Kamel und Mücke

Online seit dem 21.05.2006, Bibelstellen: Matthäus 23,23.24

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Dill und den Kümmel und habe die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Gericht und die Barmherzigkeit und den Glauben. Diese aber hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Blinde Leiter, die ihr die Mücke seiht [herausfiltriert], das Kamel aber verschluckt“ (Matthäus 23,23.24).

Die Suppe wird ausgeschöpft. Doch was ist das? Es schwimmt ein Kamel und eine Mücke in der Suppe! Mit großem Widerwillen zieht der Pharisäer die Mücke an ihren kleinen Beinen  heraus. Das Kamel aber treibt weiter unbehelligt zwischen den Nudeln und Rüben umher – und wird schließlich sogar verschluckt.

Ein drastisches, bizarres Bild. Aber ist das nicht das, was der Herr sagte? Und mit diesem eindrücklichen Vergleich wird uns eine wichtige Wahrheit vermittelt: Wir sollen uns zuerst um die großen, wichtigen Dinge kümmern und dann können wir uns den kleineren zuwenden.

Es ist natürlich nicht verkehrt, eine Mücke aus der Suppe herauszufiltern. Aber das Kamel ist noch wichtiger. Es war auch nicht verkehrt, den Kümmel zu verzehnten. Aber die Barmherzigkeit ist wichtiger. Hier sehen wir klar und deutlich, was einen Pharisäer charakterisiert: Er verliert sich in weniger wichtigen Dingen und ignoriert herausragende  Gebote Gottes.

Davor sollten wir uns hüten! Vielleicht sind wir bestrebt, gut gekleidet zu den Zusammenkünften der Heiligen zu erscheinen. Schon recht! Aber es ist wichtiger, dass wir hingehen als solche, die ihren geistlichen Zustand geprüft und die sich, wenn nötig, mit anderen versöhnt haben (1. Kor 11,28; Mt 5,24). Viele Schwestern tragen in Zusammenkünften Kopftücher. Schon recht! Aber die gelebte Unterordnung unter den Mann ist höher einzustufen. Ein Zeichen der Macht auf dem Kopf zu tragen (1. Kor 11,10) und dann diese Macht (den Mann) in der Praxis nicht anerkennen, ist schlichtweg Heuchelei und Pharisäertum.

Aber wir sollten uns auch dafür hüten, andere vorschnell als Pharisäer zu titulieren. Vielleicht begegnen wir jemand, der es in Kleinigkeiten sehr genau nimmt. Die Schuhe werden vor jeder Zusammenkunft kritisch beäugt und, sollte sich tatsächlich ein Staubkörnchen darauf verirrt haben, fein säuberlich gereinigt. Der Goldschnitt der Bibel erscheint im tadellosen Glanz. Ist deshalb jemand schon ein „Pharisäer“? Tausendmal nein! Denn so jemand mag durchaus sein Herz reinigen und mehrere zerlesene Bibeln besitzen.

Wir wollen uns also den wichtigeren Dingen des Wortes Gottes zuerst widmen und dann uns um untergeordnete Punkte kümmern. Und wir wollen niemand in den Pharisäer-Schublade schieben, der es in untergeordneten Punkten genau nimmt, wenn nicht klar erwiesen ist, dass er größere Gebote ignoriert. (Und selbst dann gehört jemand noch nicht in eine Schublade).  

Gerrid Setzer