Streifzug durch die kleinen Propheten – Amos

Online seit dem 26.05.2006, Bibelstellen: Amos 1,1 - 9,15

In unserer Serie über die kleinen Propheten kommen wir nach Hosea und Joel in diesem Heft zu Amos. Sein Buch umfasst neun Kapitel

Der Bote:

Der Prophet Amos stammte aus der kleinen Stadt Tekoa, die einige Kilometer südöstlich von Bethlehem lag. Dort betrieb er Viehzucht und Landwirtschaft (Amos 1,1; 7,14). In seinen Reden kommt sein Beruf immer wieder deutlich zum Vorschein. Sein unscheinbarer Broterwerb dürfte der prunksüchtigen, ausbeutenden und ungerechten Volksschicht, die der Prophet scharf anklagte, zum Anstoß gewesen sein. Amos wirkte in den Tagen Ussijas, des Königs von Juda (791–740 v.Chr.), und Jerobeams II., des Königs von Israel (793–753 v.Chr.). Er begann seinen Dienst zwei Jahre vor einem schweren Erdbeben, auf das er mehrmals anspielte (Amos 1,1; 5,9; 6,11; 8,8; 9,5). Seine klar gegliederte Weissagung ist in einer ausdrucksstarken, bildreichen und leicht verständlichen Sprache geschrieben.

Die Botschaft:

In den beiden ersten Kapiteln wird Gericht angekündigt: zuerst über die drei Nachbarvölker Syrien, Philistäa und Tyrus, dann über die drei stammesverwandten Nachbarvölker Edom, Ammon und Moab und schließlich über Juda und Israel selbst. Die Kapitel Amos 3–6 enthalten vier Ansprachen an das Volk. Die ersten drei beginnen mit den Worten „Hört dieses Wort“ (Amos 3,1; 4,1; 5,1) und die letzte mit einem „Wehe“ (Amos 6,1). In den Kapiteln Amos 7–9,10 stehen fünf Gerichtsvisionen im Vordergrund: das Gesicht von den Heuschrecken (Amos 7,1–3), von dem Feuerregen (Amos 7,4–6), von dem Senkblei (Amos 7,7–9), vom reifen Obst (Amos 8,1–3) und von dem Herrn, der am Altar steht (Amos 9,1–4). In den letzten Versen dieses Buches (Amos 9,11–15) beschreibt der Prophet die Wiederherstellung Israels und die Segnungen des Friedensreiches.

Streiflicht aus der Prophezeiung des Amos – Weckruf gegen Hochmut und für Entschiedenheit.

„Und ich habe Propheten erweckt aus euren Söhnen und Nasiräer aus euren Jünglingen. Ja, ist es nicht so, ihr Kinder Israel?, spricht der Herr. Aber ihr habt den Nasiräern Wein zu trinken gegeben und den Propheten geboten und gesagt: Ihr sollt nicht weissagen!“ (Amos 2,11.12)

Amos beginnt seine Botschaft mit Gerichtsandrohungen über die Nachbarvölker, die sich an dem Volk Gottes vergangen hatten. Dies hörten die damaligen Zuhörer oder Leser gern. Das Maß der Sünden dieser Völker war voll, und der Prophet erklärt, worin ihre besondere Schuld bestand. So zählte er ein Nachbarvolk nach dem anderen auf, wobei das angeprangerte Vergehen ständig größer zu werden scheint: Die Syrer hatten die Bewohner von Gilead bedrückt (Amos 1,3), die Philister israelitische Gefangene in großer Zahl an Edom ausgeliefert (Amos 1,6), während die Tyrer derselben Sünde auch noch einen Bündnisbruch hinzufügten (Amos 1,9). Die Edomiter verfolgten die Israeliten grausam mit dem Schwert (Amos 1,11), die Kinder Ammon schlitzten sogar Schwangere aus selbstsüchtigen Motiven auf (Amos 1,13), und die Moabiter erdreisteten sich, die Gebeine eines Königs öffentlich zu Kalk zu verbrennen (Amos 2,1). Doch damit ist der Gipfel der Schuld noch nicht erreicht: Den bildet das Volk Gottes selbst! Der Prophet klagt Juda (die zwei Stämme) an, das Gesetz Gottes nicht beachtet zu haben (Amos 2,4). Und Israel (die zehn Stämme) – zu dem er vorwiegend sprach – bezichtigt er eines siebenfachen Versagens und kündigt ein siebenfaches Gericht an (Amos 2,6–12).

Warum wiegen denn die Sünden des Volkes Gottes so schwer? Weil es eine besondere Verantwortung hat. Und die wird durch seine Vorrechte bedingt: Nur Israel war das auserwählte Volk, das Gott aus Ägypten herausgeführt und in das gelobte Land gebracht hat (Amos 2,10.11).

Gott aber hatte nicht nur für das Volk gewirkt, sondern auch im Volk: Er erweckte Nasiräer und Propheten in ihrer Mitte. Propheten sprachen von Gott zum Volk. Nasiräer sonderten sich vom Volk für Gott ab. Gott benutzte die Nasiräer in ihrer Weihe auch als besondere Werkzeuge zugunsten des Volkes. Denken wir an die Nasiräer Simson und Samuel, die bedeutende Kräfte im Kampf gegen die Philister wurden. Nasiräer mussten bestimmte Vorschriften beobachten, die wir in 4. Mose 6 finden. In der Zeit ihrer Weihe durften sie

  • kein starkes Getränk trinken und nichts vom Weinstock genießen (4. Mo 6,3.4),
  • ihre Haare nicht schneiden (4. Mo 6,5) und
  • keine Leiche berühren (4. Mo 6,6).

Den genussfreudigen Zeitgenossen Amos’ war dieses Leben der Hingabe ein Dorn im Auge. Sie, die dem Alkohol sehr zusprachen (vgl. Amos 4,1; 6,6), fühlten sich von der Gottesweihe der Nasiräer angeklagt. Darum versuchten sie, diese zu zerstören, indem sie den Nasiräern Wein zu trinken gaben. Eine Parallele zu der heutigen Zeit zu ziehen, fällt nicht schwer. Christen, die auf „irdische Freuden“ – davon spricht der Wein – um des Herrn willen verzichten, sind in unser erlebnisorientierten Zeit (vgl. 2. Tim 3,4) nicht unbedingt gern gesehen. Haben wir uns vielleicht auch schon durch „Nasiräer“ in unserem oft beschaulichen Jüngerdasein gestört gefühlt? Und versuchen wir dann, sie von ihrer Entschiedenheit abzubringen, damit wir die Rufe des Gewissens nach mehr Hingabe abschütteln können? Wir würden denselben traurigen Fehler wie die Israeliten begehen. Viel besser wäre es, sich durch „Nasiräer“ anspornen zu lassen, die eigenen Prioritäten und Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. 

Man wollte damals weder die stille Anklage durch das Leben der Nasiräer noch die laute Anklage durch die Worte der Propheten. So verbat man den Propheten einfach den Mund (vgl. mit Amos 7,10–15). Und wenn uns heute jemand durch das Wort überführt, ernst zurechtweist und ermahnt – sind wir bereit, das zu ertragen (vgl. mit 2. Tim 4,2.3)? Oder weisen wir solche zurück, die uns auf bestimmte Fehlentwicklungen aufmerksam machen? Wir würden damit letztlich unsere Ohren vor der Stimme des Herrn verschließen und uns selbst unbrauchbar und unglücklich machen.

Damit haben wir zwei Verse aus dem Propheten Amos kurz im Zusammenhang beleuchtet und hoffen, dass es manchen ein Ansporn ist, auch die weiteren 144 Verse dieses wachrüttelnden Boten zu erforschen …

Gerrid Setzer