Streifzug durch die kleinen Propheten - Obadja

Online seit dem 04.06.2006, Bibelstellen: Obadja 1 - 19

In unserer Serie über die kleinen Propheten kommen wir nach Hosea, Joel und Amos in diesem Heft zu Obadja. Seine Weissagung umfasst 21 Verse – damit ist er der kürzeste der kleinen Propheten.

Der Prophet Obadja – Weissagungen über Israels hochmütiges Brudervolk

Der Bote und die Botschaft:

Düster und trostlos ist das „Gesicht Obadjas“. Es geht um Edom, die Nachkommen von Jakobs Bruder Esau. Dieses Volk spielte seinem Brudervolk Israel in seiner Not übel mit und schmähte dadurch den Herrn, Israels Gott. Er wird Edom deshalb durch Israel ausrotten. Auf dem Berg Zion – in Jerusalem – wird dann Errettung sein, dort wird der Herr sein Reich aufrichten.

Die trostlose Geschichte eines Hochmütigen:

Die Geschichte Edoms zeigt, welch eine unterschiedliche Entwicklung zwei Brüder und Brudervölker nehmen können – und wie unterschiedlich deshalb Gottes Urteil über sie ausfällt. Jakob und Esau waren Zwillingsbrüder; ihre Lebensbedingungen konnten ähnlicher nicht sein. Wie erschreckend, dass, während Israel eine herrliche Zukunft bevorsteht, Edom ausgerottet werden wird! Wie kommt das?

  • Die falsche Orientierung ...: Esau gab einem spontanen Bedürfnis nach und tauschte sein Erstgeburtsrecht – den Segen, den Gott mit seiner Geburt verknüpft hatte – gegen ein Linsengericht – einen kurzlebigen, irdischen Genuss (1. Mo. 25,30 ff.). Er gab seiner weltlichen Gesinnung nach und war – obwohl er damit ungewollt Gottes Vorhersage erfüllte (1. Mo. 25,23) – dafür voll verantwortlich.
  • ... wurde nicht korrigiert ...: Als Jakob später Isaaks Segen erschlich, gab sich Esau mit Gottes „kleinem“ Segen nicht zufrieden; er rebellierte gegen Ihn und begann, seinen Bruder zu hassen (1. Mo. 27,39 ff.). Lag der Fehler bei Jakob, bei Isaak, bei Rebekka – oder nicht vielmehr bei ihm selbst? Aber Esau „fand keinen Raum zur Buße“ (Heb. 12,16.17).
  • ... und bestimmte den weiteren Lebensweg – des ganzen Volkes: Die Beziehung zwischen Esau und Jakob war vergiftet. Ähnliches findet man dann bei Edom wieder: Es fühlte sich in seinen Bergen sicher und erhaben (Obad. 3.4.8.9). Israel, Gottes auserwähltes Volk, wurde zur Zielscheibe hämischen Spotts und abscheulicher Kriegsverbrechen (Obad. 10 ff.; vgl. 4. Mo. 20,14 ff.; Ps. 137,7; Jer. 49,7 ff.; Klgl. 4,21; Hes. 25,12ff; 35,5). An Gott dachte Edom anscheinend gar nicht.

Gottes Urteil über die beiden Brüder setzt sich in den beiden Völkern fort: „Ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ (Mal. 1,2.3). Esau war hochmütig, und das kennzeichnete ganz Edom. Dem Hochmütigen widersteht Gott (1. Pet. 5,5). Er wird Edom vollständig und unwiderruflich ausrotten (Obad. 9.18; vgl. Jes. 34; 63; Hes. 25; 35). Jakob war nicht besser als Esau, aber er demütigte sich, und Gottes Segen war ihm wichtig. Das wird auch auf einen gläubigen Überrest aus dem Volk zutreffen. Dem Demütigen gibt Gott Gnade (1. Pet. 5,5), und so wird Er Israel segnen (Obad. 17 ff.).

Was hat Edoms Geschichte uns heute zu sagen? Zuerst die Warnung: „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Obad. 15; vgl. Gal. 6,7). Dann der Ansporn: Der Herr Jesus sagte von sich: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt. 11,29). Er sagte das, damit wir von Ihm lernen.

Thorsten Attendorn