Die drei Gerichtsserien in der Offenbarung

Online seit dem 25.03.2011, Bibelstellen: Offenbarung 6-18

Das Buch der Offenbarung ist ein Buch der Gerichte. Drei große Gerichtsserien nehmen dabei einen zentralen Platz ein. Dieser Artikel bietet eine Übersicht über diese Gerichtsserien, zeigt Zusammenhänge auf und soll zum weiteren Studium des Wortes Gottes animieren.

Das Buch der Offenbarung kann in drei Abschnitte eingeteilt werden. Das geht aus Offenbarung 1,19 hervor: Johannes sollte schreiben,

  • was er gesehen hatte (das ist die richterliche Erscheinung des Herrn; Off 1),
  • und was war (das ist die Geschichte der christlichen Versammlung auf der Erde; Off 2–3)
  • und was nach diesem geschehen würde (das sind die Ereignisse nach der Entrückung der Gläubigen; Off 4–22).

In den Worten „Komm hier herauf“ in Offenbarung 4,1 kann man eine Andeutung der Entrückung sehen. Jedenfalls finden wir in den nachfolgenden Versen Gläubige im Himmel (symbolisiert durch die 24 Ältesten). Auf der Erde beginnen schreckliche Gerichte (Off 6,1 ff.), die ihren Abschluss und Höhepunkt darin finden, dass der Herr Jesus in Macht und Herrlichkeit erscheint (Off 19,11 ff.). In der Zeit zwischen der Entrückung und der Erscheinung des Herrn (Off 6,1–19,10) brechen große Gerichtsserien über die Erde herein. Das sind die

  • sieben Siegelgerichte (Off 6,1–17; 8,1)
  • sieben Posaunengerichte (Off 8,6 – 9,21; 10,7; 11,14–18)
  • sieben Schalengerichte (Off 15,5 – 16,21)

Die drei Serien von je sieben Gerichten ereignen sich in einer Zeitperiode von sieben Jahren. Das ist die letzte der siebzig „Wochen“ (eine Woche = sieben Jahre), von denen Daniel geschrieben hat (Dan 9,24–27). Diese letzte Jahrwoche, die nach der Entrückung beginnt und vor der Erscheinung des Herrn zur Aufrichtung des Reiches abläuft, kann in zwei Hälften aufgeteilt werden (vgl. Dan 9,27). In die erste Hälfte der letzten Jahrwoche Daniels fallen die Siegelgerichte und in die zweite Hälfte die Posaunen- und Schalengerichte. Die zweite Hälfte der letzten Jahrwoche ist die große Drangsal (Mt 24,21). Diese 3,5 Jahre werden in der Offenbarung mehrfach ausdrücklich erwähnt (Off 11, 2 und 13, 5; 11, 3 und 12, 6; 12,14).

Wir sollten daran denken, dass die Gerichte meist in symbolischer Sprache beschrieben werden. Dennoch ist es zuweilen hilfreich, sich vorzustellen, was geschähe, wenn sich das Beschriebene buchstäblich erfüllte. Auf diese Weise bekommen wir einen guten Eindruck davon, was für katastrophale Auswirkungen diese Gerichte auch im moralischen, geistigen Bereich haben werden.

1.)    Die sieben Siegel

Offenbarung 5 berichtet von einem Buch mit sieben Siegeln. In diesem Buch steht, wer die Herrschaft über die Erde antreten wird und wie diese aussehen soll. Nur der Herr Jesus, das Lamm, ist würdig das Buch zu nehmen und seine Siegel zu brechen (Off 5,5.9). Das Brechen der Siegel bedeutet, dass der Zorn des Lammes über die böse Welt kommt, damit das Reich der Gerechtigkeit aufgerichtet werden kann. Nacheinander öffnet das Lamm die sieben Siegel.

  • Erstes Siegel, weißes Pferd (Off 6,1.2): Erfolgreiche Ausdehnung des Herrschaftsbereich durch eine Macht, die militärische Stärke demonstriert. Waffen werden aber noch nicht eingesetzt. Die politische Großwetterlage scheint günstig und die Menschen rufen: „Friede und Sicherheit!“  (1. Thes 5,3).
  • Zweites Siegel, feuerrotes Pferd (Off 6,3–4): Das „plötzliche Verderben“ bricht über die Menschheit hinein (1. Thes 5,3). In Kriegen fließt viel Blut. Nation erhebt sich gegen Nation und Königreich gegen Königreich (Mt 24,6.7). 
  • Drittes Siegel, schwarzes Pferd (Off 6,5.6): Grundnahrungsmittel werden extrem teuer. Es entstehen Hungersnöte an verschiedenen Orten (Mt 24,7).
  • Viertes Siegel, fahles Pferd (Off 6,7.8): Der Tod rafft Menschen weg durch intensivierte Kriege, stärker werdende Hungersnöte, Seuchen (Mt 24,7) und wilde Tiere.
  • Fünftes Siegel, Seelen unter dem Altar (Off 6,9–11): Gläubige werden verfolgt und wegen ihres Zeugnisses getötet (Mt 24,9–14). Damit verstummen ihre Münder des Segens. Diese Seelen rufen im Himmel um Rache, was erhört und Konsequenzen für diese Erde haben wird.
  • Sechstes Siegel, großes Erdbeben (Off 6,12–17): Eine Erschütterung der Gesellschaft führt zu Chaos und Anarchie. Regierungen sorgen nicht mehr für Ordnung. Die Menschen verlieren die Orientierung und suchen kollektiv den Tod.
  • Siebtes Siegel, sieben Posaunen (Off 8,1.2): Das Lamm bricht das letzte Siegel des Buches. Es folgt kein einzelnes Ereignis, sondern eine weitere Gerichtsserie folgt: Die sieben Engel, die vor Gott stehen, bekommen sieben Posaunen gereicht. 

Die Siegel 1–4 stehen in Verbindung mit den lebendigen Wesen (vgl. 4,6–8), die ein Hinweis auf die Regierung Gottes in seiner Vorsehung sind. Alle Siegelgerichte markieren den Anfang der Wehe – es ist noch nicht das Ende (Mt 24,6.8). Die Gerichte treffen die Menschen allgemein; das Römische Reich oder das Volk Israel werden nicht explizit genannt.

2.)    Die sieben Posaunen

Als das Lamm das siebte Siegel öffnet, entsteht ein Schweigen im Himmel. Ein anderer Engel, der Herr Jesus, tritt hervor und wirft ein mit Feuer gefülltes Räucherfass auf die Erde (Off 8,5). Die sieben Engel, die vor Gott stehen, empfangen sieben Posaunen und posaunen nacheinander (Off 8,1.2.6).

  • Erste Posaune, Hagel und Feuer (Off 8,7): Ein niederwälzendes, göttliches, tödliches Gericht verbrennt den dritten Teil der Erde, der Bäume und des grünen Grases. Wichtige Fundamente des Lebens werden zerstört, was die Lebensqualität enorm beschneidet.
  • Zweite Posaune, brennender Berg (Off 8,8.9): Ein großes Imperium wird gerichtet, was dem dritten Teil des Meeres den Tod bringt. Betroffen sind das Meer selbst sowie das, was im Meer ist, als auch das, was auf dem Meer fährt. Die Lebensgrundlagen werden zerstört und der Handel kommt zum Erliegen.
  • Dritte Posaune, brennender Stern (Off 8,10.11): Eine bedeutende Persönlichkeit mit Führungsanspruch und Leitfunktion wird deutlich von Gottes Gericht getroffen und der dritte Teil der Wasser, die Quellen des Lebens, werden daraufhin zu Wermut. Das, was Erfrischung und Freude bewirken soll, ist bitter und bringt den Tod.
  • Vierte Posaune, Gestirne geschlagen (Off 8,12): Der dritte Teil der Sonne, des Mondes und der Sterne werden von Gott geschlagen, was Finsternis zur Folge hat. Übergeordnete, abgeleitete und untergeordnete Autoritäten bieten keine Orientierung mehr und überlassen die Menschen der moralischen Dunkelheit.
  • Fünfte Posaune, Schlund des Abgrunds (Off 9,1–11): Der Stern, der auf die Erde gefallen ist, öffnet den Abgrund und ein gewaltiges vom Teufel angeführtes Dämonenheer peinigt die Israeliten, die nicht von Gott versiegelt worden sind (vgl. Off 7,1–8).
  • Sechste Posaune, gelöste Engel (Off 9,12–21): Vier Engel, die am Euphrat stehen, werden gelöst, so dass Verderben in das Römische Reich hinein dringt. Eine große Zahl von Dämonen bringt den geistigen, das heißt moralischen Tod über den dritten Teil der Menschen. Satan, der brüllende Löwe (V. 17; 1. Pet 5,8), die alte Schlange (V. 19; Off 12,9), steht hinter diesen höllischen Mächten.
  • Siebte Posaune, Ausruf des Reiches (Off 11,14–18): Gottes Zorn straft die zornigen Menschen, und nun kommt das gerechte Reich Christi, an dessen Ende die Toten auferstehen und gerichtet werden. Alle, die die Erde verderben, werden jetzt von Gott verderbt.

Die Posaunengerichte 1–4 betreffen den Lebensraum und die Lebensgrundlagen der Menschen (Erde, Wasser, Süßwasser, Licht). Die Posaunengerichte 5–7 werden als drei Wehen bezeichnet und betreffen den Menschen selbst (fünfmonatige Qual; geistiger Tod; Vertilgung von der Erde).

Bei den Posaunengerichten 1+2+3+4+6 geht es um einen dritten Teil. Der dritte Teil weist auf das das wiedererstandene Römische Reich hin (vgl. Off 12,4; 13,1–8). Beim Posaunengericht 5 geht es um Israel, das mit dem Römischen Reich verbunden ist und sich ebenfalls ganz von Gott abgewandt hat. Sowohl in Israel als auch im Römischen Reich wirkt der Stern Wermut (Posaune 3+5) – das ist der Antichrist (Off 13,11–17).

Die Posaune 7 beinhaltet wohl die sieben Schalengerichte so wie das siebte Siegel die sieben Posaunen beinhaltet.   

3.)    Die sieben Schalen

Eins von den vier lebendigen Wesen gibt den sieben Engeln – nachdem sie aus dem himmlischen Tempel gekommen sind – sieben goldene Schalen (Off 15,6.7). Dann ertönt eine Stimme aus dem Tempel und die Schalen werden nacheinander von den Engeln ausgegossen. In diesen schnell aufeinander folgenden Gerichten wird der Grimm Gottes vollendet (Off 15,1).

  • Erste Schale, Erde (Off 16,2): Der Bereich, wo die Menschen leben, wird vom Gericht getroffen. Das führt zu bösen und schlimmen Geschwüren bei denen, die sich dem römischen Herrscher unterworfen haben.
  • Zweite Schale, Meer (Off 16,3): Das Meer wird zu Blut und alles Lebendige im Meer stirbt. Lebensgrundlagen werden zur Quelle des Todes.
  • Dritte Schale, Ströme und Wasserquellen (Off 16,4–7): Das Süßwasser wird zu Blut, das diejenigen trinken müssen, die Blut von Heiligen und Propheten vergossen haben. Die sittlichen Lebensquellen sterben.
  • Vierte Schale, Sonne (Off 16,8.9): Die Sonne wird geschlagen, so dass große Hitze entsteht, welche die Menschen versengt: Eine hohe Gewalt missbraucht ihre Autorität und fügt Menschen großes Leid zu.
  • Fünfte Schale, Thron des Tieres (Off 16,10.11): Das mächtige Reich des römischen Imperators wird in völlige moralische Finsternis gehüllt, was den Menschen unerträgliche Qual bereitet.
  • Sechste Schale, Fluss Euphrat (Off 16,12–16): Natürliche Hindernisse werden beseitigt, so dass Könige des Ostens in Palästina einfallen. Gleichzeitig sorgen Satan, der römische Herrscher und der Antichrist dafür, dass auch alle Könige der Erde zum Krieg (gegen Christus) in Harmagedon versammelt werden. Dort wird sie der Herr, der kurze Zeit später erscheinen wird, richten.
  • Siebte Schale, Luft (Off 16,17–21). Es geschieht ein großes Erdbeben, wie es vorher noch nicht da gewesen hat. Davon betroffen sind die große Stadt Jerusalem, die Städte der Nationen, Babylon, die falsche Kirche, jede Insel und die Berge. Die Menschen erleben ein furchtbares niederschmetterndes Gericht, das mit dem Herabfallen von riesigen Hagelsteinen verglichen wird.

Es fällt eine starke Übereinstimmung der Schalengerichte mit den sieben Posaunengerichten auf. Das erste Gericht befasst sich jeweils mit der Erde, das zweite mit dem Meer, das dritte mit den Strömen und Wasserquellen, das vierte mit der Sonne, das fünfte mit einer Finsternis und das sechste mit dem Fluss Euphrat. Bei dem siebten Gericht wird jeweils die Vollendung angekündigt, was durch die Worte „Das Reich … ist gekommen“ bzw. „Es ist geschehen“ deutlich gemacht wird (Off 11,15; 16,17).

Allerdings sollten wir auch die Unterschiede zu den sieben Posaunengerichten beachten. Die Schalengerichte sind umfassender, denn es werden nicht nur das Römische Reich und Israel geschlagen, sondern alle Nationen (vgl. Off 16,19), obwohl das Römische Reich bei den Schalen 1+5+6 besonders hervorgehoben wird (die Träger des Malzeichen; der Thron des Tieres; die Heere des Tieres). Die Gerichte sind auch direkter und intensiver. So werden zum Beispiel die Erde, das Meer, die Ströme nicht nur mittelbar, sondern unmittelbar durch das göttliche Gericht getroffen (vgl. Off 8,7.8.10 mit Off 16,2.3.4). Es wird auch mehr die Qual der Menschen betont, die die Gerichte erleben werden.

Bei den Schalengerichten 4+5+7 wird zum ersten Mal gesagt, dass die Menschen in den Gerichten Gott lästern. Es ist erschütternd zu lesen, dass die Menschen mit ihren Zungen, die sie in der Pein zerbissen haben, den lästern, der allein Gewalt über die Plagen hat (Off 16,8–10). Die drei Gerichtsserien enden mit Menschen, die wissen, dass Gott sie straft, die aber nicht Buße tun wollen, sondern Ihn verhöhnen (Off 16,21)!

Schlussgedanken

Müssen wir uns mit diesen schrecklichen Gerichten beschäftigen? Ja, unbedingt. Denn auf diese Weise lernen wir Gottes Wesen, der ein verzehrendes Feuer ist, besser kennen. Es führt uns auch dahin, uns konsequenter von der Welt und ihrem Treiben abzusondern. Außerdem treibt uns der „Schrecken des Herrn“ an, die Menschen zu überreden, sich mit Gott versöhnen zu lassen (2. Kor 5,11.20). Noch haben wir Gelegenheit dazu. Es kommt aber die Nacht, in der niemand wirken kann.

Gerrid Setzer