des Jahres geworfen wurde, mit dem 13. Tag des zwölften Monats einen so späten Tag anzeigte, dass genug Zeit für die verschiedenen Schritte blieb, die zum Untergang seines Plans und seiner Person führten. (Kap. 3,7+13).

5. … dass, als Mordokai und Esther die notwendigen Maßnahmen zur Verteidigung der Juden unternommen hatten, deren Gelingen so sehr von einer günstigen Stimmung des Königs am Tag des zweiten Festmahls abhing, dem König in jener Nacht der Schlaf floh (Kap. 6,1). Aus unerklärlichen Gründen, fand er keinen Schlaf.

6. … dass der König in seiner Schlaflosigkeit nicht, wie Nebukadnezar, die Beherrschung verlor (Dan 2), oder, wie es damals Sitte war, Musikinstrumente [oder Nebenfrauen, vgl. Dan 6,18] anforderte, um sich die lästige Zeit zu vertreiben, sondern sich an das Gedächtnisbuch der Chroniken erinnerte und befahl, dass es vor ihm gelesen würde (Kap. 6,1).

7. … dass seine Beamten, die seinem Befehl nachkamen, ausgerechnet auf die Stelle stießen, wo es um den Verrat der beiden Kämmerer und das rechtzeitige Eingreifen Mordokais ging (Kap. 6,2).

8. … dass der König sich an die Sache erinnerte und wissen wollte, welchen Lohn Mordokai dafür bekommen hätte; und dass, als er erfuhr, dass Mordokais beachtenswerter Dienst bis jetzt völlig ignoriert worden war, sein Dankbarkeitssinn, der bis dato seltsam untätig geblieben war, plötzlich in Aktion kam, und er beschloss, ihn stattlich und eindrucksvoll zu belohnen (Kap. 6,3–6).

9. … dass Haman, von Stolz berauscht und  von der Vorstellung des Erfolgs seiner Intrigen erfüllt, gerade zu jener frühen Morgenstunde, im Hof stand, um eine Audienz beim König zu bekommen und die Erlaubnis zu erhalten, Mordokai an den von ihm vorbereiteten Galgen zu hängen (Kap 6,4).

10. … dass Ahasveros seinem Gesuch mit der Frage zuvorkam, was dem Mann zu tun sei, an dessen Ehre der König Gefallen hat, und dass Haman, der in seinem Stolz annahm, der Mann, der so geehrt werden sollte, könnte niemand anders als er selbst sein, vorschlug, ihn so öffentlich wie möglich zu fast königlicher Würde zu erheben, und dass er vom König entsandt wurde, diesen Vorschlag nicht in Bezug auf sich selbst, sondern auf Mordokai auszuführen (Kap 6,6–11).

Der weitere Verlauf der Geschichte war ganz einfach. Als Folge dieser bemerkenswerten Serie von Zufällen wird Haman an den Galgen gehängt, den er für Mordokai vorbereitet hatte, die Juden werden ermächtigt, jedem Akt der Aggression gegen sie zu widerstehen, und so bezeugte der 13. Tag  des zwölften Monats nur die Vernichtung der Feinde der Juden, während die Juden nicht nur bewahrt wurden, sondern Gedeihen hatten.

Doch waren diese bemerkenswerten Geschehnisse nur eine Serie von Zufällen? Auf keinen Fall! Es war das Wirken der Hand Gottes, wenn Er selbst auch verborgen blieb. Gott ist hinter den Kulissen der kleinen, geschäftigen Welt des Menschen; doch dann lenkt Er, wie wir gesehen haben, von dort aus alle Vorgänge. Ja, Er lenkt sie zugunsten Seines Volkes, wenn auch nicht immer zu ihrer zeitlichen Bewahrung und Förderung, dann doch jedenfalls zu ihrem geistlichen Wohl und zur Förderung Seiner eigenen Ratschlüsse.

Haushaltungen wechseln, aber die Wege der Vorsehung und Regierung Gottes ändern sich nicht, sondern folgen Prinzipien, die unabhängig von der Haushaltung immer dieselben bleiben. Wir können sicher sein, dass Gott heute immer noch in ähnlicher Weise hinter den Kulissen am Werk ist. Und unsere Sicherheit wird noch durch eine andere Tatsache bestärkt: wenn Sein Volk von Treue, Kraft und Helligkeit geprägt ist, gefällt es Ihm, Seine Gegenwart unter ihnen sichtbar zu machen; wenn aber Abtrünnigkeit, Schwachheit und Versagen da ist, gefällt es Ihm, die Offenbarung Seiner Gegenwart weitestgehend und manchmal, wie im Buch Esther, sogar ganz zurückzuziehen. Abtrünnigkeit, Schwachheit und Versagen prägen zweifellos auch heute die bekennende Kirche.

Bist du im Geist betrübt und geprüft, weil es keine echten, sichtbaren Zeichen in Verbindung mit dem Zeugnis Christi und dem Weg der Kirche durch diese Welt mehr gibt? Übersieh auf keinen Fall dieses eher verborgene Wirken der Hand Gottes. Es ist überall reichlich zu finden. Suche es auch in den viel kleineren und niedrigeren Umständen deines persönlichen Lebensweges.

Fragst du dich vielleicht: „Darf ich das? Darf ich das Wirken der Hand Gottes in meinen so unbedeutenden Angelegenheiten suchen?“ Die Antwort lautet: „Natürlich darfst du das.“ Gott vergisst nicht einen der fünf Sperlinge, die für zwei Pfennig verkauft werden, nicht einmal den einen, den der Verkäufer noch freiwillig dazu gibt, weil zwei und nicht nur ein Pfennig ausgegeben werden (vgl. Lk 12,6 und Mt 10,29). Er bittet dich, mit Gebet und Flehen in allem zu Ihm zu kommen (vgl. Phil 4,6). Du kannst dir vollkommen sicher sein, dass Er dann tiefstes Interesse für alle deine Belange und alle deine Wege zeigen wird. Du darfst Seine Leitung und Führung vertrauensvoll erwarten. Und wenn du dir vielleicht zu schwach und kraftlos vorkommst, Seine direkte und offenbare Leitung zu erkennen und anzunehmen, darfst du umso vertrauensvoller darin ruhen, dass Seine Hand hinter den Kulissen am Werk ist, und du darfst Ausschau danach halten.

F.B. Hole